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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Fest gebunden
Eingestellt am 24. 10. 2007 18:26


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gangster
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Fest gebunden


Erschöpft kletterte sie die ausgetretenen Stufen der alten Steintreppe zum Haus ihrer Schwester hinauf. Hedy knickte in der rechten Hüfte, durch die Last des Einkaufkorbes, tief ein. Sie hinkte und zog sich zusätzlich mit der linken Hand am Eisengeländer hoch. Bevor sie die Haustür erreichte, bemerkte sie ihre Schwester, die in sich zusammen gesunken auf der Gartenbank saß. Ihr Kopf kippte langsam nach vorn. Hedy stellte ihren Korb ab und betrachtete sie. Ein Speichelfaden lief aus ihrem offenen Mundwinkel.
„Paula.? ..P a u l a !“ Hedy schrie: „Paula....ich bin zurück!“
Paula hob träge den Kopf, sie blinzelte in die Sonne und sah schläfrig zu ihrer Schwester. Hedy stellte ihren schweren Korb ab und wartete geduldig auf ihre Antwort.
„Warum brüllst du mich an?... du hast mich geweckt!... gönnst mir noch nicht mal ein kurzes Schläfchen in der Wärme. Im Wohnzimmer hast du vergessen den Ofen anzuheizen, du weißt doch, das meine Gliederschmerzen durch die Kälte immer schlimmer werden!“ Sie spürte jetzt ihr nasses Kinn; verlegen wischte sie ihren Mund trocken. Sie starrte auf ihren feuchten Ärmel und kniff mit der anderen Hand eine Falte über den Fleck.
Ist es ihr peinlich, dass sie einen zusätzlichen Fleck auf ihrem Pulli hat, ist ihr doch sonst nicht unangenehm. Sicher hat sie wieder die Dosierung von ihren Beruhigungsdragees erhöht.
„Hast du denn jetzt Feuer gemacht? Entschuldige... ich bin auch nicht mehr die Jüngste, es wird immer schwerer, das große Haus und dich zu versorgen. Wir bräuchten wirklich dringend eine Zugehfrau!“
„In mein Haus kommt niemals eine fremde Person.“ Wütend schob sie ihren Körper zurück. Nun stützte die Lehne der Bank ihren Rücken.
„Eine, die überall herumschnüffelt, vielleicht klauen die noch unser Tafelsilber, das würdest du dann auch nicht merken... nein....mein letztes Wort!“
„Ich bring mal die Flaschen in die Küche.“ Hedy zog den Korb über den Boden.
„Hedy, warst du in der Apotheke...?“ Sie wurde immer schroffer.
„Ja, aber du brauchst ein neues Rezept von Dr. Jandl. Ohne .... konnten sie mir keine Tabletten mitgeben.“ Sie war jetzt hinter Paula in der Küche und sprach mit ihr durch das gekippte Fenster.
„Die Schachtel von letzten Mittwoch ist ja noch nicht leer! Da wird es sicher reichen, wenn ich Ende der Woche beim Doktor vorbeischaue.“
Hedys Stimme wurde wieder etwas fester. Sie fühlte sich geschützt in ihrer Küche. Während sie den Kirschsaft in die Vorratskammer einräumte, horchte sie nach draußen.
Merkwürdig? Warum brüllt sie nicht los, hoffentlich hat sie mich verstanden. Das ist ja unheimlich, schluckt sie das jetzt ohne Wutausbruch? Oder hat sie sich einen neuen Trick einfallen lassen, um mich klein zu machen?
Sie räumte hektisch und zittrig den Frühstückstisch ab. Zwischen dem Geschirrklappern lauschte sie sekundenlang in den Garten. Voller Sorge lief sie zu ihrer Schwester. Deren Oberkörper lag lang ausgestreckt auf der Bank, nur ihre Beine baumelten abgeknickt über den Kieselsteinen.
Hedy zupfte am Ärmel ihres Pullovers. Sie vermied es, den schweren Leib zu berühren. Ihre Faust füllte sie sich mit dem dunklen Wollstoff und schüttelte den ganzen Arm.
„Paula...steh auf, steh sofort auf! Was ist?...ist dir nicht gut? Oh Gott...sag doch was..soll ich den Doktor rufen?“
Sie blieb steif liegen und lächelte, ganz breit zog sie ihre welken Lippen nach oben.
So, macht sich meine liebe kleine Hedy Sorgen. Ich werde ihr die Reise mit ihrer irren Freundin noch verderben. Eine Zugehfrau, lächerlich. Sie wird sich nicht trauen, mich hier zwei Tage alleine zu lassen. Sie liegt da wie tot und dieses schwachsinnige Grinsen.
„Du könntest dich mal wieder aufsetzten, ich sehe doch, dass dir nichts fehlt...na komm, Paula ich helfe dir. Jetzt mach dich nicht so schwer!“ Hedy versuchte ihre Schwester aufzurichten, immer wieder zog sie mit größter Anstrengung an ihrem linken Arm, aber Paulas massiger Körper schaukelte nur leicht.
„Wenn sie nicht mithilft...“, stöhnte sie leise, „..alleine kann ich sie nicht bewegen.“ Sie zerrte weiter an Paulas Armen und lief jetzt aufgeregt von der einen Seite zur Anderen, „...sie muss sich doch...“, Hedy wurde immer kraftloser und verzweifelter.
