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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Fluchttarif: Null Verantwortung
Eingestellt am 22. 08. 2010 22:27


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Herbert Schmelz
One-Hit-Wonder-Autor
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Personalisierte Beispiele eines Hintergrundthemas - Jahrgang 2010

Rainer Schaller und Co. Adolf Sauerland
Als die Werbekampagne ‚Loveparade’ unter den ‚Ravern’ in Duisburg den Massentod ausstreute, kam sofort Stimmung für eine ‚neue’ Diskussion zur Verantwortung auf. Doch die TÜV-Ideologie von der technischen Machbarkeit des Glücks bringt es nur zu einer Gemengelage, in der verantwortliches, ja schuldhaftes Handeln gesellschaftlicher Individuen zum Nulltarif abgewälzt wird. Um den Frieden sei es gegangen. Aber es war nur dessen attraktiver Reiz, die Friedenssehnsucht, die es zu vermarkten galt. Und damit erhöhte sich das Risiko dieses Geschäfts, das, wie jedes, auch schief gehen kann.

Erst nachher versteht die übersehene Lüge zum Thema Liebe und Frieden, wer die Werbung in Gestalt des Gemischtwarenladens aus Massenhysterie und Depression mit der Todesbotschaft zusammen bringt. Das Ereignis sollte ja in harmlose Bahnen gelenkt werden. Vordergründig stehen aber nach dem Horror im Bereich der Eisenbahnunterführung Veranstalter Rainer Schaller und Oberbürgermeister Adolf Sauerland am Pranger. Alle organisatorisch Beteiligten wollten den Tod aber nicht, nur das ‚Vergnügen’ in knüppelharter Zeit. Tod (21) und Verletzung (500) sind hier unbeabsichtigte Nebenwirkungen eines kommerziell geprägten Großereignisses (1,4 Mio. (?) Teilnehmer). Das gilt, selbst wenn eindeutiges
Fehlverhalten im Rahmen einer Verantwortungsrechnung ermittelt werden sollte.

War dieser Zusammenbruch der Sicherheitspropaganda vielleicht ein erst zu entzifferndes Signal vom ‚Ende der Spaßgesellschaft’? Tendierte diese doch zu einem ‚harmoniesüchtigen Zeitgeist’, der sich gern verantwortungsbewusstem Denken und Handeln entzieht. Nach den terroristischen Aktionen in New York, Washington und Madrid wollten konservativ aufrüttelnde Initiativen den Bürgern 'tragbare' Freiheitseinschränkungen und dem führenden Personal der Deutschland AG abgeklärte Verantwortung für eine ‚bedrohte christliche Leitkultur’ abverlangen. Und das Ende vom Lied ? Als hätten sie einen Domino-Effekt geplant, ziehen sich Berufspolitiker von ihren Führungspositionen zurück, wie wenn sie in unbestimmter Angst handelten. Die Politiker der christdemokratischen Parteien erklären, selbst bestimmen zu wollen, was ihnen wann Spaß macht. Alles zu seiner Zeit. Die ‚Spaßgesellschaft’ geht für sie nicht zu Ende.

Dieter Althaus
Ein Jahr ist es her, dass nach seinem Unfall auf der Ski-Piste in Österreich mit tödlichem Ausgang für die Unfallgegnerin und einer Wahlniederlage zu Hause dem Ministerpräsidenten Thüringens kein anderer Weg mehr gangbar schien als der eines Managers in der Wirtschaft. Die Österreichische Justiz half diskret, die Kuh von der eisigen Piste zu bekommen. Für eine Fortführung seiner politischen Karriere sah Althaus keine Basis mehr.

Friedrich Merz
Wer einmal die witzig-blödelnde Stammtischidee von der Steuererklärung, die auf den Bierdeckel passt, erfunden hat, darf sich des Beifalls interessierter Kreise lange erfreuen. Zudem hatte er vorher als ambitionierter Redner und Fraktionschef der Unionsparteien am Panzer der ‚Leitkultur’ mitgewirkt. Davon ist heute nur die selbstverständliche Forderung an Immigranten übrig geblieben, die deutsche Sprache zweckmäßigerweise zu erlernen. Wir erinnern uns ja noch, wie die christlichen Parteien schamlos Deutschland als 'Nichteinwanderungsland' propagierten als wollten sie uns alle in Festungshaft nehmen. Heute erfreut sich Merz als 'Privatmann' immer noch großer Aufmerksamkeit und darf nach Meinung seiner Gesinnungsfreunde wiederkommen.

