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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Flucht in die Digitalisation
Eingestellt am 02. 08. 2002 21:01


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philipp
Festzeitungsschreiber
Registriert: Aug 2002

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„Jetzt bist Du nat├╝rlich sauer auf mich“, sagte er, in der Hoffnung, dass es nicht stimmte.
„Na ja – Ich finde es nur irgendwie komisch“, sagte sie.
„Was denn?“ fragte er, den Telefonh├Ârer gelangweilt von einem Ohr zum anderen wechselnd.
„Na, dass Du heute schon wieder keine Lust hast, wegzugehen, nat├╝rlich!“
„ich bin halt m├╝de“, sagte er und g├Ąhnte, wie als Beweis seiner Aussage.
„Aber letzten Freitag, und den Freitag davor, da warst Du auch schon m├╝de. Oder eben nicht in Stimmung. Was auch immer.“ Sie klang mittlerweile sehr entt├Ąuscht.
„Ich bin Freitags selten in der Stimmung, wegzugehen, das wei├čt Du doch. Die letzten Monate, ach was, eigentlich schon seit dem ich in dieser Stadt wohne, gehe ich haupts├Ąchlich Samstags weg. Ich bin Freitags einfach zu m├╝de, um wegzugehen, und Leute zu treffen.“
„Ja, klar. Aber wir haben uns nun schon eine Woche nicht gesehen, da dachte ich, du w├╝rdest Dich auch freuen, mal wieder was zu machen!?“
„Daran liegt es nicht – ehrlich. Nat├╝rlich w├╝rde ich mich freuen. Aber ich bin eben zu m├╝de, und w├Ąre sicherlich kein angenehmer Zeitgenosse. Ich m├Âchte am liebsten einfach nur hier vor dem Computer rumgammeln. Ich will nicht mehr weggehen. Ich m├Âchte einfach nicht mehr irgendetwas m├╝ssen, ich m├Âchte nicht in einer Disko herumstehen m├╝ssen, oder mich unterhalten m├╝ssen. Ich m├Âchte am liebsten ├╝berhaupt keine wild daherblitzenden Reizen mehr aufnehmen m├╝ssen! Ich bin einfach zu m├╝de daf├╝r. Das hat nichts damit zutun, ob ich Dich noch mag, oder nicht. Ich mag Dich immer noch!“ f├╝gte er, fast ein wenig zu hastig, hinzu.
„Ich wei├č nicht. Es kommt mir trotzdem komisch vor“ maulte sie.
„Du wei├čt doch, dass ich die ganze Woche ├╝ber nur mit irgendwelchen Leuten kommunizieren muss, st├Ąndig nur Probleme l├Âsen muss, und schon an normalen Wochentagen abends total m├╝de und unkonzentriert bin. Und Freitags, zum Wochenende, will ich einfach nur entspannen.“

Stille.

So schwiegen sie sich in letzter Zeit h├Ąufiger an. Teilweise mehrere Minuten lang.
„Vielleicht sollten wir in der n├Ąchsten Zeit nur noch Samstags weggehen – Freitags bin ich halt zu m├╝de“, sagte er nach einer Weile.
Direkt vor ihm flimmerten der Computerbildschirm und der Fernseher, meistens hatte er beides zur gleichen Zeit angeschaltet.

„Oder zumindest sollten wir uns gegenseitig ein wenig mehr Freiraum geben“, f├╝gte er hastig hinzu, als er begriff, wie das soeben Ausgesprochene in ihren Ohren klingen musste.

Er tippte schnell eine kurze Antwort auf eine ICQ Message eines Kumpels in Hamburg und machte das Programm wieder zu, da er sich sonst nicht auf das Telefonat mit ihr konzentrieren konnte. In letzter Zeit machte er immer irgendetwas nebenher, wenn er telefonierte. Entweder surfte er im Internet, oder er zappte im Fernsehen herum, oder er lief durch die Wohnung und r├Ąumte irgendetwas auf. Irgendetwas halt. Aber auf die Telefongespr├Ąche alleine konnte er sich selten konzentrieren.

