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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Fern unter Menschen
Eingestellt am 20. 04. 2004 23:44


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jimKaktus
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Es ist normalerweise halb sieben, wenn ich am Potsdamer Platz aussteige. Heute bin ich sp├Ąt dran. Ich konnte einfach nicht aufstehen. Das hei├čt, ich konnte mich nicht ├╝berwinden, nicht an einem so kalten, regnerischen Oktobertag, wie er als ich aufwachte im Zimmer stand. Umso mehr beeile ich mich, aus dem U-Bahnhof schliddernd, die Stra├če zu ├╝berqueren. Ein Auto hupt.

Ich mache flinke F├╝├če und springe ├╝ber die gro├če Pf├╝tze auf die Bordsteinkante - zu kurz. Ich rutsche ab und falle hin. Mein Schienbein kracht auf die Kante. Das Auto f├Ąhrt durch die Pf├╝tze und taucht mich in dreckiges Wasser. Es war ein BMW, was sonst. Er hat die Ampel noch gekriegt.

W├╝tend schreie ich auf, ein angeschossener Tiger. Niemand da, mir aufzuhelfen, keine Passanten. Ich bin ganz braun vom Sand der Baustelle, dem Stra├čenaufriss, den sie erst k├╝rzlich beseitigt haben. Um nicht noch n├Ąsser zu werden (wenn das geht), ziehe ich mich nun ganz auf den Gehsteig und robbe zum Bauzaun, wo ich mich aufsetzen kann. Mein Bein schwillt. Der Knochen ist durch. An der Stelle dringt Blut durch den Hosenstoff. Ich bei├če die Z├Ąhne zusammen und verfolge den Autoverkehr, der immer erst bei der Ampel, f├╝nfzig Meter weiter, zum Stehen kommt. Es lenkt mich vom Schmerz ab. Mein Puls rast. Ich versuche ruhig zu atmen und die Muskeln zu entspannen, die sich im ganzen K├Ârper verkrampft haben.

Ich h├Ątte den anderen Ausgang nehmen sollen. Das bedeutet keinen Umweg, und man muss die Stra├če nicht ├╝berqueren, man unter-quert sie. Unter mir rumpelt es: Die n├Ąchste Bahn. Mir egal, ich bleibe erst mal sitzen. Eine Minute sp├Ąter entstr├Âmen Menschen den Ausg├Ąngen auf beiden Seiten der Stra├če. Dr├╝ben bewegen sie sich von mir weg. Diesseits kommen sie in meine Richtung.

Sie scheinen sich nach einer h├Âheren Choreographie zu richten oder nach dem Rechtsfahrgebot. Der Grund: je nachdem in welche Richtung man will, ist es k├╝rzer den einen oder den anderen Ausgang zu nehmen. Ich stelle auch fest, dass ich jemand bin, der nicht grunds├Ątzlich den U-Bahnausgang nimmt, der mich zur "richtigen" Stra├čenseite f├╝hrt, wo ich hin will. Ich verhalte mich un├Âkonomisch.

Den Gedanken lasse ich fallen, denn jetzt kommen sie. Die U-Bahn-Leute kommen auf mich zu. Nicht wundern, mein Bein ist gebrochen. Mir ist, als m├╝sste ich lachen. Aber ein paar aufmunternde Worte k├Ânnte ich jetzt gut gebrauchen. Ich w├╝rde sagen: "Nicht so schlimm" und w├╝rde aufstehen wie Bruce Willis, wenn er mal wieder verpr├╝gelt wurde. Jedoch am liebsten w├╝rde ich heulen und sie alle umarmen, dass sie kommen mich zu retten, und gleich so viele. Aber ich bleibe gefasst und sehe der ersten Person, es ist eine Frau, ins Gesicht. Sie dreht sich weg mit ihrem Regenschirm. Ich versuche Blickkontakt aufzunehmen, niemand schaut her. Alle sind damit besch├Ąftigt, nicht nass zu werden, sich Taschen und Zeitungen ├╝ber den Kopf zu halten und mit der anderen Hand fr├Âstelnd den offenen Mantel oder Anorak bis unters Kinn zu ziehen.

