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Leselupe.de > Tagebuch - Diary
Fortsetzung folgt
Eingestellt am 21. 06. 2008 23:54


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arle
Routinierter Autor
Registriert: Feb 2004

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Nun erz├Ąhl doch mal, sagen die wiedergefundenen Freunde, was war eigentlich mit dir los? Und ich beginne zu erz├Ąhlen, versuche, einen wahrheitsgetreuen Bericht zu erstatten; merke nach wenigen S├Ątzen, wie ich mich verliere in Schilderungen, Emotionen, von einer Wahrnehmung zur anderen springe. Unentschlossen. Nicht chronologisch. Nicht detailgetreu.

Aber wo soll ich beginnen? Wann fing es an? Als sie mir den Schlauch in den Hals operiert haben? Fing es an, als jeder Bordstein ein un├╝berwindbares Hindernis darstellte? Oder sp├Ąter, als ich nur noch da liegen und auf einen gn├Ądigen, raschen Tod hoffen konnte. Ganz ruhig, heiter, ganz gelassen. Fast unwillig mich den dann doch noch eintreffenden Rettern ergebend. Ach, lassen Sie nur. Das lohnt sich doch gar nicht mehr.

Fing es an, als ich T├╝ren und Fenster verriegelte, auf kein Telefon, keine T├╝rglocke mehr reagierte, nicht mehr die Kraft hatte, von allen lieb gehabt zu werden? Keine Lust mehr, mir all die kleinen und gro├čen Probleme anzuh├Âren, die man auf meine ach so starken Schultern packte, nicht mehr aufstand. Was geht s mich an, ob es drau├čen regnet oder die Sonne scheint.

Oder doch viel fr├╝her, an diesem kalt-verschneiten Abend meines 52. Geburtstags, als ich - von damals angenommenen Freunden denunziert, beleidigt, beschimpft - mit rumorendem Ged├Ąrm durch die Berliner Stra├čen rannte? Blo├č noch rechtzeitig ankommen, blo├č nicht diese Peinlichkeit auf offener Stra├če, diese Dem├╝tigung, den Blicken der sp├Ąten Passanten ausgesetzt. Ich habe es nicht rechtzeitig geschafft.

Und dieser entgleiste Mensch, der M├╝he hatte, seinen Blick zu fokussieren, bevor er lallte: Wei├čt du was? Du bist krank. Schwer krank.

Warum hat mich das damals so getroffen? Weil er die Wahrheit gesagt hatte.

Und dann die Blicke. Diese Blicke, zwischen Abscheu, Mitleid und Unverst├Ąndnis schwankend. Das junge Paar im China-Imbiss beobachtete voller Interesse meinen Versuch, eine kleine Sch├╝ssel Suppe in mich hinein zu w├╝rgen. Dreimal musste ich zwischendurch zur Toilette, und jedesmal, wenn ich zur├╝ck kam, waren sie noch ein bisschen gespannter, noch ein bisschen l├╝sterner. Noch ein bisschen schamloser.

Fing es an mit diesen dummen Weibern und ihren dummen Bemerkungen: Ach, ich w├Ąre auch gerne mal so sch├Ân schlank; wie machst du das nur? H├Ątte ich noch die Kraft gehabt, ich h├Ątte ausgeholt und sie mitten in ihre grinsenden, verlogenen Fratzen geschlagen. Heute h├Ątte ich die Kraft. Aber heute interessieren sie mich nicht mehr.

Keiner hat je gefragt: Geht s Ihnen nicht gut? Wozu auch. Jeder konnte sehen, dass es mir nicht gut ging. Keine Fragen, nur Feststellungen: Aha. Magers├╝chtig.

Nein, nein, ich bin nicht magers├╝chtig, ich habe ein krankes Organ, das sich geb├Ąrdet wie ein von der Leine gelassener kl├Ąffender K├Âter und mir nun alles weg frisst, was ich verzweifelt zu mir zu nehmen versuche, verstehen Sie. Glauben Sie mir, ich krieche auf allen Vieren durch die K├╝che auf der Suche nach etwas Essbarem, das drin bleibt.

Ich habe Schmerzen, ja. F├╝rchterliche Schmerzen im Ged├Ąrm, im Magen, in jedem einzelnen Gelenk, in allen Nervenenden. Meine Zunge, meine Mundh├Âhle sind von einem wei├čen Schleim ├╝berzogen, der brennt, sobald ich versuche, auch nur ein St├╝ck Brot zu essen. Ich kann nicht mehr schlucken Aber ich kann auch nichts mehr unternehmen, verstehen Sie. Weil es zu sp├Ąt ist. Weil der K├Âter mich in eine tiefe Depression getrieben hat. Ich bin gezwungen, mein Leben aus mir heraus zu kotzen und zu schei├čen, verstehen Sie. Ich bin nicht magers├╝chtig, ich bin... Ach, wozu. Keiner hat je gefragt. Fing es damit an?

Ich glaube, es fing an, als ich geboren wurde.

Und dann?

Professionell-zugewandte Hilfe, die keine Gegenleistung erwartet. Besorgnis in den Gesichtern der ├ärzte und Schwestern. Jemand sorgt sich? Um mich? Wir k├Ąmpfen um jedes einzelne Gramm. Ich werde gelobt f├╝r jedes einzelne Gramm. Jemand lobt mich? Mich? Es hat unendlich lange gedauert. Aber wir haben es geschafft, mich unsichtbar zu machen. So unsichtbar, wie es sich f├╝r eine ganz normale Frau meines Alters geh├Ârt. Ich gestehe, ich musste mich erst daran gew├Âhnen.

Ich werde weiter berichten, liebe wiedergefundene Freunde. Aber nicht heute. Von jetzt an geht es nur noch vorw├Ąrts, aufw├Ąrts. Versprochen. Kommt, lachen wir zusammen, erz├Ąhlen wir, trinken wir noch ein Glas.

Feiern wir meine Unsichtbarkeit.
__________________
Am j├╝ngsten Tag, wenn die Posaunen schallen und alles aus ist mit dem Erdeleben, sind wir verpflichtet, Rechenschaft zu geben von jedem Wort, das unn├╝tz uns entfallen. - J.W. Goethe -

Version vom 21. 06. 2008 23:54
Version vom 22. 06. 2008 12:26
Version vom 22. 06. 2008 23:33
Version vom 23. 06. 2008 14:25

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