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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Frank W.: Scheiden tut weh
Eingestellt am 07. 06. 2007 19:52


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Walther
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Frank W.: Scheiden tut weh


An diesem Morgen steht Frank W. ungern auf. GerĂ€dert fĂŒhlt er sich, von einer Nacht ohne Schlaf. Schlimmer als montagfrĂŒh, immer wenn die Woche beginnt, ist die Anspannung am Abend vorher schon greifbar. Da nĂŒtzt auch ein Spaziergang nichts.

Ähnlich schlimm ist es ihm zuletzt ergangen, als Edith vor beinah 12 Jahren mit HĂ€nschen in den Wehen lag und man ihn nach Hause schickte. Es wĂŒrde noch dauern, hatte man ihm beschieden. Und es dauerte, eine Flasche Rotwein spĂ€ter, mit bleiernen Gliedern war er hochgeschossen, als das in den Gang gestellte Telefon klingelte.

Heute ist es der Wecker gewesen, der geklingelt hat, der frĂŒher immer auf ihrer Seite des Bettes gelegen hat. Frank W. kann beim Ticken einer Uhr nicht einschlafen. Er kann ĂŒberhaupt seit langem nur sehr schleppend einschlafen.

Und es ist nicht Montag, es ist Dienstag, und er hat sich eine Woche Urlaub genommen, den ersten seit ĂŒber einem Jahr. Die VerkĂ€ufe liefen schleppend, und er fĂŒrchtete um seinen GeschĂ€ftsbereich. Da geht man nicht einfach in Urlaub. Da hĂ€ngt man sich rein. So hat er es immer gehalten.

Als er seine Kaffeemaschine einschaltet, weiß er, dass er einen großen Anteil daran hat, dass seine Ehe gescheitert ist. Zuviel unterwegs, zuviel das Achsonaheliegende getan und das vermeintlich SelbstverstĂ€ndliche fĂŒr selbstverstĂ€ndlich gehalten. Alle Signale ĂŒbersehen, die Edith ausgesandt hatte. Immer wieder begĂŒtigt, auf die Pflichten hingewiesen, darauf, dass man dabei sei, bessere Zahlen zu bekommen und er dann zurĂŒckstecken werde. Bis sie eines Freitagabends sagte, dass sie mit ihm ernsthaft sprechen mĂŒsse.

„Können wir bis morgen warten?“, hatte er gefragt. Sie hatte mit dem Kopf geschĂŒttelt und gesagt: „Hans ist bei meiner Mutter, und Du hast ĂŒberhaupt nicht gemerkt, dass er gar nicht hier ist.“ Ihre so großen blauen Augen waren erschreckend neutral gewesen und ihre Miene seltsam entschlossen und sehr gefasst. „Und genau das ist das Problem, das wir miteinander haben. Du bemerkst uns nicht mehr. Mich nicht und Deinen Sohn auch nicht.“

Frank W. schluckte schwer. Was sollte er auch sagen. Er hatte tatsĂ€chlich ĂŒbersehen, dass HĂ€nschen ihn nicht begrĂŒĂŸt hatte wie immer. Er war durch die HaustĂŒr gekommen, hatte gedankenverloren seine Schuhe abgestreift, Jackett und Mantel aufgehĂ€ngt und die Tasche ins Arbeitszimmer gebracht. Darauf war er aufs Klo gegangen und danach ins Wohnzimmer hinĂŒber, wo Sohn und Mutter fernsahen. Geradeso wie jeden Tag.

Jetzt fielen ihm auch die ganzen Andeutungen siedend heiß ein und die GesprĂ€che mit Edith, die immer eine gewisse SchĂ€rfe hatten, nie laut, aber doch unangenehm waren. Immer wieder hatte er von Besserung gesprochen, davon, dass auch er sich nach mehr gemeinsamer Zeit sehne. Aber geschehen war nichts. Zwischen den GesprĂ€chen waren die Abschnitte immer kleiner geworden in den letzten Monaten. Er hatte nichts verstanden, den Ernst der Lage nicht wahrhaben wollen.

