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Leselupe.de > Humor und Satire
Flohmarktluder
Eingestellt am 23. 12. 2005 05:55


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Marius Speermann
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Registriert: Jul 2005

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In der heutigen Zeit haben wir Schriftsteller es sehr leicht. Schon soviel wurde vor uns geschrieben, gelesen und wieder vergessen, daß wir nur diese alten Sachen ausgraben, wiederverwerten und unseren Namen darunter setzen mĂŒssen. Kein mĂŒhsames Nachdenken, bei Sonnenschein in der Stube hocken und Pornowebsites surfen, weil man gerade eine Schreibblockade hat. Man schmökert einfach in einem alten Witzblatt, oder einem humoristischem Buch aus dem 17. Jahrhundert, und schon hat man nicht nur den Stoff, sondern auch die fertiggeschriebene Geschichte. Ist gerade gar nichts zur Hand, dann nimmt man einfach irgendeine Zeitung von gestern und schreibt von dort ab, es fĂ€llt ohnehin keinem auf.

Aus einem mit dem vorher Gesagten ĂŒberhaupt nicht in Beziehung stehendem Grund zieht es mich samstags immer wieder in Wien auf den Flohmarkt, und zwar »Am Hof«. Dieser »Hof« ist ein bißchen umfangreicher und mehr ein ausladender Platz in der Mitte der Stadt, aber nichtsdestoweniger treiben sich dort am Wochenende Standler, Trödler und sonstige RamschhĂ€ndler ungeniert herum, und schlagen ihre Kunden, von der Obrigkeit unbehelligt, ĂŒbers Ohr. Als routinierter Flohmarktbesucher bin ich allerdings bereits bei den HĂ€ndlern gefĂŒrchtet. Wenn ich beispielsweise ein altes, zerfetztes Buch finde, zahle ich keinen höheren Betrag, als ich zĂ€hlen kann.

Es war ein solcher Samstag angesagt, und ich schlenderte durch die Tischreihen des Flohmarktes. Die Schlitzohren hinter den StÀnden sahen gelangweilt aus der WÀsche. Wieder mal war nichts Neues da, kein einziges interessantes humoristisches Pamphlet oder brauchbares Witzbuch. Es hatten vermutlich schon die minderbemittelten Kerle aus der Leselupe alles abgegrast. Ich gÀhnte fadisiert.

Plötzlich stockte mein Schritt, mein Herz begann zu schlagen, als ob der nicht vorhandene Herzschrittmacher eine Kurzschluß hĂ€tte. Da lagen sie, antiquarische RaritĂ€ten von Rang. Drei zerbröselnde Exemplare der Serie »Meggendorfer’s humoristische BlĂ€tter« rĂ€kelten sich lĂŒstern am spĂ€rlich bedeckten Verkaufstisch. Trotz ihrer hundert Jahre am Buchbuckel hatten sie sĂ€mtliche satirisch-bissigen ZĂ€hne behalten. WitzblĂ€tter mit ihren vielen Karikaturen, humoristischen Geschichten und unwahren Behauptungen bildeten damals neben den seriösen Zeitungen eine eigene, vielgelesene Gattung. Aber diese Epoche war bekanntlich dem Untergang geweiht. Die letzte seriöse Zeitung war in der frĂŒhen zweiten HĂ€lfte des 20. Jahrhunderts vom Markt verschwunden.

Meine HĂ€nde zitterten, als ich mich vorsichtig zu diesen Geschichtszeugen beugte, um sie zu begrapschen. Ich sog den Duft der entblĂ¶ĂŸten BuchrĂŒcken ein, fummelte in den Seiten herum und seufzte bei jedem gelungenen Aphorismus leise auf. Daraus konnte ich satirische Text in HĂŒlle und FĂŒlle stehlen, niemand von den jungen Scheißern wĂŒrde sich an diese Großvaterwitze erinnern. Ein dreckiges Grinsen zeichnete sich auf meinen Lippen ab.

Mir, als einem Mann eiserner EntschlĂŒsse, war klar: die drei Exemplare, oder eben nicht. Ein halbherziges Dazwischen gab es nicht.

