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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Finale
Eingestellt am 15. 09. 1999 00:00


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ziner
Festzeitungsschreiber
Registriert: Mar 2003

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Rotkehlchen hat Husten, die Ameisen sind auf dem R├╝ckzug. Reden auf schmalem Grat und Vertrauen auf Messers Schneide; zaghaftes Du und zitterndes Ich, ergeben einen Fallschirm aus Spinnennetz mit Angst vor scharfem Wind. Es war eben doch die Lerche. Von Nachtigal keine Spur. Die hat die Katz' gefressen und die Lerche entpuppte sich als nachtschwarzes Rabenaas. Ein flatterndes Federvieh, das mit selbstgestutzten Fl├╝geln, eine Menge Wind macht, aber nicht fliegen kann. Fuchs du hast die Gans gestohlen und hinterl├Ą├čt nur einen verstreuten, fl├╝chtigen blutigwei├čen Eindruck deiner Tat in meinem siebten Himmel. Einen tr├╝gerischen Beweis deines Massakers. Der Fuchs indes, hat einen warmen Bauch und schn├╝rt zufrieden davon. Hinterl├Ą├čt einen gepl├╝nderten H├╝hnerhof und einen in federwei├čer Beliebigkeit zerstobenen Haufen geborstener Hoffnungen. Reinecke wirft einen letzten Blick ├╝ber die Schulter, leckt sich eine Daune aus dem Mundwinkel und l├Ą├čt sich auf seinem Weg zur├╝ck ins Dickicht der Freundschaft, selig vom Nebel des Vergessens verschlucken. Zur├╝ck bleibt ein gr├╝belnder Federwirt, dem nicht anderes ├╝brigbleibt, als seine waidwunde Seele nach Spuren von Durchhaltewillen und dem allgemeinen Das-Leben-Geht-Weiter zu durchforschen. Der aber Zweifel hat, an der Glaubw├╝rdigkeit der Welt und allem, was darin kreucht und fleucht. Und er sah, da├č nichts gut war. Sein w├╝rde. Gut sein w├╝rde; nie wieder. Nie wieder gut sein w├Ąre gut. Nie wieder sein, w├╝rde gut werden. Nie sein w├Ąre gut gewesen. Gut sein w├╝rde nie wieder werden. Den reinigenden Schluck im Kopf, wird der Versuch zu begreifen zur Suche nach dem Begriff. Ich bleibe allein. Bis zu den Knien im Selbstmitleid. Nie zuvor habe ich ein Bes├Ąufnis mehr als Reinigung empfunden als heute. Ich brauche eine Seelenreinigung. Kotzen als Selbsthilfe. Besaufen f├╝r Au├čensicht. Mal wieder einen Meter hinter mir stehen, lachen und: "Du Idiot!", denken. Lieben bringt dich n├Ąher zu dir selbst. Reflektiert. Rausch verst├Ąrkt. Mich, dich und andere. Am Ende reduziert sich alles auf die eine Frage. Die Antwort die alles kl├Ąren kann. Warum? Warum du mir den Boden unter den F├╝├čen weggezogenhast, kann ich vielleicht verstehen. Aber warum mu├čtest du mir auch noch beide Beine abhacken und sie dann wegschmei├čen?
Erinnerst du dich? Es war ein Freitag. Dein freies Wochenende. Wir waren verabredet. "Bringst du deine Zahnb├╝rste mit?", hatte ich dich gefragt. "Ich wei├č noch nicht.", war deine Antwort und ich ahnte, da├č etwas passiert war. Da├č dieser d├╝nne Faden, der uns zueinander gehalten hatte gerissen war, oder doch bald rei├čen w├╝rde. "Aber du kommst?" "Ja, aber erst sp├Ąter, so gegen zehn, OK?" "Ja, nat├╝rlich. Hauptsache du kommst." Ich ahnte, da├č du zum letzten Mal kommen w├╝rdest. Um zehn vor zehn klingeltest du an meiner T├╝r, ich ├Âffnete und du kammst mit zaghaften Schritt auf mich zu. Umarmtest mich fl├╝chtig. Kein Ku├č, kein Blick. Nur ein sch├╝tteres, trockenes "Hallo". "Komm rein, sch├Ân, da├č du da bist." "Ja..."
