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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Flucht vor dem Schrei
Eingestellt am 18. 07. 2013 16:25


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Silberpfeil
Festzeitungsschreiber
Registriert: May 2013

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D├╝sternis senkt sich ├╝ber das Land herab. Die verbliebenen Strahlen der in der Ferne untergehenden Sonne dringen nicht bis zu ihr durch, denn uralte Bergmassive verwehren ihr die Sicht auf diesen letzten Hoffnungsschimmer. Wie grausame W├Ąchter, die sie einkreisen, mit vorwurfvollen Blicken bedenken und in einer bedrohlichen K├Ąlte zur├╝ck lassen. Doch still ist es und die einzigen Vorw├╝rfe sind jene, die Tiara sich selbst unentwegt macht, laufend in ihren Gedanken wiederholt, wie ein Sprechgesang, jedoch voll stummen Leides.
Fr├╝her war es anders, da kamen ihr die Berge wie Besch├╝tzer vor, so unverr├╝ckbar und m├Ąchtig, dass sie bei ihrem Anblick von einem w├Ąrmenden Gef├╝hl der Geborgenheit erfasst wurde. Kummer und Sorgen waren schnell vergessen, denn hier konnte sie Ruhe finden, in ihr innerstes Selbst blicken und neue Kraft aus der Natur sch├Âpfen. So war es auch, als Ben sie verlassen hatte. Ihre damalige gro├če Liebe beim Fremdgehen zu erwischen war an sich schon schlimm genug. Daraufhin von Ben an den Kopf geworfen zu bekommen, dass er sie schon l├Ąnger betrug, weil er fand, dass andere Menschen ihr immer wichtiger waren als er, und er sich auf diese Art r├Ąchen wollte, lie├č sie ihren Lebensmut beinahe verlieren. Sie fl├╝chtete in die Berge, schottete sich regelrecht ab, sperrte die Welt mit ihren grausamen Menschen aus und verbarg sich hinter einer Mauer aus innerer Abgeschiedenheit. Doch mit der Zeit verdr├Ąngten die Naturschauspiele, die trotz ihrer Schlichtheit und Vorhersehbarkeit atemberaubend waren, Hass und Wut aus Tiaras Herzen und lie├čen sie ihren Frieden finden.

Zehn Jahre waren seitdem vergangen und inzwischen hatte sie in ihrer Aufgabe als Kinderg├Ąrtnerin ihre Berufung gefunden. Ben war schon lange vergangen. Vor drei Jahren lernte sie Demian kennen und lieben. Schnell stellte sie fest, dass sein Wesen sich grunds├Ątzlich von Ben unterschied, denn Demian ist eine treue Seele, aufrichtig und ausgeglichen. Nie wird er grob oder w├╝tend und vor ihrer gewaltigen Liebe zu Kindern hat er den gr├Â├čten Respekt.
Vor einem Jahr kauften sich die Beiden ein kleines H├Ąuschen mit gro├čem Garten direkt am Stadtwald und da gerade Sommer war, lud Tiara ihre Kindergartenkinder und deren Eltern zu einem Picknick ein. Sie spielten Ballspiele, Fangen und Verstecken, bis die Kinder von der frischen Luft m├╝de wurden. Tiara nahm sich vor, auch in den folgenden Jahren solche Treffen zu veranstalten und bald plante das verliebte Paar, f├╝r den eigenen Nachwuchs zu sorgen.
Im Winter erhielt Tiara dann die begl├╝ckende Nachricht. Voller Stolz berichtete sie Demian von ihrer Schwangerschaft. Er hob sie hoch, drehte sich mit ihr im Kreis und k├╝sste sie, bis ihr die Luft ausging. Die Zeit bis zum errechneten Geburtstermin verbrachten sie mit allerlei Planung und Gestaltung. Bei Fragen zur farblichen Ausstattung des Kinderzimmers oder der Wahl des Bettchens, waren sie sich meist auf Anhieb einig und wenn doch einmal Uneinigkeit bestand, fanden sie f├╝r gew├Âhnlich einen Kompromiss.
