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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Flieh, wenn du kannst
Eingestellt am 10. 11. 2003 23:19


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DarkskiesOne
???
Registriert: Aug 2003

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Flieh, wenn du kannst

Donnernd schießt der Zug in den Tunnel, taucht ein in das schwarze Niemandsland zwischen zwei Stationen. Das monotone RĂŒtteln der Wagen schĂŒttelt die FahrgĂ€ste, drĂ€ngt Körper gegen Körper. Mit leerem Blick stiert sie auf ihre HĂ€nde. Schmale, feingliedrige Finger, die ineinander verkrampft in ihrem Schoß liegen, als könne sie dadurch das unbĂ€ndige Zittern unterdrĂŒcken, das ihren gesamten Körper wie StromschlĂ€ge durchlĂ€uft. Nach einer Ewigkeit hebt sie langsam, wie in Trance, den Kopf und blickt aus dem Wagenfenster. Die reflektierende Scheibe wirft ein leichenblasses Gesicht zurĂŒck, umrahmt vom dunklen Nichts des Tunnels jenseits des Glases.
Warum kann es niemand sehen, fragt sie sich voller Verzweiflung, als sie ihr makelloses Äußeres mit der unvoreingenommenen Distanz eines Fremden betrachtet.
Der Schatten eines blauen Auges.
Verkrustetes Blut auf den aufgesprungenen Lippen.
Dunkelrote Kratzer, die sich wie feine Äderchen durch die anmutige BlĂ€sse ihrer Wangen zögen.
Irgendein Zeichen, eine stumme Anklage, ein lautloses Flehen um Hilfe und VerstÀndnis.
Doch es gibt nichts zu sehen.
Er hatte es gut verborgen. Die ganzen verfluchten Jahre ĂŒber. Kein Außenstehender hĂ€tte auch nur ahnen können, was er ihr angetan hatte.
Sie wendet den Blick ab und zwingt sich, ruhig und gleichmĂ€ĂŸig zu atmen.
Der Zug verlangsamt seine Fahrt und kommt Ă€chzend und quietschend an der Haltestelle zum Stehen. Zischend öffnen sich die TĂŒren und ergießen einen Strom von FahrgĂ€sten auf den schmutzig-grauen Bahnsteig. Andere Menschen drĂ€ngen in das Abteil, fĂŒr die Dauer ihrer Reise zu einer unangenehmen NĂ€he gezwungen.
Sie spÀht um sich. Waren sie bereits hinter ihr her?
Ein junger Mann in Anzug und Krawatte lĂ€sst sich auf dem freigewordenen Platz neben ihr nieder. Sein eleganter Mantel streift ihren Ärmel und sie zuckt bei der BerĂŒhrung unwillkĂŒrlich zusammen. Er wirft einen flĂŒchtigen, ĂŒberraschten Blick auf die hĂŒbsche junge Frau mit dem bleichen Gesicht, bevor er kaum merklich von ihr abrĂŒckt und sich der LektĂŒre seines abgegriffenen Taschenbuches widmet.
Verdammt noch mal, bleib ruhig, versucht sie ihr aufgewĂŒhltes Selbst zur Ordnung zu rufen.
Um Gottes Willen nicht auffallen. Nur wenn sie unsichtbar bleibt, hat sie vielleicht eine Chance.
Sie sinkt in sich zusammen und gibt sich wieder ihren quÀlenden Gedanken hin.
Geschlagen hatte er sie nie.