Ich sage: "Entschuldigung ..." Die Menge, etwa drei├čig Leute, geht stumm weiter. Ich bin ratlos. Warum hilft mir keiner auf? H├Ątte ich Hilfe br├╝llen sollen? Mit den Armen rudern? Ein Nachz├╝gler n├Ąhert sich. Er blickt der Gruppe nach und bleibt vor mir stehen. Ich l├Ąchle ihn an. Er tr├Ągt einen vor N├Ąsse gl├Ąnzenden Anorak mit der Kapuze tief ins Gesicht gezogen, enge Karottenjeans und billige Sportschuhe im Achtziger-Jahre-Stil.

"Gib mir deinen Mantel", sagt er.

"Was -?"

"Gib mir deinen Mantel."

Er tritt gegen meinen Oberschenkel. Ohne Fragen zu stellen ziehe ich den Mantel aus, dankbar dass er mir nicht gegen den Unterschenkel getreten hat. Der Typ rollt den Mantel zu einem B├╝ndel und verschwindet in die Richtung, aus der er gekommen ist.

"Moment! Warten Sie! Kommen Sie zur├╝ck! Sie haben mein Telefon! Ich brauche mein Telefon!" Mein Kopf rotiert auf der Suche nach Hilfe. Nirgends mehr Menschen, nur Autos. Ich bl├Âder Hund! In dem Mantel war au├čerdem noch mein Portemonnaie mit f├╝nfzig Euro, Personalausweis, Firmenausweis, F├╝hrerschein, Kreditkarten. Vor Schreck hab ich ihm mehr gegeben, als er haben wollte.

Ich blicke ihm nach, er geht zur U-Bahn. Dann spuckt der Ausgang einen neuen Schwall Leute aus. Einen Moment lang scheint der Kapuzenmann vor einer Wand zu stehen, die ihn vor sich her schieben wird, zur├╝ck zu mir. Ich m├Âchte rufen: "Haltet den Dieb! Er hat meinen Mantel! Er hat mein Handy mit den ganzen Telefonnummern!" (Er hat sogar zwei Karten f├╝r das Gr├Ânemeyer-Konzert am Freitag.) Ich komme nicht dazu. Die Menge nimmt ihn auf, er taucht in sie ein. Rufen ist zwecklos. Es sind gut drei├čig Meter. Ich sammle mich so gut es geht f├╝r den Leutezug, der mich gleich passieren wird.


"Hallo Sie! Ich brauche dringend Hilfe.""Das brauchen wir alle", antwortet ein Mann, der mit seinem selbstbewussten geraden Gang nicht hilfebed├╝rftig aussah. Sie gehen weiter, gingen einfach weiter.

"Junge Frau, kann ich bitte mal ihr Handy benutzen. Ich lade sie daf├╝r zum Essen ein."

"K├Ânnte einer von Ihnen mir mal zehn Sekunden zuh├Âren?"

"Sie sehen aus wie jemand, der jemand, der in Not ist - nicht einfach seinem Schicksal ... ├Ąh, hallo?!"

"K├Ânnte einer von Ihnen mir mal zehn Sekunden zuh├Âren? Zehn Sekunden!"

K├Ânnte es sein, dass ...?

"Entschuldigung, ich will sie bestimmt nicht anbetteln." - "Dann lass es."

Die halten mich wohl -

"Hallo! K├Ânnten Sie nicht einem in Not geratenen - Ich wurde ausgeraubt und hab mir das Bein gebrochen! Ich brauche einen Krankenwagen!!"

Was ich auch sagte, es war f├╝r sie das Gesabbel eines Penners. Sie gingen weiter. Weil alle weiter gingen. Sie hingen mit unsichtbaren Ketten zusammen und konnten daher nicht stehen bleiben. Das begriff ich schlie├člich und schwieg. Ich ├╝berlegte, wie ich sie dennoch auf mich aufmerksam machen k├Ânnte. Ich war ratlos; ratlos, zornig und in meinem Stolz gekr├Ąnkt.

Der Regen h├Ârte auf. Am Nachmittag zeigte sich sogar die Sonne. Ich sann ├╝ber verschiedene Dinge nach und hatte viel Zeit, mir den Platz, wo ich sa├č, genau anzusehen. Da war das Haus gegen├╝ber oder sein Rohbau, glatter Stahlbeton, einen Halbkreis um mich bildend. Die Front war voller rechteckiger Fenster, f├╝nf Stockwerke hoch. Das Ganze sah irgendwie amerikanisch aus, keine Ahnung warum. Ich wusste auch nicht, was f├╝r ein Haus das werden w├╝rde, wem es geh├Ârte oder wer dort einzog. Wenn man immer dasselbe Haus vor der Nase hat, m├Âchte man pl├Âtzlich alles dar├╝ber wissen.

