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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Fleisch von meinem Fleisch...
Eingestellt am 07. 11. 2001 20:47


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Kyra
Fast-Bestseller-Autor
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Fleisch von meinem FleischÔÇŽ

Z├Ąrtlich fuhr sie mit den Fingerspitzen ├╝ber die Haut seines Armes, wenn sie die Augen schloss glaubte sie, die matte Zartheit eines herabgefallenen Bl├╝tenblattes zu f├╝hlen. Er war noch immer w├Ąrmer als sie, so schnell konnte die K├Ąlte ihn nicht durchdringen. Rasch zog sie die Decke wieder ├╝ber seinen nackten K├Ârper. Still sa├č sie neben dem Bett und versuchte nicht, auf die gellenden Stimmen zu achten, die in ihrem Kopf tosten. Sie schienen von weit her zu kommen, aber es waren so viele, der L├Ąrm wurde immer unertr├Ąglicher. St├Âhnend lie├č sie sich auf den Boden gleiten und begann ihre Stirn immer wieder gegen die Kante des Kinderbettes zu schlagen. Sie f├╝hlte keinen Schmerz, die Schreie wurden leiser und befreiten ihre Gedanken f├╝r wenige Augenblicke.
Marfa blieb so lange dort sitzen, bis die Dunkelheit den Raum v├Âllig durchdrungen hatte und sie die bunten Bilder an den W├Ąnden nicht mehr erkennen konnte. Der tanzende Elefant im Blumenbeet war jetzt ebenso verschwunden, wie die bunten Baukl├Âtze und die vielen Pl├╝schtiere im Regal. Dann erst stand sie auf und verlie├č das Zimmer, ging in die Diele, knipste das Licht an und blieb vor dem gro├čen Spiegel stehen. Sie sah sehr blass aus, aber ansonsten genau wie immer, nur ihre Augen hatten sich ver├Ąndert, schienen blind geworden zu sein. Wie konnte sie sich ├╝berhaupt mit diesen toten Augen sehen? Aber es war ihr jetzt genauso gleichg├╝ltig, wie alles andere.
Sp├Ąter sa├č Marfa am K├╝chentisch, eine halbgeleerte Flasche Grappa vor sich, aus der sie hin und wieder einen Schluck nahm. In ihrer ge├Âffneten Hand lag das scharfe K├╝chenmesser, mit dem sie noch letzte Woche das Gem├╝se f├╝r Lukas geputzt hatte. Bed├Ąchtig griff sie danach und begann die Haut von ihrem Unterarm zu sch├Ąlen. Blut tropfte auf die h├Âlzerne Tischplatte und bildete bald eine gl├Ąnzende Lache. Sie schnitt nicht in die Tiefe - Marfa sehnte sich danach ihren ganzen K├Ârper mit Schmerz zu bedecken, um die Schreie aus ihrem Inneren freizulassen. Aber auch als sie eine gro├če Fl├Ąche rohen Fleisches blo├čgelegt hatte, war es nicht Trauer sondern hilflose Wut, die sie erf├╝llte.
Marfa ging schlie├člich mit schlurfenden kleinen Schritten ins Kinderzimmer zur├╝ck, tastete sich zum Bett vor und nahm den kleinen schlaffen K├Ârper in die K├╝che mit. Lukas war inzwischen k├╝hl geworden. Das Fieber der letzten Tage hatte sein Gesichtchen schmal und gelblich werden lassen, aber sein Leib war wei├č und makellos. Sie setzte ihn vor sich auf den K├╝chentisch, den R├╝cken gegen das kleine Gew├╝rzregal gelehnt. Ihr blutender Arm hatte seine Schulter beschmutzt, rasch wischte sie das h├Ąssliche Rot mit einem Taschentuch ab. Sein Kopf war nach vorne gefallen, die blonden Haare hingen in klebrigen Locken hinab. Mit der ge├Âffneten Schnapsflasche vor sich, sah er wie ein kleiner Penner aus. Marfa schlug sich schmerzhaft ins Gesicht, um nicht in hysterisches Gel├Ąchter auszubrechen. Dann zog sie sich nackt aus, nahm wieder das Messer und zog sich Hautstreifen um Hautstreifen ab. Sie musste sich sehr beherrschen, um die Klinge nicht in ihren Bauch zu sto├čen, diesen Mutterbauch, der ein Kind hervorgebracht hatte, nur damit es ihr wieder genommen werden konnte. So blieben sie lange sitzen. Sie musste aber noch den Rest der Flasche austrinken, bis sie mit ihm sprechen konnte. Schlie├člich begann sie mit etwas schleppender Stimme,
ÔÇ×LukasÔÇŽLukasÔÇŽwir geh├Âren doch zusammen, du bist Fleisch von meinem FleischÔÇŽ ich wei├č, du kannst nichts daf├╝r, niemand kann je f├╝r irgendetwas, alles passiert immer nurÔÇŽ allesÔÇŽ. Warum bin ich nicht gl├Ąubig, dann w├╝rde ich glauben k├Ânnen, dass wir im Tode vereint w├╝rden, aber ich kann nichtÔÇŽ kann nichtÔÇŽkann nicht glauben. Willst du dass ich sterbe? Das lie├če sich leicht machenÔÇŽÔÇť
Sie lachte leise,
ÔÇ×Es w├Ąre einfach, dann w├╝rde ich nichts mehr f├╝hlen, dorthin kann mir niemand folgen, nicht einmal du LukasÔÇŽ ich w├Ąre fein raus.ÔÇť
Schwankend sa├č sie auf ihrem Stuhl, hielt sich wie bei einer wilden Abfahrt an der Tischkante fest, ihr Gemurmel wurde immer unverst├Ąndlicher.
Sp├Ąter lag Marfas Kopf auf dem Tisch, mit geschlossenen Augen versuchte sie die Stimmen in ihrem Kopf zu verstehen, sie schrieen alle das gleich, riefen ihr schrill etwas zu, einen Satz, immer wieder den gleichen SatzÔÇŽ
ÔÇ×Nimm ihn zu dir, er geh├Ârt dir.ÔÇť
Sie begriff pl├Âtzlich, was damit gemeint war. Trotzdem blieb sie noch eine Weile still sitzen, bis sie ganz sicher war.
Dann stand sie entschlossen auf, nahm das Messer und schnitt sich ein St├╝ck von Lukas weichem Babybein ab. Er blutete nicht stark. W├Ąhrend sie sich St├╝ck f├╝r St├╝ck das Fleisch in den Mund stopfte, wurde sie langsam traurig.