"Ich wĂŒrde dir doch niemals wehtun, Kleines", hörte sie ihn mit sanfter Stimme sagen, wĂ€hrend er sie mit diesem kalten LĂ€cheln bedachte, das sein Gesicht zu einer dĂ€monischen Fratze verzerrte und seine Worte LĂŒgen strafte. Die Wunden, die er ihr zugefĂŒgt hatte, saßen tief unter der OberflĂ€che.
FĂŒr den arglosen Betrachter nicht zu erkennen.
Die U-Bahn setzt unbeirrbar ihren Weg fort, ratternd und schĂŒttelnd von Station zu Station. LĂ€sst die Distanz zum Ort des Grauens grĂ¶ĂŸer und grĂ¶ĂŸer werden, doch die schrecklichen Bilder trĂ€gt sie in sich, wohin auch immer sie flĂŒchten mag.
Grell gefĂ€rbte, schreiende SchnappschĂŒsse, die ihren wehrlosen Geist mit ihrem unheimlichen Eigenleben fĂŒllen. Unaufhörlich kreisen ihre Gedanken um diese letzten Sekunden vor ihrer Befreiung, die ihr Leben auf so brutale Weise verĂ€ndert haben. Das gleißende Neonlicht der nĂ€chsten Station verwandelt die Gesichter der FahrgĂ€ste in wĂ€chserne Masken. Menschen treten hastig aus der sich öffnenden TĂŒr, streben schnellen Schrittes ihrem wohl geordneten Leben entgegen.
Sie und eine weitere junge Frau bleiben als einzige FahrgĂ€ste zurĂŒck.
Die Bahn nĂ€hert sich der Stadtgrenze. Der stetig dahinrollende Zug hat das dunkle Gewand des Tunnels gegen den schĂŒtzenden Schleier der hereinbrechenden Nacht getauscht. Vereinzelt funkeln silberne Sterne verheißungsvoll in der befreienden Weite des Abendhimmels.
Ob sie hier aussteigen soll? Aber da es kein Ziel gibt, ist es egal, wann und wo die Fahrt endet.
NĂ€chster Halt. Der Bahnsteig wartet still und verlassen. Keine Polizei.
Nur ein einzelner Mann lehnt an einem hell erleuchteten SĂŒĂŸwarenautomaten.
Eifrig in ein TelefongesprĂ€ch vertieft, schenkt er soeben seinem unsichtbaren GesprĂ€chspartner ein zustimmendes Nicken, bevor er das Handy in seiner Jackentasche verschwinden lĂ€sst. Langsam nĂ€hert sich der Fremde jetzt der WagentĂŒr und betritt das Abteil am Ă€ußersten Ende. Mit einem Ruck setzt sich der Zug wieder in Bewegung. Sie verspĂŒrt eine vage Erleichterung, bevor sich erneut das grauenhafte Geschehen vor ihrem inneren Auge abspielt.
Seine verzerrten GesichtszĂŒge, die einen Hauch von Überraschung und Unglauben tragen. Weit aufgerissene Augen starren sie hasserfĂŒllt an. Der grobe Körper, seltsam gekrĂŒmmt auf dem cremefarbenen Teppichboden. Pulsierendes Rot und glĂ€nzendes Metall.
Eiskalt in ihrer Hand. Scharf und ohne Gnade.
Sie beobachtet sich selbst, wie sie in blinder Panik aus dem Appartement stĂŒrzt. Im Treppenhaus prallt sie mit einer Nachbarin zusammen, strauchelt, fĂ€ngt sich und stolpert schluchzend und keuchend die Treppe hinunter. Von weither vernimmt ihr Unterbewusstsein einen gellenden Aufschrei, dann erreicht sie die Straße und lĂ€uft um ihr Leben.