Horst Köhler
Unser Staatsoberhaupt dagegen hatte die ‚bürgerliche Regierung’ schon länger populistisch übertrumpft und genervt. In einem letzten Versuch hatte er von Afghanistan aus realistisch-inkompetent geredet, wollte doch nur das dumpfe Märchen von der Identität des Gemeinwohls mit den Interessen der Export- und Finanzindustrie erzählen. Das ließe sich aber nur mit militärischem Einsatz erreichen. Er verwechselte angesichts der gereizten Kritik seinen schwächelnden Draht zur Politik mit der Schwäche des politischen Amtes, das er nicht beschädigt sehen wollte. Er flüchtete im sicheren Genuss der materiellen Privilegien aus Amt und Verantwortung.

Christian Wulff und Thilo Sarrazin
Sein Nachfolger löst gleich Unbehagen bezüglich seiner Glaubwürdigkeit aus, weil er notorisch abgreift. Aus dem Kreis der ‚Landesfürsten’ stammend, wurde er zum Staatsoberhaupt gekürt. Diese Beförderung nach oben in dünnere Luft passt schon, denn er sei ja kein ausgesprochener Machtmensch. Wie richtig erkannt wurde, muss er das Amt des Bundespräsidenten für sich ‚neu erfinden’ oder er ‚wird scheitern’. Seine biedermännische Rückzugsforderung an den Duisburger Oberbürgermeister Adolf Sauerland (CDU) ist notiert, und er schwadroniert schon wieder mit der Geste des Moralapostels, wo es um eine möglichst unschädliche Entlassung von Thilo Sarrazin (SPD) aus dem politischen Apparat geht. Wenn dieser Bundesbankvorstand, Clanmitglied der politischen Klasse wie der neue Bundespräsident auch, zur Erleichterung der gleichgesinnten Kollegen schließlich 'freiwillig' geht, geschieht das nicht zu seinem Nachteil. Da hatte er beim Verlassen seines Führungspostens bei der Deutschen Bahn AG, zum Berliner Finanzsenator mutierend, wesentlich unangenehmere Erfahrungen vor höchsten Gerichten machen müssen. Aktuell hat hier der Mechanismus des Gebens und Nehmens gegriffen. Im operativen Tagesgeschäft verbleibt der schwarze Peter zunächst bei seiner Partei, die den 'verdienten' Genossen angeblich rauswerfen will. Im Fall des 'jungen' Bundespräsidenten kann man, gerade weil er mehr ins Spitzenamt stolperte als elegant aus bestehender Verantwortung flüchtete, zusammen mit den gehäuften Rückzügen und Spurwechseln eine Nervenkrise politischer Kommunikation erahnen.

Edmund Stoiber, GĂĽnter Oettinger
Typisches Resultat dieser Krise waren schon jene süddeutschen Spitzenfunktionäre, die in europäischen Sesseln landeten. Auch wenn ihre sprachlichen Fehlleistungen sie gelegentlich in die Nähe der Nazi-Ideologie rückten, so war das nicht das wirkliche Problem. Wirklich waren Bindungen vor Ort brüchig geworden. Dort galten sie allmählich als Personifizierung der Unfähigkeit,den abgenutzten Ritualen den Rücken zu kehren und für die tiefgreifenden krisenhaften Entwicklungen glaubhafte Lösungen anzubieten. Schlecht für die europäische Union.

Ole von Beust, JĂĽrgen RĂĽttgers
Zwei weitere Spitzenpolitiker aus dem Kreis der ‚Landesfürsten’ erlebten ihre Abstrafung als ungerecht. Die Niederlagen im Politikbetrieb, sei es in der Inszenierung als ‚Arbeiterführer’ oder ‚Parteireformer’, lähmten ihre Kräfte. Sie haben den Spaß an der Bewältigung des durchaus nicht ungefährlichen Legitimationsstress verloren. Wer sich mehr Zeit für’s Private leisten kann, dem wird so vermutlich mit ganz anderen Formen der Verantwortungsübernahme geholfen. Das macht vielleicht Spaß und entschädigt für den Machtverlust.

