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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Filigranarbeit
Eingestellt am 29. 12. 2012 14:59


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Maribu
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Registriert: Jun 2012

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FILIGRANARBEIT

Er war am ersten Weihnachtstag mit einer halben Stunde Verspätung bei ihr angekommen. Aber das war sie bei ihm ja schon gewohnt. Jedes Mal hatte er eine andere Begründung.
Der Grund war immer der gleiche. Er hatte Probleme, sich mit ebenfalls ausgedachten Ausreden von seiner Frau fortzuschleichen. Dass er den Heiligen Abend bei ihr geblieben war, hatte sie ihm zugestanden.
Nun war es halb neun geworden. Den Braten konnte sie zwar warm halten, aber die Kartoffeln und das Gemüse schmeckten bestimmt nicht mehr.
"Ich war noch beim Goldschmied", sagte er lächelnd. "An meinem Auftrag hat er sogar Weihnachten noch gearbeitet!" Er umarmte sie, gab ihr einen flüchtigen, und wie ihr schien, leicht schuldbewussten Kuss, nahm ihre Hand und legte ein Schmuckkästchen hinein.
Corinna öffnete es und war gerührt. Befürchtete aber im selben Moment, dass Fred etwas damit bezwecken, sie nur bei guter Laune halten und weiter mit Ausflüchten Zeit gewinnen wollte.
Oder tat sie ihm unrecht? brauchte sie es ihm heute gar nicht zu sagen, weil er längst gespürt hatte, dass er Vater werden wird? War es deswegen viel mehr als ein Weihnachtsgeschenk?
"Hat das einen besonderen Grund?" fragte sie freudig erregt und ließ das Armband, eine Filigranarbeit in Weißgold, langsam durch die Finger gleiten.
Fred schwieg einen Augenblick und sah sie verlegen an. "Vielleicht ahnst du es schon?!"
"Nein!" antwortete sie enttäuscht, denn am Klang seiner Stimme erkannte sie sofort, dass es mit seiner Frau zusammenhängen musste. "Du musst schon deutlicher werden!"
"Es ist leider etwas dazwischen gekommen. Wir müssen unsere
gemeinsamen Pläne zurückstellen. Ich habe dir versprochen, mich von Regine scheiden zu lassen. Jetzt, wo ich die neue, besser bezahlte Stellung antrete und es hätte in die Tat umsetzen können, sagt sie mir..." Er stockte. "Aber bekomme jetzt keinen Schock! - Regine ist schwanger!"
Corinna war wie vor den Kopf geschlagen. Damit hatte sie nicht gerechnet. "Nach zehn Jahren kinderloser Ehe ist deine Frau auf einmal schwanger geworden?" fragte sie ungläubig. Und jetzt wütend: "Eure Kinderlosigkeit war doch einer deiner Hauptgründe, Regine zu verlassen. Mit mir wolltest du ein neues Leben mit Kindern anfangen!"
"Sie muss es wohl gemerkt haben", erwiderte er kleinlaut. "Ich meine, nicht das Verhältnis mit dir, aber dass da eine andere Frau ist. Heimlich, hinter meinem Rücken, hat sie sich wochenlang von einem Gynäkologen behandeln lasssen. Er soll Spezialist sein auf den Gebieten 'Hormontherapie' und 'Künstliche Befruchtung'."
Corinna lachte hysterisch. "Daran glaubst du doch selber nicht! Ich war nicht bei diesem Arzt und bin ebenfalls schwanger! Es lag also nicht an diesem Arzt! Es lag an deiner Behandlung!"
Fred wurde blass. Er konnte nicht glauben, dass er zwei Frauen zur gleichen Zeit geschwängert hatte. "Sag so etwas nicht! Damit macht man keinen Spaß!" antwortete er, hoffend, dass sie nur geblufft hatte.
"Wer wohl seinen Spaß hatte!" konterte sie zynisch. "Mir aber versichern, dass sich seit Monaten bei euch im Bett nichts mehr abgespielt hat! Du hast mich hereingelegt und kannst dir dein Armband sonstwo hinstecken!"
Er musste erstmal tief durchatmen und begann mit leiser Stimme: "Ich habe das Armband anfertigen lassen als Zeichen, dass ich trotzdem zu dir halten will. Regines Schwangerschaft nach all diesen Jahren hätte mich nicht davon abhalten können." Er machte eine Pause und musterte sie kritisch. "Bist du wirklich schwanger?"
Corinna nickte nur. Ihre Erregung war verflogen.
"Das ändert die Situation schlagartig!" sagte Fred jetzt bestimmt. "Du hast dich selbst nicht an die Spielregeln gehalten! Wir hatten vereinbart, an Kinder zu denken, wenn ich von Regine geschieden wäre. Wer hat mir hoch und heilig versprochen, die Pille regelmäßig zu nehmen?" Und jetzt verbittert: "Aber es hat dir zu lange gedauert! Du hast kein Vertrauen mehr gehabt, wolltest mich unter Druck setzen!" Er machte eine kurze Pause und fixierte sie. Sein Blick war hasserfüllt. "Nicht ich hab dich, du hast mich hereingelegt!"
Fred stand abrupt auf. Im Weggehen sagte er: "Du kannst das Armband behalten. Betrachte es als dein Abschiedsgeschenk!"
Sie hörte die Tür zuklappen und blieb wie versteinert sitzen, ihre Hände verkrampften sich haltsuchend an der Tischkante.

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