Der junge Mann am anderen Ende des Wagens hat sich wĂ€hrenddessen unaufhaltsam nĂ€her geschoben. Eben neigt er mit gewinnendem LĂ€cheln den Kopf zu der jungen Frau, ihrer einzigen Reisegenossin. Die beiden wechseln ein paar Worte. Die Frau beginnt, in ihrer Handtasche zu wĂŒhlen. Was will er bloß? Gebannt beobachtet sie die Szene. Verfolgt, wie die Frau zunĂ€chst ein Schminketui, einen silberfarbenen Taschenspiegel und zu guter Letzt eine schwarze, lederne Brieftasche zu Tage fördert.
Auf dem letzten WegstĂŒck gibt es keine weitere Haltestelle. Bitte, lassÂŽ ihn nur die Fahrscheine kontrollieren. Ihre trockenen Lippen formen ein stummes Stoßgebet. NatĂŒrlich hat sie keinen Fahrschein. Aber das ist im Moment ihr geringstes Problem.
Schweiß rinnt ihren RĂŒcken hinab, benetzt ihre Stirn, perlt von der Nasenspitze auf die Oberlippe, den salzigen Geschmack von Angst und Verzweiflung zurĂŒcklassend. Kein Ausweg. Die Brieftasche wird geöffnet. Die junge Frau scheint nicht zu finden, was sie sucht. Mit wachsender Hast durchwĂŒhlt sie die Brieftasche, der junge Mann trommelt nun bereits ungeduldig mit den Fingerspitzen gegen die Lehne ihres Sitzes, wirft einen prĂŒfenden Blick den Gang hinunter.
Eine geschlechtslose Stimme aus dem knackenden Lautsprecher ĂŒber ihren Köpfen verkĂŒndet die Einfahrt in die Endstation. Noch zwei Minuten.
Zwei unendliche Minuten, die mit jeder ihrer zĂ€hflĂŒssig verstreichenden Sekunden zu einem unĂŒberwindlichen Berg von quĂ€lender Zeit anwachsen.
Zeit, die gegen sie arbeitet.
Die plötzliche, erdrĂŒckende Enge ihres unfreiwilligen GefĂ€ngnisses ist kaum noch zu ertragen.
Schließlich hĂ€lt die junge Frau dem wartenden Mann eine kleine Karte entgegen. Er nimmt sie an sich und mustert das Gesicht seines GegenĂŒbers aufmerksam, bevor er die Karte mit einem flĂŒchtigen LĂ€cheln zurĂŒckgibt. Mit schnellen Schritten nĂ€hert er sich jetzt ihr, seinem letzten Opfer.
Schwankend erhebt sie sich von ihrem Platz und stolpert der rettenden TĂŒr entgegen.
"Hey, Lady", seine Stimme klingt freundlich und klar durch das Rauschen des Blutes in ihren Ohren. "DĂŒrfte ich ihren Ausweis sehen?" Mit einem triumphierenden kleinen Klacken schnappt die Falle zu. Er tritt jetzt ganz nah an sie heran. Greift ihren Arm und dreht sie behutsam zu sich herum, als sie stocksteif verharrt. Blickt ihr prĂŒfend ins Gesicht. Stutzt. In seiner linken Hand hĂ€lt er das Handy. Er senkt seine grĂŒnen Augen auf das winzige Display und starrt so konzentriert darauf, als wolle er mit seinem Blick ein Loch hineinbrennen. Dann hebt er den Kopf.
Der Schock der Erkenntnis malt eine tiefe Falte zwischen seine dichten, dunklen Augenbrauen. Seine Augen finden die ihren und halten sie fest, als könne er irgendwo in der Tiefe ihres Blickes die Antworten auf die unausgesprochenen Fragen finden, die sich unaufhaltsam in seinem Kopf formen.
Wie in einem offenen Buch vermag sie den Widerstreit der GefĂŒhle in seinem sympathischen Gesicht zu lesen.
Nein, man kann es niemandem ansehen, denkt sie fast schadenfroh. Keiner kann ahnen, wozu ein Mensch fĂ€hig sein mag. Nicht einmal der Betreffende selbst. Bis er eines Tages die Grenze ĂŒberschreitet und schließlich das Unfassbare tut.
Der junge Polizist hat sie identifiziert. Sie haben ihm ein Foto von ihr geschickt. Ganz sicher.
Hier also endet ihr Weg.
Er schĂŒttelt den Kopf, als wolle er seine Gedanken, die sich sicherlich darin ĂŒberschlagen mĂŒssen, gewaltsam wieder an Ort und Stelle rĂŒcken.
Wo sind die Handschellen? WÀre dies hier ein Krimi im Fernsehen, hÀtte er ihr jetzt bereits Handschellen angelegt. Aber im richtigen Leben wird ein Zivilpolizist anscheinend mit einer Frau auch ohne diese albernen Hilfsmittel fertig.
Sogar, wenn sie eine Mörderin ist.
Der Zug hÀlt mit einem scharfen Ruck an der Endstation.
Einladend öffnet sich die TĂŒr, jetzt, da alles verloren ist, mit einem lang anhaltenden, schrillen Quietschen. Es klingt wie ein höhnisches Kichern.
Die junge Frau vom anderen Ende des Wagens ist nirgendwo mehr zu sehen.
Sie sind allein.
Er zögert.
Schaut sie eine Ewigkeit durchdringend an.

