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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Flucht zur Leidenschaft
Eingestellt am 11. 10. 2001 06:07


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sb
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Registriert: Oct 2001

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Fr√ľher waren Architekten hergekommen und hatten ihre F√§higkeiten hier erprobt und ihre Wirklichkeit gewordenen Tr√§ume umjubelt. Jedes Haus, hatten sie gesagt, war ein Kunstwerk, jede Stra√üenkreuzung ein unwiderstehlicher Anziehungspunkt. Aber wo immer Tr√§ume bl√ľhten, gab es Umst√§nde, die sie auch wieder zerst√∂rten. Diese Zerst√∂rer hatten durch und durch menschliche Namen und bewohnten den Line-Street-Bezirk. Wie in jedem Ghetto bl√ľhte in den Hinterh√∂fen das Gesch√§ft mit Drogen und Liebe. Kinder wurden gezeugt und verdammt, Spiele wurden blutiger, genau wie die Gr√§ueltaten.
Anfangs wurden herausgerissene B√§ume in den kleinen Parks von liebevollen H√§nden wieder ersetzt und ausgebrannte Autowracks von den Stra√üen entfernt, bis auch der Letzte dieses Spiels m√ľde wurde und das Ausma√ü an Zerst√∂rung die einzige Attraktion war, die das Viertel den Touristen, die sich hierhin verirrten, zu bieten hatte.
Die Kinder machten sich neuerdings einen Spa√ü draus, verst√§ndnisvollen Gurus hinterherzulaufen und deren Beitr√§ge als Gebot zu betrachten. Jede Minute des Lebens, so wurde ihnen gepredigt, bestand letztlich aus Gewalt. Sollte jeder f√ľr sich entscheiden, ob man sie empfing oder in die √∂de Welt trug. Die Kids waren √ľberzeugt davon. Wer sich ihnen nicht anschloss, z√§hlte zu den Verlierern, die erst ihren Stolz gaben, wie einst die Architekten, und schlie√ülich ihr Fleisch
Harold Byron geh√∂rte zu den geborenen Opfern. Der war Futter, so lecker, dass seine J√§ger ihren Hunger dran stillten. Er wehrte sich wegen seines schwachen K√∂rperbaus nie, und um Hilfe schreien konnte er nicht, da er stumm war. Was an Kr√§chzen √ľber seine Lippen drang, wurde bestenfalls ignoriert.
Er hatte sich dran gew√∂hnt. Wenn seine Laune es zulie√ü, war er in der Lage, Verst√§ndnis f√ľr die hinter ihm herjagenden Bestien aufzubringen, von denen einige seine Freunde gewesen waren, fr√ľher, als seine Zunge noch die F√§higkeit besessen hatte, Worte zu formen und nicht dieses Gegrunze. Manchmal, wenn er nicht Acht gab, entfuhr es ihm, und seine Behinderung widerte ihn an, um so mehr, wenn er Zuh√∂rer hatte, die ihn dann verst√§ndnislos anschauten oder, schlimmer noch, Bemerkungen machten, die ihn besch√§mten.
Das war eine Albtraumszenerie, die er mehr als andere f√ľrchtete. Manchmal w√§gte er die Opfer ab, die er geben w√ľrde, k√∂nnte er die Kunst des Sprechens wieder beherrschen. Es war eine Angewohnheit von ihm, das zu tun, vielleicht um die Endg√ľltigkeit seiner Behinderung anzuzweifeln. Er dachte auch jetzt wieder dar√ľber nach, w√§hrend er langsam die windigen Stra√üen entlangschlenderte. Nur zuf√§llig entdeckte er die Horde; er schaute kurz auf und blickte genau in die Richtung, wo sie versammelt war. Die Jungen und M√§dchen kamen aus der Schule, gefrustet und gem√§stet von den √ľblichen Erfahrungen. Ein Himmelreich f√ľr etwas Zerstreuung, ein Himmelreich w√ľrden sie geben. F√ľnfzig Meter und eine kaum befahrene Stra√üe trennten sie voneinander.
