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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Flacher Atem
Eingestellt am 08. 01. 2004 22:27


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Willibald
???
Registriert: Jul 2002

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Salute, Kollegen und Lectores,

hier der Versuch, eine dunkle Adoleszenzgeschichte zu bauen.

Vielleicht gibt es Anmerkungen?

Flacher Atem

Katharina keuchte ein wenig, sie hatte ihren Kopfh├Ârer beim Laufen auf und ihre Beine trommelten im Takt eines ihrer Lieblingslieder. "Walking in Memphis, put on my blue suede shoes, touched down in the land of the Delta blues, in the middle of the pouring rain."

Es war Samstag, die Schulwoche lag hinter ihr, der Montag weit vor ihr und die kleine Stadt unter ihr. Die Fachwerkgeb├Ąude, das Schnatterloch, das Gymnasium waren nicht mehr zu sehen. Ein paar Steinh├Ąuser und Villen fanden sich noch auf der Graubergstra├če. Gr├╝nderzeitvillen. Die Freundin wohnte dort. Ralph, der sie beim Tanzkurs hatte k├╝ssen wollen. Der alte Pfarrer, der sie vor sechzehn Jahren getauft hatte.

Nun bog sie in den flachen Ringweg ein, der schattendunkle Wald hatte sie aufgenommen. Sie atmete tief durch und beschleunigte das Tempo, ihre blauen Schuhe wirbelten ├╝ber den Boden, sie n├Ąherte sich dem ummauerten Privatgrundst├╝ck. Das eiserne Gittertor in der Sandsteinmauer. Der Besitzer lie├č sich nie sehen. Mehrmals schon hatte sie durch das Gartentor geblickt, hatte die hohe Akazienhecke im hinteren Ende des Gartens gemustert, die etwas zu verbergen schien, und war dann weitergelaufen. Heute w├╝rde sie pr├╝fen, ob die T├╝r verschlossen war.ÔÇ×Saw the ghost of Elvis On Union Avenue, followed him up to the gates of Graceland, then I watched him walk right through. They just hovered 'round his tomb. But there's a pretty little thing waiting for the King down in the Jungle Room.ÔÇŁ

Sie lief noch vier, f├╝nf Schritte auf der Stelle, gewann ihren Atem zur├╝ck und lehnte sich mit der Stirn an das eiserne Gitter. Dann legte sie die Hand auf die Klinke, blickte kurz auf das Blumenbeet vor sich. Dahinter erhob sich mannshoch die Akazienwand, dicht, sorgf├Ąltig beschnitten. Der Besitzer oder ein G├Ąrtner? Besser drau├čenbleiben? Aber das dichte Gras zwischen Tor und Akazienwand war nirgends geknickt oder gar zertreten. Niemand hatte sich in letzter Zeit hier aufgehalten. So ├Âffnete sie vorsichtig das Tor.

Es war fast windstill. Katharina setzte ihre Schritte langsam, das Gras raschelte und einen Augenblick lang genoss sie es, das blaue Leder ihrer Sportschuhe durch das Gr├╝n gleiten zu sehen, dann stand sie vor dem Blumenbeet. Gl├╝hende P├Ąonien und smaragdgr├╝ne Kaiserkronen breiteten sich vor ihren F├╝├čen aus, ein s├╝├člicher Duft hing ├╝ber dem Beet. Katharina schloss die Augen und lauschte ihrem Atem, ihr Atem ging tief und ruhig.

Es wurde k├╝hler und ein Schatten schien sich auf ihrer Stirn auszubreiten. Katharina ├Âffnete die Lider und blickte zum Himmel hinauf. Als kleines Kind hatte sie dies schon einmal so gesehen: Segel bauschten sich. Schiffe schwammen an der Sonne vorbei und netzten mit ihrem Schatten die Haut. Dann kam das warme Licht wieder, die Strahlenlanzen trafen auf das Blumenrondell, auf abgefallene Nadeln und die Akazien. Katharina glaubte dahinter etwas Wei├čes, vielleicht ein Gartenhaus, vielleicht einen Pavillon zu erkennen. Die Akazien kratzten, als sich Katharina an ihnen vorbeizw├Ąngte. Kein Gartenhaus, vielmehr eine Art Kapelle. Wei├č gekalkt, mit einem blauen Rautenzeichen an der Au├čenfront, keine Fenster in dem Mauerwerk, das Tor wieder nicht verschlossen. Ein Andachtsraum des unbekannten Besitzers? Ein geheimer Platz f├╝r Liebespaare? Ob Ralph von diesem Ort wusste?

Ihre Augen brauchten eine Zeitlang, bis sie sich an das Halbdunkel im Inneren gew├Âhnt hatten, dann sah sie vor sich ein Podest, darauf eine wei├če Statue, ein nackter J├╝ngling, fast lebensgro├č. Die Rechte der Figur ber├╝hrte die Schl├Ąfe, es war nicht klar, ob in einer sinnenden oder verzweifelten Geste. Der linke Fu├č war leicht vorangestellt, als verhielte der junge Mann mitten in einer Bewegung. Die pupillenlosen Augen schienen auf das halb ge├Âffnete Tor zu blicken. Dort, wo sie sie eingetreten war, s├Ąumte nun ein Lichtschwamm das Dunkel der Kapelle.

Auf dem Podest fand sich eingemeiselt das Wort ÔÇ×Pan". Ein griechischer Gott, soweit sie wusste. Eine Kapelle f├╝r Pan? Auf dem Podest kein weiterer Hinweis. In den Sockel eingelassen eine Haltevorrichtung. Dort hing an kurzer Kette eine ├Âlgef├╝llte Ampel aus Rubinglas, sie erinnerte ein wenig an das "Ewige Licht" ihrer Taufkirche. Katharina streichelte ├╝ber das k├╝hle Gebilde und sp├╝rte eine feine Gravur, Umrisse einer Gestalt, Schn├Ârkelwerk, winzige, regelm├Ą├čige, deltaf├Ârmige Schuppen.