Das hinter mir war schon bezugsfertig oder befand sich im Innenausbau. Der Bauzaun stand jedenfalls noch. Und dahinter gr├╝nte ebenfalls eine Freifl├Ąche, ehe das Haus anfing, das wei├č war und oben so eine Art Penthouse hatte. Bauarbeiter entdeckte ich keine. Und dabei hatte ich immer das Gef├╝hl gehabt, auf einer Baustelle zu arbeiten, auf der gr├Â├čten Baustelle Europas, wie es stolz hie├č. Noch immer ragten hier mehr als drei├čig Kr├Ąne in den Himmel. Der Himmel spiegelte sich in der Pf├╝tze rechts neben mir. Manchmal unterbrach ich mein Sinnen und Schauen um mich selbst darin anzuschauen. Und manchmal machte ich einen wenig ├╝berzeugten Versuch, Hilfe zu bekommen und hatte es dabei meist mit ausl├Ąndischen Touristen zu tun, die mich nicht verstanden.

Ich sah mir auch die Leute an, die vorbeigingen. Dies schien mir nun das Merkmal zu sein, das "Leute" kennzeichnete: sie gehen vorbei mit ihren Leutebeinen, wandelnde Klischees. Und ich sa├č an der Seite und war auch ein Klischee. Allerdings war ich mein Klischee nicht wirklich. Ich war kein Penner. Oder redete ich mir das ein? So wie Alkoholiker bestreiten, ein Problem mit Alkohol zu haben? Andere Penner halten sich vielleicht auch nicht f├╝r Penner, sondern f├╝r die Berufe, f├╝r die Unternehmer und Doktoren, die sie mal gewesen sind.

Mein Spiegelbild ver├Ąndert sich, immer mehr, je ├Âfter ich es ansehe. Meine Haare sind ganz durcheinander. Das ist keine Frisur mehr. Das ist kein Jackett mehr. Bald sind es die Augen, stumpfe Augen, bald Bartstoppeln - und ich sehe, was die Leute sehen. Ich sehe einen Penner.

Wie lange dauert es eigentlich, bis sie einen f├╝r tot erkl├Ąren? Bis meine geschiedene Frau meine Wohnung aufl├Âst? Es wird Abend und die Leute rennen an mir vorbei, um ihre Bahn zu kriegen oder g├Ąhnen, um zu zeigen, dass sie flei├čig waren oder sind in Gedanken. Sie wollen keinen Stress, nicht mehr denken, keine Leute mehr sehen, nicht mehr freundlich sein. Sie alle sagen: "Sprich mich blo├č nicht an!" Jemand wirft einen Euro vor mich hin.

"Danke!" rufe ich sarkastisch. Der Mann bleibt stehen und kuckt ungl├Ąubig. Er wird nie wieder einem Penner etwas geben. Er sch├╝ttelt den Kopf und geht weiter. Aber nun wei├č ich, wie ich die Leute auf mich aufmerksam machen kann. Ich muss ihre Erwartungen gegen├╝ber Pennern durchkreuzen, damit sie merken, ich bin keiner. Ein Einfall l├Ąsst mich auflachen. Ich werde rufen "Geld zu verschenken!" und mit einem Schein wedeln. Ich verga├č, dass mein Geld im Mantel war.

Es ist ein nie gekanntes Gef├╝hl, kein Geld bei mir zu haben. Ich k├Ânnte mir nicht mal ein Taxi nehmen, wenn ich es denn zum Halten br├Ąchte. Was gab es au├čer Geld noch, das einen Nichtpenner klar von einem Penner unterschied? Nur saubere Kleidung.

Ein Taxi, das war wohl meine einzige Chance. Der Fahrer m├╝sste mich zu meiner Frau (Ex-Frau) bringen, die w├╝rde ihn bezahlen. Ich musste es versuchen. Nicht gleich, sp├Ąter. Noch dr├╝ckte ich mich vor den Schmerzen.

