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Leselupe.de > Kurzprosa
Fluchtpunkte, 1. Akt
Eingestellt am 04. 10. 2003 15:19


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uweboe
???
Registriert: Aug 2003

Werke: 8
Kommentare: 21
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Fluchtpunkte

Eine Kom├Âdie


Personen

J├╝rgen-Martin Sures ... Ein vielseitiger Mensch
Sures' Manager ... (der nie mit seinem Namen angesprochen wird)
Peter und Paul ... Zwei Intellektuelle
Chervinski ... Ein Kunstf├Ârderer
Klara ... Die Sekret├Ąrin des Theaters
Kaiser-Oppel ... Ein reicher Mann
Bertrand Bruyant ... Redakteur einer Kunstzeitschrift mit Sitz in Paris
Fre ... Conf├ęrencier
Chor der G├Âtter ... Alter Mann 1, Alter Mann 2 (wahrscheinlich Griechen)
G├Âttin ... Eine wunderbare G├Âttin (die mit ihren Bemerkungen "├╝ber der Sache steht")
Besucher 1 und 2 ... Event-Teilnehmer
Besucher 3 und 4 ... Event-Teilnehmer




(Einfaches B├╝hnenbild, hier und dort stehen ein paar St├╝hle, irgendwo dazwischen steht ein Tisch. In der hinteren B├╝hnenwand ist eine T├╝re ersichtlich.)

I. Akt, 1. Auftritt

Peter:
Also, wenn ich es noch richtig wei├č, dann d├╝rfte sich der Fluchtpunkt wohl folgenderma├čen definieren: Gib acht: Der Fluchtpunkt ist jener Punkt, in dem sich parallel laufende Linien im Unendlichen treffen.

Paul:
Imagin├Ąrer Punkt, hei├čt es wohl.

Peter:
Ja, gut, imagin├Ąr, stimmt, da es diesen Punkt ja real nicht geben kann, sonst w├Ąren die Parallelen ja nicht ernsthaft parallel!

Fre:
Guten Tag, meine Damen und Herren, ich bin Fre, der Conf├ęrencier. Ich werde mir erlauben, sie heute Abend ein wenig durch das Programm zu f├╝hren, um einzelne Personen oder Gegebenheiten des St├╝ckes genauer zu beleuchten.

Chor der G├Âtter:
(sich den Satz teilend)

Ha, sind wir G├Âtter wohl nicht mehr gut genug?

Fre:
(zu den G├Âttern gewandt)

Dynamik, Innovation ... das ist es, was wir brauchen. Bitte, ihr beiden, es sollte doch m├Âglich sein, da├č ihr das endlich einmal akzeptiert! Seht euch die Menschen an, sie sehnen sich regelrecht nach Ver├Ąnderung.

Chor der G├Âtter:
(der eine Gott)

Och, das glaube ich wohl. Sie sehnen sich nach der Ver├Ąnderung, da├č das am ÔÇÜNeuen Markt' verlorene Geld wieder zur├╝ck kommt!

Chor der G├Âtter:
(der andere Gott)

Aber das scheint mir genau so unwahrscheinlich, wie Fl├╝sse, die bergauf flie├čen.

Fre:
Entschuldigt, k├Ânnen wir das vielleicht hinter der B├╝hne ausdiskutieren?

Chor der G├Âtter:
(sich die S├Ątze teilend)

Ablenken, hm? Na, schon gut, mach' weiter!

Fre:
(auf Peter und Paul zeigend)

Das, verehrtes Publikum, sind Peter und Paul, zwei Intellektuelle, die sich gerade ├╝ber ein mathematisches Problem unterhalten.

Peter:
Na, mathematisches Problem solltest du nicht sagen. Es wird besser verst├Ąndlich sein, wenn du es als "Technik der Malerei" beschreibst.

Paul:
Gut, ja, dort findet es seine Anwendung, aber selbstverst├Ąndlich hat es auch mit Mathematik zu tun, das sollte man gegen├╝ber einem Laienpublikum schon auch erw├Ąhnen.

Fre:
ÔÇÜFluchtpunkte' sind ein Thema, das die beiden schon seit einiger Zeit besch├Ąftigt; ich pers├Ânlich w├╝rde ja sagen, da├č sie ├╝ber dieses Thema schon l├Ąnger diskutieren, als ├╝ber andere, die sie in der Zeit zuvor ansprachen.

Klara:
(reinrennend)

Ist Chervinski schon da?

Alle, au├čer Klara:
(durcheinander)

| Fre und die G├Âtter:
| Nein!
| Peter und Paul:
| Wer?

Klara:
Er hat ein Fax durchgeschickt und sich f├╝r vier Uhr angek├╝ndigt.

(geht)

Chor der G├Âtter:
(sich den Satz teilend)

Faxe schickt er gew├Âhnlich nur, wenn er sich besonders wichtig machen will!

Fre:
Liebes, sehr verehrtes Publikum: das war Klara, die Sekret├Ąrin des Theaters hier ... und ich w├╝nsche ihnen nun einen wundersch├Ânen Theaterabend, hier in den legend├Ąren Mauern des Soundso-Theaters.

(l├Ąchelt)

G├Âttin:
(zwischen den beiden alten G├Âttern sich durchdr├Ąngend)

Das hat er sch├Ân gesagt. Ich mag ihn. Ich finde er sieht ganz appetitlich aus.

Paul:
Wei├čt du Peter, unter Fluchtpunkt stelle ich mir eigentlich keine statische Sache vor, sondern vielmehr einen Ort - also, jenen Punkt - der best├Ąndig in Bewegung ist. Ich stelle mir vor, da├č dieser Punkt sich permanent - wie Sterne - von uns fortbewegt ...

Peter:
... ohne jemals zur Ruhe zu kommen. Ja, ja, diese Assoziation dr├Ąngt sich gewi├č auf.

