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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Fernseh-Krise
Eingestellt am 17. 02. 2011 00:45


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onhcam
Festzeitungsschreiber
Registriert: Jul 2010

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Kurzfristig entschied ich mich, sonntags zu meinen Eltern zu fahren. Unter der Woche hatten sie mich angerufen und zum Essen eingeladen, zusagen wollte ich ihnen da aber noch nicht.
Ich fuhr mit der S-Bahn nach Neukölln und war schon wieder unsicher, ob es die richtige Entscheidung war. Vor Wochen hatte ich die Weihnachtsfeier unserer Familie nach einem Streit mit meinem Vater ĂŒberstĂŒrzt verlassen und seitdem auf keinen der Anrufe meiner Eltern geantwortet. Um zumindest meine Mutter wiederzusehen, stieg ich bei der Station "Neukölln" aus und verließ das Bahnhofs-GelĂ€nde.
Auf dem Fußweg zur Gropiusstadt dachte ich ĂŒber meine Kindheit in dieser Gegend nach. Damals noch ein adrettes Neubauviertel, war sie heute einer der sozialen Brennpunkte der Stadt und meine Eltern mittendrin. Sie hatten es vielleicht nicht anders verdient, wollten ja nie weg von hier. Hier haben sie ihr halbes Leben verbracht, hier wollen sie sterben. „Jetzt mĂŒssen sie es aussitzen“. Um meine Mutter tat es mir trotzdem leid.
Ich stand vor der HaustĂŒre und drĂŒckte die Klingel. Schnell ertönte das Signal zum Eintreten. Der Aufzug funktionierte nicht, ich ging die 5 Stockwerke zu Fuß. Erschöpft kam ich oben an, noch einmal klingeln. Es dauert etwas lĂ€nger, aber als die TĂŒr sich öffnete waren alle Zweifel zumindest kurz verflogen und ich kĂŒsste meine Mutter auf die Wange. Wir umarmten uns etwas lĂ€nger als man es sonst erwarten wĂŒrde und ich trat in das Vorzimmer. Sie fragte mich wie es mir geht und sagte wie sehr sie sich freuen wĂŒrde mich zu sehen, ich antwortete kurz und knapp, "Danke gut. Ich auch.".
"Dein Vater sitzt schon am Esstisch", daraufhin ging ich in das Wohnzimmer. Da saß der Alte und meine Zweifel drangen wieder deutlicher durch. "Abend", sagte ich. Er brummte und schwieg ansonsten. Mutter kam gleich darauf mit der Suppe und ich setzte mich auf einen Platz am Tisch. Vater rechts neben mir, mit Blick auf den Fernseher.
Wir aßen Löffelerbsensuppe und die Einzigen die sprachen, waren ich und Mutter. Sie fragte mich ĂŒber alles aus. Das Leben an der Uni, neue Bekanntschaften, geplante Urlaube, Job. Ich verhielt mich geduldig und antwortete nicht ausfĂŒhrlich, aber ausreichend. Vater schwieg.
Um acht Uhr saßen wir schon vor dem fertigen Dessert. Mutter begann die Eiscremebecher einzusammeln und ging in die KĂŒche. Schlag acht begannen die Nachrichten. Wie zu dieser Zeit eigentlich tĂ€glich, begann es mit einer Meldung ĂŒber die laufende Wirtschaftskrise. Unsichere Prognosen wurden darĂŒber abgegeben wie es weiterlaufen wĂŒrde und wie dramatisch es sich noch entwickeln könnte. Ich saß mehr oder weniger gleichgĂŒltig davor. In den letzten Monaten glichen sich die Schreckensmeldungen ein ums andere Mal. Ich war nicht wirklich besorgt, ersehnte fast eine Katastrophe mit reinigendem Effekt, war diesbezĂŒglich aber eher pessimistisch. Vater blickte gebannt und angestrengt auf den Fernseher, schwieg weiterhin.
