Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, m├╝ssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5438
Themen:   92245
Momentan online:
304 Gäste und 10 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Kurzgeschichten
Fischregen
Eingestellt am 18. 02. 2004 16:50


Autor
Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.
dorimuci
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Mar 2002

Werke: 4
Kommentare: 4
Die besten Werke
 
Email senden
Profil

Fischregen

Die Nacht ├╝ber hatte es kr├Ąftig an den Rollladen geklappert, so dass Marion nicht besonders ausgeschlafen war, als der Wecker klingelte.
Sie schl├╝pfte in den warmen Norweger-Pullover, den sie von ihrer Mutter zum 30. Geburtstag letzte Woche bekommen hatte und zog sich in diesem ungew├Âhnlich kalten Februar noch eine Wollstrumpfhose unter die Jeans. Als sie vors Haus trat, wurde sie von einer heftigen Windb├Âe gegen den Fahrradst├Ąnder geschleudert. Sie zog sich schnell wieder hoch und dachte kurz an die Wettervorhersage, die sie gestern in den Abendnachrichten geh├Ârt hatte:
St├╝rmische Winde ÔÇô heftige Niederschl├Ąge ÔÇô ├Ârtliche Gewitter m├Âglich. Es war in der Tat sehr st├╝rmisch.

Zur Garage waren es nur ein paar Schritte, aber sie musste sich am Gartenzaun entlang hangeln um nicht noch einmal den Halt zu verlieren. Das Garagentor aufzusto├čen erforderte ihre ganze Kraft. Hinter dem Steuer ihres kleinen Fiats f├╝hle sie sich sicher. Sie merkte gar nicht, dass au├čer ihr niemand unterwegs war. Eine leere M├╝lltonne wurde vom Wind ├╝ber die Stra├če gefegt. Marion konnte gerade noch ausweichen. In wenigen Minuten war sie auf der B 463 Richtung Meershausen, wo sie in ziemlich genau einer halben Stunde ihren Dienst in der dortigen Kreisklinik als Hebamme antreten w├╝rde.

Es hatte zu sch├╝tten begonnen. Die Scheibenwischer pfl├╝gten die Wassermassen tapfer von einer Seite zur anderen. Zeitgleich mit dem ersten Donnerschlag knallten riesige Hagelk├Ârner aufs Blechdach und gegen die Scheiben. Blitze erleuchteten die Szenerie. Die B├Ąume bogen sich wie Peitschen und ihre letzten Bl├Ątter mischten sich mit dem Hagel zu einer undurchsichtigen Wand. Marion konnte kaum noch etwas sehen. Sie starrte angestrengt durch die Windschutzscheibe. Waren es ├╝berhaupt Hagelk├Ârner? Was da vom Himmel fiel war nicht wei├č oder hellgrau, es war dunkel, blauschwarz. Und es waren auch keine Eisk├Ârner oder Bl├Ątter: es waren Fische, Sardellen vielleicht, nein Heringe, oder eher Forellen. Immer gr├Â├čer wurde das Getier, das auf sie herab regnete. Sie stieg auf die Bremse und hielt da, wo sie den rechten Fahrbahnrand vermutete. Beim Anhalten rutschte ein riesiger Fisch vom Autodach ├╝ber die Windschutz-scheibe und blieb seitlich liegen. Sein gro├čes Auge schaute dumm in ihr verst├Ârtes Gesicht. Weitere Fische rutschten lautlos die schleimige Bahn herunter und bedeckten die K├╝hlerhaube. Auch neben dem Auto h├Ąuften sich bereits mehrere Lagen Fische, die sich eng aneinander schmiegten, in jede L├╝cke schl├╝pften. Innerhalb weniger Sekunden wuchsen die Fischleiber auf der Stra├če zu solcher H├Âhe an, dass an ein Hindurchkommen nicht mehr zu denken war. Marion hatte nur einen Gedanken: Raus hier, fort von hier, weg, weg! Lieber Gott, lass mich blo├č hier raus kommen! Die Autot├╝r lie├č sich gerade noch einen Spalt weit ├Âffnen, so dass sie sich hinauszw├Ąngen konnte. Sofort glitt sie auf dem glitschigen Untergrund aus und landete b├Ąuchlings auf der fischigen Masse. Sie schleuderte jeden Fisch, den sie zu packen bekam, weit von sich. Es war pure Sisyphos-Arbeit, die sie nicht einen Schritt weiter brachte. Jedes Mal, wenn sie es geschafft hatte, in die Senkrechte zu kommen, platschte sie wieder zur├╝ck auf die schl├╝pfrigen Leiber.
Mit der Zeit rutschte sie trotz verzweifeltem Kampf immer tiefer und war bereits bis zur Brust im fischigen Sumpf von unz├Ąhligen Glupschaugen umschlossen. Schlie├člich ragte nur noch ihr Kopf heraus, und sie japste mit den nach Luft schnappenden Fischm├Ąulern und die Wette.
Mit gr├Â├čter Willensanstrengung gelang es ihr noch einmal einen Arm hervor zuziehen, um ihren Hals ein wenig frei zu bekommen, auf dem ein besonders gro├čes Exemplar lag und sie zu ersticken drohte. Sie griff nach dem Fischk├Ârper und erkannte mit Entsetzen, dass ihre Hand zur Flosse geworden war, die zwar kr├Ąftig aber erfolglos nach dem Fisch schlug. Ihre Beine ganz tief unten hatte sie schon eine ganze Weile nicht mehr gesp├╝rt. Jetzt aber f├╝hlte sie pl├Âtzlich einen starken Impuls sich nach oben zu strampeln. Mit zwei, drei kr├Ąftigen Auf- und Abw├Ąrtsbewegungen konnte sie sich endlich an die Oberfl├Ąche sto├čen.