„Ich kann so nicht weiterleben.“, stellte Edith nĂŒchtern fest. „Ich sehe nicht, dass sich etwas Ă€ndern kann und wird. Es ist deshalb auch nicht mehr wichtig, ob ich Dir nur Unwillen unterstelle oder NachlĂ€ssigkeit.“ Frank W. senkte die Augen und fĂŒhlte eine unerklĂ€rliche Angst in sich aufsteigen. „Ich habe fĂŒr mich entschieden, dass ich so nicht mehr weiterleben möchte. Daher werde ich mich von Dir trennen. Der Anwalt ist bereits beauftragt, eine Trennungsvereinbarung aufzusetzen.“

Frank W. schluckte erneut. Kalter Schweiß kam auf seine Stirn. Fahrig griff er in die Tasche und wischte sich mit seinem Taschentuch die Tropfen ab. Das war es also. Der Weltzusammensturz. Seine Unruhe der letzten Wochen hĂ€tte es ihm sagen mĂŒssen, dass etwas im Anmarsch war. Das Unheil war aus einer Ecke gekommen, mit der er nicht gerechnet hatte.

„Willst Du,“, hatte er stotternd fast herausgewĂŒrgt, „willst Du, kannst Du uns keine Chance mehr geben?“ – „Nein, Frank, ich habe es Dir zu oft gesagt, dass ich so nicht leben kann. Du hast zu oft versichert, es wĂŒrde bald alles besser. Es ist nur noch schlimmer geworden, und Du warst am Ende fĂŒr Deinen Sohn und mich gar nicht mehr greifbar. Ich kann und will nicht lĂ€nger warten, die Vertröstungen werden durch Wiederholung nicht glaubwĂŒrdiger. Es ist zu Ende, Frank, ich kann nicht mehr.“

Frank W. gießt sich den Kaffee ein, als er aus dem Tagtraum erwacht. Er sucht die Utensilien fĂŒr sein MĂŒsli zusammen, mit dem er den Tag beginnt. Kopf schĂŒttelnd schneidet er Banane und Apfel in die kleine weiße SchĂŒssel, auf der „Papa“ steht. Sein Sohn hatte sie ihm zum Geburtstag geschenkt; er schĂ€mt sich, dass ihm nicht einmal mehr erinnerlich ist, welcher Geburtstag es war.

Die VerkĂŒndigung der Scheidung geht vorbei wie eine Episode aus einem fremden Film. Eine Wirklichkeit, die man nicht verarbeiten kann, hat etwas milchig Unwirkliches an sich. Es ist so, als ob etwas mit einem geschieht, an dem man nicht selbst, sondern nur als externer Betrachter teilnimmt. Die Regelungen waren fair gewesen, gemeinsames Sorgerecht, Besuchsrecht. Edith hatte das gemeinsam gebaute Haus ĂŒbernommen, in das die Schwiegereltern den Bauplatz eingebracht hatten, dafĂŒr hatte sie auf einen Anteil an seiner Rentenversorgung verzichtet. Alles Andere war gerecht geteilt worden.

Frank gibt Edith zum Abschied die Hand, Worte kann er keine finden. Es gibt nichts zu sagen oder zu beschönigen. Er sieht sie den Gang hinuntergehen, entschlossen, zielorientiert, ihren Weg gehen. Welchen Weg hatte er vor sich? Welches war sein Ziel?

Frank W. war kein Mensch fĂŒr streitige Auseinandersetzungen. Sein SchuldgefĂŒhl war ebenso mĂ€chtig gewesen wie seine Ohnmacht. Gegen wen hĂ€tte er sich auflehnen sollen. Gegen das Schicksal? Gegen die Welt?

Zuhause zurĂŒck setzt er sich an den KĂŒchentisch in seiner kleinen KĂŒche. Wie er dorthin gekommen ist, wird ihm immer ein RĂ€tsel bleiben. Als ob der Film gerissen ist und ein StĂŒck herausgeschnitten wurde, als die Enden wieder geklebt und in die Filmmaschine eingelegt wurden. Der Kaffee ist abgestanden, aber noch warm. Er schmeckt schrecklich. Ein Whiskey wĂ€rmt die Kehle aber nicht das Herz. Erst jetzt kommt die Erkenntnis de Verlusts ĂŒber ihn. Er lĂ€sst den Kopf auf den kĂŒhlen KĂŒchentisch sinken und weint hemmungslos.

Er will und kann sich nicht beruhigen, bis die Schluchzer trocken werden, und seine Augen und die Rippenmuskeln schmerzen. Erst spÀtabends isst er ein wenig und setzt sich vor den Fernseher, vor dem er völlig erschöpft einschlÀft.

