Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, m├╝ssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5553
Themen:   95286
Momentan online:
95 Gäste und 1 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Kurzgeschichten
Festhalten
Eingestellt am 29. 05. 2014 18:14


Autor
Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.
Tehdry
Autorenanw├Ąrter
Registriert: May 2014

Werke: 4
Kommentare: 0
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Tehdry eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Der Sammler


Sein Hemd bl├Ąht sich leicht im Wind, w├Ąhrend er in einem kleinen Bogen den Abhang herunterpisst. Das Erste, was er macht, wenn er hierher kommt, und es bereitet ihm jedes Mal eine kindliche Freude. Doch selbst in dieser Abgeschiedenheit, weit und breit keine Menschenseele zu sehen, dreht er sich vorher nochmals verstohlen um, ein Impuls, dem er sich nie widersetzen kann.

Der Sammler steht alleine an der Kante einer schroffen Steilk├╝ste. Sie thront ├╝ber einem breiten, felsigen Ufer, zu dem ein schmaler Kletterpfad herunterf├╝hrt. Vor ihm breitet sich unter einem sonnensatten Herbsthimmel die Weite des Meeres aus. Den Kopf leicht in den Nacken gelegt saugt er genie├čerisch die w├╝rzige Luft ein, die Augen hinter der Hornbrille geschlossen und lauscht l├Ąchelnd dem rhythmischen Rauschen der Wellen, das so ganz anders klingt als das dumpfe Rauschen der Stadt. Der steinen├╝bers├Ąte Strand mit seinen wenigen versprenkelten Sandfl├Ąchen sieht so gar nicht einladend aus, f├╝r ihn hingegen ist es ein kleines Paradies. Hier liegen Zeugnisse der Vergangenheit verborgen, Steine und kleine Fossilien in den skurrilsten Form, Fundst├╝cke, die er f├╝r seinen Skulpturen-Garten sammelt. Ihre beharrliche Unersch├╝tterlichkeit hat f├╝r ihn etwas ungemein Tr├Âstliches. Die stummen Zeugen des Verg├Ąnglichen sind seine Fluchtpunkte, holen ihn raus aus dem Trott gleichg├╝ltiger Tage, die sich aneinanderreihen ohne Erinnerungen zu hinterlassen, Tage eingepfercht zwischen Wohnen und Arbeiten, in zwei Jahren nicht mal mehr das.

Er steigt den Pfad hinab, der einzige Zugang weit und breit, und der auffrischende Wind wirbelt die Spitzen seiner grauen Haaren hoch. Auf der Wasseroberfl├Ąche liegt inzwischen ein Schatten, das Grau-Blau trotz Sonnenschein um Nuancen dunkler, die Schaumkronen ├╝berm├╝tig am Tanzen, das Branden der Wellen gleicht einem satten Wirbel von dumpfen Beckenschl├Ągen. Am Horizont sammeln sich ├╝ber dem offenen Meer Wolken, viel zu weit entfernt, um f├╝r irgendetwas Vorbote zu sein.
Mit leicht vorgebeugten Oberk├Ârper schreitet der Sammler langsam voran, den Kopf nach unten gerichtet, seine Augen tasten systematisch den Boden ab, wandern umher, bleiben f├╝r Momente irgendwo haften, ├╝berfliegen nochmals den gerade passierten Abschnitt und wenden sich dann erneut dem vor ihm liegenden Bereich zu. Immer wieder b├╝ckt er sich ganz runter oder hockt sich hin, nimmt Steine in die H├Ąnde, betrachtet sie eingehend, und der eine und andere wandert in seinen Rucksack. Begonnen hatte alles vor Jahren mit einer versteinerten Muschel. Es faszinierte ihn, auf dieses reliefartige Muster einer l├Ąngst vergangenen Zeit zu blicken, es erf├╝llte ihn mit einer unerwartet sanften Freude. Damals fing er mit dem Sammeln an.

Der Wind nimmt beharrlich zu, und in immer k├╝rzeren Abst├Ąnden schieben sich schw├Ąrzliche Wolkenfetzen vor das fahler werdende Licht der Sonne. Die B├Âen beginnen wie ein bockiges Kind an seiner Kleidung zu zerren, und das Meer geb├Ąrdet sich immer ungehaltener. Der K├╝stenstreifen schrumpft immer mehr unter den heranrollenden Wellen zusammen und erf├╝llen ihn mit wachsender Unruhe. Kurzentschlossen tritt der Sammler seinen R├╝ckweg an. Er wendet sich nahe dem Steilufer zu und stemmt sich entschlossen gegen den st├╝rmischen Wind. Sein Blick huscht st├Ąndig ├╝ber die grollenden Wassermassen, den Boden vor seinen F├╝├čen mustert er nur noch fl├╝chtig. Es braucht einen Moment, er ist schon ein paar Schritte weiter, bis sich das Bild in seinem Kopf heraussch├Ąlt. Eine Reihe von Einkerbungen an einem sandfarbenen Gebilde, das unter einer Steinplatte hervorragt. Aufgeregt geht er das kleine St├╝ck zur├╝ck, seine Augen irren sekundenlang rastlos herum, bis sie finden, wonach sie suchen. Als er den Stein herausholt, kommt der fossile Abdruck eines l├Ąnglichen Schneckengeh├Ąuses zum Vorschein, eine versteinerte Sch├Ânheit. Der Sammler sinkt auf die Knie, behutsam, betrachtet seinen Fund geradezu liebevoll, w├Ąhrend der Sturm seine Regenjacke surrend flattern l├Ąsst. Er k├╝sst den Stein, sieht ihn schon vor sich in seinem Skulpturen-Garten. Vorsichtig verstaut er ihn im Rucksack und geht weiter, den Blick jetzt nur noch nach vorne gerichtet.