Ich hatte Kerzen angez├╝ndet, den Wein ge├Âffnet, die Heizung angestellt, und es h├Ątte ein sch├Âner Abend werden k├Ânnen. Du hast dich hingesetzt und nichts gesagt. Auch nachdem ich dir das Glas Wein gegeben hatte, bliebst du still. So als h├Ąttest du schon alles gesagt, durch deinen Nicht-Blick, durch dein eigentlich-nicht-da-sein. Du sa├čt einfach da und hast mir das Feld ├╝berlassen. Hast nur dagesessen, mit zusammengepre├čten Knien, die Unterarme auf die Oberschenkel gelegt und das Weinglas mit beiden H├Ąnden umfa├čt. Einfach in Duldungsstarre dagehockt und in den Wein gestarrt. Mir fiel aber auch nichts besseres ein, als Musik anzumachen. Diese Scheibe, die ich am Nachmittag geschenkt bekommen hatte. So ein Sampler auf dem von Boy George bis Tina Turner alles versammelt war, was ein romantisch Herz begehren kann. Do you really want to hurt me, or am I simply the best? Ich tat das nicht absichtlich. Zumal ich nicht glaube, da├č Musik mehr sagen kann als eigene Worte. Das ist Quatsch und gilt, wenn ├╝berhaupt, h├Âchstens f├╝r die Sprachlosen und Sprechgehemmten die von geborgtem Erleben/Leben zehren. Die sowenig Eigensein haben, da├č sie es Peter Mehrfach ├╝berlassen m├╝ssen, "Ich liebe dich" zu sagen. Wenn man es n├Ąmlich selbst sagt, steht man auf einem br├╝chigen Steg. Hat man schnell das Gef├╝hl l├Ącherlich zu wirken. Das kommt von der inflation├Ąren Flut von Musikw├╝nschen im Radio: "Ich w├╝nsche mir "Du bist mein Herz" von Reinhard Scheibendreher, f├╝r meinen Mucki und ich hab ihn gaaaaaanz doll lieb." Klar, da├č das l├Ącherlich wird. Da ist es schon einfacher, wenn man Gebrauchslyriker wie Herbert Kr├Ânenheyer, oder Markus M├╝ller-Westernthaler zur Hand hat. Bei denen reimt sich immer alles so sch├Ân! Da ist immer alles so herrlich kompakt auf drei Minuten drei├čig gefa├čt. Und niemand gibt sich eine Bl├Â├če. Es ist eben doch einfacher den Herbert sein Herz zur├╝ckverlangen zu lassen. Also ich hatte nicht vor, jemanden f├╝r mich sprechen zu lassen. Einfach Zufall. Beziehungsreiches ereignet sich wohl meistens durch Zufall.
Ich setzte mich also wieder neben dich. "So, jetzt erz├Ąhl mal, was ist los." Doch du hast nur den Kopf noch tiefer zwischen die Schultern genommen und bliebst stumm. Ich sa├č neben dir und sah dich an. Eine Stunde vielleicht. Du hast immer wieder zum Sprechen angesetzt, es aber doch im letzten Moment wieder abgebrochen. Luftholen, den Oberk├Ârper ein wenig aufrichten, den Atem anhalten, damit das erste Wort ausreichend Spannung hat. Dann doch den Atem sprachlos in die Umwelt entlassen, und wieder in sich zusammensinken. Ich dachte jedesmal, jetzt kommt's, jetzt ist es gleich vorbei. Nichts. Ich wollte dir so gerne helfen, aber ich bin nicht besonders gut im Gedankenlesen. Immerhin h├Ątte ich komplett daneben liegen, und mehr Porzellan zerbrechen, als wir h├Ątten kitten k├Ânnen. Du hast es mir nicht gerade leicht gemacht. Dann, nach einer weiteren Stunde, oder einer halben, vielleicht waren es auch zwei - in der Stille zieht sich die Zeit - erneutes Luftholen, Aufrichten, Sprechen. "Erz├Ąhl mal was?" Rumms. Ein Satz wie ein Hammerschlag. Ein Satz, als s├Ą├čen wir gem├╝tlich in einer Eisdiele und der Gespr├Ąchsstoff w├Ąre ausgegangen. Aber es war ganz anders. Du kamst mit einem Rucksack voll Ungesagtem, warst im Begriff mir das Herz zu brechen, oder doch meine Illusionen zu beerdigen, und ich sollte was erz├Ąhlen. Was erz├Ąhlen. Was w├Ąre dir denn recht gewesen? Vielleicht wie mein Tag gewesen ist, was ich zum Mittag hatte. Wie h├Ątte ich mit Bef├╝rchtungen im Hinterkopf, mit der Angst im Umtergrund, belanglos plaudern k├Ânnen? Nein, es war dein P├Ąckchen und das solltest du selbst aufschn├╝ren.
