Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, m√ľssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5492
Themen:   93604
Momentan online:
299 Gäste und 14 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Kurzgeschichten
Fleisch von meinem Fleisch...
Eingestellt am 07. 11. 2001 20:47


Autor
Ein neues Thema ver√∂ffentlichen.     Antwort ver√∂ffentlichen.
Kyra
Fast-Bestseller-Autor
Registriert: Mar 2001

Werke: 64
Kommentare: 74
Die besten Werke
 
Email senden
Profil

Fleisch von meinem Fleisch…

Z√§rtlich fuhr sie mit den Fingerspitzen √ľber die Haut seines Armes, wenn sie die Augen schloss glaubte sie, die matte Zartheit eines herabgefallenen Bl√ľtenblattes zu f√ľhlen. Er war noch immer w√§rmer als sie, so schnell konnte die K√§lte ihn nicht durchdringen. Rasch zog sie die Decke wieder √ľber seinen nackten K√∂rper. Still sa√ü sie neben dem Bett und versuchte nicht, auf die gellenden Stimmen zu achten, die in ihrem Kopf tosten. Sie schienen von weit her zu kommen, aber es waren so viele, der L√§rm wurde immer unertr√§glicher. St√∂hnend lie√ü sie sich auf den Boden gleiten und begann ihre Stirn immer wieder gegen die Kante des Kinderbettes zu schlagen. Sie f√ľhlte keinen Schmerz, die Schreie wurden leiser und befreiten ihre Gedanken f√ľr wenige Augenblicke.
Marfa blieb so lange dort sitzen, bis die Dunkelheit den Raum v√∂llig durchdrungen hatte und sie die bunten Bilder an den W√§nden nicht mehr erkennen konnte. Der tanzende Elefant im Blumenbeet war jetzt ebenso verschwunden, wie die bunten Baukl√∂tze und die vielen Pl√ľschtiere im Regal. Dann erst stand sie auf und verlie√ü das Zimmer, ging in die Diele, knipste das Licht an und blieb vor dem gro√üen Spiegel stehen. Sie sah sehr blass aus, aber ansonsten genau wie immer, nur ihre Augen hatten sich ver√§ndert, schienen blind geworden zu sein. Wie konnte sie sich √ľberhaupt mit diesen toten Augen sehen? Aber es war ihr jetzt genauso gleichg√ľltig, wie alles andere.
Sp√§ter sa√ü Marfa am K√ľchentisch, eine halbgeleerte Flasche Grappa vor sich, aus der sie hin und wieder einen Schluck nahm. In ihrer ge√∂ffneten Hand lag das scharfe K√ľchenmesser, mit dem sie noch letzte Woche das Gem√ľse f√ľr Lukas geputzt hatte. Bed√§chtig griff sie danach und begann die Haut von ihrem Unterarm zu sch√§len. Blut tropfte auf die h√∂lzerne Tischplatte und bildete bald eine gl√§nzende Lache. Sie schnitt nicht in die Tiefe - Marfa sehnte sich danach ihren ganzen K√∂rper mit Schmerz zu bedecken, um die Schreie aus ihrem Inneren freizulassen. Aber auch als sie eine gro√üe Fl√§che rohen Fleisches blo√ügelegt hatte, war es nicht Trauer sondern hilflose Wut, die sie erf√ľllte.
Marfa ging schlie√ülich mit schlurfenden kleinen Schritten ins Kinderzimmer zur√ľck, tastete sich zum Bett vor und nahm den kleinen schlaffen K√∂rper in die K√ľche mit. Lukas war inzwischen k√ľhl geworden. Das Fieber der letzten Tage hatte sein Gesichtchen schmal und gelblich werden lassen, aber sein Leib war wei√ü und makellos. Sie setzte ihn vor sich auf den K√ľchentisch, den R√ľcken gegen das kleine Gew√ľrzregal gelehnt. Ihr blutender Arm hatte seine Schulter beschmutzt, rasch wischte sie das h√§ssliche Rot mit einem Taschentuch ab. Sein Kopf war nach vorne gefallen, die blonden Haare hingen in klebrigen Locken hinab. Mit der ge√∂ffneten Schnapsflasche vor sich, sah er wie ein kleiner Penner aus. Marfa schlug sich schmerzhaft ins Gesicht, um nicht in hysterisches Gel√§chter auszubrechen. Dann zog sie sich nackt aus, nahm wieder das Messer und zog sich Hautstreifen um Hautstreifen ab. Sie musste sich sehr beherrschen, um die Klinge nicht in ihren Bauch zu sto√üen, diesen Mutterbauch, der ein Kind hervorgebracht hatte, nur damit es ihr wieder genommen werden konnte. So blieben sie lange sitzen. Sie musste aber noch den Rest der Flasche austrinken, bis sie mit ihm sprechen konnte. Schlie√ülich begann sie mit etwas schleppender Stimme,
‚ÄěLukas‚ĶLukas‚Ķwir geh√∂ren doch zusammen, du bist Fleisch von meinem Fleisch‚Ķ ich wei√ü, du kannst nichts daf√ľr, niemand kann je f√ľr irgendetwas, alles passiert immer nur‚Ķ alles‚Ķ. Warum bin ich nicht gl√§ubig, dann w√ľrde ich glauben k√∂nnen, dass wir im Tode vereint w√ľrden, aber ich kann nicht‚Ķ kann nicht‚Ķkann nicht glauben. Willst du dass ich sterbe? Das lie√üe sich leicht machen‚Ķ‚Äú
Sie lachte leise,
‚ÄěEs w√§re einfach, dann w√ľrde ich nichts mehr f√ľhlen, dorthin kann mir niemand folgen, nicht einmal du Lukas‚Ķ ich w√§re fein raus.‚Äú
Schwankend saß sie auf ihrem Stuhl, hielt sich wie bei einer wilden Abfahrt an der Tischkante fest, ihr Gemurmel wurde immer unverständlicher.
Später lag Marfas Kopf auf dem Tisch, mit geschlossenen Augen versuchte sie die Stimmen in ihrem Kopf zu verstehen, sie schrieen alle das gleich, riefen ihr schrill etwas zu, einen Satz, immer wieder den gleichen Satz…
‚ÄěNimm ihn zu dir, er geh√∂rt dir.‚Äú
Sie begriff plötzlich, was damit gemeint war. Trotzdem blieb sie noch eine Weile still sitzen, bis sie ganz sicher war.
Dann stand sie entschlossen auf, nahm das Messer und schnitt sich ein St√ľck von Lukas weichem Babybein ab. Er blutete nicht stark. W√§hrend sie sich St√ľck f√ľr St√ľck das Fleisch in den Mund stopfte, wurde sie langsam traurig.