Chervinski:
(rei├čt die hintere B├╝hnent├╝r auf und rennt auf Peter und Paul zu. Wichtigtuend legt er je eine Hand auf jeweils Peter und Pauls Schulter)

Es gibt sie noch, es gibt sie noch, diese begnadeten Genies, die uns Menschen so viel Wohl durch ihre gro├čartigen Werke bringen. Ach, wie ungerecht ist es, da├č wir nicht in der Lage sein k├Ânnen, die unter uns lebenden Genies rechtzeitig zu erkennen und zu f├Ârdern. Immer, immer kommen wir eigentlich gerade wieder einmal zu sp├Ąt. Nur ein J├Ąhrchen fr├╝her, und wir h├Ątten ein begnadetes Wesen, das v├Âllig in sein Schaffen vertieft, sich nur der reinen Kunst hingibt, retten k├Ânnen. Wir h├Ątten ihm, da seine n├Ąhere Umgebung nicht in der Lage war sein Werk zu w├╝rdigen, wir h├Ątten ihm erst einmal eine Werkstatt gezahlt, die seinem Schaffensdrang gerecht wird, h├Ątten f├╝r regelm├Ą├čige Ern├Ąhrung gesorgt, ihm Mut zur Arbeit gemacht, indem wir ihm regelm├Ą├čig Kunstwerke abkauften ...

Klara:
(reinrennend)

Hej, Chervinski!

Chervinski:
(wendet sich von Peter und Paul ab und baut sich vor Klara auf)

Klara! Ich bin ma├člos traurig und dennoch endlos gl├╝cklich!

Klara:
Bist du verliebt?

Fre:
Erlauben sie mir an dieser Stelle einzugreifen und sie darauf hinzuweisen, da├č Klara - na, ich glaube man sagt ÔÇÜunsterblich' - in Chervinski verliebt ist, Chervinski aber f├╝r solche Gef├╝hle wenig ├╝ber hat.

Chor der G├Âtter:
(sich den Satz teilend)

Er spielt viel lieber Gott!

Chervinski:
Klara, letzte Woche habe ich im ÔÇÜOffenburger Tageblatt' ...

Chor der G├Âtter:
(sich den Satz teilend)

... eine Tageszeitung einer gro├čen Kreisstadt im S├╝den dieses Landes ...

G├Âttin:
Ein Provinznest!

Chervinski:
... unter den Todesanzeigen den Namen J├╝rgen-Martin Sures gelesen: <<... verschied er, der einzig f├╝r die Kunst gelebt hatte!>>

Klara:
War er Maler?

Chervinski:
Er war mehr, Klara, er war ein Allround-Genie!

Klara:
War er schon alt? Ist er an einem Herzinfarkt gestorben?

Chervinski:
Nein, Klara, nein! Das Tragische ist, da├č er erst 30 war! Als ich letzte Woche eben diese Todesanzeige la├č, versp├╝rte ich sofort den Drang mehr von diesem K├╝nstler zu erfahren. Ich machte mich sofort auf, in jene Stadt, in der er lebte und wirkte, um mich zu informieren, was sein Schaffensfeld war. Irgendwie habe ich ein Gesp├╝r daf├╝r, wenn es darum geht Kunstg├╝ter zu retten, die ansonsten ungeachtet in biederen Wohnzimmern enden w├╝rden oder gar auf irgendeinem Speicher oder in feuchten Kellern.

Kaiser-Oppel:
(klopft an der hinteren T├╝re an, tritt ein, begr├╝├čt f├Ârmlich, aber schlicht, erst Klara, dann Chervinski. Peter und Paul ├╝bersieht er)

Frau?

Klara:
Klara!

Kaiser-Oppel:
Frau Klara!
Herr Chervinski!

Chervinski:
Guten Tag, Herr Kaiser-Oppel, ich bin ├╝ber alle Ma├če erfreut, da├č sie so spontan der Durchf├╝hrung meines Events zustimmen und als Sponsor mitwirken werden! Mitwirken bei der Rettung des Oeuvres eines Mannes, dessen Schaffenskraft ├╝ber das Ma├č aller unserer gew├Âhnlichen Vorstellungen hinaus geht, ein ...

Bertrand Bruyant:
(klopft an, tritt ein, legt beide H├Ąnde an Klaras Oberarme und begr├╝├čt sie auf ÔÇÜPariser Art' mit vier K├╝ssen)

In Paris ... vier K├╝sse!

(an Chervinski und Kaiser-Oppel gewandt, die verlegen die Hand zum Gru├č anbieten, der Gru├č von B.B. aber nicht erwidert wird)

Guten Tag, meine Herrn!

G├Âttin:
Wer ist das? Sieht eigentlich ganz appetitlich aus!

Chor der G├Âtter:
(sich den Satz teilend)

Bertrand Bruyant. Starredakteur von "L'art à Paris".

Fre:
Und wieder ein kurzes Intermezzo: Diese drei Herren hier haben sich spontan dazu entschlossen, das Lebenswerk des - tragischerweise - sehr jung verstorbenen Multitalentes J├╝rgen-Martin Sures publik zu machen, da sie es als ihre Pflicht ansehen, dem normalen Laienpublikum verst├Ąndlich zu machen, wie wichtig es ist, da├č k├╝nstlerischen Werken Achtung entgegengebracht werden mu├č, da letztendlich die k├╝nstlerische Aus├╝bung von egal welchen T├Ątigkeiten der Menschheit h├Âchstes Gut ist ...

Chor der G├Âtter:
(beide)

... von jedem angestrebt!

G├Âttin:
In Kreativkursen ...

Chor der G├Âtter:
(sich den Satz teilend)

Hat Fre sch├Ân gesagt, k├Ânnte glatt von uns sein!

G├Âttin:
Oder von Bruyant! Sieht wirklich sehr appetitlich aus!

Chor der G├Âtter:
(sich die S├Ątze teilend)

Wer jetzt? Fre oder Bertrand?

G├Âttin:
Och?!

Peter:
Obwohl bei der Fluchtpunktdarstellung viel zu wenig hervor geht, wie relativ das Ganze ist! Der Betrachter wird regelrecht betrogen, da er auf dem Bild schlicht das zu sehen bekommt, was auch den Sehvorstellungen der Realit├Ąt entsprechen wird.

Paul:
Du spielst auf die Gr├Â├čenverh├Ąltnisdarstellungen sakraler mittelalterlicher Malerei und Ikonen an?

Bertrand Bruyant:
(zu Chervinski und Kaiser-Oppel; mehr allerdings Klara anschauend)

Ich habe mir ├╝berlegt, da├č wir die Dokumentation in ÔÇÜXML' anlegen. Zum Einen ist es das zukunftstr├Ąchtigere Format, zum Anderen schwebt mir vor, Fragmente der Dokumentation gegen die W├Ąnde des Veranstaltungsortes zu projizieren.

Fre:
Zur besseren Verst├Ąndlichkeit sei erw├Ąhnt, da├č sie sich unter der Bezeichnung ÔÇÜXML' ein Computer-Dateiformat vorzustellen haben. F├╝r die unter ihnen, die Englisch verstehen: <<Extensible Markup Language>>.