Nach dem Wetter lief noch eine VorankĂŒndigung fĂŒr einen kommenden Film, als Vater die Fernbedienung nahm und abschaltete. Da ich auf diese plötzliche Aktion eine Reaktion erwartete, blieb ich still und sah ihn an. Ein paar Sekunden blickte er weiter, leicht ZĂ€hne knirrschend, auf den Fernseher, bevor er sich das erste Mal an mich wandte, "Weißt du, ich gönne euch ja eure Freiheiten und den Wohlstand den ihr durch unsere jahrzehntelange Arbeit genießen könnt, aber findest du nicht, dass zumindest ein wenig Respekt angebracht wĂ€re?". Ich war erstaunt, wusste nicht gleich zu antworten, "ErklĂ€re mir bitte genauer was du meinst."."Du hast doch Nachrichten geschaut in letzter Zeit. Dabei sind dir sicher diese schmierigen jungen MĂ€nner aufgefallen, die in ihren AnzĂŒgen durch die Finanzviertel dieser Welt stampfen, und mit unser aller Geld, unserm hart ersparten Geld, dass wir einmal fĂŒr unsere Pension beiseite gelegt hatten, nichts VernĂŒnftigeres anfangen können, als es irgendwo auf dem amerikanischen oder asiatischen Markt zu verpulvern. Ich mein', besitzt ihr den ĂŒberhaupt keinen Anstand mehr?". Mehrere Wochen hatten wir nicht miteinander gesprochen. Wie anklagend sein Blick schien, der wĂ€hrend dieser kleinen Tirade die ganze Zeit auf mich gerichtet war. Ein Knoten bildete sich mir im Hals und ich rang nach passenden Worten. Unter gezĂŒgelten Emotionen begann ich: „Mir brauchst du keine VorwĂŒrfe machen. Ihr habt doch dieses System mit aufgebaut. Seit tĂ€glich in die Fabrik gelaufen und habt euer Geld brav auf die Bank getragen.“
Er erwiderte leicht empört: „Und das gibt euch das Recht, uns zu ruinieren?“
„Noch einmal, ich hab damit schon mal gar nichts zu tun. Übernehmt doch selbst Verantwortung fĂŒr euer Handeln. Habt der Hochfinanz das Vertrauen geschenkt und seid dabei immer so stolz auf die Jahrzehnte des Aufbaus gewesen.“
„Darauf können wir auch stolz sein!“, sagte er in einem selbstgefĂ€lligen Ton.
„StĂ€ndig davon zu schwĂ€rmen, ist doch nur nostalgische GlĂŒckssuche in der Vergangenheit. TrĂ€umen von den Wunderjahren. Diese Vergangenheit ist aber mit Schuld an der Gegenwart. Mitdenken hĂ€tte geholfen. Das eigene Schicksal in andere HĂ€nde zu legen, ist doch sinistrer Selbstmord.“, ich konnte meine Emotionen immer schwerer zurĂŒckhalten.
„Wir haben euch damit aber alles war ihr habt erst ermöglicht. Schau aus dem Fenster, dann siehst du was wir fĂŒr euch alles wieder aufgebaut haben.“
„Richtig, ihr habt es wieder aufgebaut, aber nichts daran verĂ€ndert. Die glĂ€sernen PalĂ€ste in Frankfurt, New York und Tokyo sind auch euer Werk. Ein Haus, ein Auto, einmal Urlaub im Jahr, damit seid ihr zufrieden gewesen. Habt dafĂŒr eure Freiheit verschenkt.“
„Wir haben unsere Pflicht getan. FĂŒr Euch. Einer musste sie ja tun.“, antwortete er nun schon etwas aufgebracht.
„Selbstbestimmung mit der Pflicht getauscht. Ihr habt euch dabei entmĂŒndigen lassen, nein, habt eure UnmĂŒndigkeit selbst beschlossen, in dem ihr zu denken aufgehört und es lieber anderen ĂŒberlassen habt. Warum ĂŒberhaupt noch Geld. Sie haben euch damit nur in der Hand. Sobald du und dein Geld nicht mehr fĂŒr sie arbeitet, seid ihr wertlos fĂŒr sie. Ihr hĂ€ttet euch nach der letzten Katastrophe endgĂŒltig von der UnterdrĂŒckung befreien können.“
„...und den Kommunismus wĂ€hlen sollen?“
„Nein, die Freiheit!“
Ich war trocken im Mund, musste einen Schluck von meinem Glas machen, zitterte leicht. Vater schien das erste Mal ĂŒberfordert, blickte unglĂ€ubig ins Nirgendwo.
Mutter kam wieder zurĂŒck an den Tisch. Wir hatten beide nichts mehr gesagt und sie spĂŒrte sicher die Aufregung, die noch vor wenigen Sekunden in der Luft gelegen hatte. Sie wollte den Abend wohl im Guten beendet sehen und schaltete mit den Worten, „Lasst uns einen Film schauen!“, den Fernseher wieder an. Ich blickte noch einmal zu Vater, als die Tatort-Melodie zu spielen begann.

Version vom 17. 02. 2011 00:45

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