Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, m√ľssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5437
Themen:   92195
Momentan online:
270 Gäste und 18 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Tagebuch - Diary
Fixierte Tage
Eingestellt am 13. 07. 2005 23:23


Autor
Ein neues Thema ver√∂ffentlichen.     Antwort ver√∂ffentlichen.
Holomino
Manchmal gelesener Autor
Registriert: Feb 2004

Werke: 5
Kommentare: 15
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Holomino eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Fixierte Tage

Wenn ich heute Tagebuch schreiben w√ľrde, ich denke ich h√§tte nicht viel zu berichten. Wenn ich schon seit l√§ngerem Tagebuch f√ľhren w√ľrde, h√§tte ich jetzt eine Sammlung leerer Seiten, akribisch versehen mit dem Datum vergangener Tage. Vielleicht h√§tte ich dadurch endlich einen Beweis, dass diese Tage wirklich gewesen sind. Vielleicht h√§tte ich auch Belanglosigkeiten hineingeschrieben. Aber wahrscheinlich h√§tte ich nur neben das Datum einen Haken gemacht. Dieser Tag ist abgehakt!
Ach, was w√ľrde ich schreiben. Vielleicht so etwas wie:

Heute habe ich mich verliebt.

Das w√§re glorreich. So etwas w√ľrde ich sp√§ter dann auch selber gerne wieder lesen. Oder ich k√∂nnte es meinen Nachkommen zeigen. "Guck mal, an dem Tag habe ich Deine Mutter kennengelernt. Den Tag habe ich in meinem Tagebuch mit einem Satz versehen und damit unsterblich gemacht."
Aber was w√ľrde ich sagen, wenn der Nachwuchs dann anf√§ngt zu bl√§ttern und all die anderen leeren Seiten sieht. Es m√ľssten mehr solche S√§tze darin stehen:

Hurra, ich werde Vater

Gut, gibt bei drei Kindern auch drei Seiten und damit drei unsterbliche Tage...
...auf f√ľnf Jahre verteilt.

Ich verdiene jetzt mehr Geld und kann meinen Kindern eine elektrische Duplo-Eisenbahn kaufen

Das hat wirklich unsterbliche Stunden in meinem Leben bedeutet. Allerdings weniger, weil ich meine Kinder damit besonders gl√ľcklich gemacht habe, sondern weil ich selbst abends heimlich im Wohnzimmer dem einsamen aber erfindungsreichen Lokf√ľhrerdasein fr√∂nte. Also, darf ich das √ľberhaupt in ein Tagebuch schreiben? Sollte dort nicht wahrheitsgem√§√ü stehen:

Heute habe ich mir von meinem sauer verdienten Geld eine Duplo-Eisenbahn gekauft. Die Kinder d√ľrfen auch damit spielen.

Mein Gott, darf man so was schreiben? Was sollen die Kinder denken? Was f√ľr ein p√§dagogischer Supergau. OK, neue Idee, wie w√§re es mit:

Heute habe ich das Rauchen aufgegeben

Kann ich so etwas √ľberhaupt zeitnah schreiben? M√ľsste ich da vielleicht am n√§chsten Tag notieren:

Heute habe ich das Rauchen neu f√ľr mich entdeckt

Hmmm, schön positiv formuliert.
Es ist nicht so ganz einfach. Bleiben neben den L√ľgen und Besch√∂nigungen realistisch gesehen doch nur die Belanglosigkeiten, die t√§glichen kleinen Peinlichkeiten, die minimalen Tiefs und Hochs und als W√ľrze vielleicht noch eine Prise des Humors, den ich hoffe, mir √ľber diese Durststrecke meines Lebens bewahrt zu haben. Also k√∂nnte ich schreiben:

Heute morgen bin ich um 6 Uhr mit einem starken √úbelkeitsgef√ľhl aufgewacht. Kein Wunder, gestern habe ich ungesund gelebt:
Pizza mit Lachs und Schafskäse verfeinert, zwei Bier, anschließend eine Flasche 'Batida de Coco', dazu Zigaretten und Fernsehen.
Nach zwei Tassen Tee und einer l√§ngst √ľberf√§lligen Dusche (der Duft war nicht 'animalisch' sondern 'bestialisch') habe ich mich heute morgen zur Arbeit getrollt.
Mein Arbeitsergebnis bestand darin, zwei von mir programmierten Softwarefehlern eigenst√§ndig den Garaus zu machen, einige unbedeutende Anpassungen in einer Dokumentation vorzunehmen und mir eine Stunde die Beine bei meinem Projektleiter in den Bauch zu stehen, um mir eine Best√§tigung f√ľr einen unausweichlich kommenden Arbeitsschritt geben zu lassen und ihm gegen√ľber meine Kommunikationsbereitschaft und Diensteifrigkeit zu bekunden, so dass er nicht seinem Vorgesetzen eingestehen muss, dass er nicht die Bohne eine Ahnung hat, was ich denn so den ganzen Tag treibe.
Als ich abends nach Hause kam, stellte ich fest, das Frau und Kinder einen weiteren Tag ohne telefonische R√ľckmeldung im Urlaub (D√§nemark, Legoland, nein, wir haben keine Ehekrise, ich habe einfach keinen Urlaub bekommen, weil meine Arbeit so immens wichtig f√ľr die Firma ist) verbracht haben.
Viel Vergn√ľgen!
Nach zehnmin√ľtiger Recherche hakte ich das heutige Fernsehprogramm ab. So bin ich nun hier gestrandet und schreibe in mein imagin√§res und wahrscheinlich fortsetzungsloses Tagebuch.


Gestrandet! Das passt!
Was w√ľrde ich morgen schreiben? Der Tag wird nach der heutigen Planung √§hnlich aussehen: Aufstehen, Arbeit, was Essen und abends stranden. Keine Vorgaben, keine Initiative und blo√ü kein Stress.
Und √ľbermorgen? Als Highlight k√∂nnte ich notieren, dass die Familie aus dem Urlaub zur√ľckgekehrt ist.
Am Wochenende wäre dann zu schreiben, dass Wochenende ist.
W√ľrde ich am Sonntag schreiben? Oder h√§tte mein Tagebuch dann frei?
Die n√§chste Woche k√∂nnte ich mit dem t√§glichen Kleinkrieg f√ľllen. Eine sinnlose Aneinanderreihung von mehr oder weniger gegl√ľckten Situationen. Umst√§nde, die ich weder geplant noch erhofft habe. Komik, √ľber die ich in dem Augenblick, in dem sie entstand, bis zum Abwinken lachen konnte, die mir sp√§ter aber nur noch einen schalen Geschmack der verketteten Abstrusit√§ten meines Lebens vermittelt. Genauso gut k√∂nnte man ein Videoband aufnehmen. Mein pers√∂nliches "Big Brother". Das Spiel des Lebens. Wer guckt eigentlich so einen Schei√ü? - Mein Gott!

Als Techniker w√ľrde ich sagen: "Eine gigantische Menge Datenm√ľll"

Als Mensch sage ich: "Wen interessiert's? - mich nicht"

Als Ich sage ich: "Nein Tagebuch, Du sollst es nicht sein, meine Botschaft, meine Idee, mein Leben. Du sollst nicht sein, was ich schreibe, denn Du w√§rest ja die Realit√§t. Du w√§rest nicht meine Tr√§ume, meine Kreativit√§t, mein Ich. Du w√§rest nur die verkrustete H√ľlle von mir. Du w√§rest das Andenken an den Menschen, den ich so hasse, die b√∂se Erinnerung an die Tage ohne Lebensberechtigung. Du w√§rest das, was ich bin und nicht das, was ich sein will. So viel verschenkte Zeit, schwarz auf wei√ü fixiert, bis ich Dich verbrenne und damit die Tage vernichte, die ich vergessen will."

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


nobody
Guest
Registriert: Not Yet

quote:
Wer guckt eigentlich so einen Scheiß? - Mein Gott!
Meiner wahrscheinlich auch ...

Leider funktioniert meine Bewertungsstrichmaschine wieder einmal nicht. Wenn sie wieder geht, werde ich mich zwischen 9 und 10 entscheiden m√ľssen.