Es begann zu d├Ąmmern. Bald w├Ąre es zu dunkel. Ich zog, ehe ich noch mal lange dr├╝ber nachdenken konnte, mein gesundes Bein an, die Arme griffen in den Zaun und so hievte ich ich mich hoch. Der Bruch schmerzte bei jeder Bewegung. Das Schlimmste kam jetzt. Ich h├╝pfte zur Stra├če und die Ersch├╝tterungen, so sehr ich versuchte sie auszugleichen, gingen auch ins linke Bein. Meine Schreie hallten von dem Haus dr├╝ben wieder. Und wenn sie zu mir zur├╝ckkamen, brach schon der n├Ąchste aus meiner Kehle. Ein Auto lie├č ich noch vorbei, dann sprang ich auf die Fahrbahn. Ich sank nieder und drehte mich auf den R├╝cken.

Es war immer derselbe Ablauf. Das Auto bremste. Dann n├Ąherte es sich behutsam. Manchmal Hupen. Gehupt wurde auf jeden Fall hinter ihm und sie ├╝berholten. Man wollte nach Hause. Als letztes fuhr das Auto, das gebremst hatte. Oft h├Ârte ich noch: "Mach dich von der Stra├če, Mann. S├Ąufer!" - oder Vergleichbares. Dass ich verletzt sein k├Ânnte, darauf kam niemand. Andere h├Ątten doch sonst l├Ąngst geholfen oder w├╝rden es bald tun!

Ich werde hier liegen bleiben. So lautete mein Vorsatz. Es war nur eine Frage der Zeit, bis entweder die Polizei mich aufgabelte, was gut w├Ąre, oder jemand mich ├╝berfahren w├╝rde, was nicht gut w├Ąre. Ich lag etwa eine Viertelstunde. Dann nahm ich erneut alle Nervenkraft zusammen und k├Ąmpfte mich zur├╝ck auf den B├╝rgersteig. Denn sterben wollte ich nicht. Immerhin lag ich nun zwei Meter von der ersten Stelle entfernt. Ich hatte mich ein St├╝ck zur U-Bahn hin bewegt. Die Leute stiegen nun teilweise ├╝ber mich dr├╝ber. Das nervte. Ich setzte mich wieder an den Zaun.

Diese R├╝ckkehr, so wurde mir klar, bedeutete, dass ich mich arrangiert hatte. So wie die Leute sich mit mir abfanden, wenn sie ├╝ber mich r├╝ber stiegen. Vielleicht gr├╝├čen sie mich morgen schon. Es ist ihnen zuzutrauen.

Nein, sterben wollte ich nicht. Ich hatte doch, abgesehen von meiner momentanen Lage, ein wunderbares Leben. Das war doch alles noch da und gar nicht so weit weg. Es w├╝rde sich was ergeben, wie ich ins Krankenhaus k├Ąme. Ganz sicher.

*


Drei Tage sa├č ich an dem Bauzaun. Die erste Nacht habe ich geweint. Ich lernte zu akzeptieren. Als n├Ąchstes wollte ich verstehen. Ja, die Leute sind hart. Andererseits kann ich es ihnen nicht verdenken. Ich bin halt keiner von ihnen. Wen k├╝mmern, sagen wir, hungrige Ratten? Es gibt zu viele und sie bringen keinen Nutzen. Empfanden die Leute auch Mitleid? Schuld? Wie war das, als ich in ihrer Rolle war. Ich wei├č es nicht mehr. Damals war ich ein Anderer als jetzt.

Ein Arbeitskollege erkannte mich schlie├člich und ich kam ins Krankenhaus. Nun bin ich hier und empfange s├╝├čfreundlichen Besuch. Die "Leute" haben mich ganz selbstverst├Ąndlich wieder unter sich aufgenommen.

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anemone
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Sep 2001

Werke: 587
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hallo JimKaktus,

So kann es gehen. Ich habe deine trotz allem humorige Geschichte gerne gelesen. Erinnere mich daran, wie es meinem Sohn ergangen ist, als er mit etwa 8 Jahren
angefahren wurde und wie eine streunende Katze nach Hause kam. "Fahrerflucht!" konstatierte der Arzt. Der Fahrer hatte den Jungen nur ausgeschimpft und gefragt: Alles in Ordnung? Vor lauter Schreck, da es sein Fehler war,
unachtsam die Stra├če zu ├╝berqueren, sp├╝rte er die Verletzung nicht.
Bei deinem Text ist es ├Ąhnlich.

lG

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