Harold machte kehrt und rannte die Stra√üe entlang. Bef√ľrchtungen drosselten seinen Atem. Wenn es ihm nicht gelang, ihnen zu entkommen, dann... Gott, er hatte Gl√ľck gehabt bislang. Nie war er richtig in ihre F√§nge geraten. Aber er kannte ihre rasenden Gesichter nur zu gut, ihre geschwungenen F√§uste und die Schlagringe daran, die schon so oft Blut und Schmerz hervorgelockt hatten. Um Nachsicht zu betteln, weckte blo√ü Schadenfreude und neue Lust.
Schon nach einigen hundert Metern war er ausgelaugt. Mit zitternden Beinen bog er in eine Nebenstra√üe ein und suchte verzweifelt nach einem Versteck. Die Gegend war mit Hinterh√∂fen √ľbers√§t. Die meisten sahen ganz passabel aus: Ger√ľmpel bis an die Grenze zur Standfestigkeit t√ľrmte sich dort auf, Spalten und Fugen zuhauf, in die man sich quetschen konnte. Aber ihm fehlte die Zeit dazu.
Er h√∂rte einen Befehl. "He, Byron", schrie Costello, "bleib stehen!" F√ľnf Sekunden verdrossenen Schweigens folgten. "Bleib stehen, sag ich!" Die Stimme troff vor Wut.
Die H√§user wurden mit jedem Schritt, den er tat, sch√§biger. Keine Front, die nicht mit Graffiti beschmiert war. Meistens Parolen. Obwohl dies sein Geburtsort war, verlor Harold die Orientierung. Er hatte gelernt, dass es Flecken gab, die er meiden musste. Freiwillig hatte er sich schon lange nicht mehr hierhin gewagt, in dieses Verwirrspiel aus Gassen und Passagen. Heimweh √ľberkam ihn, ein Gef√ľhl, das ihn resignieren lie√ü. Er k√§mpfte mit den Tr√§nen, mehr aus √Ąrger als aus echter Trauer. Seine Lunge brannte, und vor seinen Augen platzten kleine Ballons, die immer neue Nachz√ľgler fanden. Dennoch nahm er auf der anderen Stra√üenseite ein Haus wahr, das sein Interesse weckte. Die T√ľr stand offen, und eine dahingemalte, riesig proportionierte Frau schm√ľckte die Wand daneben. Ihr brennender Blick wies f√ľr immer zur gegen√ľberliegenden Front, ihr Mund war f√ľr die Ewigkeit zum L√§cheln gerafft, und ihr blo√ügelegter K√∂rper streckte sich dem Betrachter schamlos entgegen. Ihr unbehaartes Geschlecht funkelte in dunkel gehaltenen Rott√∂nen; Die Monstr√∂sit√§t, die von diesem Gebilde ausstrahlt, liess den Jungen schaudern.
Ausgelaugt √ľberquerte Harold die Stra√üe und erklomm die Stufen des Eingangs, auf denen ein M√§dchen sa√ü, das ihm entgegenstarrte. Er beachtete es nicht, als er an ihm vor√ľberlief und im Eingang verschwand. Dort verblasste der Ruhm vergangener Jahre zusehends. Es schien fast, als w√ľrde der Verfall von oben herabkriechen. Harold passierte zerst√∂rte oder eingetretene T√ľren, niedergerissene Gel√§nder und weitere hingekritzelte Botschaften an den W√§nden. Nach der letzten Treppe wurde die Verwahrlosung √ľberw√§ltigend. Das wenige Licht, das durch dreckverschmierte Fenster hereinsickerte, deckte allen Unrat auf. In einer Ecke waren die W√§nde ru√ügeschw√§rzt, versehrt von einem vor Jahren ausgebrochenen Feuer. Zeitungen lagen umher, Kleidungsst√ľcke und zerbrochene Flaschen. Vor einer der beiden Wohnungst√ľren lag ein toter Vogel, den vielleicht eine Katze dort deponiert hatte. Au√üerdem stank es nach Erbrochenem. Erst jetzt sah, dass er nicht allein war. Das M√§dchen war ihm lautlos gefolgt und lie√ü nun seinen Blick auf Harold ruhen. Er mochte diese Musterungen nicht. Man sah den Gesichtern an, dass er fast nie gut dabei wegkam, als bes√§√üe er irgendwelche verdeckte M√§ngel, die ihm g√§nzlich unbekannt waren. Jetzt aber, da sie es tat, √§nderte er seine Meinung und versuchte, das Schmutzlicht zu seinem Vorteil auszunutzen.