Du blicktest wieder zu Boden und hast an deiner Unterlippe gekaut. Es sah so aus, als w├╝rdest du, wenn du noch weiter in dich versinkst, einfach verschwinden. Einfach aufl├Âsen wie eine Fata Morgana, der man zu nahe kommt. Die Stille legte sich greifbar zwischen uns. D├Ąmmstoff. Emotionaler Schallschutz. Eine Mauer aus: Du wei├čt zwar noch nicht worum es geht, aber versuch' gar nicht erst mich umzustimmen. Eine Stille auf der man sich zur Ruhe h├Ątte betten k├Ânnen. Eine finale Stille. Aus. Ende. Feierabend. Sense. Es fehlte nur noch das Wort. Was noch fehlte, war der eine unausgesprochene, unausprechliche ausgesprochene Satz. Schweigen. Wenn ich nicht gelegentlich aufgestanden w├Ąre, um Musik anzumachen, man h├Ątte uns f├╝r ein Wachsfigurenkabinett halten k├Ânnen. Um uns herum brannten die w├Ąchsernen Geister unserer kurzen Vergangenheit ihrem Ableben entgegen. Als das letzte Lichtlein verlosch, der letzte Gedanke, das letzte Gef├╝hl einen abschlie├čenden Funken spr├╝hte, hast du es gesagt: "Ich kann mit dir keine Beziehung f├╝hren. Aber la├č uns Freunde bleiben. Ja?" Jetzt war es raus. Endlich. Ich war viel weniger ersch├╝ttert, als ich bef├╝rchtet hatte. Ich dachte nur: "Das darf doch nicht wahr sein". Du h├Ąttest tausend andere Dinge sagen k├Ânnen. Du hattest Millionen M├Âglichkeiten. Du h├Ąttest sagen k├Ânnen: "La├č uns weiterhin ├╝ber B├╝cher reden, wir k├Ânnen trotzdem telefonieren. La├č uns gelegentlich ein Bier trinken gehen, oder ins Theater. La├č uns mal spazieren oder auch ins Bett gehen. La├č uns zusammen Spa├č haben, ohne uns etwas zu versprechen. La├č uns beeinander sein, ohne etwas voneinader zu wollen. La├č uns. Doch stattdessen kommst du mit der abgedroschensden aller M├Âglichkeiten. "La├č uns Freunde bleiben." Als wenn das jemals funktioniert h├Ątte. Bis dahin hatte ich wohl davon geh├Ârt, da├č es sowas geben soll. Etwa so wie: ich kannte mal einen, der von der Schwester des Schwagers einer Freundin geh├Ârt hatte, da├č sie eine Bekannte h├Ątte die... Ansonsten hielt ich das f├╝r eine Erfindung Hollywoods und hatte in diesem Moment ein Bild vor meinem inneren Auge. Meg Ryan die Tom Hanks in die Kobaltblauen Augen blickt und sagt: "La├č uns Freunde bleiben", und er mit stetem, festem Blick in die nicht minder kobaltblauen Augen sieht und ein durchhalterisches "Ja, sicher..." nuschelt. Nach deinem "La├č uns...", blieb mir nichts anderes als ebenfalls "sicher,...ja,...nat├╝rlich." zu brummeln. Aber, was bedeutet das schon. Wir k├Ânnen Freunde sein, und trotzdem miteinander ins Bett gehen, oder wir k├Ânnen Freunde sein und uns gelegentlich im Vorbeigehen "Hallo" sagen. Welches Freunde-Sein sollte unseres werden. Das hast du nicht gesagt. Vieleicht hast du es absichtlich so schwammig und nebul├Âs gehalten, weil dieser abgegriffene Satz bei n├Ąherem Hinsehen doch einiges an Wahrheit entbl├Â├čt h├Ątte. Zum Beispiel, da├č eine Freundschaft auch eine Beziehung ist. Also steckte hinter deinem Absprung noch mehr, was du aber verschwiegst. Warum?
