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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Fernsehen
Eingestellt am 16. 07. 2001 11:11


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muskl
???
Registriert: Jul 2001

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Fernsehen


Er w├╝rde kein Fernsehen mehr gucken, er w├╝rde noch nicht mal das ausgeschaltete Ger├Ąt anschauen. Jede Ann├Ąherung an den schwarzen Kasten sollte m├Âglichst ├ťbelkeit ausl├Âsen, vielleicht sogar ein explosives Erbrechen. Wenn das nicht, dann zumindest die Kr├Ątze oder die Pest. Er w├╝rde nicht mehr auf das funkeln des Bildschirms achten, die verf├╝hrerische W├Ąrme und Geborgenheit der Ausstrahlung. Auch die handliche Fernbedienung, die sonst immer wie eine dritte Hand war, die ergonomisch geformt genau passte und es ihm m├Âglich machte, Hand in Hand mit dem elektronischen Informationsterminal zu arbeiten. Der schwarze Bolide lockte und stie├č ihn gleichzeitig ab.

Die Gedanken zu dieser Konsequenz bewegten ihn schon l├Ąngere Zeit, eigentlich so lange er denken und wahrnehmen konnte. Von Anfang an war es das Missverh├Ąltnis zwischen gesagtem und gemachtem. Es war noch nicht einmal sein Missverh├Ąltnis, da ging es um ganz andere. Wenn er das Ger├Ąt eingeschaltet hatte und locker durch die Kan├Ąle h├╝pfte, dabei l├Ąssig mit der Lautst├Ąrke spielend und Konventionen missachtend, hatte er das Gef├╝hl es k├Ânnte ihm nichts mehr passieren. Die bunten Bilder gaben ihm den Mut und die Sicherheit, die er im t├Ąglichen Leben so n├Âtig hatte. Nicht das er ein unbedingt hartes Leben hatte, es gab gutes Essen und regelm├Ą├čige Bekleidung, fast wie in einem Fernseh-Knast.

Die Erfahrung wie hart es im Leben zu gehen konnte, hatte er sich aus dem Fernsehen geholt, da ging es manchmal wirklich unfair zu, aber meistens gab es ein gutes Ende und alle waren wieder gl├╝cklich. Die Zufriedenheit ├╝ber eine gel├Âste Situation machte ihn zufrieden, er war schlie├člich dabei, durch lautstarke Unterst├╝tzung und mithoffen. Wenn sein Held, oft war es einer, die Situation bereinigte, lief ihm ein fr├Âsteln ├╝ber seinen schmalen R├╝cken und er w├╝nschte sich auch so zu sein. Dann w├╝rde er sich auch gegen die Menschen durchsetzen, die ihn immer wieder vom Fernsehen abbringen wollten. Wie in einer Diktatur wurden fadenscheinige Argumente und L├╝gen verbreitet, nur um ihn nicht die Freiheit des Sehens zu lassen.

Dabei hatte er nichts zerst├Ârt, was schon mal vorkam, er hatte auch nichts versch├╝ttet oder die Katze getreten. Er war an dem Tag weder laut noch leise, er war nicht krank, komplett angezogen, eben total unauff├Ąllig. So unauff├Ąllig, dass keiner bemerkte wie er sich in die K├╝che dr├╝ckte. Eigentlich hatte er nur einen starken Durst versp├╝rt und das Naheliegende war eben die K├╝che mit dem gro├čen K├╝hlschrank. Dort befand sich alles drin was er schon aus dem Fernsehen kannte und uneingeschr├Ąnktes Wohlgef├╝hl versprach.