Seine Verfolgerin schloss die Begutachtung mit einem Lächeln ab. "Okay", sagte sie, "und was geschieht jetzt?"
Die Frage lockte ein Grinsen hervor, das breiter wurde, je angestrengter Harold versuchte, es zu unterdr√ľcken. Die Ahnungslosigkeit, die in dieser Frage mitschwang, befriedigte ihn auf r√§tselhafte Weise. Er selbst wusste am allerwenigsten, was geschehen sollte. Aber die Frage war mit einer Sorglosigkeit gestellt worden, als w√ľsste das M√§dchen von seinen Problemen und h√§tte l√§ngst ein paar L√∂sungen parat. Das war Harold dieses Grinsen wert.
"Wer bist du √ľberhaupt?"
Harold erkl√§rte mit einstudierter Gestik, dass er stumm war: wies mit einem Finger auf seinen leicht ge√∂ffneten Mund und sch√ľttelte den Kopf.
Das M√§dchen begriff wohl, ging aber nicht auf diese Offenbarung ein, sondern kr√§uselte lediglich die Stirn. "Entweder suchst du hier wen, oder du hast dich hierhin gefl√ľchtet." Der feste Blick glitt ein wenig von ihm ab. "Ich hei√ü¬ī √ľbrigens Cinderella, aber sag besser Cindy zu mir." Die kleine Gedankenlosigkeit hing bleischwer in der Luft. "Ich hei√ü¬ī Cindy", sagte sie err√∂tend.
Harold zog einen Schreibblock aus der Jackentasche und schrieb seinen Namen und die Umst√§nde, die ihn in dieses Haus gef√ľhrt hatten, auf ein Blatt Papier. Das reichte er dann seinem Gegen√ľber. Fast ber√ľhrten sich ihre Finger dabei.
Cindy las die wenigen Zeilen, nickte, kr√§uselte abermals die Stirn und schaute ihm dann ohne eine Spur Geringsch√§tzung ins Gesicht. "Keine gute Gegend hier f√ľr dich. Ich nehm¬ī an, du wirst h√§ufiger bel√§stigt." Sie deutete vage ins Halbdunkel der Ecken. "Es war mal sch√∂ner hier, wei√ü Gott, aber ich hab¬ī mich damit abgefunden. Solange man noch leben kann..." Der Satz flog abgehackt ins Vergessen.
Nein, sie war kein M√§dchen mehr, sondern l√§ngst zur Frau emporgereift. Die Verluste, die dieser Wandel gekostet hatte, zeigten sich nun als offene Wunden. Ihre Illusionen waren ausradiert worden und f√ľr immer verloren. Ihr Gesicht bestand aus einer l√§chelnden Fassade, aber dahinter kam Traurigkeit zum Vorschein, sonnenlose Traurigkeit. Er sch√ľttelte den Kopf, aus purem Selbstschutz, um diesen Gedanken - und die weiteren, die sich dahinter bereits formierten ‚Äď zu vertreiben.
"Gehen wir rein." Cindy dr√ľckte gegen die br√ľchige T√ľr, welche mangels Schloss aufsprang. Der tote Vogel lag auf anderen Seite des Flurs, wie Harold mit Genugtuung feststellte.
Hinter der T√ľr sah er eine andere Welt. Cindy schien eine begeisterte Sammlerin zu sein. Auf jeder verf√ľgbaren Abstellfl√§che der kleinen Wohnung befanden sich irgendwelche Errungenschaften, denen andere Leute keine Tr√§ne hinterhergeweint h√§tten. Der Hauch ungel√∂ster Geheimnisse str√∂mte aus allen Winkeln der Wohnung.
"Ich wohn¬ī allein hier", sagte sie. "Sei vorsichtig, wohin du trittst." Sie r√§umte zwei St√ľhle frei, fegte den Tinnef darauf achtlos zu Boden. "Setz dich ruhig." Ihre Stimme wandelte sich. Vielleicht hatte sie Zutrauen zu ihm gefunden; entweder das, oder es war einfach Wunschdenken.