Das Rippenmuster ihrer roten Strumpfhose war prall gedehnt. Dort wo einst die F├╝├če waren, schillerte nun in geometrisch-vollendeter Form eine riesige Schwanzflosse, um die sich locker ihr Jeansg├╝rtel gewickelt hatte. Marions Hals f├╝hlte sich gleicherma├čen dick und steif an. Sie war nicht in der Lage an ihrem K├Ârper herab zu sehen, aber was sie sp├╝rte, war eindeutig genug.

__________________
Carpe diem

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


Andrea
???
Registriert: Aug 2000

Werke: 21
Kommentare: 375
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Andrea eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil
4 von 10 Punkten

Sprachlich liest sich die Geschichte gut; du hast einen angenehmen Stil, vielleicht ein wenig zu viel Beschreibung f├╝r meinen Geschmack, aber nur ein bi├čchen (z.B. hast du extrem viele Detailinformationen im ersten und zweiten Abschnitt).

Inhaltlich - nun, du vollziehst recht konsequent eine Wandlung von realistischer zu phantastischer Handlung, aber dann brichst du mitten drin ab. Gut, Marion hat jetzt einen Fischschwanz, aber wozu? Warum? Mir pers├Ânlich fehlt einfach der Spannungsbogen; schlie├člich kommt die Verwandlung sehr unverhofft und auch grundlos, so da├č mich der Text etwas verwirrt zur├╝ckl├Ą├čt. Hat er eine Aussage? Will er etwas erz├Ąhlen oder darstellen? Gibt es eine tiefere Bedeutung, die mir entgangen ist?

Fazit: obwohl die Geschichte an und f├╝r sich angenehm geschrieben ist, hardere ich mit dem Inhalt.
__________________
Andrea Rohmert

Bearbeiten/Löschen    


dorimuci
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Mar 2002

Werke: 4
Kommentare: 4
Die besten Werke
 
Email senden
Profil

Danke Andrea f├╝r deine ausf├╝hrliche Beurteilung. Ich habe mich gefreut, dass Du den Text so genau angeschaut hast.
Die Geschichte endet absichtlich so. Der Leser soll sich seine eigenen Gedanken machen. Vielleicht h├Ątte ich es nicht unter die Rubrik Kurzgeschichte stellen sollen, sondern eher unter Science Fiction oder Fantasy. Da bin ich mir nicht sicher. Wie du sehen kannst, habe ich noch nicht viel geschrieben und bin deshalb noch nicht so vertraut mit Leselupe. Auch ist diese Antwort ein Versuch, denn ich wei├č nicht, ob ich den richtigen Button gedr├╝ckt habe.
__________________
Carpe diem

Bearbeiten/Löschen    


Monfou Nouveau
???
Registriert: Aug 2003

Werke: 2
Kommentare: 497
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Monfou Nouveau eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Hallo dorimuci,

ich kann AndreaÔÇÖs Statement durchaus nachvollziehen. Vor allem dachte ich, ein Leser, der die "Verwandlung" von Franz Kafka kennt, wei├č, dass dieses Thema ÔÇô oder Aspekte des Themas ÔÇô in der Literatur schon in beklemmender Weise abgehandelt worden sind. Oder man lese Philip Roths Roman ÔÇ×Die BrustÔÇť, wo sich ein Mann in eine weibliche Brust verwandelt.

Dennoch hat mir die sprachliche Umsetzung gefallen. Ich gestehe, ich habe den Text atemlos gelesen. Dabei merkte ich dann, dass ich in diesen Sog der Handlung, der Verwandlung, geriet.

Lehnt man sich nun zur├╝ck, nachdem man gelesen hat, darf man sich nat├╝rlich fragen, wof├╝r das Ganze. Nicht dass Schreiben Mittel zum Zweck w├Ąre und jeder Text auf etwas hinauslaufen m├╝sste. Aber das Ganze wirkt wirklich wie ein kunstvolles Ger├╝st, aber niemand wei├č, wof├╝r es an diesem Ort steht. Oder ist es nur ein Ausschnitt?

F├╝r die konsequente Umsetzung w├╝rde ich aber doch ÔÇô auch in Relation zu anderen Texten im Umfeld ÔÇô ein paar Punkte mehr geben wollen. Deine Schilderung verr├Ąt f├╝r mich sehr viel sprachliches Geschick.

Beste Gr├╝├če

Monfou

Bearbeiten/Löschen    


Zur├╝ck zu:  Kurzgeschichten Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!