„Mensch Paula... warum kannst du denn nicht mehr aufstehen..du hast doch eben gelächelt“. Außer Atem schrie sie, „ H I L F E....warum kann denn keiner helfen?“
Restlos entkräftet kamen ihr die Tränen. Sie setzte sich neben Paulas Kopf auf die Bank. Nach einer Weile beugte sie sich über Paula und betrachtete ihr Gesicht; ihr Mund hatte das Grinsen behalten und ihre Augen waren offen. Ein paar Sekunden schauten sich die Schwestern an. Hedy starrte ungläubig und mit großer Abscheu in Paulas Augen, die sofort im amüsierten Plauderton begann: „Hedy, Liebes, du musst dich nicht so aufregen, aber es wurde mir so schwindelig, ich musste mich ein wenig hinlegen. Ich konnte ja nicht wissen, dass du dich so sorgst.“ Sie setzte sich langsam und schwer auf.
„Hast du schon das Essen gekocht, ich habe plötzlich großen Hunger auf deine Kartoffelsuppe.“
„Wie kannst du jetzt Hunger haben, ich habe natürlich nichts gekocht. Ich habe doch die ganze Zeit hier bei dir gesessen, hast du das nicht gemerkt? Du warst ja völlig abwesend! Meine Güte, Paula, wie kannst du mich so erschrecken?“
„Aber, aber...glaub mir, ich habe dich nicht gesehen. Kennst du das Gefühl, wenn man in der Atmosphäre herumtreibt, ganz losgelöst von allem? Ich habe auch gar nichts gehört!“
Sie wischte sich ständig mit dem Ärmel über ihren Mund, während sie sprach.
„Wieso..nicht gehört, habe ich denn etwas gesagt?“
Hedy wurde misstrauisch, ihre Augen tasteten Paulas Gesicht ab, das, so hoffte sie, einen Ausdruck von Schuld zeigen könnte, aber sie zeigte keine Regung.
„Doch..doch..es kam mir vor deine Stimme gehört zu haben, ganz dumpf und von Weitem, ...oder nicht?“ Ruhig und gefasst zu wirken kostete sie große Anstrengung; ihr Kopf wackelte.
Kann sie jetzt endlich aufhören, mich so anzustarren. Grässlich ihr forschender Blick, sie sollte endlich in die Küche gehen. Der Ofen ist sicher auch noch kalt.
„Wir können doch den Rest von deinem gebratenen Hähnchen essen, dann hast du nachher mehr Zeit für die Kartoffelsuppe.“ Paulas Stimmung wurde nun heiter. Sie legte ihre Hand auf Hedys Oberschenkel. Ihr Bein zuckte zur Seite, als ob die Hand ihrer Schwester ihr einen elektrischen Schlag gegeben hätte.
„Bin ich dir so lästig, dass ich dich nicht berühren darf? Komm....hilf mir hoch, ich habe genug von dieser harten Bank!“ Schnaufend gelang es ihr, ohne Hilfe aufzustehen. Hedy schaute tatenlos auf einen fixen Punkt an ihr vorbei.
„Jetzt erhebe dich mal, ich hab Hunger und das Feuer muss endlich angesteckt werden. Du hast bestimmt Sinnvolleres zu tun, als den ganzen Mittag hier in der Sonne zu sitzen und mich zu unterhalten.“
Hedy erhob sich automatisch; ohne ihre Schwester wahrzunehmen, ging sie wie ein mechanisch angetriebenes Wesen wortlos in die Küche.
„Bist du etwa pikiert? “ Sie ging ihr nach, bekam aber keine Antwort. „Du hast absolut keinen Grund, mich zu ignorieren! Ja...ja ich weiß schon, mein Ton gefällt dir nicht, aber wenn man so viele Einschränkungen im Leben hat wie ich, dann kann ich nicht immer die Fröhliche spielen. Versetz dich doch ab und zu in meine Lage, ich kann so Vieles nicht mehr. Es ist kein Spaß, immerzu auf deine Hilfe angewiesen zu sein. Könntest du mal bitte mit mir reden?...Hedy..bitte!“
„Ja, bitte... hier dein Hähnchen, soll ich \'s dir noch mal aufwärmen?“
„Soll ich es kalt essen?“ Paula fiel behäbig in ihren Stuhl und wieder wischte sie ihren feuchten Mund mit dem Ärmel ab. Eifrig machte sich Hedy an ihre Küchenarbeit. Sie hatte Angst, die harten Augen ihrer Schwester zu sehen, und schreckliche Angst, dass Paula ihren Hass sähe.
„Ich verlange doch wirklich nicht viel von dir. Du hast keine Kosten, bekommst alles bei mir - hast ein gemütliches Zimmer, wenn du mehr Geld brauchst, gege ich dir immer reichlich...oder?...ich habe dir doch letzte Woche die neue Hose...“
Paulas munterer Ton traf Hedy. Sie redete ohne Pause.
Warum merkst du nicht, wie du mich quälst? Warum hältst du nicht endlich deinen abscheulichen Mund? Du benutzt mich, wie es dir gerade passt!
Hedy riss, an die Spüle gestützt, ihre Hände an die Ohren, drückte sie fest zu, wie ein Schraubstock und schrie mit ganzer Kraft: „ Sei still!“
Paula stockte kurz, stopfte sich schnell ein großes Stück Hähnchenbrust in den Mund und schaute erstaunt und unschuldig in Hedys Gesicht, die sich langsam zu ihr umgedreht hatte. Als Paula, noch immer erschrocken, ihren Mund halb leer geschluckt hatte, neigte sie ihren Kopf, lächelte milde und nahm ihren Monolog unumwunden wieder auf. Sie aß, redete und war fröhlich. Hedy ging in die Vorratskammer, um Kartoffeln zu holen, und sah die Axt......