Sie nahmen beide Platz. Das Schweigen, das sich zwischen ihnen ausbreitete, war Harold vertraut, aber dennoch war die Ruhe anders als sonst. Da war keine Verzweiflung in seinem Kopf, die sich von seinen Tr√§umen n√§hrte, sprechen zu k√∂nnen. Ihm gefiel das Beisammensein mit Cindy. Nicht nur, weil sie ihn vor den Gefahren sch√ľtzte. Sie war bezaubernd, ganz einfach.
Mit Bedacht widmete er sich einem weiteren Blatt Papier. Cindy entnahm seinen Handstreichen, dass er diesesmal zeichnete. Das Bild beanspruchte zwei Minuten ihrer Zeit, dann reichte er es weiter. Die Striche und Kreise waren trotz aller Eile voller Stimmungen. Cindy las aus seinen bitters√ľ√üen Gest√§ndnissen, dass er sich hier geborgen und wohlbeh√ľtet f√ľhlte. Sie wusste nicht, was sie darauf entgegnen sollte. Er w√ľnschte eine Antwort, nichts Dahergesagtes. Verlegen blickte sie wieder runter auf seine Bekundungen, wo nur der Mittelpunkt - ihre Wohnung - Ruhe und Gelassenheit ausstrahlte, w√§hrend drumherum menschliches Wetteifern und gegenseitiges Niederringen seinen Lauf nahm.
"Du kannst gut malen", sagte sie lahm.
Harold entging keine ihrer Regungen. Er wusste, dass sie keine besseren Worte als diese fand. Er kannte solche Reaktionen. Jeder, der einmal seinen Gespr√§chen - seine Bilder waren nichts anderes - gefolgt war, brachte keine vern√ľnftige Entgegnung mehr zustande, au√üer vielleicht Bewunderung. Normalerweise √§rgerte ihn dies, jetzt aber empfand er Mitleid. Cindy war nett, s√ľ√ü obendrein, und er war empf√§nglich f√ľr Sch√∂nheit; das galt f√ľr Kunst und Fleisch. Ein unbekannter Drang staute sich in ihm, und sie f√ľhlte ihn wohl ebenfalls. Ihre Begierde war die seine.
Ein weiteres Blatt. Harold begab sich daran, ihr seine Gedanken, die er selber kaum verstand, zu erz√§hlen. Das war eine Herausforderung, und er wusste nicht, wie es enden w√ľrde. Wenn es jemals endete. Manche Gef√ľhle blieben besser ungenannt.
Die Minuten zerrannen. Cindy schaute ihm zu dabei, aber sie vermied es, sein unfertiges Kunstwerk zu begutachten; sie verfolgte lediglich, wie sein Körper jeden Strich nachvollzog, beobachtete seine Finger, die den Stift hielten. Sie fragte sich, zu was diese Finger fähig waren. Zu nichts weniger als Zuneigung vermutlich.
Endlich präsentierte Harold ihr seine Botschaften. Das Bild bestand aus Beweisen und Offerten, denen Cindy nicht widersprechen wollte. Seine Begierde war eindeutig, aber unaufdringlich; wenn er Forderungen stellte, dann entdeckte Cindy sie jedenfalls nicht. Sie schaute auf das Blatt. Gott, was sah sie nicht alles? Sie sah sich selbst, sah sich in jedem Detail, auch die Sonne trug ihr Gesicht, sie erkannte sich in den Wassern im Hintergrund wieder, genau wie in den Straßen, und sie musste sich ihre eigene Schönheit eingestehen. Sie versank fast in dem Bild, so schön war es. Harold hatte nur mit einem Bleistift gezeichnet, aber sie konnte die Farben riechen, jede einzelne. Falls Liebe duftete, dann geschah das jetzt.
"Ich...", begann sie, aber der Rest ihres Geständnisses versiegte. Welche Worte sollten diesem Moment standhalten können? Das Wunder des Sprechens war plötzlich belanglos, so fad, dass sie fast dran erstickte. Sie winkte ab. "Nichts", murmelte sie.
Harold l√§chelte und stand auf. In seinem Kopf war ein eigenartiges Gef√ľhl, das ihn verwirrte. Es war, als w√§re er sich selbst fremd und sein Geist in den K√∂rper eines anderen abgetaucht. Er musste an sich hinabschauen, um sich zu vergewissern, dass es nicht so war.
