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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Frank W. kann geholfen werden
Eingestellt am 07. 07. 2008 20:14


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Walther
Routinierter Autor
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Frank W. kann geholfen werden

Eine weitere Geschichte aus der Frank W. Serie


Frank W. ist beschwingt. Heute morgen wĂŒrde sie kommen. Er hat die Wohnung aufgerĂ€umt, die Reste des Besuchs von HĂ€nschen beseitigt. Das FrĂŒhaufstehen, das dazu nötig gewesen ist, war ihm, dem notorischen LangschlĂ€fer, unglaublich leicht gefallen. Die Spannung hatte ihn bereits um 6 Uhr aus dem Bett getrieben. Er wollte sie unbedingt beeindrucken.

Alles ist ordentlich und frisch gesaugt. Die Kaffeemaschine blubbert. Er sitzt an seinem Schreibtisch, der ComputerlĂŒfter surrt leise, der Laser rauscht vor sich hin. Im Hintergrund plĂ€tschert die Musik von SWR3.

Frank W. versucht den Papierwust auf dem Schreibtisch zu strukturieren. Kleine Haufen entstehen, wandern in dej Wiedervorlageordner, auf Post-ITs werden kurze Kommentare gepinselt, die Checkliste verlĂ€ngert sich. Konzentriert frĂ€st er sich durch seinen RĂŒckstand und schlĂ€gt endlich eine Bresche in sein Chaos.

Er sitzt, die linke Hand an der Stirn, Ellenbogen aufgestĂŒtzt, die etwas zu langen Haare nach oben geschoben und beißt auf den Kuli. Wo er sie nur hinsetzen will, sie hat doch gar keinen Platz im Arbeitszimmer. „Ich brauche ein eigenes BĂŒro“, murmelt er vor sich hin. Ob wir uns das leisten können? spinnt er stumm den Faden weiter. Da schaut er in seine aktuelle BWA, die er vorne rechts herausgekramt hatte und ruft seine Exceltabelle mit Plan- und Ist-Zahlen auf. „Reichen mĂŒsste es eigentlich“, spricht er in den Raum.

Er steht gerade auf, um die Kaffeekanne zu fĂŒllen, da klingelt es an der WohnungstĂŒr, erst kurz, dann eine kleine Pause dazwischen und danach nochmals mit Nachdruck. Das muss sie sein, denkt er bei sich, pĂŒnktlich, auf die Minute pĂŒnktlich. Gerade wie ich es erwartet habe. Erster Pluspunkt.

Frank W. geht durch die kleine Diele zur WohnungstĂŒr und öffnet sie schwungvoll. „Guten Morgen“, begrĂŒĂŸt sie ihn und lĂ€chelt wie ein FrĂŒhsommermorgen. Ihre Augen strahlen voller Zuversicht, so ganz anders als bei der letzten Begegnung. Er nimmt ihre Hand, sie ist angenehm kĂŒhl und trocken, dennoch aber zupackend, und antwortet. „GrĂŒĂŸ Gott, Frau Gabriel, ich freue mich, dass Sie gekommen sind.“ Als er merkt, dass er ihre Hand immer noch festhĂ€lt, lĂ€sst er sie fast abrupt los und macht eine einladende Bewegung. „Kommen Sie doch herein!“

Linda Gabriel geht an ihm vorĂŒber, und er bewundert ihren fast schwebenden Gang. Ihre Kleidung, ganz die GeschĂ€ftsfrau, unterstreicht dennoch ihre schlanke, wohlgeformte Figur. Das lange blonde Haar hatte sie zu einem Ponytail gebunden und an den SchlĂ€fen festgesteckt, die anliegenden Ohren mit einer kleinen Einsteckperle geschmĂŒckt. Unaufdringlich selbstbewusst und fraulich, ganz wie Frank W. sie aus der schicksalhaften Begegnung in der Altbauwohnung im GedĂ€chtnis behalten hatte.

Er geleitet sie in das Arbeitszimmer und rĂŒckt den Stuhl der Sitzecke fĂŒr sie zurecht. „Nehmen Sie Platz, ich komme gleich mit dem Kaffee! Sie nehmen doch eine Tasse? Milch, Zucker?“

„Nur ein wenig Milch“, sagt sie darauf und blickt auf. „Gut, ich bin gleich bei Ihnen.“ Er dreht sich und geht in die KĂŒche.

Als er mit der Kanne und der Milch zurĂŒckkommt, hat sie Tassen und Löffel schon verteilt. Er setzt sich ihr gegenĂŒber und schenkt den Kaffee ein. Der Duft ist frisch und stimulierend. „Ja, dann zeigen Sie mal Ihre Unterlagen;“ schaut Frank W. sie erwartungsvoll an. Ganz geschĂ€ftsmĂ€ĂŸig nimmt sie ihre schmale Dokumententasche und reicht ihm daraus eine sauber geheftete Bewerbungsmappe.