„Du tippst doch schon wieder an Deinem Computer herum, oder? Kannst du nicht einmal richtig zuh├Âren?“
„ich wollte nur eben schnell mal...“
„ach - es ist immer nur einfach schnell mal irgendetwas – aber nie h├Ârst Du mir zu“ fauchte sie.
Diese ewig mitschwingende Anklage – in allem was sie sagte – nervte ihn uns├Ąglich. Er starrte auf den Monitor und ├Âffnete nebenbei seinen Internet-Browser.

„Aber wir m├╝ssen doch auch gar nicht wirklich weggehen. Wir k├Ânnen doch auch einen Video schauen. Ich finde halt einfach nur, dass wir uns viel zu selten sehen. Wir k├Ânnten doch zum Beispiel auch ins Kino gehen?“ Sie versuchte es nun mit anderen Argumenten.

Leider hatte sie in gewisser Hinsicht recht: Wenn sie einen Video schauten oder ins Kino gingen, dann k├Ânnte er sich einfach zur├╝cklehnen und m├╝sste sich nur vom Film berieseln lassen. Und sie k├Ânnten den Abend trotzdem miteinander verbringen.

Er stand auf, drehte den Ton vom Fernseher ganz aus (es lief leise nebenher Big Brother – eine seiner Lieblingsshows) und drehte eine Runde in seiner Wohnung. Ohne diese schnurlosen Telefone w├╝rde er nicht mehr leben k├Ânnen.
„Ach ich wei├č nicht. Da laufen momentan eh nicht so gute Filme. Au├čerdem habe ich auch keine Lust.“
„Warum denn nicht? Warum blo├č nicht?“

Er schwieg und drehte weiter seine Runden durch die Wohnung. Nun stand er in der K├╝che.
„An was denkst Du gerade jetzt?“ fragte sie, als ob das f├╝r sie momentan wirklich wichtig w├Ąre, als ob das nun eine Rolle spielen w├╝rde.
Mittlerweile war er auf der Runde durch die Wohnung in der K├╝che angekommen. Vor dem seit einer Woche angesammelten Berg dreckigem Geschirr stehend, dachte er sarkastisch: ‚woran ich denke? Eigentlich denke ich, ich sollte heute endlich mal den Abwasch machen. Und ich denke, man kann Frauen eben doch nicht immer sagen, woran man gerade denkt.’
„Gar nichts. Ich bin einfach m├╝de“ war daher seine Antwort. Eine typische Antwort auf solch eine Frage, wie er immer wieder vorgeworfen bekam.

„Also ehrlich, ich finde wir sehen uns viel zu selten – wir wohnen in der gleichen Stadt, arbeiten sogar in der gleichen Firma...“
„...in ganz verschiedenen Etagen...!“
„...OK, OK, aber dazwischen liegt auch nur ein Stockwerk. Und au├čerdem k├Ânnten wir viel ├Âfter mittags zusammen essen gehen...“
„...Du wei├čt doch, da├č ich oft mittags nicht aus dem Haus kann, weil ich meistens Meetings habe...“
„...stimmt doch gar nicht, mit Deinen Kollegen gehst Du trotzdem oft zum Vietnamesen...“
„...es ist aber auch meine einzige vern├╝nftige Mahlzeit am Tag – da m├Âchte ich schon gerne richtig essen gehen. Warum gehen wir denn nicht mal zusammen zum Vietnamesen, Thai oder Portugiesen? Die sind alle viel n├Ąher an der Agentur dran als die B├Ąckerei, wo Du immer die belegten Br├Âtchen kaufst!“ Langsam verzettelte er sich. Diese Gespr├Ąchsrichtung war pures Glatteis.
„Ach komm. Du wei├čt genau, dass ich mir das, mit den paar Mark pro Monat, die ich als Diplomandin bekomme, nicht leisten kann!“
„Ich wei├č“. Er hatte noch nie daran gedacht, sie in der Mittagspause mal einzuladen.