Cindy stand ebenfalls auf. "Morgen, ja?" sagte sie. Sie kaute auf den Worten herum, als bes√§√üen sie gen√ľgend Leben, sich dem Gesprochenwerden zu widersetzen. Sie f√ľhlte sich wie verbal abgeschlachtet. "Wir sehen uns morgen wieder, ja?"
Harold nickte: Morgen, gleiche Zeit.

Am n√§chsten Tag war der verwahrloste Kernpunkt der Line Street nicht mehr so Furcht erregend wie zuvor. Die Abzweigungen besa√üen nun einen gewissen Reiz; jede f√ľr sich.
Von weitem schon sah Harold die Frau, die ihm entgegenl√§chelte, nackt und respektlos wie tags zuvor. Langsam stieg er die Stufen des Hauses empor, obwohl die Erwartung ihn vorantrieb. Das Treppenhaus sah anders aus, als er es in Erinnerung hatte. Neben den altbekannten Parolen zierten nun frische Bilder die W√§nde. Sie begannen im Erdgeschoss und endeten oben, wo sich Cindys Wohnung befand. Waren sie unten gelungen, so sahen sie hier unbeholfen und kindisch aus: wie wenn der K√ľnstler sich herab gearbeitet und Stufe um Stufe neue F√§higkeiten erlangt h√§tte. Einige zeigten die Frau unten von der Front, ebenfalls unbekleidet, aber nicht l√§chelnd. Andere stellten unbekannte Leute dar; ein Reigen wildfremder M√§nner und Frauen, viele so t√§uschend echt, als h√§tte man sie aus dem Leben gefingert und ins Gem√§uer getrieben.
Verwundert klopfte Harold an die T√ľr. Er erinnerte sich, dass man sie aufdr√ľcken konnte, aber er wollte nicht eindringen. Cindy √∂ffnete nicht. Nach einigen Minuten trat Harold doch ein. Der schwere Hauch frischer Farbe stieg ihm unangenehm in die Nase. Er sah Cindys Schatten im D√§mmerlicht der Sonne durch das Wohnzimmer schreiten, wie ein verschrecktes Indiz ihrer Anwesenheit. Harold ging dem bet√§ubenden Duft entgegen, der aus dem Raum drang.
Cindy stand vor einer Wand, die bis gestern noch von M√∂beln verdeckt gewesen war. Mit vorsichtigen Pinselstrichen verfeinerte sie den H√∂hepunkt ihres Schaffens. Harold erkannte jede Pore, jede noch so beil√§ufige Unebenheit seines Gesichts wieder. Von der Decke bis zum Boden reichte es, von einem Ende zum anderen, als handelte es sich um ein ins Uferlose vergr√∂√üertes Foto. Jede Farbnuance deckte sich mit der Wahrheit. Die hingemalten Augen waren gr√∂√üer als Radkappen, und die Blicke, die ihm daraus entgegenstachen, schienen ihn durchbohren zu wollen. Eine be√§ngstigende Begegnung, um so mehr, da Harold wusste, dass das Gesicht keine L√ľge war. Sein eigenes Gesicht - es war, was es war: ein Gr√§uel.
Endlich nahm Cindy ihn wahr, obgleich er bereits seit mehreren Minuten hinter ihr stand. Sie begr√ľ√üte ihn mit einem erfreuten L√§cheln. Kein Wort kam √ľber ihre Lippen. Ihre Augen tr√§nten und waren ger√∂tet von der bissigen Luft, aber das √§nderte nichts an ihrer Zufriedenheit. Sie legte den Pinsel nieder und n√§herte sich ihm. Ein Kuss, behutsam wie ein Luftzug, fuhr √ľber Harolds Gesicht. Sie presste ihren Mund auf seine Lippen und √∂ffnete ihn, zum Beweis, nicht zum Spiel.
Harolds sich hineinschl√§ngelnde Zunge ertastete ihren weichen Schlund, aber sie blieb allein; sie fand nichts anderes als die noch schmerzende, gerade verheilende Wunde, die durch einen fixen Rasiermesserschnitt im Morgengrauen herbeigef√ľhrt worden war. Worte bedeuteten nichts mehr; falls sie jemals etwas bedeutet hatten.

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klara
Hobbydichter
Registriert: Aug 2001

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Gr√ľ√üe.
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