Als der Sommer vor der T├╝r stand, f├╝hlte Tiara sich oft ersch├Âpft. Die Last des zus├Ątzlichen Gewichts machte ihr schwer zu schaffen und die hei├čen Temperaturen taten ihr ├╝briges. Mittlerweile ging sie nicht mehr arbeiten und nutzte die Zeit daheim oft um auszuruhen. Demian unterst├╝tzte seine Frau nach Kr├Ąften, doch da sein Arbeitgeber in einer Krise steckte, musste er auch dort mehr Aufgaben als zuvor erledigen. Weil Tiara ihre Kindergartenkinder so sehr vermisste, wollte sie nicht darauf verzichten, ihre geplante Tradition der Picknick-Nachmittag in die Tat umzusetzen, und so lud sie die ganze Bande samt Eltern abermals zu sich ein.
Am Abend vor der Veranstaltung wollte sie den Garten nach Stolperfallen abzusuchen. M├╝hsam schleppte sie sich vor die T├╝r, ihr Bauch war mittlerweile stark gew├Âlbt. Die frische Luft und der Schatten der B├Ąume taten ihr dann so gut, so dass sie beschloss, noch eine Runde durch den Wald zu gehen. Sie ├Âffnete das kleine Tor, das den Garten vom Stadtwald trennte und ging, voller Vorfreude auf den kommenden Tag, ihre Lieblingsrunde entlang. Der Weg f├╝hrte vorbei an einem gro├čen Teich, von dem sie wusste, dass er an einigen Stellen bis zu 1,50 m tief war, da sie selber einmal im Winter dort eingebrochen war. An einem hohen Stapel Baumst├Ąmme, die gef├Ąllt und nun scheinbar hier vergessen worden waren, bog sie links ab und ging zur├╝ck in Richtung Haus. Der R├╝ckweg dauerte l├Ąnger als gedacht oder vielleicht kam sie auch nur langsamer voran, doch als sie endlich das Ende ihres Gartens erreicht hatte, sehnte sie sich nur noch nach einem ausgiebigen Bad. Vor lauter M├╝digkeit verga├č sie sogar, das Tor wieder zu verschlie├čen, doch konnte sie dies auch morgen noch nachholen.
Am n├Ąchsten Tag strahlte die Sonne von einem leuchtend blauen Himmel und Hitze flimmerte ├╝ber der Stra├če, als nach und nach die G├Ąste eintrudelten. Tiara und Demian hatten wegen der tropischen Temperaturen nur wenig Schlaf gefunden, doch tat die M├╝digkeit ihrer guten Laune keinen Abriss. Die Energie der Zwergerl war einfach zu ansteckend und besonders der kleine Tommy wich nicht von Tiaras Seite. Mit der Unerbittlichkeit eines Kindes erz├Ąhlte er ihr, was er in der Zeit ihrer Abwesenheit erlebt hatte. Demian z├╝ndete indessen den Grill an. Ganz der Profi hantierte er emsig mit der Kohle und pfiff leise vor sich hin.
Nach dem Essen spielten sie dann Topfschlagen, doch Tommy war das Spiel zu langweilig. Er ergriff Tiaras Hand und versprach, ihr etwas Sch├Ânes zu zeigen, wenn sie mit ihm mitkam. L├Ąchelnd m├╝hte sie sich auf die Beine und folgte dem kleinen Tunichtgut in den hinteren Teil des Gartens. Er f├╝hrte sie zwischen den Holunderstr├Ąuchern hindurch und bat sie, dort zu warten. Dann verschwand er hinter einem gro├čen Strauch und tauchte Sekunden sp├Ąter mit einer gelben Rose wieder auf, die er ihr, ├╝ber das ganze Gesichtchen grinsend, ├╝berreichte. Tiara war sehr ger├╝hrt und schloss Tommy in ihre Arme.
ÔÇ×Wann kommst du denn wieder zu uns in den Kindergarten?ÔÇť Tommy sah sie mit gro├čen Augen an.
ÔÇ×Ach wei├čt du, das dauert leider noch.ÔÇť Tiara griff sich unbewusst an den Bauch. ÔÇ×In ein paar Wochen bekomme ich ein eigenes Kind und muss mich erst mal darum k├╝mmern, bevor ich wieder zur├╝ck komme.ÔÇť Noch w├Ąhrend sie sprach sah sie, wie Tommys freudiges Gesicht in sich zusammen fiel.