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Walther
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hallo Walther,

es ist in den meisten FĂ€llen der ganz "normale" Alltag, der Beziehungen scheitern lĂ€sst, die Unaufmerksamkeit dem anderen gegenĂŒber. Frauen weinen oft und lange, treffen dann ihre Entscheidung und gehen. MĂ€nner weinen oft, wenn es zu spĂ€t ist und haben es schwer, aus der Verzweiflung wieder heraus zu finden. Du hast die Situation gut erfasst mit deiner Geschichte. GefĂ€llt mir sehr.

lieber Gruß
maerchenhexe
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Walther
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Hallo MĂ€rchenhexe,

seltener wird die Sicht eines Mannes auf Lebenskatastrophen ehrlich beschrieben. Besonders, wenn es sich um einen ganz normalen, biederen Menschen aus der Mittelschicht handelt. Das Leben spiegelt sich nicht nur in extremen Charakteren, es lebt sich eigentlich sehr durchschnittlich, eben so wie das Leben des Frank W.

Ich versuche mit meinen Geschichten Frank W. als Protagonisten genau solche Situationen durchleben zu lassen und an ihm aufzuarbeiten, "wie das Leben so spielt". Wenn Dir die Geschichte gefÀllt, freut es mich.

"MĂ€nner sind anders!", sagen einige. In der Tat, das sind sie. Kommunikation und Empathie sind FĂ€higkeiten, die ein Mann selten gut trainiert.

Danke fĂŒr Deinen Eintrag, der mir Mut macht, dieses Konzept noch eine Weile zu spinnen. Vielleicht lerne ich ja dabei, wie man gute und kurzweilige Kurzgeschichten schreibt.

Wer weiß. Es geschehen ĂŒberall Zeichen und Wunder.

SonnengrĂŒĂŸe W.
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hallo Walther,

das ist dir bisher gut gelungen, und genau das spricht mich an. Empathie und Kommunikation werden fast immer der Frau als StĂ€rke zugeordnet. Umso wichtiger, das endlich mal jemand da ist, der das Alltagserleben aus MĂ€nnersicht, dazu noch sehr behutsam und ohne unnötigen Schnickschnack, schildert. Habe das bisherige Leben des Frank W. verfolgt und werde es gewisslich weiter tun. Doch befĂŒrchte ich, die Fan- Gemeinde wird sich ob der Intention der Texte in Grenzen halten. Im Übrigen sind gute Kurzgeschichten nicht immer unbedingt auch kurzweilig.

meint mit liebem Gruß
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Hallo MĂ€rchenhexe,

am Ende muß man schreiben, was einen umtreibt. Die Beobachtungen, das eigene Erleben: Man erkennt Verhaltensmuster, die UnglĂŒck und Schmerz bedingen können.

Kurzweilig ist im Sinne von nicht langweilig gemeint. Auch ernsthafte Sujets können unterhaltend, anregend, sprachlich interessant bewÀltigt werden. Dahin möchte ich kommen.

Mir geht es nicht um Zustimmung im Sinne von kritikfreiem Lob. Über das Posten meiner Geschichten möchte ich etwas geben (Inhalt, Gedanken, etwas Unterhaltung) und etwas zurĂŒckbekommen: Hinweise, wie ich besser werden kann, was ich gut mache. Wenn ich mich selbst sicherer fĂŒhle, werde ich von diesem Gelernten weitergeben, wie ich das in den Lyrikforen heute schon halte.

Dank und SonnengrĂŒĂŸe

W.
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Walther
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Hallo collecteur,

Zuerst einmal herzlichen Dank fĂŒr Deine lobende Bewertung meiner SchreibbemĂŒhungen (mehr sind es auch nicht, da ich noch nicht sehr viele Geschichten geschrieben habe).

Kurzgeschichten sind "kurz", was heißt, daß nicht alle Aspekte einer Person "ausgearbeitet" werden konnten. Wenn ich die Frau des Protagonisten hĂ€tte rund und vollstĂ€ndig zeichnen wollen, wĂ€re eine ErzĂ€hlung die unterste Grenze gewesen und der Text damit mehr als doppelt so lang.

Dennoch habe ich sie eher mit positiven, als kritikwĂŒrdigen Strichen "gemalt". Ich werde zu Frank W. noch weitere Geschichten schreiben und veröffentlichen, die sich mit der Heilung befassen (also dem Lernen aus dem Katastrophen, in die er geraten ist). Ich bin nĂ€mlich nicht der Auffassung, daß der Mensch in die meisten seiner Schwierigkeiten ohne eigenen Anteil gerĂ€t.

Liebe GrĂŒĂŸe W.
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