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slyfly
Hobbydichter
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Hmm

Hallo Kyra,

es f├Ąllt mir schwer, mich zu Deiner Geschichte zu ├Ąussern und doch muss ich es tun (warum, kann ich noch nicht mal so genau sagen).

Inhaltlich st├Â├čt mich die Story ab. Mir war -um es mal gem├Ą├čigt auszudr├╝cken - spei├╝bel am Ende. Und genau das, ist im Grunde ein Lob - habe ich die Geschichte doch zuende gelesen.

Dein Erz├Ąhlstil hat sich ver├Ąndert. Nicht wesentlich, aber doch so, dass es mir auffiel. Du nutzt mehr stilistische Mittel, schreibst nicht mehr so "eilig" - das gef├Ąllt mir...

Viele Gr├╝├če

Michaela
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Breimann
???
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Sprachlos

bin ich, meint auch, fast schreibunf├Ąhig. Ich bin entsetzt, aufgew├╝hlt und kann nicht durch die Geschichte sehen. Ich finde den Hintergrund nicht, die versteckten Gef├╝hle, Gedanken und Bewegungen sind unsichtbar; alles ist ├╝berdeckt von der unfassbaren Schilderung. Sie l├Ąsst keinen Raum f├╝r vertieftes Nachdenken, f├╝r eine sachliche Analyse. Warum? Warum? Nur das steckt mir im Kopf.
eduard
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Ich schreibe - also bin ich.

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Kyra
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Hallo Eduard, hallo slyfly,

danke f├╝r Eure Meinung, was Du sagst, slyfly hat mich sehr gefreut, ich bem├╝he mich tats├Ąchlich inzwischen mehr um Genauigkeit. Was Deine Anmerkung angeht, Eduard, da magst Du Recht haben, aber dieses Thema kam an mich geflogen und ich hatte beim Schreiben damit auch meine Schwierigkeiten, die Vorstellung ist furchtbar. Aber manchmal zwingen mich diese schrecklichen Vorstellungen dar├╝ber zu schreiben. Und darum sind sie manchmal auch so direkt und wenig reflektiert.

Kyra

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Breimann
???
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Einverstanden, kyra

Ich schrieb erst k├╝rzlich an eine Freundin, wie oft ich mich gezwungn f├╝hle, eine bestimmte Szene so und nicht anders zu beschreiben, wie oft ich in einem Zwang bin und Dinge schreibe - beschreibe - die nicht in mrinrm normalen Denkrahmen liegen. Du hast bisher nie so ein Thema angefasst, oder irre ich mich? Ich wei├č einfach nicht, wie ich mit der Erz├Ąhlung umgehen soll. Sie ist sehr gut geschrieben, d├╝ster und man kann ihr nicht entrinnen. Das ist es! Und wenn ich dir sage, dass ich bis zum Einschlafen mit der Geschichte zu tun hatte, dann wei├čt du, dass ich nicht einfach so eine Antwort abgesetzt habe; man muss ├╝ber deine Geschichte sprechenm sie hinterfragen - sonst bleibt ein ungutes Gef├╝hl.
eduard
__________________
Ich schreibe - also bin ich.

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