Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, mĂŒssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5438
Themen:   92255
Momentan online:
287 Gäste und 20 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Kurzgeschichten
Frank W. stellt sich in Frage
Eingestellt am 15. 05. 2007 16:03


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
Walther
Routinierter Autor
Registriert: Sep 2004

Werke: 1537
Kommentare: 9781
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Walther eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Frank W. stellt sich in Frage


Als Frank W. morgens in seine Firma kommt, erwartet ihn eine weniger erfreuliche Nachricht. Er solle doch kurz vor Mittag zur Chefin kommen, wird ihm ausgerichtet. Die Kollegin, die das Vorzimmer der Abteilungsleiterin bewacht, macht das mit einer gewissen SĂŒffisanz in der Stimme. Frank W. weiß, dass das nichts Gutes verheißt.

Seit die Firma verkauft worden ist und die neuen Leute die Kontrolle ĂŒbernommen haben, ist alles anders geworden. Die familiĂ€re Stimmung, der freundliche Umgang, der offene FĂŒhrungsstil, das war einmal.

Auch die Chefin ist neu eingestellt worden vor einem halben Jahr. Frank W. ist der letzte aus der alten Truppe in seiner Abteilung, der noch eine Leitungsfunktion hat. Die anderen sind entweder nicht mehr da oder versetzt. Ihm ist immer bewußt gewesen, dass auch er demnĂ€chst drankommt. Heute ist es nun soweit. Lang genug hatte es gedauert.

Er ordnet die Papiere auf seinen Schreibtisch und bekĂ€mpft das Aufkommen einer Ă€ngstlichen Spannung mit tiefem Durchatmen. Danach ruft er sein Team zusammen und geht die Projekte noch einmal durch. Er ist ein Pflichtmensch. Wenn er schon gehen mĂŒssen sollte, dann ordentlich. Sein Stolz lĂ€sst Anderes nicht zu. Auch wenn er weiß, dass das eigentlich dumm ist, aber lieber heute von gestern als morgen ohne Ehre im Leib. So ist er nun einmal gestrickt.

Er macht seine Anrufe von der Checkliste. Es muss ja weitergehen, Politik hin oder her. Die Kollegen, die Produktion erwarten, dass im Verkauf die AuftrĂ€ge geholt werden, die man braucht, damit die Fertigung ausgelastet ist. Von nichts kommt nichts, sagt man so schön. „Wenn wir keine AuftrĂ€ge heranholen, wer sonst?“, denkt er bei sich. Die Lage ist besser geworden in den letzten Wochen, aber die Zahlen stimmen immer noch nicht, sagt die Chefetage. „Sie mĂŒssen einfach mehr bringen!“, sagt die neue Vertriebschefin, „machen Sie Ihren Leuten draußen Beine!“

Die hat gut reden, sagt sich Frank W. Wenn wir nicht die richtigen Produkte haben und nichts investieren, wenn wir die Kunden in ihren Fragestellungen nicht ernstnehmen, dann kann es nicht nachhaltig werden. Er weiß, wovon er spricht. Er macht das jetzt seit zehn Jahren, und immer hatte er die besten Ergebnisse, besser als alle Kollegen. Deshalb war er wohl auch der Letzte der Aufrechten. Der Preis war teuer genug gewesen: Frau weg, Haus weg, Freunde weg. Alles wegen der verrĂŒckten Überstunden und der vielen Reisen.

Als es Zeit wird, steht Frank W. auf und geht gefasst zum Zimmer der Abteilungsleiterin. Die Assistentin bietet ihm einen Stuhl an und murmelt, er mĂŒsse noch warten. Frank W. hört eine laute Auseinandersetzung, dann geht die TĂŒr auf und sein neuer Teamleiterkollege MĂŒller stĂŒrmt wutentbrannt an ihm vorbei, die TĂŒr ins Schloss stoßend, ohne einen Blick zu verlieren. Frank W. ist fast ein wenig geschockt und bekommt feuchte HĂ€nde.

Nach einer gewissen Zeitspanne geht die TĂŒr erneut auf, und er wird freundlich hereingebeten, als wĂ€re nichts gewesen. Er folgt der Aufforderung und nimmt auf dem angebotenen Stuhl am Besprechungstisch Platz.

