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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Fieber
Eingestellt am 06. 10. 2001 12:10


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arroyoverde
Hobbydichter
Registriert: Oct 2001

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F i e b e r

Nun hat das Fieber endlich eingesetzt, das Fieber, auf das ich so lange gewartet hatte. Nicht, daß ich es mir gewĂŒnscht hĂ€tte, ich wußte lediglich, daß es kommen wĂŒrde. Es war unausweichlich, und nun, da es da ist, ist es wie eine Erlösung. Es befreit mich von der Last des endlosen Bangens, nicht zu wissen, was einmal sein wird.

Ich könnte sie um Hilfe bitten - das Telefon ist gleich neben dem Bett, ein Griff genĂŒgt. Ich werde es nicht tun, ihr nicht die Gelegenheit bieten, mich zu behandeln, wie sie mich immer behandelt hat: herablassend und ĂŒberlegen, und doch unwissend und inkompetent. Ich werde ihr nicht die Freude machen, ein weiteres mal ĂŒber mein Leben zu bestimmen, diktatorisch die Richtung vorzugeben, nur aus Machtgier: Das ist nun endgĂŒltig vorbei. Wohl mag es mich das Leben kosten: diesmal treffe ich die Entscheidung und sie hat keinen Einfluß darauf; das werde ich auskosten bis zur letzten Sekunde.
Zu lange schon hat sie jeden Schritt vorgegeben, keine meiner Entscheidungen akzeptiert. Sie war der FĂŒhrer meines Lebens, a dictator of her own right. Sie hatte die Mittel, mir fehlte die Durchsetzungskraft. Stets saß sie am lĂ€ngeren Hebgel und hat davon skrupellos Gebrauch gemacht. Was hĂ€tte ich nicht alles schaffen können: Kunstwerke von nie dagewesener Schönheit, Symphonien voll Pathos, strotzend von der Kraft nie gehörter Harmonien. Doch es blieb mir versagt, mein Talent auszubilden und einzusetzen. Mit einer Handbewegung zerstörte sie die Entstehung eines Genies, eines Neuerers, eines Schöpfers mit mehr Phantasie, als die Welt je gesehen hat. Sie sprach mir jedes kreative Talent ab - aus reiner Lust an ihrer eigenen WillkĂŒr. So, wie in einer einzigen kleinen Zelle das Wissen und die FĂ€higkeit stecken, ein Lebewesen von unermeßlicher GrĂ¶ĂŸe, Kraft und Schönheit entstehen zu lassen, so steckte auch in mir der Funke des Göttlichen. HĂ€tte ich die Chance gehabt, hĂ€tte ich sie verwirklicht. Doch das konnte sie nicht ertragen, deshalb hat sie es mit aller Kraft verhindert. Sie wĂ€re fĂŒr immer in meinem Schatten gestanden, doch sie beanspruchte immer alles fĂŒr sich allein; und mit der Überlegenheit ihrer Dominanz erdrĂŒckte sie das zarte PflĂ€nzchen meiner KreativitĂ€t.

Draußen pulsiert das Leben: Ein nicht endenwollender Strom von Fahrzeugen aller Art, jedes mit unertrĂ€glichem GerĂ€usch verbunden, schiebt sich unter meinem Fenster vorbei. Mitten durch ein Wohngebiet, dank der Geisteskraft unserer Lokalpolitiker, denen ein fahrzeugfreies GeschĂ€ftszentrum wichtiger ist als die wohlverdiente Ruhe der BĂŒrger, denen sie das Geld aus der Tasche ziehen wie einst Drakula das Blut seiner Opfer.
HĂ€tte ich die moralische UnterstĂŒtzung erfahren, die diesen Cretins offensichtlich zuteil wurde, hĂ€tte ich sie hinweggefegt mit der Brillanz meiner Argumente, ich hĂ€tte die WĂ€hlerschaft mit der Aufrichtigkeit und absoluten Notwendigkeit meiner Ziele ĂŒberwĂ€ltigt, sie in Massen auf meine Seite gezogen.
Aber ganz auf mich allein gestellt, verschwand auch diese Möglichkeit wie schwacher Nebel unter der Mittagssonne. Einer Sonne, deren wÀrmende Strahlen mich nie erreichen konnten, da ich von einem ungnÀdigen Schicksal dazu verdammt war, auf ewig im Schatten dieses Monstrums zu leben.

Mit einem Ruck wird die TĂŒr aufgerissen.

"Nun liegt er immer noch im Bett. Und komm' mir bloß nicht wieder mit deinen Krankheitsgeschichten. Hast du wieder das Thermometer manipuliert? Ich glaube dir kein Wort. Und nun steh' endlich auf, aber plötzlich. Wird's bald!"

"Ja, Mama."


©kw 10/2001

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flammarion
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Registriert: Jan 2001

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wow!

zuerst einmal herzlich willkommen auf der lupe. du hast eine geradezu umwerfende geschichte gepostet. den schluß habe ich auf keinen fall erwartet. und jetzt denke ich: was is das fĂŒr ne rabenmutter? oder lĂŒgt der bengel tĂ€glich? jedenfalls 10 punkte fĂŒr dein werk. ganz lieb grĂŒĂŸt
__________________
Old Icke

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