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


slyfly
Hobbydichter
Registriert: Aug 2001

Werke: 18
Kommentare: 60
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um slyfly eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil
Hmm

Hallo Kyra,

es fällt mir schwer, mich zu Deiner Geschichte zu äussern und doch muss ich es tun (warum, kann ich noch nicht mal so genau sagen).

Inhaltlich st√∂√üt mich die Story ab. Mir war -um es mal gem√§√üigt auszudr√ľcken - spei√ľbel am Ende. Und genau das, ist im Grunde ein Lob - habe ich die Geschichte doch zuende gelesen.

Dein Erzählstil hat sich verändert. Nicht wesentlich, aber doch so, dass es mir auffiel. Du nutzt mehr stilistische Mittel, schreibst nicht mehr so "eilig" - das gefällt mir...

Viele Gr√ľ√üe

Michaela
__________________
--- Werbepause ---

Bearbeiten/Löschen    


Breimann
???
Registriert: Dec 2000

Werke: 38
Kommentare: 169
Die besten Werke
 
Email senden
Profil
Sprachlos

bin ich, meint auch, fast schreibunf√§hig. Ich bin entsetzt, aufgew√ľhlt und kann nicht durch die Geschichte sehen. Ich finde den Hintergrund nicht, die versteckten Gef√ľhle, Gedanken und Bewegungen sind unsichtbar; alles ist √ľberdeckt von der unfassbaren Schilderung. Sie l√§sst keinen Raum f√ľr vertieftes Nachdenken, f√ľr eine sachliche Analyse. Warum? Warum? Nur das steckt mir im Kopf.
eduard
__________________
Ich schreibe - also bin ich.

Bearbeiten/Löschen    


Kyra
Fast-Bestseller-Autor
Registriert: Mar 2001

Werke: 64
Kommentare: 74
Die besten Werke
 
Email senden
Profil

Hallo Eduard, hallo slyfly,

danke f√ľr Eure Meinung, was Du sagst, slyfly hat mich sehr gefreut, ich bem√ľhe mich tats√§chlich inzwischen mehr um Genauigkeit. Was Deine Anmerkung angeht, Eduard, da magst Du Recht haben, aber dieses Thema kam an mich geflogen und ich hatte beim Schreiben damit auch meine Schwierigkeiten, die Vorstellung ist furchtbar. Aber manchmal zwingen mich diese schrecklichen Vorstellungen dar√ľber zu schreiben. Und darum sind sie manchmal auch so direkt und wenig reflektiert.

Kyra

Bearbeiten/Löschen    


Breimann
???
Registriert: Dec 2000

Werke: 38
Kommentare: 169
Die besten Werke
 
Email senden
Profil
Einverstanden, kyra

Ich schrieb erst k√ľrzlich an eine Freundin, wie oft ich mich gezwungn f√ľhle, eine bestimmte Szene so und nicht anders zu beschreiben, wie oft ich in einem Zwang bin und Dinge schreibe - beschreibe - die nicht in mrinrm normalen Denkrahmen liegen. Du hast bisher nie so ein Thema angefasst, oder irre ich mich? Ich wei√ü einfach nicht, wie ich mit der Erz√§hlung umgehen soll. Sie ist sehr gut geschrieben, d√ľster und man kann ihr nicht entrinnen. Das ist es! Und wenn ich dir sage, dass ich bis zum Einschlafen mit der Geschichte zu tun hatte, dann wei√üt du, dass ich nicht einfach so eine Antwort abgesetzt habe; man muss √ľber deine Geschichte sprechenm sie hinterfragen - sonst bleibt ein ungutes Gef√ľhl.
eduard
__________________
Ich schreibe - also bin ich.

Bearbeiten/Löschen    


Zur√ľck zu:  Kurzgeschichten Ein neues Thema ver√∂ffentlichen.     Antwort ver√∂ffentlichen.



Werbung