Das Papier raschelt, und die Kaffeetassen klirren leise, als die Löffel synchron in ihnen kreisen. Mit leichtem Nicken begleitet er kommentierend, was er sieht. Gute Zeugnisse, erstklassige Bewertungen bei Praktikum und beim Vorarbeitgeber. Kompetent, engagiert, couragiert. SelbstĂ€ndig, umgĂ€nglich, kundenorientiert, Fremdsprachenkenntnisse. Ein erstklassiges Zeugnis als Diplom-Betriebswirtin. Hoffnungslos ĂŒberqualifiziert. Er blickt auf. „Eigentlich kann ich Sie mir gar nicht leisten!“ meint er schmunzelnd. „Sie sind viel zu gut ausgebildet, haben zu gute Zeugnisse, und ich bin ein kleiner ExistenzgrĂŒnder, der nicht einmal einen Arbeitsplatz fĂŒr eine Assistentin, dafĂŒr aber viel Hoffnung und viel zu viel Arbeit hat!“

„Woher wissen Sie das? Ich habe doch noch gar nicht gesagt, was ich verdienen will!“ entfĂ€hrt es ihr, und ein zartes RosĂ© huscht ĂŒber ihr Gesicht. Beschwichtigend hebt er die rechte Hand. „Schauen Sie, ich wollte das GesprĂ€ch nur etwas auflockern, Sie dĂŒrfen mich nicht zu erst nehmen“, sagt er darauf. „Am besten, ich erklĂ€re Ihnen, was ich hier mache, und wie es zu Allem gekommen ist.“

„Im vergangenen Jahr wurde mein letzter Arbeitgeber von der EigentĂŒmerfamilie an eine Investmentfirma verkauft. Wir stellten spezielle Lösungen fĂŒr Fertigungsunternehmen her. Im Rahmen der Sanierung wurde ich entlassen. Meine Arbeit als Vertriebsleiter fĂŒr den Maschinenbau war den neuen Chefs nicht gut genug. Darf ich Ihnen nachschenken?“ fragt er unvermittelt, als er ihre leere Kaffeetasse sieht. Sie nickt und fragt: „Und was machen Sie jetzt?“

„Sehen Sie, mit Anfang 40 ist das mit dem Wiedereinstieg nach einer Entlassung nicht leicht. Im Anschluss an meine Scheidung, die mit dem Arbeitsplatzverlust faktisch zeitlich zusammenfiel, aber andere Ursachen hatte, habe ich erst einmal mich berappeln mĂŒssen. Dabei kam mir das Angebot eines auslĂ€ndischen Wettbewerbers meines letzten Unternehmens sehr zupass. Man trug mir vor einem dreiviertel Jahr die Deutschlandvertretung an, und da ich nichts Interessantes in Aussicht hatte, griff ich zu. Und deshalb sitze ich hier mit Ihnen. Der Erfolg des letzten halben Jahres hat mich beinahe ĂŒberrollt.“

Sie setzt die Tasse ab und meint in die GesprĂ€chspause hinein: „ Und wie kommen Sie jetzt ausgerechnet auf mich? Ich kenne Ihre Branche doch gar nicht.“

„Sagen wir es einmal so: Ich kĂ€me vor lauter Arbeit gar nicht zur Personalsuche. Außerdem brauche ich ein kleines BĂŒro und einen Servicetechniker. Da habe ich schon einen meiner alten Kollegen an der Hand. Das schaffe ich doch alles gar nicht auf einmal.“ Er setzt sich auf, fĂ€hrt verlegen mit der Hand durchs Haar. „Sie haben mir gefallen, Sie sind gerade frei, und ich habe das sichere GefĂŒhl, dass Sie mir helfen könnten, den nĂ€chsten Schritt zu gehen.“ Er schaut sie erwartungsvoll an.

Sie nimmt ihren Blick herunter und greift nach der Kaffeetasse, nimmt einen großen Schluck, dann schaut sie auf. „Ich brauche nicht viel am Anfang. Was können Sie denn bezahlen?“

Frank W. schluckt. Er steht auf, geht an seinen Schreibtisch und holt die Plantabelle. Er setzt sich wieder. „Ich hatte 3.000 € fĂŒr eine Assistentin eingeplant.“ Er traut sich erst nicht, sie anzusehen. Ein Schatten erscheint in seinem Blickfeld. Fast unglĂ€ubig fallen seine Augen auf die ausgestreckte Hand. „OK“, sagt sie entschieden, „Angebot angenommen. Wann fange ich an?“

„Wie wĂ€re es mit sofort?“ sagt Frank W. mit leicht trockener und heiserer Stimme, als er die Hand unendlich dankbar ergreift und schĂŒttelt. „Ich habe Ihnen meinen Laptop vorbereitet, Sie können ĂŒber W-LAN auf das Netz zugreifen“, meint er geschĂ€ftig. Linda Gabriel schaut ihn erstaunt an. Er hatte gewusst, dass sie einschlagen wĂŒrde, oder etwa nicht? Wie konnte er sich nur so sicher sein. Ich beginne langsam, mich zu wundern. Wer ist dieser Mann?