Roland Koch
Als in dem reichlich bekannten Fall vor Mikrofonen und Fernsehkameras die Verwalter ‚schwarzer’ Parteikassen in Liechtenstein vom ‚Landesfürsten’ höchstpersönlich mit ‚brutalstmöglicher Aufklärung’ bedroht wurden, hatte der Mitwisser, die Schuld an 'seiner' Misere abwälzend, seine verheerenden Aktivitäten bereits begonnen zu entfalten. Hinter der berüchtigten Chiffre für ‚Aufklärung’ stand in Wirklichkeit ‚erfolgreiche’ Krisenbewältigung in der christlichen Partei auf Kosten der Demokratie. Waren es im ersten Moment ‚jüdische Vermächtnisse’, welche die Parteikasse so ungehörig füllten und in ihrem wirklichen Zusammenhang mit den Affairen dieses Spitzenfunktionärs noch aufzuklären sind, so mussten später ‚brutalste’ Operationen im Getriebe der Macht für die Absicherung einer Ausgrenzungs- und Entmündigungspolitik herhalten. Vergleiche mit der historischen und zugleich berüchtigten Führungsfigur (FJS) aus Bayern, die in der 'Spiegel-Affaire' einen ernsten Anschlag auf die junge Demokratie in Deutschland versuchte, sind nicht aus der Luft gegriffen.

Der Begriff ,nach Gutsherrenart’ für vordemokratische Politikpraxis verharmlost die Zustände mitten in Deutschland: Wo Zigtausend Beschäftigte tarifunfähig gestellt; Steuerfahnder mit manipulierten ärztlichen Gutachten beruflich kaltgestellt; die für 'Gutverdiener' zuständige Abteilung der staatlichen Finanzverwaltung ausgehebelt; eine kultur- und rechtspolitische Wüste mit selbstherrlichem Ordnungsgehabe erzeugt wurde. Und dies alles mit Vorsatz und von oben befohlen. Unsre‚bürgerliche Kaiserin’, Angela Merkel, wirkt in diesem Politikbetrieb wie eine Getriebene, die keine genießbaren Lösungen anbieten kann und doch von der Flucht oder Beförderung ihrer Konkurrenten profitiert.Ihr Atomkurs stößt inzwischen übler auf als früher. Vielleicht reicht es bald nicht mehr für sie, nur in einer Aura von rationaler Ausgewogenheit zu erscheinen. Die Markenzeichen des Konservatismus und Liberalismus geraten in ihrer Regierung perspektivlos unter die Räder politik-geschichtlicher Wandlungsprozesse.

Zwei Beobachtungen überraschen: Obwohl der ständig zündelnde, köchelnde, christdemokratische ‚Landesfürst’ fest im Sattel zu sitzen scheint, plant er nach einer deftigen Wahlschlappe Anfang 2008 die Abseilung aus der Politik, setzt sie offenbar auch Schritt für Schritt um. Und dann hat seine Autorität als ‚Wirtschaftsfachmann’ und ‚Krisenmanager’ nichts eingebüßt, obwohl sie in der Steinzeit des liberalen Kapitalismus wurzelt und eben seine Politikrezepte steinzeitliche Züge tragen. Der gelernte Rechtsanwalt wäre damals besser risikobereiter Erfinder gewesen, heute muss er schon Spaß darin finden, spezielle Kostenblöcke eines großen Unternehmens zu minimieren. Keine Freude für Betroffene. Die Mrd. Schäden des illegalen FRAPORT Desasters in Manila lassen grüßen. Der damalige Aufsichtsrat machte sich eilig aus dem Staub.

Genau hierin aber besteht die brüchige Logik: Dass Mitglieder clanförmig organisierter Cliquen, die programmatisch eine Kolonisierung im Inneren der Gesellschaft betreiben, auch mal ‚freiwillig’ ihren heiß gewordenen politischen ‚Verantwortungsbereich’ verlassen. Der Misserfolg nagte bereits an ihnen. Sie wechseln im doppelten Sinne fluchtartig aus der einen Verantwortung zu neuen Betätigungen in ‚unternehmerische Verantwortung’. Wenn man will, aus Verantwortungsscheu. Weil ihnen das Lustgefühl populistischer Manipulation letztlich aber lieber ist als der nur lästig gewordene Job, wo Misserfolge der erfolgsgewohnten Manager der Macht nur flüchtig sichtbar wurden, kann ihre spätere Wiederkehr im Dienste ‚christlicher Leitkultur’ nicht ausgeschlossen werden. Flucht ist natürlich kein bedingungsloses Vergehen, man wüsste nur gern, zu welch höherem Zweck sie inszeniert wird.




















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Ernst H.Stiebeling,EHS

Version vom 22. 08. 2010 22:27
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Version vom 16. 09. 2010 13:45
Version vom 18. 09. 2010 18:25
Version vom 19. 09. 2010 11:47
Version vom 22. 09. 2010 09:30
Version vom 22. 12. 2011 09:02
Version vom 13. 01. 2012 10:32

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