Er sieht seine Akte offen liegen mit einigen handschriftlichen Notizen auf dem letzten Personalbewertungsbogen. „Herr Walther, wir kennen uns nun seit sechs Monaten.“, wird das GesprĂ€ch begonnen. Der Ton ist geschĂ€ftsmĂ€ĂŸig. „Seit unser Unternehmen in neuer Hand ist, hat sich einiges geĂ€ndert.“ Der Satz ist wie eine offene Frage formuliert, fast eine Aufforderung zum Tanz.

Frank W. geht auf das Angebot zu einer Replik nicht ein. Er hat sich entschlossen, erst einmal abzuwarten, was nun kommt, beim ersten PersonalgesprĂ€ch. „Wie Sie wissen, ist der Absatz in Ihrem Produktsegment seit lĂ€ngerem nicht zufriedenstellend. Die vorgegebenen Zahlen sind nicht erreicht. Wir haben zwar einen leichten Zuwachs in den letzten beiden Monaten, und der Auftragseingang zieht an. Dennoch kann das so nicht bleiben. Was ist Ihr Vorschlag?“

Frank W. schaut von seinen Notizen auf, er ist wie immer gut vorbereitet. „Unsere Kunden beschweren sich seit einigen Jahren zunehmend ĂŒber die QualitĂ€t unserer Produkte. Ebenso halten sie uns vor, dass uns der Wettbewerb technisch so nahe gekommen sei, dass die Preisdifferenz nicht mehr gerechtfertigt ist. Wir mĂŒssen mehr in die Entwicklung und den Service, mehr in die QualitĂ€t unserer Produkte investieren, anstatt noch mehr zu sparen.“

„Das verhilft aber nicht zu besseren VerkĂ€ufen heute, wir brauchen die UmsĂ€tze jetzt!“ kommt die kĂŒhle Klarstellung postwendend. Er sieht wieder auf seine Notizen, dreht die Tabelle herum. „Sehen Sie, das sind alles Kunden, die wir in den letzten beiden Jahren verloren haben. Meine Leute draußen tun ihr Bestes, ich habe alle Kunden mehrfach besucht, habe – wo es ging - nachverhandelt, hier und da ein wenig am Preis gedreht, dort kostenlosen Service geleistet. So kommen wir nicht weiter!“, legt er dar.

„Ich muss annehmen, dass Sie mir sagen wollen, Sie könnten angesichts der UmstĂ€nde gerade keine besseren Zahlen liefern. Nun gut, das habe ich erwartet. Ich darf Ihnen daher mitteilen, dass die GeschĂ€ftsleitung mich beauftragt hat, Ihnen zum Ende des Quartals einen Aufhebungsvertrag anzubieten. Hier ist das Angebot, den Empfang quittieren Sie bitte hier.“ Der Ton ist immer noch geschĂ€ftsmĂ€ĂŸig, das Gesicht, zurĂŒckhaltend geschminkt, lĂ€sst kein MitgefĂŒhl erahnen. Die grauen Augen hinter der Brille mustern ihn wenig interessiert.

Unter normalen UmstĂ€nden wĂ€re ein Mensch jetzt vom Donner gerĂŒhrt, denkt er bei sich, nimmt das Formular, zĂŒckt den Kugelschreiber mit dem Firmenemblem und unterschreibt. Er ist es nicht. Normalerweise wĂ€re hier ein GefĂŒhlsausbruch angezeigt. Er bekommt keinen. Das kam ja mit Ansage. Er nimmt das fast gelassen hin, wie eine selbstverstĂ€ndliche AlltĂ€glichkeit, wie sie es exekutiert. Ihn exekutiert.

„Sie sind ab sofort von Ihren Aufgaben freigestellt.“, sagt sie. „Meine Assistentin geht mit Ihnen und ĂŒbernimmt Ihren Schreibtisch, Ihren Ausweis und Ihren DienstfahrzeugschlĂŒssel sowie Ihren Blackberry.“ Er steht gemessen auf, greift sich die Papiere und sein Notizbuch. „Guten Tag!“ verabschiedet er ruhig und wie abwesend, als er sich zur TĂŒr aufmacht. Mit der SĂŒffisanz des Morgens sagt die Assistentin, als er an ihr vorĂŒbergehen will: „Warten Sie, Herr Walther, nicht so eilig, ich begleite Sie.“

Als er alles ĂŒbergeben und sich bei seinem Team verabschiedet hat, begibt er sich zum Eingang hinunter. „Auf Wiedersehen, Frau Peter!“, sagt er zur Empfangsdame. „Sie auch?“, antwortet diese nur. Frank W. nickt. Er auch. Ja, in der Tat, auch er.