G├Âttin:
(lasziv)

Extensible!

Bertrand Bruyant:
Chervinski, haben sie an eine Fotografie gedacht ?

Chervinski:
War nicht einfach, ein passables Bild zu finden. Sures schien es entweder nicht besonders zu m├Âgen fotografiert zu werden oder er hatte eine Vorliebe f├╝r Grimassen.

Kaiser-Oppel:
(zu Bruyant gewandt)

Bei ihren Projektionen, die sie gerade eben erw├Ąhnten ... ich denke man k├Ânnte dort auch gut die Namen der Sponsoren einblenden.

Bertrand Bruyant:
Monsenieur Kaiser, aber sicher!

Kaiser-Oppel:
Kaiser-Oppel, bitte!

Bertrand Bruyant:
Chervinski, nun r├╝cken sie schon raus; wie ist der junge, talentierte K├╝nstler denn umgekommen.

Chervinski:
Ja, Bertrand! Es war alles andere als einfach an brauchbare Informationen heranzukommen. Sures' Familie, d.h. seine Eltern wohnen nicht in jener Stadt, in der er t├Ątig war, soviel steht fest. Die Redaktion der Zeitung, in der die Todesanzeige erschien, sprach nur von ÔÇÜRoutinearbeit' und da├č sie aus Datenschutzgr├╝nden den Quittungsbeleg der Anzeigenaufgabe nicht unbedingt herausgeben d├╝rften. Nun, was hei├čt denn bittesch├Ân "unbedingt"? Na, ihr k├Ânnt euch schon vorstellen, da├č es dann doch noch eine M├Âglichkeit gab, auf die wir uns einigten.

Kaiser-Oppel:
Ja, ja!

Chervinski:
Das war dann ein recht komischer Kauz, den ich da ausmachte ...

Kaiser-Oppel, Chervinski und Klara:
Wer?

Chervinski:
Der Auftraggeber der Todesanzeige.

Kaiser-Oppel, Chervinski und Klara:
Ah!

Chervinski:
Als ich ihn auf Sures ansprach, fragte er, ob ich denn von der Polizei sei und damit berechtigt solche Fragen zu stellen?
"Nein, nein", beruhigte ich ihn schnell, da die Sache immer spannender zu werden schien ... h├Ątte er sonst sofort die Polizei vermutet?
Z├╝gig erkl├Ąrte ich ihm die Gr├╝nde meines Erscheinens und bat ihn um mehr Informationen ├╝ber Sures. Jetzt stellte sich heraus, da├č dieser Herr so eine Art - na, ihr werdets nicht glauben, aber er dr├╝ckte sich tats├Ąchlich so aus -, also er sagte, er w├Ąre Sures' ÔÇÜManager' gewesen, man m├╝sse sich dies aber auf einer freundschaftlichen Ebene vorstellen. Sures selbst solle sehr zur├╝ckgezogen gelebt und sein Freundeskreis sich auf wenige Personen beschr├Ąnkt haben, denen er eigentlich nur auf ein Bier in seiner Stammkneipe begegnete.

Bertrand Bruyant:
Keine Frauen?

Chervinski:
Doch, was auch sehr extravagant klingt. Sures soll eine Geliebte in Nepal gehabt haben, die er ein- bis zweimal im Jahr besuchte.

Kaiser-Oppel:
Chervinski! Und die Kunst, und die Kunst? Sie sprachen von genialer Begabung, Schaffensdrang, Multitalent ...

Chervinski:
Kommt noch, kommt noch, sie werden nicht entt├Ąuscht sein!

Bertrand Bruyant:
(zu Klara)
Hat sie heute schon jemand zum Essen eingeladen?

Klara:
(richtet ihre Blicke sehns├╝chtig auf Chervinski)
Nein!

Chervinski:
Also, die Person, die die Anzeige aufgab ...

Bertrand Bruyant:
... und die Sures' Manager gewesen sein soll ...

Chervinski:

... fasste allm├Ąhlich Vertrauen zu mir und wurde merklich redseliger, als er erfuhr, da├č mich Sures' Leben und Werk sehr ernsthaft interessierte ...


Chor der G├Âtter:
(sich die S├Ątze teilend)

Als er so tat, als ob ihn sein Leben und Werk sehr ernsthaft interessiere ...

Kaiser-Oppel:
... und wir den Nachla├č ankaufen m├Âchten!

Klara:
Und an was ist er jetzt gestorben? Hat ihn jemand umgebracht?

Chervinski:
Sp├Ąter, sp├Ąter!

Klara:
Aber es ist so spannend! Ich bin so erregt!

G├Âttin:
Ich auch ...

Chervinski:
Tats├Ąchlich gelang es mir, Sures' Manager dahin zu bringen, da├č er mir seine Werkstatt zeigte.

Kaiser-Oppel:
Und?

Bertrand Bruyant:
Haben sie Fotografien gemacht?

Chervinski:
Meine k├╝hnsten Vorstellungen ├╝bertreffend, dicht an dicht gedr├Ąngt, reihten sich ├ľlbilder, Kohlezeichnungen, Siebdrucke, Radierungen und und und.

Kaiser-Oppel:
Und?

Bertrand Bruyant:
Akte?

Kaiser-Oppel:
Nackte?

Chervinski:
Aber jetzt kommt erst das Eigentliche.

Klara:
Ein Abschiedsbrief?

Bertrand Bruyant:
Haben sie ihn dabei?

Chervinski:
Nein, einen Abschiedsbrief gab es nicht. Das ist auch v├Âllig uninteressant, darauf will ich auch ├╝berhaupt nicht hinaus. Sures ist nicht umgebracht worden, er starb an einem verfr├╝hten Hirnschlag!

Kaiser-Oppel:
Ah!

Klara:
Oh!

Bertrand Bruyant:
Schei├če!

Chervinski:
Aber jetzt h├Âren sie, darauf will ich ├╝berhaupt nicht hinaus.

G├Âttin:
Wann kommt er eigentlich auf den Punkt?

Chor der G├Âtter:
(zur G├Âttin gewandt)
Bravo, bravo!