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Rumpelsstilzchen
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Tach gangster und willkommen auf der Leselupe!

Ich hab' Dein Werk ein paar Tage mit mir herum getragen, ehe ich mich zur Freischaltung entschloss. Den Ausschlag gab endlich das ungewöhnliche Thema und die lebendige Schilderung, mit der mir die Situation sehr anschaulich wurde, trotz der Schwierigkeit, Rede und Haltung der jeweils richtigen Person zuzuordnen.

Ibi iacet lepus in pepere – wie der Küchenlateiner sagt: Welche Schwester wann was sagt oder tut, ist oft nur sehr mühsam aus dem Kontext zu ermitteln. Nix gegen ein wenig geistige Herausforderung, aber dieses ständige Rätselraten reisst einen arg aus dem Lesefluss, womit sich die eigentlich sehr dichte Athmosphäre gleich wieder vakuumdünne macht.

Du siehst, letztlich hat mich die Hoffnung bewogen, dass Du Dein Werk noch ein- oder mehrmals überarbeitest. Enttäusch' mich bitte nicht.

Hat die Hoffnung aufgespannt: besser getragen als gerannt
__________________
Ich glaube
an das Gesetz
der kritischen Masse

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gangster
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Hallo Rumpelsstilzchen,

vielen Dank für Deine Anmerkungen. Ich habe den Text, unter dem Aspekt der fehlenden Zuordnung der Schwestern (Handlung und Dialoge), nochmal kurz überflogen.
Und ziemlich erschrocken stelle ich fest, dass es tatsächlich schwer ist die Geschichte richtig zu erfassen. Es ist so uneindeutig , dass leider viel von meiner Intension verloren gegangen ist.

Ich werde es auf alle Fälle überarbeiten.

Freundliche Grüße

gangster

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gangster
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Die überarbeitete Fassung, ich hoffe, dass es jetzt angenehmer zu lesen ist.