Als er in die Stadt kommt, ist es erst um die Mittagszeit. Der FrĂŒhlingstag ist warm und einladend. Er setzt sich in ein großes StraßencafĂ© und bestellt sich eine Latte Macchiatto. Und zum ersten Mal in seinem Leben, zum allerersten Mal, stellt Frank W. sich in Frage.

========================

Das Gedicht zum Beitrag: Hier klicken
__________________
Walther
"Gelegenheit.Macht.Dichtung"

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


Haremsdame
HĂ€ufig gelesener Autor
Registriert: Mar 2005

Werke: 25
Kommentare: 491
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Haremsdame eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil
zeitgemĂ€ĂŸ

Hallo Walther,

das ist ein sehr zeitgemĂ€ĂŸer Text. So wie Deinem Protagonisten ist es in den letzten Jahren vielen ergangen und es wĂŒrde mich nicht wundern, wenn immer noch viele Angst haben davor...

Mir gefĂ€llt Deine Umsetzung des Themas: kein Lamentieren, sondern einfach eine Schilderung, die mehr als genug GefĂŒhle freisetzt.

Eine winzige Kleinigkeit ist mir aufgefallen:

quote:
Normalerweise wĂ€re hier ein GefĂŒhlsausbruch angezeigt. Er bekommt es keinen.

Viele GrĂŒĂŸe
Haremsdame
__________________
Wer nicht wagt, der nicht gewinnt

Bearbeiten/Löschen    


Walther
Routinierter Autor
Registriert: Sep 2004

Werke: 1537
Kommentare: 9781
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Walther eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Hallo Haremsdame,

herzlichen Dank fĂŒr Deine lobenden Worte. Das ist meine dritte Kurzgeschichte, die ich schreiben und veröffentliche. Daher freue ich mich sehr ĂŒber diese EinschĂ€tzung, die natĂŒrlich viel Mut macht.

Ich habe Deinen Fehlerhinweis gleich aufgegriffen und ihn beseitigt. Außerdem habe ich einige Wortwiederholungen (gehen und sagen) etwas umformuliert. Das merkt man eben erst beim vierten Mal durchlesen ein paar Tage spĂ€ter. Woraus man erkennen kann, warum wohl alle Autoren einen Lektor brauchen - solche "Macken" ĂŒbersieht man doch zu gerne.

Mir ist diese lakonische und nĂŒchterne Art der Sprache wichtig. Sie lĂ€ĂŸt dem Leser den Raum, sich selbst in den Protagonisten hineinzufĂŒhlen und ĂŒberfrachtet ihn nicht mit eigenen EinschĂ€tzungen. Sie schafft außerdem Raum fĂŒr eine Beschreibung der Situation, die ein Gesamtbild ermöglicht.

Trotzdem, so hoffte ich und sehe mich gerade durch Dich ein wenig bestĂ€tigt, bleiben die Figuren nicht flach, sondern gewinnen durch das HineinfĂŒhlen des Lesers die Tiefe, die sie brauchen.

Vielen Dank nochmals und alles Gute. Mal sehen, was Frank W. noch so alles erlebt, einige Konzepte sind schon da, andere im Werden.

Liebe GrĂŒĂŸe W.
__________________
Walther
"Gelegenheit.Macht.Dichtung"

Bearbeiten/Löschen    


Walther
Routinierter Autor
Registriert: Sep 2004

Werke: 1537
Kommentare: 9781
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Walther eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Hallo Herbert,

danke fĂŒr Deine lobende ErwĂ€hnung des Texts. Kurzgeschichten sind Neuland fĂŒr mich. Daher weiß ich nicht so recht, wie ich mich einordnen soll. Jeder Hinweis, ob positiv oder negativ, ist deshalb gern gesehen (und gelesen).

quote:
Einzig am Schluß, da war es ein wenig abrupt zuende.
Der Text sollte, so war die Absicht, an dieser Stelle enden. Der Selbsterkenntnisprozeß selbst ist zu komplex, wie auch die Ursachen eines individuellen Scheiterns, das immer auch ein allgemeines Scheitern in sich trĂ€gt. Daher wĂ€re der Text ĂŒberladen (und auch viel lĂ€nger geworden). Es wird weitere Stories zu Frank W. geben, eine wird sich vielleicht mit dem Prozeß der Selbstkritik, mit der Verarbeitung der Niederlage beschĂ€ftigen, vielleicht - und das ist wahrscheinlich - wird eine Kurzgeschichte dazu aber nicht ausreichen.