Chervinski:
Dieser Sures - so jung er war - hat so viele Werke hinterlassen, da├č es schon fast unheimlich ist, wieviel Zeit dieser Mensch in sein kreatives Schaffen investierte. Und dem noch lange nicht genug! Was mich am meisten erstaunte und worauf ich eigentlich die ganze Zeit ├╝ber hinaus will, ist Sures' Vielseitigkeit. Nicht genug damit, da├č er Dutzende Zeichen- und Maltechniken beherrschte, er schrieb auch Gedichte, spielte Dudelsack und z├╝chtete "Knock-Out-M├Ąuse".

Fre:
An dieser Stelle sei erw├Ąhnt, da├č niemand wei├č, mit welchem Institut Sures hier kooperierte?

Klara:
Was sind denn "Knock-Out-M├Ąuse"?

Fre:
Unter Knock-out-M├Ąusen versteht man solche Tiere, bei denen ein ganz bestimmtes Gen gezielt ausgeschaltet wurde, um dessen Wirkungen zu pr├╝fen.

Bertrand Bruyant:
Haben sie das auch fotografiert?

G├Âttin:
Ist der nun besonders ausdauernd oder besonders einfallslos in seiner Satzwahl?

Kaiser-Oppel:
Also bitte, meine Herren (bemerkt, da├č er Klara ├╝bergangen hatte) meine Damen und Herren ...
Ich habe verstanden! Es lohnt sich hier geradezu extraordin├Ąr zu investieren. Bruyant, nun zu ihnen: wie gedenken sie vorzugehen, um auf unser kommendes Event hinzuarbeiten?

Bertrand Bruyant:
Ich ...

Kaiser-Oppel:
Sie!

Bertrand Bruyant:
Ich denke ...

Chor der G├Âtter:
Er denkt!

Bertrand Bruyant:
... wir werden ihm die Titelseite der n├Ąchsten Ausgabe von ÔÇÜL'art ├á Paris' widmen ...

G├Âttin:
... Chervinski, haben sie schon Foto's gemacht ...

Bertrand Bruyant:
... und dann ab Seite vier mit der Lebensgeschichte von ...

Chervinski:
... Sures ...

Kaiser-Oppel:
... J├╝rgen-Martin Sures ...

Bertrand Bruyant:
... beginnen.

Fre:
An dieser Stelle sei erw├Ąhnt, da├č das weltber├╝hmte Kunst-Fachblatt ÔÇÜL'art ├á Paris' immer auf Seite vier mit seinen Titelgeschichten beginnt.

Chor der G├Âtter:
Keiner wei├č warum!

Bertrand Bruyant:
Wir werden Sures' gesamte Lebensgeschichte im Zeitraffer dahingleiten lassen, gespickt mit Illustrationen und ...

G├Âttin:
... Fotografien!

Bertrand Bruyant:
Danke! (... obwohl er ja die G├Âttin ├╝berhaupt nicht wahrnehmen kann!)

Kaiser-Oppel:
Sehr einfallsreich!

Bertrand Bruyant:
Was sagten sie, Chervinski, schrieb er nicht auch Gedichte?

Chervinski:
Ja.

Bertrand Bruyant:
Wir werden auch auf die Gedichte eingehen ...

Kaiser-Oppel:
... bevor uns irgendein Literaturheini die Beute wegschnappt und die Rechte an sich zieht.

Bertrand Bruyant:
Wir werden auch diese M├Ąuse einbringen, wir ...

Chervinski:
Bevor ich es vergesse ...

Bertrand Bruyant:
... werden auch ├╝ber Dudels├Ącke berichten ...

Chervinski:
... Sures' Manager ...

Bertrand Bruyant:
... und Parallelen ziehen zu ...

Chervinski:
... hat sich bereit erkl├Ąrt ...

G├Âttin und Klara:
Zu?

Chervinski:
... eine Rede w├Ąhrend des geplanten Events zu halten!
(Stille)

Kaiser-Oppel:
Das sagen sie erst jetzt! Chervinski, das ist ph├Ąnomenal! Er, sein engster Vertrauter, er, vielleicht der Einzige, der den K├╝nstler ├╝berhaupt von seinen innersten Gef├╝hlen her kannte. Chervinski, das ist p├Ąnomenal!

Bertrand Bruyant:
Dann k├Ânnten wir ja in der ├╝bern├Ąchsten Ausgabe ...

Chor der G├Âtter und G├Âttin:
... von L'art à Paris ...

Bertrand Bruyant:
... diese Rede abdrucken !

Chor der G├Âtter:
Irgendwie mu├č "L'art ├á Paris" schlie├člich gef├╝llt werden.

Fre:
Allerdings ab Seite 14, denn eine Titelgeschichte wird das wohl nicht mehr werden.

Bertrand Bruyant und Kaiser-Oppel:
Wer wei├č, wer wei├č!
(Stille)

Peter:
Gestern Nacht hatte ich getr├Ąumt, Astor Piazzolla s├Ą├če auf einer Fluchtgeraden und rutschte - Tango-Nuevo spielend - immer mehr und mehr auf den Fluchtpunkt zu. Astor sa├č auf einer von zwei Geraden, die wie W├Ąscheleinen gespannt schienen - eine oben, eine unten. Er selbst sa├č oben und seine Mitspieler auf der unteren ...

Paul:
... Leine. Also keine Fluchtgeraden, sondern vielmehr Kurven!

Peter:
Ja, Paul, das waren bestimmt Fluchtkurven.


I. Akt, 2. Auftritt

(Im Vorraum eines gro├čen "Veranstaltungszentrums")

Kaiser-Oppel:
Chervinski, es ist jetzt zwanzig vor acht! Um Halb wollte Sures' Manager sp├Ątestens hier sein!

Chervinski:
K├╝nstler, K├╝nstler-Manager. Haben sie Geduld, haben sie Vertrauen. Sie sehen doch, wie gut alles angelaufen ist. Der Zuschauerraum ist zum Bersten voll, Bruyants Artikel war ein absoluter Renner. Alle Zeichnungen und Gem├Ąlde, alle Gedichte von Sures, seine Dudelsack-Konstruktionspl├Ąne und "Knock-Out-M├Ąuse" ... alles unter Dach und Fach, Kaiser-Oppel. Was soll uns noch passieren? Und selbst wenn er versp├Ątet k├Ąme, glauben sie etwa, ich k├Ânnte das nicht ins Positive wenden?

Kaiser-Oppel:
Nein, nein, Chervinski, so habe ich das nicht gemeint! Sie haben ja recht. Nur ... immerhin h├Ąlt dieser "Manager" die Kernrede zu Sures' Leben und Schaffen. Keiner von uns - also auch Bruyant nicht - ist darauf vorbereitet Derartiges zu liefern, falls ...