Fest gebunden

Erschöpft kletterte sie die ausgetretenen Stufen der alten Steintreppe zum Haus ihrer Schwester hinauf. Hedy knickte in der rechten Hüfte, durch die Last des Einkaufkorbes, tief ein. Sie hinkte und zog sich zusätzlich mit der linken Hand am Eisengeländer hoch. Bevor sie die Haustür erreichte, bemerkte sie ihre Schwester, die in sich zusammen gesunken auf der Gartenbank saß. Ihr Kopf kippte langsam nach vorn. Hedy stellte ihren Korb ab und betrachtete sie. Ein Speichelfaden lief aus ihrem offenen Mundwinkel.
„Paula.? ..P a u l a !“ Hedy schrie: „Paula....ich bin zurück!“
Paula hob träge den Kopf, sie blinzelte in die Sonne und sah schläfrig zu ihrer Schwester. Hedy stellte ihren schweren Korb ab und wartete geduldig auf eine Antwort.
„Warum brüllst du mich an?“,antwortete Paula gereizt „...du hast mich geweckt! ...gönnst mir noch nicht mal ein kurzes Schläfchen in der Wärme. Im Wohnzimmer hast du vergessen den Ofen anzuheizen, du weißt doch, das meine Gliederschmerzen durch die Kälte immer schlimmer werden!“
Sie spürte jetzt ihr nasses Kinn; verlegen wischte sie ihren Mund trocken. Sie starrte auf ihren feuchten Ärmel und kniff mit der anderen Hand eine Falte über den Fleck.
Hedy wunderte sich: 'Ist es ihr peinlich, dass sie einen zusätzlichen Fleck auf ihrem Pulli hat? Es ist ihr doch sonst nicht unangenehm. Sicher hat sie wieder die Dosierung von ihren Beruhigungsdragees erhöht'. Laut sagte sie:
„Hast du denn jetzt Feuer gemacht? Entschuldige... ich bin auch nicht mehr die Jüngste, es wird immer schwerer, das große Haus und dich zu versorgen. Wir bräuchten wirklich dringend eine Zugehfrau!“
„In mein Haus kommt niemals eine fremde Person.“ Paula schob wütend ihren Körper zurück. Nun stützte die Lehne der Bank ihren Rücken, sie fuhr fort:
„Eine, die überall herumschnüffelt, vielleicht klauen die noch unser Tafelsilber, das würdest du dann auch nicht merken... nein....mein letztes Wort!“
„Ich bring mal die Flaschen in die Küche.“ Hedy zog den Korb über den Boden. „Hedy, warst du in der Apotheke...?“ Paula wurde immer schroffer.
„Ja, aber du brauchst ein neues Rezept von Dr. Jandl. Ohne....ohne konnten sie mir keine Tabletten mitgeben.“ Hedy war jetzt hinter Paula in der Küche und sprach mit ihr durch das gekippte Fenster. „ ...übrigens die Schachtel von letzten Mittwoch ist ja noch nicht leer! Da wird es sicher reichen, wenn ich Ende der Woche bei dem Doktor vorbeischaue.“
Hedys Stimme wurde wieder etwas fester. Sie fühlte sich geschützt in der Küche. Während sie den Kirschsaft in die Vorratskammer einräumte, horchte sie nach draußen.
'Merkwürdig? Warum brüllt Paula heute nicht los, hoffentlich hat sie mich verstanden. Das ist ja unheimlich, schluckt sie das jetzt ohne Wutausbruch? Oder hat sie sich einen neuen Trick einfallen lassen, um mich klein zu machen?'
Hedy räumte hektisch und zittrig den Frühstückstisch ab. Zwischen dem Geschirrklappern lauschte sie sekundenlang in den Garten. Voller Sorge lief sie zu ihrer Schwester. Deren Oberkörper lag lang ausgestreckt auf der Bank, nur ihre Beine baumelten abgeknickt über den Kieselsteinen.