Das Meer streckt sich inzwischen mit aller Macht der Steilk├╝ste entgegen, eine geschlossene Front, die unbeirrbar vorr├╝ckt. Nur noch ein letzter schmaler Streifen ist ├╝brig, und er sp├╝rt eine wachsende, einsame Verzweiflung mit jeder Faser seines K├Ârpers. Bleib ruhig, er wiederholt es gebetsm├╝hlenartig, bleib ruhig. An der abweisend wirkenden Steilk├╝ste gibt es keinen Felsvorsprung, keine h├Âher gelegene H├Âhle, in der er Schutz suchen k├Ânnte, abwarten bis sich der Sturm wieder beruhigt, wie es schlie├člich jeder Sturm irgendwann tut, das bek├Ąme er hin. Natur liegt ihm normalerweise.

Er versucht, schneller zu gehen, doch die orkanartigen B├Âen zwingen ihn immer wieder in den Stillstand, w├Ąhrend ihm Regen und Meer peitschend regelrechte Wasserfont├Ąnen entgegenschleudern. Der Sammler ahnt mehr die Stelle, wo der Steig den Hang hochf├╝hrt, als das er sie sieht in diesem eisgrauen Schmutz. In der Luft liegt ein infernalisches Gebr├╝ll, jeder Meter wird mehr und mehr zu einem z├Ąhen, zerm├╝rbenden Kampf, er nass bis auf die Knochen und durchdrungen von klauenhafter Angst. Immer noch trennen ihn viel zu viele Meter von der Stelle, wo der Steig beginnt, den er aber noch gar nicht sehen kann inmitten dieser wutentbrannten Natur. Das Wasser reicht ihm jetzt schon teilweise bis zu den Unterschenkeln, seine H├Ąnde finden kaum Halt am Steilufer, seine Finger krallen sich m├╝hsam in das raue Gestein, w├Ąhrend er mit dem Gang eines Betrunkenen vorw├Ąrts taumelt. Seine Kr├Ąfte schwinden in dieser Verlorenheit, das Gewicht der Steine h├Ąngt wie Blei an ihm, als m├╝sste er s├Ąmtliche Lasten seines Lebens tragen so wie der heilige Christopherus das Jesuskind, das schwerer und schwerer wurde. Doch den Rucksack den Wassermassen opfern, das kommt trotzdem nicht in Frage, egal wie ausgepumpt er sich f├╝hlt.

Im ersten Moment traut der Sammler seinen Augen nicht, als scheinbar aus dem Nichts der Kletterpfad Konturen annimmt, sich heraussch├Ąlt aus dem schmutzigen Zwielicht der dahin fegenden Regenschleier, ein Anblick, der ihn vor Hoffnung zittern l├Ąsst. Pl├Âtzlich schreit er los, ein Schrei, der unh├Ârbar davon fliegt, und er rudert heftig mit seinen Armen, oben am Pfad erkennt er eine gelbe Gestalt, und er sieht, wie sie die Arme hebt, und er m├Âchte heulen vor Gl├╝ck, weil auf einmal Hilfe naht. Die ├╝bersch├Ąumende Gischt bedr├Ąngt ihn unerm├╝dlich weiter, teilweise steht er bis zu den Oberschenkeln im Wasser. Vielleicht weil er so euphorisiert ist und mit neu entfachten Kr├Ąften losst├╝rzen will ger├Ąt sein K├Ârper pl├Âtzlich in eine Schieflage, der eine Riemen rutscht ihm ├╝ber die Schulter, sofort packt der Sturm zu und rei├čt den Rucksack nach hinten. Nur ein kurzer Moment, in dem er sein Gleichgewicht verliert, seinen Halt, und dann schl├Ągt auch schon das Wasser ├╝ber seinem Kopf zusammen. Er f├Ąngt panisch an zu strampeln, Kleidung und Rucksack scheinen in Sekunden Tonnen zu wiegen, oben und unten l├Âsen sich auf. Kopflos nestelt er an seinem Rucksack, verheddert sich st├Ąndig und seine Lunge giert nach Atemluft. Mit einem Mal ragt wieder sein Kopf aus dem Wasser, japsend saugt er nach Luft, bevor es ihn erneut unter die Wasseroberfl├Ąche zieht. Er tritt wild mit den F├╝├čen um sich, versucht es zumindest, denn seine Bewegungen erlahmen schnell, ihm ist unsagbar kalt, und dann dieser Salzgeschmack, als er Wasser schluckt.


__________________
A.S.

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


1 ausgeblendete Kommentare sind nur f├╝r Mitglieder und nur mit eingeschaltetem Javascript erreichbar.
Zur├╝ck zu:  Kurzgeschichten Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.
Werbung