Chervinski:
Kein "Falls"! Jetzt versuchen sie ein wenig auf andere Gedanken zu kommen.

Chor der G├Âtter:
Wo sitzt der Chor?

G├Âttin:
Wo sitzen die interessanten M├Ąnner?

Fre:
Nun, mein liebes Publikum, meine herzallerliebsten Damen ... meine Herren: Wie sie kaum ├╝bersehen werden, befinden wir uns jetzt gerade auf einem Event! Ist das nicht sehr witzig f├╝r sie? Da gehen sie ins Theater und sitzen pl├Âtzlich ... sagt man nun "auf einem Event" oder "in einem Event"? Na, egal! Sagt man nun "egal" oder "gleichg├╝ltig"? Nun, wie dem auch sei, wir alle - die Veranstalter und das Publikum - warten auf den Beginn der Veranstaltung. Nur ist der Manager von ...

G├Âttin:
... J├╝rgen-Martin Sures, mein S├╝├čer ...

Fre:
... danke ... noch nicht eingetroffen, was Kaiser-Oppel offensichtlich stark beunruhigt ...

Chor der G├Âtter:
... Chervinski nicht minder, nur kann er seinen Ärger besser verstecken!

G├Âttin:
Im Publikum sitzen nur Langeweiler! Ach, aber der dort hinten sieht eigentlich ganz appetitlich aus!

Fre:
Es war sehr schwer eine Genehmigung f├╝r das ├Âffentliche Ausstellen der "Knock-Out-M├Ąuse" zu bekommen, da hierf├╝r von staatlicher Seite aus sehr strenge Sicherheitsvorkehrungen verlangt werden ...

Chor der G├Âtter:
... der Staat selbst w├╝rde sie nicht einhalten!

Fre:
Enorm auch, da├č die Veranstalter ...

Chervinski:
Chervinski!

Kaiser-Oppel:
Kaiser-Oppel!

Bertrand Bruyant:
Bertrand Bruyant!

G├Âttin:
... von L'art à Paris ...

Fre:
... Sures' gesamten Nachla├č pr├Ąsentieren, ohne auch nur auf eine Kleinigkeit zu verzichten.

Chor der G├Âtter:
Man zweifelt schon sehr daran, ob Menschen zur Aufnahme von so vielen Reizen ├╝berhaupt in der Lage sind.

G├Âttin:
... es reizt mich ...

Chor der G├Âtter:
Du kannst mit Reizen ja auch umgehen!

Bertrand Bruyant:
Wir sollten anfangen!

Kaiser-Oppel:
Chervinski, Sures' Manager ist noch immer nicht hier.

Chervinski:
Er wird kommen. Er macht es spannend ...

G├Âttin:
... er verz├Âgert den Reiz!

Bertrand Bruyant:
... und au├čerdem h├Ąlt ja auch Chervinski eine einleitende Er├Âffnungsrede, so da├č Sures Manager noch reichlich Zeit bleibt in Erscheinung zu treten.

Chervinski:
Ich gehe dann ...

G├Âttin:
Mach' deine Sache gut!

Chor der G├Âtter:
Rede bitte nicht all' zu viel dummes Zeug daher!

Chervinski:
... mich zu sammeln, mich vorzubereiten.
(ab)

Chor der G├Âtter:
Du wolltest nicht sagen, da├č du schlicht pinkeln mu├čt!

G├Âttin:
Pipi!

Klara:
(dazust├╝rzend)
Ist Chervinski schon da?

Bertrand Bruyant:
Klara!
(Will zum K├╝ssen ansetzen, wird aber von Kaiser-Oppel verdr├Ąngt, der auf "pariser Art" begr├╝├čt)

Kaiser-Oppel:
Frau ... Klara ... in Paris ... vier K├╝sse!

Klara:
Ist Chervinski schon da?

Kaiser-Oppel:
Aber ...

Bertrand Bruyant:
... er ...

Kaiser-Oppel:
... ist ...

G├Âttin:
... gerade ÔÇÜmal f├╝r kleine Jungs! (obwohl sie ja eigentlich niemand h├Âren kann!)

Klara:
Ich habe dieses Fax im Theater empfangen, es ...

Fre:
Sehr verehrtes Publikum. Wie sie ja schon wissen, sind sie jetzt nicht im Theater, sondern ...

Klara:
... ist von Sures' Manager!

Kaiser-Oppel und Bertrand Bruyant:
Oh!

G├Âttin:
Sprachlos, die Herren?

Klara:
Er schreibt ...

Kaiser-Oppel:
Nun?!

Klara:
Er schreibt ...

Chor der G├Âtter:
Ätsch, wir wissens schon!

Bertrand Bruyant:
... schreibt ...

Klara:
... schreibt, da├č er leider ...

Kaiser-Oppel und Bertrand Bruyant:
Leider!!!

Klara:
... schreibt, da├č er leider in letzter Minute absagen mu├č, da ...

Kaiser-Oppel und Bertrand Bruyant:
Da!!!

Chor der G├Âtter:
(singend)
Da! Da! Da!
(Ziehen ein kleines elektronisches Keyboard hervor und spielen die wohl doch schon sehr bekannte Melodie des St├╝ckes "Da, da, da ..." der Neue-Deutsche-Welle Musikgruppe "Trio")

Klara:
... da er dringende Gesch├Ąfte in Rom zu erledigen hat, die leider keinen Aufschub erlauben.
(Stille)

Bertrand Bruyant:
Das ist ein Witz!

Chor der G├Âtter:
Wenn es so w├Ąre, w├Ąre er gut!

Klara:
Nein ...

Kaiser-Oppel:
Nein?!

Klara:
Nein, es ist wahr. Hier lesen sie selbst.
(reicht Kaiser-Oppel das Fax)

(Peter und Paul vor├╝berziehend)

Peter:
Ich habe geh├Ârt, da├č es ein modernes Theaterst├╝ck mit dem Titel "Fluchtpunkte" geben soll. Hast du davon schon geh├Ârt?

Paul:
Oh, ja ... ich glaube, da├č ich vor kurzem davon geh├Ârt habe ... wie hie├č doch gleich der Autor?

Peter:
War es nicht ... ?

Paul:
Na, es f├Ąllt mir jetzt nicht ein ...

Peter:
Es war ...

(ziehen weiter)

Kaiser-Oppel:
(f├Ąllt zu Boden)

Klara:
(schreit)

Bertrand Bruyant:
Das darf nicht wahr sein! Kaiser-Oppel, stehen sie auf!