Die Luft in der K├╝che war verqualmt, es war fast wie ein Nebel, kaum zu durchdringen. Auf dem K├╝chentisch stand ein ├╝bervoller Aschenbecher, ein Teil der Asche lag daneben, auch Bierflaschen tr├╝bten nichts an diesem heimeligen Anblick. Am Tisch sa├čen zwei gro├če Menschen, die unbedingt Vater und Mutter genannt werden wollten. Er hatte es auch schon wiederholt mit Karin und Peter versucht, wie es viele im Fernsehen auch machten, hatte aber auch wiederholt Ohrfeigen daf├╝r kassiert. Wie konnte man blo├č so empfindlich sein, die anderen Gro├čen nannten sie doch auch nicht Mutter oder Vater. Daf├╝r das er geschlagen wurde, fehlte jede Erkl├Ąrung von den Erwachsenen, allerdings wusste er aus manchem Fernsehfilm, das es wohl zur Erziehung geh├Ârte. Im Fernsehen wurde sich aber meistens entschuldigt und alle waren wieder gl├╝cklich und zufrieden. Aber erst letzte Woche hatte er auch gesehen, dass es f├╝r die Schl├Ąge eine sp├Ąte Rache geben konnte, danach hatte er beschlossen, m├Âglichst schnell Erwachsen zu werden. Nur kurz kam ihm der Gedanke, dass er auch so werden k├Ânnte wie die beiden.

Da sa├čen sie am K├╝chentisch, beide ziemlich dick und schwerf├Ąllig, sie hatten wirklich keine ├ähnlichkeit mit den meisten Fernseheltern. Dabei m├╝ssten sie es doch besser wissen, sie verbrachten fast jede freie Minute vor der Glotze. Wenn nichts auf der gro├čen Auswahl von Kan├Ąlen lief, ihre Lieblingsfilme waren seltsamerweise die Familienserien, hatten sie eine gro├če Auswahl an Videofilmen. Die Auswahl ├╝ber das Programm oder ein Video, waren wohl die einzigen Punkte, ├╝ber die sich nicht stritten. Bei den Serien sahen sie dann auch sehr zufrieden aus, es kam manchmal sogar zum H├Ąndchen halten oder einem feuchten Kuss. Das der feucht und schleimig war, nach Nikotin und Bier schmeckte, wusste er aus Erfahrung. Bei guter Stimmung, meistens nachdem schon viele leere Bierflaschen auf dem Tisch standen, wurde er geherzt und gek├╝sst. Allerdings nicht w├Ąhrend des Fernsehens, obwohl dann auch Bier getrunken wurde, aber dann wurde er weggeschoben oder ins Bett geschickt.

Diesmal war es aber etwas anders in der K├╝che, seine Mutter weinte, der Vater guckte betreten, das war kein Streit. Alles andere war wie immer, der Rauch, die Kippen, volle und leere Bierflaschen. Seine Mutter sah auch nicht aus wie sonst, ihr f├╝lliges Gesicht war noch dicker als sonst, ihr Gesicht hatte viele verschiedene Farbschattierungen von blau bis violett, ein Auge war sehr rot und fast geschlossen. Wenn nicht so eine gedr├╝ckte Atmosph├Ąre herrschen w├╝rde, h├Ątte er laut herausgelacht, sie sah aus wie ein Clown aus den Zirkussendungen, wie ein trauriger Clown. Beide sahen ratlos aus, so wie morgens, wenn sie aus dem Bett kamen, aber solange hatte die Ratlosigkeit noch nie angehalten. Normalerweise fingen sie schon fr├╝h an zu streiten, dann schien f├╝r sie die Welt wieder in Ordnung zu sein. Er hatte sich schon oft gefragt, wieso sie es nicht wie die im Fernsehen machten, wenn sie es schon t├Ąglich und gerne sahen. Wenn dort auch manchmal beim Fr├╝hst├╝ck gestritten wurde, es machte nie den ratlosen und traurigen Eindruck, wie bei ihnen der Fall war.

Einige Male schon hatten sie ihm das Fernsehen verboten, zum einen zur Strafe, zum anderen dann, wenn sie sich schlecht ├╝ber das Fernsehen auslie├čen. Tags├╝ber schimpften sie oft dar├╝ber, ├╝ber die st├Ąndige Werbung f├╝r Zigaretten und Alkohol, auch ├╝ber die Dummheit der Serien und das sowieso alles gelogen war. Am meisten aber verurteilten sie die Gewalt im Fernsehen, vor allem die Zeichentrickfilme hatten es ihnen angetan. Er wusste dann, dass ein Verbot folgen w├╝rde, es hielt aber nie lange an. Vielleicht konnten sie seine Gedanken lesen, er fragte sich dann immer, wieso sie es dann schauten, wenn es so f├╝rchterlich dumm und gef├Ąhrlich war. Noch ungew├Âhnlicher war aber f├╝r ihn die Tatsache, dass sie es nicht anders machten, wenn ihnen das schon nicht gefiel. Oder warum sie ihm verboten was sie selbst machten, er konnte ja mit der Erkl├Ąrung leben das die Erwachsenen es besser verstehen w├╝rden, aber warum machte es sie dann so unzufrieden und traurig.