Langes Schweigen.

„Also wie gesagt, wir wohnen in derselben Stadt, und sehen uns trotzdem nur einmal die Woche. Das ist doch nicht normal. Unter der Woche bist du zu m├╝de, am Wochenende aber auch.“

Schweigen. Langes, z├Ąhes Schweigen.

„Triffst Du Dich vielleicht mit einer anderen?“
„Nein... – Nein! Ganz sicherlich nicht!“ Seine Antwort kam zu hastig, merkte er. Obwohl er tats├Ąchlich nicht fremdging, hatte er unbewusst das Gef├╝hl, als ob er einen berechtigten Vorwurf entkr├Ąften m├╝sste.

„Hmm...“. Eine deutliche Reaktion auf seine unbefriedigende Antwort.

Er musste jetzt noch irgendetwas sagen, um dieser ung├╝nstigen Gespr├Ąchsrichtung entgegenzuwirken.
„Ich sehe wirklich niemanden sonst! Ich brauche diesen Freiraum einfach f├╝r mich selbst“. Das sagte er, ohne dass er sich sicher war, ob Frauen solche Dinge ├╝berhaupt noch glauben.
„Freiraum – den hast Du doch schon mehr als genug! Wir sehen uns so gut wie gar nicht mehr!“ Ihr Lachen klang jetzt sehr zynisch. Nat├╝rlich hatte sie irgendwo recht, aber er hatte nun mal auch sehr wenig Freizeit.
Es wurde ihm langsam klar, da├č dies eines der letzten Male sein w├╝rde, an dem sie miteinander sprechen w├╝rden. Und er war sich allm├Ąhlich sicher, da├č sie es auch akzeptierte. Wenn auch nicht freiwillig. Aber das war ihm egal.

„Vielleicht ist es wirklich besser, wenn wir uns wirklich f├╝r eine Weile nicht mehr sehen?“ schlug sie vor.
Eine Steilvorlage. Eine g├╝nstige, aber sehr gef├Ąhrliche Steilvorlage. Wenn er jetzt das Falsche sagte, dann war nicht nur die Beziehung zuende, sondern dann produzierte er auch ein nicht gerade freundlich gesonnenes Klatschmaul, das in der Firma mehr Dinge ├╝ber ihn zu erz├Ąhlen wusste, als ihm lieb war. Und das beunruhigte ihn fast noch mehr.

Aus Verzweifelung sah er wieder auf seinen Computermonitor. soeben hatte er eine Message von einer seiner Freundinnen von einer der Single-Communities bekommen. Bei dieser Single-Community kannte er mittlerweile mehrere Frauen, mit denen er sich regelm├Ą├čig Emails schrieb. Die Pflege dieser Kontakte machte ihm Spa├č. Es waren unverbindliche, lockere Kontakte, mit denen er ein wenig per Email flirten konnte. Aber eben nur, wenn er Lust dazu hatte. Manchmal nahm er sich ├╝ber eine Woche Zeit, bevor er auf eine Frage antwortete. Einige Kontakte waren auf diese Weise schon abgebrochen. Aber es gab ja so viele weitere Kontaktm├Âglichkeiten – es kam nicht wirklich darauf an, den Kontakt zu einem speziellen Flirt zu pflegen.

„Hallo? Bist Du noch da?“ fragte sie.
Er musste sich wieder auf das Telefongespr├Ąch konzentrieren.
„Ja. Ja nat├╝rlich bin ich noch da. Ich habe gerade ├╝ber das, was Du gesagt hast, nachgedacht,“ log er. Was sie davor alles gesagt hatte, wusste er nicht genau, da er in dem Moment gerade dabei gewesen war, die Message von seinem Email-Flirt zu lesen.