G├Âttin:
Denken sie an die Verluste, die sie machen werden, falls die ganze "Chose" hier ins Wasser f├Ąllt!

Kaiser-Oppel:
(zur G├Âttin, obwohl er sie ja eigentlich nicht wahrnehmen kann!)
Stimmt, ...
(steht auf)
... das wird zu teuer, wenn ich hier liegen bleibe.

Bertrand Bruyant:
Ich bin blamiert!

Kaiser-Oppel:
Ach, h├Âren sie doch auf. Br├╝ten sie lieber eine brauchbare Erkl├Ąrung f├╝r das Publikum aus ...

(Man h├Ârt die Er├Âffnungsrede Chervinskis von Weitem)

Chervinski:
(aus der Ferne)
Hochverehrtes Publikum ...

G├Âttin:
Es scheint keine alternative Er├Âffnungsfloskel zu geben ...


I. Akt, 3. Auftritt

(Im Herzen eines "Veranstaltungszentrums")

Chervinski:
... es gibt sie noch, es gibt sie noch, diese genialen K├╝nstler, diese begnadeten Genies, die uns Menschen so viel wohl durch ihre gro├čartigen Werke bringen. Doch m├Âchte ich nun nicht mehr Worte vergeuden, als bisher getan, da wir das au├čerordentliche Gl├╝ck haben, einen Menschen unter uns zu wissen, der dem K├╝nstler Sures so nahe stand, wie sonst kein zweiter! Ich ahne es, ich ahne es, sie platzen jetzt schon vor Neugierde! Nun, dann m├Âchte ich sie nicht l├Ąnger auf die Folter spannen und das Podium frei machen f├╝r ...

(Undeutliche Stimme aus dem Hintergrund, auf die Chervinski reagiert)

Chervinski:
... wie?

(Hintergrundstimme)

Chervinski:
... was?

(Hintergrundstimme)

Chervinski:
... nein? Nun, denn, mein hochverehrtes Publikum ...
(Es tritt eine kurze Pause ein, in der Chervinski sehr bla├č erscheint! Und obwohl man kurzzeitig glauben mochte, da├č Chervinski zu schwanken drohe, mu├č man feststellen, da├č er sich urpl├Âtzlich wieder f├Ąngt, und mit gesteigerter Energie und Emotion in seiner Rede fortf├Ąhrt.)
... es gibt sie noch, es gibt sie noch, diese begnadeten Genies ...
(lacht kurz auf, was fast schon hysterisch wirkt)
... nun, dann m├Âchte ich sie nicht l├Ąnger auf die Folter spannen und das Podium frei machen f├╝r ... mich!!!

Kaiser-Oppel:
(neben Bertrand Bruyant stehend, an Bertrand Bruyant gewand)
Halten sie mich fest!

Bertrand Bruyant:
(neben Klara stehend, an Klara gewand)
Halten sie mich fest!

Chor der G├Âtter:
Hoffentlich bricht uns keiner der beiden Herren zusammen!

Klara:
(zur G├Âttin gewand)
Ach!

G├Âttin:
Eigentlich k├Ânnen sie mich ja ├╝berhaupt nicht wahrnehmen, aber ich finde mit "Ach" treffen sie die Situation recht gut!

Chor der G├Âtter:
(singend und gestikulierend)
Ach, ach, ach! Da, da, da!

Chervinski:
(auf der B├╝hne mit seiner Rede fortfahrend)
Sie haben die Artikel von meinem lieben, lieben Freund, dem Chefredakteur von L'art à Paris - Bertrand Bruyant - verschlungen. Sie haben im Internet recherchiert, um mehr über dieses Jahrtausende-Ereignis der Kunstgeschichte zu lernen und nichts gefunden ... sie sitzen nun hier und brennen darauf mehr zu erfahren, von dem, was der von uns Gegangene, der so jung verstorbene Künstler "Jürgen-Martin Sures" uns - seiner Nachwelt - hinterlassen hat.

Chor der G├Âtter:
Es scheint uns keine Rede auf h├Âchstem Niveau zu sein!

G├Âttin:
Es ist Improvisation.

Kaiser-Oppel:
Es ist Improvisation!?

Klara:
(sehr gl├╝cklich wirkend, voller Begeisterung)
Er improvisiert ... wie ein K├╝nstler!

Chervinski:
Und was sie nicht wissen k├Ânnen; und was niemand wu├čte ... ja, verehrtes Publikum, da├č ich, ich, Otmar Chervinski, das Gl├╝ck hatte diesen Menschen, diesen begnadeten K├╝nstler, J├╝rgen-Martin Sures, noch zu seinen Lebzeiten kennenzulernen ...

Kaiser-Oppel:
... erstunken und erlogen ...

Bertrand Bruyant:
Genial!

Klara:
Er improvisiert!

Chervinski:
... noch zu seinen Lebzeiten kennenzulernen, um
(er stockt)
... um ...

Chor der G├Âtter:
(singend)
Um, um, um ... aha!

Chervinski:
... um ... sehr verehrtes, hochgesch├Ątztes Publikum ... um Zeuge eines Wunders zu werden ... ein Wunder, was ein junger Mensch zu leisten im Stande ist ... was J├╝rgen-Martin Sures schuf und vor allem, wie er voll Kraft, Energie und Enthusiasmus tagaus, tagein voll Energie ..

Fre:
Frauen und M├Ąnner von Morgen tragen Socken von M├╝ller! Denn Socken von M├╝ller sind ein Kn├╝ller!
(h├Ąlt ein Schild vor sich, auf dem Socken zu sehen sind)
Ja, es wird nun Zeit f├╝r unseren Werbeblock!

Chervinski:
(wischt sich erleichtert die Stirn und winkt Bruyant heran)

Fre:
Nur Milch und Butter, i├čt meine Mutter, von Heinrich Kutter! Kutter-Butter!
(h├Ąlt ein Schild vor sich, auf dem Butter zu sehen ist)

(Man sieht, wie Bruyant auf die B├╝hne schleicht und mit Chervinski tuschelt.)

Chor der G├Âtter:
Fr├╝her war das wenigstens noch Eis von Langnese ...

G├Âttin:
Das war im Kino und nicht im Theater ... ├Ąhm, Event!

Kaiser-Oppel:
(mehr zu sich selbst)
Phantastisch, phantastisch! Ein Viertel der Ausgaben tragen wir alleine durch diese Werbeeinlagen.