ÔÇ×Aber warum kannst du nicht trotzdem wieder kommen?ÔÇť
Schnell ├╝berlegte sie, wie sie ihn tr├Âsten k├Ânnte, doch es war bereits zu sp├Ąt. Bitters├╝├če Tr├Ąnen kullerten aus seinen blauen Augen und er machte Anstalten, davon zu laufen. Tiara reagierte blitzschnell und hielt ihn am Tshirt fest. Sie wollte ihm erkl├Ąren, wie wichtig er trotz allem f├╝r sie war und wie gern sie ihn hatte, doch Tommy riss sich von ihr los und rannte mitten durch die Str├Ąucher. Tiara lief hinterher und sah gerade noch, wie er durch das Gartentor, dass sie tags zuvor offen stehen gelassen und seitdem v├Âllig vergessen hatte, in den Wald rannte. Sie rief ihn an stehen zu bleiben, doch es n├╝tzte nichts. Ihr Instinkt sagte ihr, hinterher zu laufen, doch ihr K├Ârper streikte. Demian und ein paar von den anderen Erwachsenen wurden aufmerksam und beeilten sich, zu ihr zu kommen. Tiara berichtete kurz und knapp, was geschehen war, dann liefen auch schon f├╝nf oder sechs Personen, eine davon Tommys Mutter, in den Wald hinein. Tiara stand kurz vor einem Zusammenbruch. Mit Hilfe zweier M├╝tter schaffte sie es zur├╝ck zum Haus und legte sich auf eine Liege. Sie keuchte und die Sorge um Tommy raubte ihr zus├Ątzlich den Atem. Minuten vergingen, erst f├╝nf, dann f├╝nfzehn. Eine Frau erschien am Gartenzaun und kam schnell n├Ąher. Es war die Mutter von Lea und sie war nassgeschwitzt vom Rennen. Tommy sei nicht zu finden. F├╝r Tiara war diese Nachricht wie ein Stich ins Herz.
Nach einer weiteren halben Stunde erschienen auch die anderen zur├╝ck im Garten. Tommys Mutter weinte, ihre Schultern bebten und sie umklammerte ihren Oberk├Ârper. Tiara setzte sich auf, doch erst als Demian kopfsch├╝ttelnd und mit schreckensstarren Augen auf sie zukam, realisierte sie das volle Ausma├č der grausamen Situation. Er nahm sie kurz in die Arme, vergewisserte sich das es ihr gutging und lief dann ins Haus, um die Polizei zu rufen, die zur Erleichterung aller schnell vor Ort war. Abermals erkl├Ąrte Tiara, was vorgefallen war. Tommys Mutter wiederholte immerzu: ÔÇ×Warum finden wir ihn nicht? Wo kann er nur sein?ÔÇť Die Polizisten konnten zwar f├╝r nichts garantieren, doch sprachen sie ihr tr├Âstende Worte zu. Tommy k├Ânne nicht weit weg gelaufen sein.
Was spielt das f├╝r eine Rolle, dachte Tiara, wenn er sich unterwegs verletzt hat? Mit den Nerven am Ende vermochten sie kaum stillzusitzen und liefen daher unruhig durch den Garten. Selbst Tiara hielt es nicht mehr auf ihrer Liege, sie machte sich unendliche Vorw├╝rfe. H├Ątte sie doch nur vorsichtiger auf Tommys Frage reagiert!
Inzwischen ging die Sonne langsam unter. Tiara wurde w├╝tend und fragte sich, warum die Suche nicht endlich begann. Da fuhr ein weiterer Streifenwagen vor und sie erkannte, dass sich darin ein Sp├╝rhund befand. Tommys Mutter holte ein Tshirt von ihrem Sohn hervor, damit der Hund sich den Geruch einpr├Ągen konnte. Endlich ging es los. Demian wollte seine Frau abhalten, den Suchtrupp zu begleiten, doch Tiara war nicht davon abzubringen und so lie├č er es zu, behielt sie aber die ganze Zeit im Auge, um sofort helfen zu k├Ânnen, wenn sie zusammen brach. Taschenlampen und Suchscheinwerfer sollten ihnen die Suche in der zunehmenden Dunkelheit erleichtern.