Liebe GrĂŒĂŸe

W.

__________________
Walther
"Gelegenheit.Macht.Dichtung"

Bearbeiten/Löschen    


Kultakivi
Guest
Registriert: Not Yet



Hallo Walther,

ein aktuelles Thema atmosphĂ€risch gut verdichtet rĂŒbergebracht, Realistisch aufgearbeitet, wie ich meine.
Auf dem von Floskeln wie BĂŒndelung von Ressourcen, Prozessoptimierung oder auch Controlling gesĂ€umten Weg zur Globalisierung ist der Wirtschaft der entscheidende Eckpfeiler bei jeder Entwicklung, der Mensch, aus den Augen geraten. Ohne diesen stĂŒrzt jedoch bedauerlicherweise jedes GebĂ€ude irgendwann einmal ein. Bei allem was wir tun, geht es doch letztlich neben der Erhaltung der Arten udn der Umwelt primĂ€r immer um eines: Den Menschen. Seltsam, dass diese Tatsache so stur ignoriert wird.
Was Frauen als FĂŒhrungskrĂ€fte angeht, habe ich auch so meine Zweifel. Es gibt ganz ausgezeichnete Kolleginnen und auch schlechte (wie bei MĂ€nnern). Insgesamt gesehen muss ich aus eigener Erfahrung jedoch sagen, dass Frauen hĂ€ufig versuchen, die besseren MĂ€nner zu sein. Vielleicht ein Fehler unseres Systems, den die Frauen wĂ€hrend ihres Ganges durch die Hierarchien bedauerlicherweise immer wieder machen. Damit jedoch geben sie ihr wichtigstes Pfund aus der Hand, die Sozialkompetenz. Wenn sie die nicht mehr haben,sind sie aber die eindeutig schlechteren FĂŒhrungskrĂ€fte.

Du schreibst gut. Logisch aufgebaut. Spricht den Leser an.
Einen sprachlichen Fehler meine ich zu Beginn des 12. Absatzes entdeckt zu haben. "Das hilft aber nicht zu besseren VerkÀufen heute" Ich denke, es sollte heissen: "Das trÀgt aber nicht zu besseren VerkÀufen bei" bzw. in der Art.

Gruss

Kultakivi

Bearbeiten/Löschen    


Pete
Guest
Registriert: Not Yet

Hallo Walter,

Du hast auf behutsame Weise eines der herausragendsten Themen unserer Zeit umgesetzt. Wirklich ĂŒberrascht hat mich Dein Schluss. Er nĂ€hert sich auf leisen Pfoten und schlĂ€gt dann erbarmungslos zu:

quote:
Als er in die Stadt kommt, ist es erst um die Mittagszeit. Der FrĂŒhlingstag ist warm und einladend. Er setzt sich in ein großes StraßencafĂ© und bestellt sich eine Latte Macchiatto. Und zum ersten Mal in seinem Leben, zum allerersten Mal, stellt Frank W. sich in Frage.

Das kann man nicht besser formulieren!

So hat sich bei mir eine ungeahnte Wirkung eingestellt. Was muss uns zustoßen, damit wir bereit sind, uns selbst in Frage zu stellen.

Anfangs hatte ich ein paar Probleme, in die Geschichte einzutauchen. Aber mit diesen stilistischen Dingen belange ich Dich nur auf ausdrĂŒcklichen Wunsch.

Es bleibt der Eindruck einer wunderbar nachdenlich machenden Geschichte.

GrĂŒĂŸe

Pete

Bearbeiten/Löschen    


2 ausgeblendete Kommentare sind nur fĂŒr Mitglieder und nur mit eingeschaltetem Javascript erreichbar.
ZurĂŒck zu:  Kurzgeschichten Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!