Ich verschluckte mich beinahe, als ich voll Vorfreude hastig ausstieß „Was kostet ein Exemplar?“ Die Frage stieß ins Leere, denn erst jetzt merkte ich, daß sich hinter dem Verkaufsstand niemand befand. Der fragend angeblickte Knilch am Puppenstand daneben zuckte nur mit dem, wo bei anderen normalerweise die Kniekehlen, bei ihm aber die Schultern sein mußten.
„Der ist gerade dort, wo auch der selige Kaiser zu Fuß hinging!“ erwiderte er bedeutungsschwer.
„Der selige Kaiser? Wohin ging der zu Fuß?“
„Na mit der Kutsche wird er wohl nicht aufs kaiserliche Klo gefahren sein...“

Das leuchtete selbst mir ein. Ich wartete und wartete. Nach drei Sekunden bremste sich eine Kutsche mit quietschenden Reifen und rauchenden Hufen vor dem Stand ein und ein salopp gekleideter Bierbauch schob sich aus dem Fiaker. Unter der Achsel hielt er eine Playboy-Ausgabe aus dem SpĂ€tmittelalter, und in der anderen Hand eine Rolle Klopapier im imperialen Schönbrunnergelb. „Danke fĂŒr’s mitnehmen, Franzl!“ rief er dem Fiaker nach und ließ sich hinter dem Stand auf seinen knirschenden Klappsessel fallen.

Er wollte sich gerade in seine LektĂŒre vertiefen, als er merkte, daß irgendwas anders war. Na klar, ich stand zwischen ihm und dem Sonnenlicht.
Seine AugĂ€pfel quollen hervor und er schrie: „Wo sind sie?“ Wie ein ausgefressener Hamster mit DĂŒnnpfiffantrieb schoß er, mich ignorierend, um den Tisch herum, bĂŒckte sich keuchend unter den Verkaufsstand, kletterte röchelnd auf den Sonnenschutz und wĂ€re vermutlich noch am selben Tag Auftraggeber des Leichenbestatters geworden, hĂ€tte ich ihn nicht erlöst und ein Bein gestellt.

„Was kostet ein Buch?“ Ich hielt dem am Boden liegenden die Meggendorfer’schen Exemplare vor die trĂ€nenfeuchten Augen.
„Eines kostet 20 Euro“, schnaufte er erleichtert und versuchte sie zu kĂŒĂŸen.
„Gut, einverstanden. 20 Euro.“ Ein erster Zwanzigeuroschein flatterte zwischen meinen Fingern vor seiner Nase.
„Ich meinte, eigentlich kostet jedes 40 Euro“, rasselte er gepreßt zwischen den ZĂ€hnen hervor, wĂ€hrend er aufzustehen versuchte.
„Auch gut, ich nehme alle BĂ€nde.“
„300 Euro...“
„In Ordnung“
„...pro Seite“
„OK, her damit“
Er verfiel in Panik. „Nein, ich wollte sie zuerst selber lesen. Ich habe sie noch gar nicht kopiert.“ Er riß die BĂŒcher an sich.
„Her mit den BĂŒchern“, krĂ€chzte ich und biß in seine Hand.
„Ich verkaufe sie nicht!“ Er umklammerte die BĂŒcher und verpaßte mir einen Faustschlag in die Nieren. „Niemals!“
„BĂŒcher her! Warum sonst stehen sie hier am Verkaufsstand?“ Nun gerieten wir ernsthaft aneinander.
„Nur zur Zierde! Zur Zierde!“ Er war knallrot im Gesicht, der Schweiß schoß ihm senkrecht aus den Poren. Das hing wahrscheinlich mit dem eisernen WĂŒrgegriff zusammen, mit dem ich ihm Manieren beibrachte.
„Bitte bitte, wenigstens ein Buch“, winselte ich, „wenigstens ein winzigkleines Buch.“

Es war zu spĂ€t. Ich hatte einen Moment nicht achtgegeben, und sich aus meinem WĂŒrgegriff befreiend nahm er Zuflucht zu seinem fiesesten Trick und kitzelte mich am Nasenspitzel. Ich krachte hemmungslos kichernd auf das Kopfsteinpflaster, wĂ€hrend der Schuft sich mit seinen BĂŒchern aus dem Staub machte.

Jetzt wißt Ihr also, wieso ich mehrere Tage nicht aus dem Haus kam. Meine Zeitungen waren alle ausgegangen, und ich mußte mir selbst eine Geschichte aus den Fingern saugen. Nie wieder, sage ich! Und nĂ€chsten Samstag werde ich vor diesen Leselupenludern am Flohmarkt sein. Jawohl!

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