Der Hund folgte Tommys F├Ąhrte und schnell gelangten sie zu dem Teich. Tiara war, als griffe eine eiskalte Hand nach ihrem Herzen. Er war doch nicht etwa ÔÇŽ? Aber nein, der Hund lief weiter. Die Suche im Wald kam ihr vor wie die Suche im Heuhaufen. Zum Gl├╝ck war das Waldst├╝ck ebenerdig und Stra├čen gab es auch keine in unmittelbarer N├Ąhe, doch wirklich beruhigend waren diese Gedanken trotzdem nicht. Wo konnte Tommy nur sein? Als sie sich der Wegbiegung n├Ąherten, an der die Baumst├Ąmme aufgestapelt lagen, schlug der Hund pl├Âtzlich an. Er sprang an den St├Ąmmen auf und ab, schn├╝ffelte mit seiner Nase zwischen ihnen herum und lief schlussendlich um den riesigen Haufen herum. Dann bellte er laut und im n├Ąchsten Moment zerrte er mit seiner Schnauze an einem St├╝ck Stoff. Tommys Mutter rannte an Tiara vorbei, doch als sie ihren Sohn sah, schrie sie laut auf. Demian hielt Tiara fest, sie sollte nicht auch dieses schreckliche Bild sehen m├╝ssen.

Die Schreie von Tommys Mutter, voller Entsetzen, waren so brutal, dass Tiara sie selbst jetzt noch h├Ârt. Zwei Monate sind seit dem Ungl├╝ck vergangen. Ein ÔÇ×Ungl├╝ckÔÇť, so nennen es jedenfalls die Beh├Ârden. Tiara wurde keine Schuld zugesprochen, nicht einmal von Tommys Mutter, die seit der Beerdigung in einem Zustand trauernder Lethargie vor sich hin vegetiert. Doch Tiara wei├č es besser, sie tr├Ągt die Schuld am Tod ihres Sch├╝tzlings. Er war vor ihr davon gelaufen, weil sie einen Fehler gemacht hatte und dann konnte sie ihn noch nicht einmal aufhalten.
Was sich genau im Wald abgespielt hat, kann niemand wirklich sagen. Die Beh├Ârden vermuten jedoch, dass Tommy sich aus Trotz oder Wut versteckt hat und sp├Ąter, als keiner mehr nach ihm suchte, auf den Baumst├Ąmmen herum geklettert ist. Dabei muss er dann ungl├╝cklich gest├╝rzt sein.
Mittlerweile ist es richtig finster geworden und Tiara, zitternd vor K├Ąlte, steht noch immer auf dem Balkon und blickt zu den Bergen, deren Umrisse vor dem schwarzen Himmel nicht mehr zu erkennen sind. Sie verdient es nicht, in die warme Stube zu gehen, tr├Âstende Worte von Demian zu h├Âren und ihre kleine Tochter Klara in den Arm zu nehmen, die gerade ein paar Wochen alt ist. Sie verdient es nicht, Gl├╝ck zu empfinden, wo doch so viele Menschen wegen ihr leiden m├╝ssen. Einsamkeit erf├╝llt ihr Herz, bis sie am ganzen K├Ârper eine G├Ąnsehaut hat.
Demian tritt hinter sie, auf einem Arm ihr Baby haltend, mit der freien Hand ihren R├╝cken t├Ątschelnd. Vorsichtig entzieht sie sich seiner Ber├╝hrung, schaut dabei in sein trauriges Gesicht. Schnell blickt sie zur Seite, auf die schlafende Klara, so lieblich wie ein Engel. Tiara sp├╝rt, dass das Herz ihrer Tochter mit Frieden erf├╝llt ist und sie wei├č mit grausamer Sicherheit, dass weder die Berge, noch Demian oder sonst irgendetwas sie jemals wieder mit Frieden erf├╝llen k├Ânnen.

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