Hinter dem Rubin ein Docht, verankert in einer lancettenf├Ârmigen Zunge. Auf dem Podest eine von Feuchtigkeit aufgebogene Streichholzschachtel. Das dritte H├Âlzchen z├╝ndete Gottseidank, der Docht begann zu glosen und blakte, dann z├╝ngelte eine Flamme, t├Ąnzelte ein wenig und setzte sich leise spr├╝hend am Dochtende fest.

Als Katharina ganz nahe herantrat, so dass sie mit der Stirn das Glas ber├╝hren konnte, schien sich dahinter ein rubinrotes Meer auszubreiten. Dar├╝ber ein unendlicher Horizont, gekr├╝mmt zwar, aber ohne Ende. Sie nahm den Kopf etwas zur├╝ck und betrachtete die Gravur. Sie erkannte einen fein gearbeiteten Fisch, schmal, der Leib geschuppt. Anstelle der Kiemen zwei Fl├╝gel.

Katharina musterte die W├Ąnde der Kapelle. In der Dunkelheit zog der Schatten eines gro├čen gefl├╝gelten Fisches vor├╝ber, zog rings um sie einen Halbkreis nach vorn, bewegte sich dann langsam, sehr langsam wieder zur├╝ck. Sie f├╝hlte, dass ihr Herz bei dieser Bewegung schneller schlug. Der Fisch hatte die W├Ąnde ver├Ąndert. Sie erinnerten an eine Grotte aus dunkelblauem, bl├Ąttrigen Schiefer, von Flechten durch├Ądert, eine schwarze Masse, darin aufglimmende Drusen, bald wei├člich schimmend, bald ins R├Âtliche fallend. Ein rotes, dunkles Meer, atemberaubend und sch├Ân, um sie und ├╝ber ihr. Und doch. Sie musste weg, etwas nahm ihr den Atem, etwas war in dem Raum, das saugte leise die Luft weg. Auf dem Docht hockte die Flamme, fl├╝ssiges Quarz, violettfarbig, verzehrend biegsam - Sie musste, das war ihr pl├Âtzlich sehr klar, den Lichtsaum bei der T├╝r erreichen, in dem die feinen Staubk├Ârnchen schwebten, sie musste den Bannkreis der Flamme durchbrechen, den Halbzirkel, den der Fisch an den W├Ąnden zog.

Katharina kehrte der J├╝nglingsstatue den R├╝cken zu. Das M├Ądchen zwang die F├╝├če in eine Bewegung, die langsam und tranceartig ausfiel, ausgef├╝hrt wie von einem fremden K├Ârper. Sie sp├╝rte den Blick von jemand oder etwas, das den Raum zu erf├╝llen schien, den Blick auf ihren K├Ârper. Die Luft wurde merklich d├╝nn. Katharina senkte den Kopf und atmete flach. Dabei ber├╝hrte sie mit der Hand ihre Schl├Ąfe, um sich zu beruhigen.

Sie hatte den Eindruck, sich selber zuzuschauen, als sie nun den Kopf hob, um den Atem zu gewinnen, den sie brauchen w├╝rde, wenn sie die T├╝r noch erreichen wollte.

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knychen
Routinierter Autor
Registriert: Feb 2002

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hallo willbald,
eins mu├č ich dir lassen: das ende hast du wunderbar offen gelassen. ist sie denn noch raus gekommen oder findet der oder die n├Ąchste besucher/in zwei statuen.
zwei dinge sind es, ├╝ber die ich gestolpert bin.
einmal die "lancettenf├Ârmige vorrichtung"- darunter kan ich mir n├Ąmlich nix vorstellen. mit "c" gibt's das nicht und mit "z" ist es ein zweischneidiges chirurgisches instrument.
und der letzte absatz - den w├╝rde ich in zwei s├Ątze teilen.
etwa so: sie hatte den eindruck, sich selbst zuzuschauen, als sie nun den kopf hob, um atem zu gewinnen. den atem, den sie brauchen w├╝rde, die rettende t├╝r noch zu erreichen.
klingt f├╝r mich pers├Ânlich ├╝bersichtlicher, ist aber auch nicht der weisheit letzter schlu├č.
beste gr├╝├če aus berlin. knychen
__________________
kny

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Willibald
???
Registriert: Jul 2002

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salute, k. in berlin,

danke dir f├╝r deine R├╝ckmeldung. Muss mal rumgucken.

aes/w

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Willibald
???
Registriert: Jul 2002

Werke: 25
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P.S.
Die "Lancette" ist so ein bisschen altdeutsch geschrieben, hat dann mit den "gothic touch" des plots und seiner Ausf├╝hrung.

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Gandl

Autorenanw├Ąrter

Registriert: Jul 2003

Werke: 1
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Lieber Willibald,
zart & spannend geschrieben.
Deine Sprache ist dicht, genau, baut die Spannung perfekt.
Und ... ├Ąh: zauberhaft/verzaubernd.
Wird sie es schaffen rauszukommen aus Pans verwunschenem Dickicht?
Wird sie seine Geliebte? Und geht doch hinaus in die Welt?
Danke f├╝r die vielen Denkanst├Â├če.
Liebe Gr├╝├če
Gandl

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Willibald
???
Registriert: Jul 2002

Werke: 25
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Salute, dear gandl,

sch├Ân, dass der Text Dir sch├Ân ist.
Solche Leser-Autoren sind uns zu w├╝nschen.
Ja, put on your blue suede shoes .... und
Katharina/die Reine sei mit dir

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