Hedy zupfte am Ärmel ihres Pullovers. Sie vermied es, den schweren Leib zu berühren. Ihre Faust füllte sie sich mit dem dunklen Wollstoff und schüttelte den ganzen Arm.
„Paula...steh auf, steh sofort auf! Was ist?...ist dir nicht gut? Oh Gott...sag doch was..soll ich den Doktor rufen?“
Paula blieb steif liegen und lächelte, ganz breit zog sie ihre welken Lippen nach oben.
Paula dachte, 'so, macht sich meine liebe kleine Hedy Sorgen. Ich werde ihr die Reise mit ihrer irren Freundin noch verderben. Eine Zugehfrau, lächerlich. Sie wird sich nicht trauen, mich hier zwei Tage alleine zu lassen.' Hedy hob ihre Stimme an: „Du könntest dich mal wieder aufsetzten, ich sehe doch, dass dir nichts fehlt...na komm, Paula ich helfe dir. Jetzt mach dich nicht so schwer!“ Sie versuchte ihre Schwester aufzurichten. Immer wieder zog sie mit größter Anstrengung an ihrem linken Arm, aber Paulas massiger Körper schaukelte nur leicht.
„Wenn sie nicht mithilft...“, stöhnte Hedy leise, „..alleine kann ich sie nicht bewegen.“ Sie zerrte weiter an Paulas Armen und lief jetzt aufgeregt von der einen Seite zur Anderen, „...sie muss sich doch...“, Hedy wurde immer kraftloser und verzweifelter.
„Mensch Paula... warum kannst du denn nicht mehr aufstehen..du hast doch eben gelächelt“. Außer Atem schrie sie, „ H I L F E....warum kann denn keiner helfen?“
Restlos entkräftet kamen ihr die Tränen. Sie setzte sich neben Paulas Kopf auf die Bank. Nach einer Weile beugte sie sich über Paula und betrachtete ihr Gesicht; ihr Mund hatte das Grinsen behalten und ihre Augen waren offen. Ein paar Sekunden schauten sich die Schwestern an. Hedy starrte ungläubig und mit großer Abscheu in Paulas Augen, die auf einmal im amüsierten Plauderton begann: „Hedy, Liebes, du musst dich nicht so aufregen, aber es wurde mir so schwindelig, ich musste mich ein wenig hinlegen. Ich konnte ja nicht wissen, dass du dich sorgst.“ Sie setzte sich langsam und schwer auf. „Hast du schon das Essen gekocht, ich habe plötzlich großen Hunger auf deine Kartoffelsuppe.“
„Wie kannst du jetzt Hunger haben, ich habe natürlich nichts gekocht. Ich habe doch die ganze Zeit hier bei dir gesessen, hast du das nicht gemerkt? Du warst ja völlig abwesend! Meine Güte, Paula, wie kannst du mich so erschrecken?“
„Aber, aber...“ Paula schaute sie groß und empört an, „...glaub mir, ich habe dich nicht gesehen. Kennst du das Gefühl, wenn man in der Atmosphäre herumtreibt, ganz losgelöst von allem? Ich habe auch gar nichts gehört!“
Sie wischte sich ständig mit dem Ärmel über ihren Mund, während sie sprach.
Hedy wurde misstrauisch: „Wieso..nicht gehört, habe ich denn etwas gesagt?“
Ihre Augen tasteten Paulas Gesicht ab, das, so hoffte sie, einen Ausdruck von Schuld zeigen könnte, aber sie zeigte keine Regung. Statt dessen antwortete sie fest: „Doch..doch..es kam mir vor, deine Stimme gehört zu haben, ganz dumpf und von Weitem, ...oder nicht?“ Ruhig und gefasst zu wirken kostete Paula dennoch große Anstrengung; ihr Kopf wackelte. Sie dachte: 'Kann sie jetzt endlich aufhören, mich so anzustarren. Grässlich, ihr forschender Blick, sie sollte endlich in die Küche gehen. Der Ofen ist sicher immer noch kalt.'