Fre:
Eis und Schnee im Winter werden entsorgt mit Schneefr├Ąsen der Firma G├╝nther!
(h├Ąlt ein Schild vor sich, auf dem eine Schneefr├Ąse zu sehen ist, geht ab)

Chervinski:
(nun v├Âllig ruhig und professionell)
Unser hochgesch├Ątzter K├╝nstler, J├╝rgen-Martin Sures, starb zu fr├╝h. Das Leben hat einen Fehler gemacht und diesen Menschen von uns genommen und damit die Schaffenskraft, die Vitalit├Ąt und Genialit├Ąt eines Kreativen zerst├Ârt, so da├č sich fast schon die Idee aufdr├Ąngt, da├č die G├Âtter aus Neid diesen Menschen zerdr├╝ckten, um sich das Monopol des Zeugens zu sichern!

(Chor der G├Âtter und G├Âttin sehen sich erstaunt an)

Chervinski:
Doch, als ob Sures dies ahnte - dies perverse Machtspiel der G├Âtter - behielt er bei, das zu tun, was ihm jahrelang ein Bed├╝rfnis zu sein schien ... nein, sie k├Ânnen es nicht wissen, da er nie und nirgendwo sich hierzu ├Ąu├čerte! Nie? Und nirgendwo?
Nein, meine lieben Kunstliebhaberinnen und Kunstliebhaber! Nein! J├╝rgen-Martin Sures offenbarte mir, ja mir, seine innersten W├╝nsche und Visionen, ja mir, Otmar Chervinski.
Doch sicherlich haben sie daf├╝r Verst├Ąndnis, da├č ich nicht in der Lage bin - hier in der Situation des Todes eines guten Freundes -, da├č ich nicht in der Lage bin, ohne da├č meine Gef├╝hle davon unber├╝hrt blieben, da├č ich nicht in der Lage bin ...
(stockt und spielt den mitf├╝hlenden Menschen, obwohl er es bei Weitem nicht ist!)
... da├č ich - und hier bitte ich um ihr Verst├Ąndnis - nicht in der Lage bin, ihnen diese sehr intime Offenbarung meines Freundes Sures darzulegen!
(schluchzt)
Verzeihung!
Aus diesem Grunde bat ich den ihnen allen bekannten und von ihnen gesch├Ątzten Chefredakteur von L'art ├á Paris, Bertrand Bruyant, um die Unterst├╝tzung, mich, in dieser schweren Situation zu begleiten und mir das abzunehmen, was mir unm├Âglich zu erz├Ąhlen ist, aber ihnen nicht vorenthalten werden darf.
Nein, jetzt spanne ich sie nicht l├Ąnger auf die Folter und bitte dich, lieber Bertrand, auf die B├╝hne ...
(zeigt mit den Armen in eine Richtung ... Bertrand erscheint jedoch von der anderen Seite)

Bertrand Bruyant:
Bonsoir et bienvenu, Mesdames et Monsenieurs! Ich bin besch├Ąmt die Ehre zu haben, ihnen das zu ├╝bermitteln, was eigentlich Teil des Lebens von ... Ottkar ... sein sollte ... !
(Bruyant redet "imagin├Ąr" weiter)

G├Âttin:
Wir wissen es jetzt!

Chor der G├Âtter:
Was, bittesch├Ân, wei├čt du jetzt?

G├Âttin:
Da├č ich ihn, "wei├č Gott", nicht mehr v├Âgeln, sondern vielmehr schlagen und sch├╝tteln m├Âchte!

Chor der G├Âtter:
Man beachte die Reihenfolge! Wen eigentlich?

G├Âttin:
Beide "wen", Chervinski und Bruyant, aber eigentlich nur Chervinski, dessen Machthunger und Habgier und was wei├č ich auch immer, ihn dazu bringt sich die Gunst der Stunde ...

Chor der G├Âtter:
Die haben wir eingef├╝hrt ... (trocken) da, da, da!

G├Âttin:
... sich die Gunst der Stunde, dergestalt zu Nutze zu machen, da├č letztendlich er und nicht Sures im Rampenlicht stehen wird ...

Chor der G├Âtter:
... und die Kohle kassieren ...

G├Âttin:
... und die Kohle kassieren, ja!

Chor der G├Âtter:
Das riecht nach Arbeit f├╝r uns!

G├Âttin:
Ja, meine Herren, die Zeit der heiteren Ausgelassenheit ist vorbei, die g├Âttlichen Pflichten rufen!

Chor der G├Âtter:
Wenn unsere alten Ohren richtig geh├Ârt haben, sollen wir Pl├Ąne schmieden, wie man Chervinski am besten auf die Nase fallen lassen kann!?

G├Âttin:
Ihr alten, s├╝├čen Schlitzohren sollt keine langen Pl├Ąne schmieden, sondern das tun, was jetzt eben n├Âtig ist!

Chor der G├Âtter:
Ja, ja, ja!


I. Akt, 4. Auftritt

(wieder im Vorraum des besagten "Veranstaltungszentrums")

Peter:
Also, Paul, um einen Punkt im dreidimensionalen Raum auf eine zweidimensionale Fl├Ąche zu projizieren ...

Paul:
... auf einen Computerbildschirm zum Beispiel ...

Peter:
... denkt man sich eine Linie zwischen dem Punkt im Raum und dem Auge des Betrachters.

Paul:
Den Augen!

Peter:
Wir vereinfachen jetzt erst einmal und gehen von einem Auge aus.

Paul:
Sonst m├╝├čten wir die Welt durch eine rot-gr├╝n Brille betrachten ... also die projizierte!

Peter:
Ja! Doch, wie gesagt, verbinden wir den darzustellenden Punkt im Raum mit einem unserer Augen ...

Paul:
... was den zweiten Punkt einer Linie darstellt ...

Peter:
... und berechnen nun den Schnittpunkt dieser Linie mit einer dazwischenliegenden Projektionsebene ...

Fre:
Hochgesch├Ątzte Theaterbesucher, den ersten Teil des geplanten oder sagen wir besser "improvisierten" Events h├Ątten wir somit hinter uns gebracht, um in einer wohlverdienten Pause zu entspannen.

(Chervinski und Kaiser-Oppel ziehen vorbei, Bertrand Bruyant trottet hinterher)

Chervinski:
(zu Kaiser-Oppel)
Nun nehmen sie sich zusammen. Das Publikum ist begeistert und nimmt uns alles ab.