„Also echt. Manchmal habe ich das Gef├╝hl, Du h├Ârst mir wirklich nicht zu!“
„Doch, Doch“
„Also?“
„Was also?“
„Oh Mann! Du hast ja doch nicht zugeh├Ârt!“ zickte sie.
„Ob wir uns eine Weile nicht mehr sehen? Tja – ich wei├č nicht.“
„So kann es jedenfalls nicht mehr weitergehen!“ In ihrem Ton lag mittlerweile sehr gro├če Ungeduld. Wenn er dies nicht abbog, dann w├╝rde es eine Art Explosion geben, das sp├╝rte er.

„Vielleicht hast Du recht“, tastete er sich vor, „und wir sollten uns f├╝r eine Weile echt eine Pause g├Ânnen“.
„Wie meinst Du das? G├Ânnen? Wieso G├Ânnen? Ich glaub ich wird verr├╝ckt – was bist Du doch f├╝r ein widerlich eingebildeter Schei├čkerl? Und ├╝berhaupt: so sch├Ân war es nun auch wieder nicht mit Dir. Ich glaub ich spinne: G├Ânnen! Hau doch ab! Verpiss Dich!“

Er h├Ârte, wie sie den H├Ârer auf die Gabel feuerte. Ihm gingen die letzten Worte noch einmal durch den Kopf, w├Ąhrend er immer noch mit dem schnurlosen Telefon durch die Wohnung ging. Diese Beziehung war anscheinend vorbei.

Er stellte den Ton vom Fernseher wieder lauter, und setzte sich vor seinen Computer. Hier f├╝hlte er sich wohl. Hier im Internet gab es keine Verpflichtungen, alles war unverbindlich. Man musste nicht ├╝ber Dinge reden, ├╝ber die man nicht reden wollte. Zur Not antwortete man einfach nicht auf eine Email. Man kannte die Leute am anderen Ende sowieso nicht, und lernte sie auch selten genug im wirklichen Leben kennen.

Es waren wieder neue Emails aus den Single-Communities eingetroffen, die er sofort beantworten wollte. Er fing gleich mit gro├čer Begeisterung an, die ersten Antworten zu verfassen, und stellte sich vor, was es wohl f├╝r Frauen sein k├Ânnten, die ihm diese Emails schrieben.

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Zefira
???
Registriert: Jan 2001

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Das gef├Ąllt mir! Richtig aus dem Leben gegriffen, herrlich formuliert und sehr geschickt zugespitzt. Dieser Mensch, der beim Telefonieren ununterbrochen hin- und herl├Ąuft, Fernsehen guckt, Mails beantwortet... und zugleich so vollkommen unerreichbar ist. Sch├Ân auch, da├č der Text ganz aus seiner Sicht erz├Ąhlt ist.
Einziger Kritikpunkt (kann es sein, da├č ich schon mal eine ganz ├Ąhnliche Kritik auf einen Deiner Texte ge├Ąu├čert habe, Philipp?)- der vorletzte Absatz ab "Hier im Internet..." fa├čt zusammen und moralisiert herum. W├╝rde ich streichen. Das wei├č jeder sowieso, der bis dahin gelesen hat.
Ach, und noch etwas: Das "... in der Hoffnung, da├č es nicht stimmte" im ersten Satz scheint mir auch nicht passend. Kurz darauf hei├čt es dann, da├č er sich langweilt. Ich kann ihm diese Hoffnung nicht so recht abnehmen, mir kommt er eher ziemlich gleichg├╝ltig vor.
Lie├če Gr├╝├če,
Zefira

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philipp
Festzeitungsschreiber
Registriert: Aug 2002

Werke: 5
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Hallo zefira,

stimmt, Du hast schon mal solch eine Anmerkung gemacht. Anscheinend habe ich f├╝r moralisierende Abs├Ątze etwas ├╝brig
Dein zweiter Einwand ist durchaus berechtigt, ist mir selbst noch nicht aufgefallen. Wahrscheinlich sollte ich das wirklich rausnehmen, denn das glaubt ihm ja sowieso keiner.

gruss,
philipp.

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