Paulas Stimmung wurde beschwingt: „Wir können doch den Rest von deinem gebratenen Hähnchen essen, dann hast du nachher mehr Zeit für die Kartoffelsuppe, die essen wir dann heute Abend.“ Sie legte ihre Hand auf Hedys Oberschenkel. Hedys Bein zuckte zur Seite, als ob die Hand ihrer Schwester ihr einen elektrischen Schlag gegeben hätte.
Paula beherrschte nun die Szene: „Bin ich dir so lästig, dass ich dich nicht berühren darf? Komm....hilf mir hoch, ich habe genug von dieser harten Bank!“ Schnaufend gelang es ihr auch ohne Hilfe aufzustehen. Hedy schaute tatenlos auf einen fixen Punkt an ihr vorbei.
„Jetzt erhebe dich endlich mal, ich hab Hunger und das Feuer muss angesteckt werden. Du hast bestimmt Sinnvolleres zu tun, als den ganzen Mittag hier in der Sonne zu sitzen und mich zu unterhalten, komm schon Hedy!“
Hedy erhob sich automatisch; ohne ihre Schwester wahrzunehmen, ging sie wie ein mechanisch angetriebenes Wesen wortlos in die Küche.
Paula schüttelte den Kopf: „Bist du etwa pikiert? “ Sie ging ihr nach, bekam aber keine Antwort. „Du hast absolut keinen Grund, mich zu ignorieren! Ja...ja ich weiß schon, mein Ton gefällt dir nicht, aber wenn man so viele Einschränkungen im Leben hat wie ich, dann kann ich nicht immer die Fröhliche spielen. Versetz dich doch ab und zu in meine Lage, ich kann so Vieles nicht mehr. Es ist kein gutes Gefühl, immerzu auf deine Hilfe angewiesen zu sein. Könntest du mal bitte mit mir reden?...Hedy..bitte!“
„Ja, bitte... hier dein Hähnchen, soll ich 's dir noch mal aufwärmen?“
„Soll ich es kalt essen?“ Paula fiel behäbig in ihren Stuhl und wieder wischte sie ihren feuchten Mund mit dem Ärmel ab. Eifrig machte sich Hedy an ihre Küchenarbeit. Sie hatte Angst, die harten Augen ihrer Schwester zu sehen, und noch mehr Angst, dass Paula ihren Hass sähe.
Paula sagte großmütig: „Ich verlange doch wirklich nicht viel von dir. Du hast keine Kosten, bekommst alles bei mir - hast ein gemütliches Zimmer, wenn du mehr Geld brauchst, gebe ich dir immer reichlich...oder?...ich habe dir doch letzte Woche die neue Hose...“
Paulas munterer Ton traf Hedy. Sie redete ohne Pause. Hedys Gedanken drehten sich: 'Warum merkst du nicht, wie du mich quälst? Warum hältst du nicht endlich deinen abscheulichen Mund? Du benutzt mich, wie es dir gerade passt!'
Hedy riss, an die Spüle gestützt, ihre Hände an die Ohren, drückte sie fest zu, wie ein Schraubstock und schrie mit ganzer Kraft: „ Sei still!“
Paula stockte kurz, stopfte sich schnell ein großes Stück Hähnchenbrust in den Mund und schaute erstaunt und unschuldig in Hedys Gesicht, die sich langsam zu ihr umgedreht hatte. Als Paula, noch immer erschrocken, ihren Mund halb leer geschluckt hatte, neigte sie ihren Kopf, lächelte milde und nahm ihren Monolog unumwunden wieder auf. Sie aß, redete und war fröhlich. Hedy ging in die Vorratskammer, um Kartoffeln zu holen, und sah die Axt......



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