LG Franz

Bearbeiten/Löschen    


mirami
Guest
Registriert: Not Yet

hallo holomino,

gro√üartig dein text. spannend und sehr am√ľsant. ich kam aus dem grinsen nicht mehr raus. wahrscheinlich denken die meisten m√§nner so √ľber‚Äôs tagebuchschreiben. ich glaube m√§nnertageb√ľcher im allgemeinen w√§ren ohnehin sehr langweilig. ;-) das liegt nicht daran, dass m√§nner etwa weniger erleben sondern daran, dass sie ganz eigenartige priorit√§ten haben was hineinzuschreiben w√§re. siehe:

‚ÄěPizza mit Lachs und Schafsk√§se verfeinert, zwei Bier, ...‚Äú

oder das hier war auch sehr lustig:

“Mein Arbeitsergebnis bestand darin, zwei von mir programmierten Softwarefehlern eigenständig den Garaus zu machen, einige unbedeutende Anpassungen in einer Dokumentation vorzunehmen...“

obwohl, wenn ich‚Äôs mir genau √ľberlege, w√§ren die gar nicht langweilig. endlich bek√§men wir frauen mal schwarz auf wei√ü zu lesen, was in euch tats√§chlich vorgeht und was euch so wirklich bewegt im leben. das w√ľrde vieles erkl√§ren, sinnlose diskussionen ersparen und das miteinander vielleicht einfacher machen. was aber wenn ihr unsere tageb√ľcher lesen w√ľrdet? wir w√ľrden euch ja noch unverst√§ndlicher und am ende h√§tten wir noch den beweis, dass frauen und m√§nner sich √ľberhaupt nicht verstehen k√∂nnen!

ganz herzlich gelacht habe ich √ľber den satz:

Als Techniker w√ľrde ich sagen: "Eine gigantische Menge Datenm√ľll"
Als Mensch sage ich: "Wen interessiert's? - mich nicht"


da wird dir wohl jeder recht geben, ob männlich oder weiblich, der im nachhinein eigene alte aufzeichnungen liest. ich jedenfalls halte es da mit adenauers: "was interessiert mich mein geschwätz von gestern"


in jedem fall waren das hier die lustigten potentiellen tagebucheintr√§ge und gedanken √ľber das tagebuchschreiben an sich, die ich je gelesen habe.


liebe gr√ľ√üe
mirami

Bearbeiten/Löschen    


Phalcalla
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Apr 2005

Werke: 1
Kommentare: 3
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Phalcalla eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Im ersten Moment finde ich den Text eigentlich sehr am√ľsant zum lesen. Man kommt auch zeitenweise ins Schmunzeln.

Aber ist es denn wirklich so schlimm, wenn ein Mann Tagebuch schreibt, und kann ein Leben wirklich nur aus leeren Tagebuchseiten bestehen?

Nat√ľrlich gibt es im Leben oft "leere Seiten" aber deshalb muss man das Tagebuch nicht aufgeben.
Ich f√§nde es eine sch√∂ne Vorstellung, dass eines Tages einmal meine Kinder mein TAgebuch lesen, und sagen "hey, an dem tag hast du Papa/MAma kennen gelernt. Ist das toll." Und wenn auch das Kommentar von meinen Kindern nur "ist das kitschig so wie ihr euch kennen gelrnt habt." sein sollte, ich f√§nde es sch√∂n meine Kinder oder auch mich selbst wieder an die sch√∂nen Dinge in meinem LEben zu erinnern. Was auch sehr gut dabei hilft die "leeren SEiten" zu √ľberbr√ľcken.

Bearbeiten/Löschen    


Holomino
Manchmal gelesener Autor
Registriert: Feb 2004

Werke: 5
Kommentare: 15
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Holomino eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Puhhh,

danke auch.

Wobei ich nicht unbedingt sagen wollte, dass ich oder die Männer im allgemeinen Tagebuchhasser sind.
Mir (nur zum Verständnis, Mirami, Phalcalla) scheint es jedoch nicht so erstrebenswert. Es liegt weniger am Medium, sondern am Inhalt. Das ist mein sehr persönliches Fazit.

Gruß Holomino

Bearbeiten/Löschen    


Zur√ľck zu:  Tagebuch - Diary Ein neues Thema ver√∂ffentlichen.     Antwort ver√∂ffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!