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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Feuerlilien
Eingestellt am 29. 05. 2003 02:10


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Violetta
Autor mit eigener TV-Show
Registriert: Apr 2003

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Feuerlilien

Sie sah in den Spiegel, sah schwarz. Lang├Ąrmeliges, breith├╝ftiges Schwarz. Dar├╝ber, fast schwebend, ihr fahles Gesicht, das ein L├Ącheln probte, bis es gelang. Die Trauer reichte nicht weiter als bis an ihr Kinn.

An der linken Seite des Spiegels entdeckte sie Fingerabdr├╝cke und aus Gewohnheit beschleunigte sich ihr Puls. Schlampe, pochte er. Sie hauchte Nebel auf die glatte Fl├Ąche, wischte mit dem ├ärmel nach, hielt dann mitten in der Bewegung inne.
Nicht. Nicht mehr.

In der K├╝che stand noch ihre Kaffeetasse vom Fr├╝hst├╝ck, hatte einen braunen Kreis auf dem Esstisch hinterlassen, den sie lange, mit einem Gef├╝hl berauschten Triumphes betrachtete. Er sollte bleiben, als Zeichen ihres Sieges.
Sie streifte ihre Handschuhe ab und setzte sich. Lauschte der Ruhe des Hauses nach, vom Ticken der schweren Pendeluhr im Salon zu kleinen St├╝cken gehackt. Diesmal w├╝rde es nicht die Ruhe vor dem Sturm sein.
Sie atmete tief, schloss die Augen. K├Âstliche Einsamkeit. Ein pl├Âtzliches Knacken in der Diele lie├č sie hochfahren. Langsam, mit stolperndem Herzschlag, tastete sie sich in den Vorraum, der leer war. Leer sein musste.
Es ist nur das Haus, das die Anspannung aus seinen Balken l├Ąsst, dachte sie und l├Ąchelte wieder.

Etwas sp├Ąter stellte sie den Wasserkessel auf den Herd. Morgen w├╝rde sie Tee kaufen gehen, bunte, exotische Sorten: Orange, Vanille, Himbeer. F├╝r heute musste es noch einmal der billige Ceylon Assam tun. Sie go├č kochendes Wasser ├╝ber den Teebeutel und trug ihre abgeschlagene Tasse zur├╝ck zum Tisch. Sprang dann noch einmal auf, um sicher zu gehen, dass sie die Herdplatte abgeschaltet hatte.
Einmal hatte sie vergessen, es gleich zu tun. Karl hatte es bemerkt, er konnte ihre Verfehlungen wittern wie ein Schwein die Tr├╝ffeln. Er hatte ihre Hand genommen, fast z├Ąrtlich, und sie auf die Platte gedr├╝ckt, dabei bis zehn gez├Ąhlt.
Du musst es lernen, sagte er danach. Du kannst ja nicht einmal die einfachsten Dinge. Bist ohne mich gar nicht lebensf├Ąhig.

Sie trank ihren Tee aus, dann drehte sie eine Kontrollrunde durchs Haus. Diese Runden waren zu einer lieben Gewohnheit geworden, die ihr viel Schmerz ersparte. Sie pr├╝fte, ob alle Fenster richtig geschlossen waren, die Bilder gerade hingen, Karls Hemden im Schrank Kante auf Kante lagen. Sie vergewisserte sich, dass das Waschbecken ohne Wasserflecken und die Bleistifte auf Karls Schreibtisch gespitzt und parallel ausgerichtet waren. Sie befreite Zimmerpflanzen von verdorrten Bl├Ąttern und das Wohnzimmersofa von unsichtbaren Fusseln. Dann hielt sie inne, lauschte wieder der Stille. Ging zur Pendeluhr, ├Âffnete den Kasten und hielt das Pendel an. Jetzt war die Stille absolut.