(ab)

Fre:
Bisher ...

Klara:
(hinzutretend)
Haben sie Chervinski gesehen?
(ab)

Fre:
(nicht auf die Frage eingehend)
Bisher scheint das Publikum die "besonderen Vorkommnisse" in keinster Weise zu erahnen. Nicht sie (deutet auf die Theaterbesucher), sondern die (deutet in eine andere Richtung und meint damit die Besucher des Events)
Die auf CD gebrannten Dokumentationen im HTML-Format sind restlos ausverkauft ... auf eine zus├Ątzliche Projektion auf Gro├čleinwand hat man nun doch verzichtet!
(blickt auf einen Stichwortzettel)
Die Werbeeinlagen haben die entstandenen Unkosten nicht nur gedeckt, sondern fuhren Gewinne ein ... und ...
(blickt wieder auf seinen Zettel)
eine kleine Demonstration wegen der "Knock-out-M├Ąuse" wurde mit Erfolg in das Gesamtgeschehen integriert!
(ab)

(Zwei aus der Menge der Eventbesucher)

Besucher 1:
Ich denke, da├č ich viel besser in der Lage bin, die Vielschichtigkeit dieser Werke zu begreifen, seit ich selbst begonnen habe meiner Kreativit├Ąt keine Ketten mehr anzulegen, sondern ihr freien Lauf zu lassen, um ...

Besucher 2:
... bei Dave Brassman?! ...

Besucher 1:
Bitte?

Besucher 2:
Bei Dave Brassman?! Sagten sie nicht, da├č sie Aktmalerei bei Brassman lernen?

Besucher 1:
"Virtuell-konstruktive Aktmalerei"!

Besucher 2:
Bitte?

Besucher 1:
"Virtuell-konstruktive Aktmalerei". Die Unterrichtsmethode baut darauf auf zuerst den Geist und hernach den K├Ârper auf den Akt des k├╝nstlerischen Schaffens vorzubereiten.

Besucher 2:
Reden sie nur ├╝bers Malen?

Besucher 1:
Wir vertiefen uns!

Besucher 2:
Ineinander?

Besucher 1:
Virtuell!

Besucher 2:
Ah!?

(beide ab)

(Chervinski und Kaiser-Oppel kommen zur├╝ck, Bertrand Bruyant trottet hinterher)

Kaiser-Oppel:
(zu Chervinski)
Und wir werden f├╝nfzig Prozent der Aquarelle zur├╝ckbehalten ...

Chervinski:
... nicht verkaufen, ja, ja!

Fre:
(zu Chervinski)
Klara sucht sie!

Chervinski:
(ignoriert Fre)
Aber achtzig Prozent der kleinen Skulpturen sollten wir schon so bald wie m├Âglich freigeben.

Kaiser-Oppel:
Zu sehr, sehr g├╝nstigen Preisen.

(ab)

Besucher 3:
So ein junger, begabter K├╝nstler hat bestimmt ein sehr interessantes, aufregendes Leben. Ach, wie mich das fasziniert! Nicht wie die jungen Menschen von heute, die mit ihrer Zeit ja nichts mehr anzufangen wissen.

Besucher 4:
Ja!?

Besucher 3:
Glauben sie, da├č er sehr arm war?

Besucher 4:
Ich ...

Besucher 3:
... entschuldigen sie, da├č ich unterbreche, aber sehen sie mal hier.
(deutet in ein Programmheft)

Besucher 4:
Ja!?

Besucher 3:
Also das mit diesen M├Ąusen kann ich aber nicht verstehen. Ich denke, da verwechselt man etwas. Das ist doch keine Kunst!

Besucher 4:
Nein?

Besucher 3:
Nein, so was!
(deutet auf ein ausgestelltes Bild im Vorraum)
Das ist aber sch├Ân.

Besucher 4:
Ja?

Besucher 3:
Ja, ja, kein Zweifel!

(beide ab)

Fre:
Die Pause ist vorbei. Atmen sie noch ein-, zweimal tief durch und folgen sie mir unauff├Ąllig in den Saal!
(lacht, ab)

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Marcus Richter
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Hi Uwe,
du hast ein paar gute Dialoge in dein Theaterst├╝ck eingebaut. Ich habe versucht, mir das Ganze als tats├Ąchliches ST├╝ck vorzustellen. Kann mir schon denken, da├č es funktioniert.
Auch wenn mir das dadada und die dazugeh├Ârige Melodei nicht unbedingt in den Kram passt, glaube ich, da├č es auf der B├╝hne ganz gut r├╝berkommt.

Da das St├╝ck noch nicht zu ende scheint, hab ich mal wieder das Problem mit dem Sinn bestimmter Chraraktere. Ich kann mir zwar vorstellen, da├č jeder Figur auch ein bestimmter Sinn in dem ST├╝ck zugef├╝hrt wird, aber die Gefahr besteht nat├╝rlich, da├č du den Faden, aufgrund des "gro├čen Tohuwabohus", irgendwann verlierst. An bestimmte Charaktere, die irgendwann nur noch sich selbst und nicht mehr dem St├╝ck dienen.

Aber ich verlass mich da mal ganz auf dein Geschick.
So, bin gespannt auf eine Aufl├Âsung.

Gruss, Marcus
__________________
"Ein Wort aufs Papier und wir haben das Drama."
Durs Gr├╝nbein

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uweboe
???
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Hallo Marcus,

danke f├╝rs Durchackern des bisher unvollst├Ąndigen St├╝ckes! Ich habe den bisherigen Teil bei Euch ver├Âffentlicht, um mir bez├╝glich der Weiterf├╝hrung selbst "in den Hintern zu treten", d.h. endlich einmal insofern daran weiterzuarbeiten, da├č die als Skript schon vorliegenden Teile endlich ├╝berarbeitet werden und eine vorl├Ąufige Endfassung bekommen.

Hast aber Recht mit "langes St├╝ck" und "Faden verlieren" ...

Ohne viel verraten zu wollen, sei darauf hingewiesen, da├č es bis dato noch zwei verschiedene Weiterf├╝hrungen gibt und ich mit mir selbst noch nicht im Klaren bin, welche denn nun eigentlich die passabelste ist!?

Zudem kam jetzt aufs Jahresende auf mich sehr viel beruflicher Stre├č zu und so sehe ich erst ├╝ber den Jahreswechsel eine Chance die abschlie├čenden Teile zu ver├Âffentlichen!!!

Bis denn, Gr├╝├če, Uwe

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