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Leselupe.de > Tagebuch - Diary
Flieg, kleiner Vogel
Eingestellt am 10. 04. 2005 14:34


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Astrid
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Registriert: Jun 2003

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Der einhundertste Tag des Jahres.
Einhundert Tage - vorbeigehuscht sind sie an mir wie Menschen, die am Freitagnachmittag in den Feierabend eilen. Viele Gesichter, nur wenige bleiben wirklich im GedÀchtnis. Die Arbeit eines Politikers misst man an seinen ersten hundert Tagen. Woran messe ich?
Es ist Sonntag. Sonntagskind. Meine Oma war ein Sonntagskind. Ich bin keines.
Der frĂŒhe Tag hat es wieder einmal nicht leicht mit mir. ‚Komm doch mit’, buhlt er um meine Aufmerksamkeit. Schließlich gehe ich mit ihm. Zum See. Es funktioniert. Es funktioniert immer wieder. Ich staune. Kaum bin ich dort und der Wind pustet mir frech ins Gesicht und blĂ€st mir tĂŒchtig den Marsch, dass der TrĂŒbsinn fluchtartig meinen Kopf verlĂ€sst und ich leichtfĂŒĂŸig meinen Weg finde und in den Schritten neue Worte hallen, die ich nur aufzuschreiben brauche - kaum bin ich dort, bin ich wieder Mensch.
Das Schilf, das den See großzĂŒgig umsĂ€umt, leuchtet sonnig am Rand des dunklen Wassers. Wie Licht und Schatten. Einhundert Tage Licht und Schatten. Ein Mann kommt mir entgegen. An seiner rechten Hand baumelt eine gelbe EinkaufstĂŒte. Er wird zum Imbiss gehen und sich mit seinem Tagesvorrat an Alkohol eindecken, denke ich. Wird sich zu den anderen setzen, die Tag fĂŒr Tag wie aufgereiht auf dem Holzbalken gegenĂŒber der Bierquelle hocken.
„Guten Morgen“. Er spricht mich an. Er sieht freundlich aus. Groß, das Alter kann ich nicht schĂ€tzen. Sein Gesicht ist gerötet. Ich erwidere seinen Gruß. Überrascht. „Haben Sie Ihre Tour beendet, junge Frau?“ „Nein, ich fange erst an.“ Ja, ich fange erst an.
Auf meinem RĂŒckweg, als ich noch einmal den Ausgangspunkt meines Spaziergangs streife, sehe ich ihn auf einer Bank sitzen. Allein. Die gelbe TĂŒte steht neben ihm. Er blĂ€ttert in einer Zeitung. Dann sieht er mich, seine Augen leuchten auf und er zeichnet mit der Hand den Weg in die Luft, den ich gegangen bin, einmal um den See herum und ich nicke und möchte ihm einen schönen Sonntag wĂŒnschen, doch er kommt mir zuvor. Wir winken uns zu und ein LĂ€cheln fliegt herĂŒber wie ein kleiner Vogel, den ich mitnehme und dem ich ein Nest baue an diesem einhundertsten Tag des Jahres.


__________________
Astrid

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