Ich war viel verletzter ├╝ber das, was du nicht gesagt hast. Was war es, was st├Ârte dich? War es meine Unf├Ąhigkeit meine Gef├╝hle zu z├╝geln, mein anstrengender Wunsch dir nah sein zu wollen? Oder hattest du dich einfach nur geirrt? War alles nur ein Irrtum, ein Versehen? Jeder Ku├č ein Fehler, jede Br├╝hrung eine Verwechslung, jedes Wort ein Holzweg? Hast du deswegen stundenlang herumgessen, und dir meinen Kopf zerbrochen? "Wie bringe ich ihm jetzt bei, da├č ich mich wochenlang selbst get├Ąuscht, geirrt und belogen habe. Wie erkl├Ąre ich blo├č, da├č all das Gerede, Ges├Ąusel, Gek├╝sse und Geblicke; jede Ber├╝hrung, jedes Glas Wein, die stundenlangen Telefongespr├Ąche nicht wirklich waren?" Das w├Ąre zu gef├Ąhrlich. Stattdessen nimmst du alle Schuld auf dich. Behauptest es l├Ąge nur an dir, stellst keine Fragen und gibst keine Erkl├Ąrungen. ├ťberl├Ą├čt mir den Rest vom Sch├╝tzenfest. Klappst einfach deinen Bauchladen zu, und verschwindest. "'Tschuldigung, ich hab mich geirrt, meinen Stand an der falschen Ecke aufgemacht. Du warst gar nicht gemeint. Siehst du, alles sch├Ân einfach. Ein sauberer Schnitt schmerzt nicht. Aber wir bleiben in Kontakt. Rufen Sie uns nicht an, wir rufen Sie an." Fein.
Am Ende bleibe ich ├╝brig; schiebe die Porzellankiste in den Keller und bestelle eine neue. Einge gr├Â├čere und sicherere. Es tut mir leid, wenn ich dir zu nahe gekommen bin, wenn ich deine Fluchtdistanz unterschritten habe. Was ist passiert? Wann? Wir waren so nah dran. Doch irgendwann habe ich irgendwas gesagt das dir Angst gemacht hat. Was? Habe ich zuviel vorausgesetzt? Hatte ich zuviel Selbstverst├Ąndlichkeit im Blick? Ich war deiner so sicher, da├č ich die Zwischent├Âne nicht geh├Ârt, die Silbenwaage weggestellt habe. War so besoffen von dir und der Freude, da├č ich mit Blindheit geschlagen am Wegesrand zur├╝ckbleiben mu├čte. Ich war so nah bei dir, da├č mir dein Atem die Sicht versperrte. Habe so sehr das Irgendwann herbeigesonnen. Das Sp├Ąter, das Kommende erwartet, da├č mir das Gegenw├Ąrtig, das Nun und das Hier aus den Augen geriet. Ich war so sehr damit besch├Ąftigt, dich kennenzulernen. Ich hab nicht einmal daran gedacht, wann das sein w├╝rde. Wann ich anfange dich kennenzulernen, ich dich kennengelernt haben w├╝rde. Ich w├╝nsche dir viel Gl├╝ck mit ihm.

(├ťbernommen aus der 'Alten Leselupe'.
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