Heute Morgen hatten sie ihm das Fernsehen verboten, es w├╝rde die Gewalt verherrlichen, Kinder k├Ânnten damit nicht umgehen. Seine Mutter schaute im dabei mit ihrem rot-gr├╝n-blauen Gesicht an, wie er sehen w├╝rde k├Ânnten Erwachsene nicht einmal damit umgehen. Dabei schauten sie kaum Filme mit Gewaltszenen, eher das Gegenteil, vor Harmonie triefende Endlosserien. Vielleicht hatten sie so sehr daran geglaubt was darin gezeigt wurde, dass sie die Realit├Ąt vergessen hatten und davon ├╝berrascht wurden, dass sich ein Problem nicht von selbst l├Âste. Ihre Erkl├Ąrung daf├╝r hatten sie wohl auch aus dem Fernsehen, denn dort wurde auch viel ├╝ber Gewaltverherrlichung gesprochen und gezeigt. Auch dort war es so wie bei ihnen Zuhause, es wurde geschimpft und verurteilt, aber es wurde kurze Zeit danach so weitergemacht.

Er hatte es auf jeden Fall beschlossen, dass Fernsehen zu ├Ąchten und nie wieder anzuschauen. Ob es gut oder schlecht war was aus dem Fernsehen kam, war offenbar egal, es schien nie richtig zu sein, aber immer eine Entschuldigung f├╝r ein falsches Verhalten. Das er es durchhalten w├╝rde, traute er sich kaum zu, ├╝ber was sollte er dann mit seinen Freunden reden? Und ├╝ber was w├╝rden sie dann in der Familie streiten? Und wie w├╝rden sie ihn in Zukunft bestrafen, nur noch mit Schl├Ągen, mit mehr Schl├Ągen?

2001 / Michael

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gladiator
Manchmal gelesener Autor
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Hallo muskl

Eigentlich fand ich Deine Geschichte ganz gut. Der Fernseher als Kristallisationspunkt und Motor gesellschaftlichen Zusammenlebens wird immer noch viel zu sehr untersch├Ątzt.

Allerdings h├Ątte ich mir bei der Beschreibung der mangelnden Reflexionsf├Ąhigkeit der Eltern bzw. der Diskrepanz zwischen ihrem Reden und Handeln etwas mehr Subtilit├Ąt gew├╝nscht. Teilweise fand ich es zu plakativ und ich sah ein paar mal die "Moralkeule" schwingen, was mich grunds├Ątzlich abschreckt.

Gru├č
Gladiator
__________________
Die Raben fliegen in Scharen, der Adler fliegt allein.

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muskl
???
Registriert: Jul 2001

Werke: 10
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hallo gladiator,

"Moralkeulen" schrecken mich nicht nur ab, ich finde sie abscheulich. Aber wie will man Menschen oder Situationen darstellen, die eine "Moralkeule" unter Einsatz aller Mittel (z.B. das Fernsehen) benutzen? Auf jeden Fall danke ich Dir f├╝r die Kritik, hilft mir vielleicht nicht selbst so sehr die "Moralkeule" einzusetzen.

Lieben Gruss
muskl

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flammarion
Foren-Redakteur
Routinierter Autor

Registriert: Jan 2001

Werke: 278
Kommentare: 8208
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die

idee mit dem fernseher ist wirklich prima. aber mir ist die geschichte zu langatmig, hat einige wiederholungen. etwas straffen und die vielen tippfehler ausmerzen und die sache ist druckreif. ganz lieb gr├╝├čt
__________________
Old Icke

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