Auf der blanken Kommode stand immer noch die Vase mit den Feuerlilien. Zehn Tage waren sie alt und begannen erst jetzt, ihre K├Âpfe zu senken.
Feuerlilien.
Karl war au├čer sich gewesen, als sie mit dem Strau├č zur T├╝r hereinkam.
Die waren nicht auf der Liste, br├╝llte er. Kannst du dich nicht einmal an eine simple Einkaufsliste halten, dummes St├╝ck?
Mit einem Schlag hatte er ihr die Blumen aus der Hand gefegt.
Ich will, dass du nichts tust, was ich dir nicht ausdr├╝cklich erlaubt habe. Nichts! Nicht einmal atmen ...
Sie sah, wie er seinen G├╝rtel ├Âffnete. Ein v├Âllig ruhiger Teil in ihrem Inneren wettete, dass er diesmal mit der Seite zuschlagen w├╝rde, an der die Schnalle war.
Sie wandte ihm den R├╝cken zu, ging in die K├╝che. Dort war es leichter, ihm auszuweichen. Sie war noch nicht ganz aus dem Zimmer, als sie hinter sich einen dumpfen Aufprall h├Ârte.
Karl lag auf dem Boden, den G├╝rtel halb aus der Hose gezogen, beide H├Ąnde an die Brust gepresst. Er rang nach Luft.
Wie versteinert blieb sie in der T├╝r stehen. Aus Karls Mund traten kleine, wei├če Bl├Ąschen, als er versuchte, etwas zu sagen. Sie lie├č ihn nicht aus den Augen. Telefon, formten seine bl├Ąulichen Lippen. Sie nickte.
Der schwarze Apparat stand in der Diele, das lange Kabel reichte in alle Zimmer der unteren Etage. Sie trug das Telefon zu Karl, stellte es drei Handbreit vor seinem Gesicht ab. Hier, murmelte sie.
Der Schaum vor Karls Mund wurde blutig. In seinem Blick lag Verstehen und Wut, immer noch so viel Wut, dass sie unwillk├╝rlich zwei Schritte zur├╝ckwich. Ich kann niemanden anrufen, sagte sie leise. Du hast es mir nicht erlaubt, wei├čt du?
Dann ging sie in die K├╝che, r├Ąumte sorgf├Ąltig die verderblichen Lebensmittel in den K├╝hlschrank. Als sie zur├╝ck ins Wohnzimmer kam, atmete Karl nicht mehr.

Feuerlilien schm├╝ckten auch den Kranz, den sie heute auf das Grab gelegt hatte. Sie fand das passend, ebenso wie den Spruch auf der Schleife, Ruhe auf ewig.
Dass Karl lieber eine Feuerbestattung gehabt h├Ątte, wu├čte niemand au├čer ihr. Nun wuchsen seine Fingern├Ągel weiter, und er konnte nichts dagegen tun. Seine kurzen, gepflegten Haare w├╝rden ihm bald bis in die toten Augen fallen.
Sie betrachtete den welkenden Blumenstrau├č in der Vase und dachte an W├╝rmer.
Die Balken des Hauses knisterten, als ihr kehliges Lachen die absolute Stille zerri├č.


__________________
Es gen├╝gt nicht, keine Gedanken zu haben. Man mu├č auch unf├Ąhig sein, sie auszudr├╝cken.
(Karl Kraus)

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flammarion
Foren-Redakteur
Routinierter Autor

Registriert: Jan 2001

Werke: 278
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jaja,

so kanns einem gehen!
ansonsten: super, deine geschichte. mach mal so weiter!
ganz lieb gr├╝├čt
__________________
Old Icke

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Rote Socke
Guest
Registriert: Not Yet

Hi Violetta,

eine ber├╝hrende Geschichte. Die Prot wird noch lange Zeit brauchen in ein normales Leben zur├╝ckzufinden. Aber den ersten Schritt dazu hat sie getan.
Der Text ist gut aufgebaut. Es steht nicht ├ťberfl├╝ssiges drin. Die Szene im Bad vor dem Spiegel gef├Ąllt mir sehr gut.

Prima
Socke

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kaffeehausintellektuelle
Guest
Registriert: Not Yet

sprachlich geschliffen und gediegen, sch├Âne wortkreationen (breith├╝ftiges schwarz) und spannung vom anfang bis zum ende.
was will man mehr?

wunderbar ist die geschichte.

die k.

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Zefira
???
Registriert: Jan 2001

Werke: 14
Kommentare: 1113
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Hinrei├čend. H├Âchstwertung von mir!
lG, zef

__________________
schmollfisch

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tsunami
???
Registriert: May 2003

Werke: 0
Kommentare: 12
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super!!
die beklemmung auch ├╝ber seinen tod hinaus - sprachlich und inhaltlich 1A.
liebe gr├╝├če von der tsunami

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