"Er wird es verdient haben", sagt er und nichts weiter.

Dann schubst er sie aus der geöffneten ZugtĂŒr hinaus in die erlösende Weite eines menschenleeren Bahnsteigs.


__________________
Die Liebe ist ein Tod, den ich nicht sterben kann.

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Gandl

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grandios

Hi DarkskiesOne,
diese Geschichte ist sowas von spannend. Supergut. Absolute Spitzenklasse.
Du haltst die Spannung bis zur letzten Zeile. Und das Ende find ich grandios.
Überhaupt finde ich alles grandios.
Liebe GrĂŒĂŸe
Gandl

P.S.
Die klitzekleinen Tippfehler ignoriere ich mal.

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DarkskiesOne
???
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Hi Gandl,

vielen Dank fĂŒr dein ausgiebiges Lob!!
Hab` mich natĂŒrlich sehr drĂŒber gefreut!!
Eine Bitte habe ich an dich: Die Tippfehler NICHT ignorieren!
VerrÀtst du mir, wo du welche entdeckt hast? Dann könnte ich korrigieren.
lg
DO
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Gandl

AutorenanwÀrter

Registriert: Jul 2003

Werke: 1
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as requested

Hi DO,
gut.
Das ß, das dumme ß. Nein! Das schöne ß!
Und weil es so schön und sinnvoll ist, hat die NDR hat das ß nicht abgeschafft.
Es gibt es immer noch. Und das ist gut so.
Also in diesen Worten ist das "ss" durch mein geliebtes "ß" zu ersetzen:
Schoss, gleichmÀssig, sassen, grösser, Strasse, bloss, Stossgebet, Schweiss.

Und sonst:
wohlgeordnetes = wohl geordnetes
langanhaltenden = lang anhaltenden

Bei "GrellgefÀrbte" bin ich mir unsicher....
(aber solche Worte, Gandl, nimmst Du doch auch gerne selber, solche ellenlangenzusammengesetzten)

Und hier sind fehlende Satzzeichen:
„Ich wĂŒrde ...., Kleines“, hörte... sagen, wĂ€hrend...
„DĂŒrfte ich ihren Ausweis sehen?“

Wo ich gestutzt habe: sagt man: IN der Haltestelle / IN der Endstation? Nicht AN?

An dieser Stelle ein herzliches "Dankeschön" an all die, die meine Texte korrigiert haben.
Aber jetzt wird alles besser, ich hab ein neues Text-Korrektur-Programm (mit NDR!) (obwohl, manchmal kann man ihm nicht trauen. Wie oben: Schoss. Das erkennt es als Vergangenheitsform von schiessen an. Das Dumm-Programm!)

Ganz liebe GrĂŒĂŸe
in Eile (wie immer)
Gandl

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DarkskiesOne
???
Registriert: Aug 2003

Werke: 11
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Danke!

Hi Gandl,

hast natĂŒrlich Recht! Die NDR hat das "ß" nicht abgeschafft, sondern ich schreibe es seit der Reform konsequent ĂŒberhaupt nicht mehr. Weil ich nĂ€mlich eine passionierte Zehnfinger-Tipperin bin. Leider kam ich in dem Computerschreibkurs nicht bis zur oberen Buchstabenreihe. Das "ß" fĂ€llt daher immer aus meinem Repertoire. *g*
Aber ich gelobe Besserung! Und ĂŒber den Rest schaue ich auch in einer ruhigen Minute noch mal!
Danke dir!
liebe GrĂŒĂŸe
DarkskiesOne

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Empi
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Jul 2003

Werke: 8
Kommentare: 17
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Hi Darkskies,

die geschichte ist wirklich toll. vor allem die beschreibungen ĂŒber den vollgestopften zug und die angst der frau vor entdeckung sind klasse. auch der schluss ist unerwartet, selbst wenn man ahnen kann, dass sie ihren alten umgebracht hat und deswegen gesucht wird.

und das mit dem "ss" "ß" kriegst du sicher noch hin ;-)

Empi

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