„Hier ist das zweite Telefon. Sie kennen sich doch bei Immobilien aus. Wir brauchen ein BĂŒro mit Werkstatt und Lager. Schnell, am besten morgen“, unterbricht er Linda Gabriels GrĂŒbeln. Sie greift zum Telefon und wĂ€hlt. Als gĂ€be es nichts SelbstverstĂ€ndlicheres auf dieser Welt und in diesem Augenblick zu tun.

Und so ist es gekommen, dass Frank W. geholfen werden konnte. Und nicht nur ihm.

__________________
Walther
"Gelegenheit.Macht.Dichtung"

Version vom 07. 07. 2008 20:14

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Balu
???
Registriert: Nov 2006

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Das Bild des zukunftsorientierten ExistenzgrĂŒnders kommt
bei mir gut an und erzeugt gar einen Spannungsbogen

dem sympatischen Bild des Frank W stellst du allerdings eine
"erscheinungslose" Bewerberin gegenĂŒber

wer so schnell in den Job einwilligt und gleich loslegt mit
Agieren, dem wĂŒrde ein wenig Outfit und eine (tief, hoch, entschlossen, erotisch, zaghaft) Stimme gut stehen

sonst gute Bilder, man kann die Situation erleben

das ist nunmal des Schreibers Ziel

ich werde Frank W abonnieren

Liebe GrĂŒĂŸe
Knut

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Walther
Routinierter Autor
Registriert: Sep 2004

Werke: 1535
Kommentare: 9779
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Danke Balu,

ich werde die "Heldin" noch etwas "aufrĂŒsten". Danke fĂŒr den Hinweis.

Hier steht mir etwas die Serie im Weg. In frĂŒheren Geschichten hatte ich sie ausfĂŒhrlich beschrieben.

Gruß W.
__________________
Walther
"Gelegenheit.Macht.Dichtung"

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MarenS
Manchmal gelesener Autor
Registriert: Feb 2005

Werke: 185
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Es wĂ€re möglich hier einen Kurztext (Klappentext) zu setzen und dann alle zu Frank W. gehörenden Geschichten darunter zu posten. Sie erscheinen dann zwar in "Lange ErzĂ€hlungen" sind aber hier auch zu sehen und anzuklicken. So hat der Leser alles im Überblick. Das fĂ€nd ich auch fĂŒr Frank W. eine gute Lösung. ...*schaut nun sehr Lehrerhaft drein. {Hab ich gestern gelernt! ;-) }

GrĂŒĂŸe von Maren

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Walther
Routinierter Autor
Registriert: Sep 2004

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Hallo liebe Kommentierthabende!

Ich habe eine etwas bearbeitete Version eingestellt, in der die Helding ebenfalls als Person beschrieben wird. Damit hoffe ich, konnte ich den Hinweis, daß die Heldin ein wenig blaß sei, entkrĂ€ften.

@ Nobody

Es ist in der Tat so, daß es in meinem Kopf einen Band mit Episoden aus dem Leben des Frank W. und seiner Umgebung geben soll. Der Arbeitstitel heißt "Die Leiden des Frank W.".

Nun könnte man daraus einen Episodenroman machen; das halte ich allerdings fĂŒr außerhalb meiner FĂ€higkeiten liegend. Ich möchte gerne Alltagsgeschichten schreiben. Nicht mehr und nicht weniger. Auch das normale Leben ist abenteuerlich. dazu braucht es nicht der großen Ereignisse.

@ MarenS

Ich werde in der nĂ€chsten Geschichte - und allen folgenden - ein Verzeichnis aller Frank W. Geschichten in Form von Links beifĂŒgen beifĂŒgen. Damit sollte Dein Hinweis aufgegriffen sein. Da ich Kurzgeschichten / Episoden aus dem Leben dieses Protagonisten schreibe, hat es wenig Sinn, einen Romanstruktur mit Kapiteln zu entwerfen.

Lieben Dank fĂŒr Eure Tipps und Hinweise. So langsam scheine ich in die Spur zu kommen. Das hilft mir sehr viel weiter.

GrĂŒĂŸe Euer W.
__________________
Walther
"Gelegenheit.Macht.Dichtung"

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