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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Frank W. und der Schwarze Mann
Eingestellt am 22. 07. 2007 21:38


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Walther
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Frank W. und der Schwarze Mann


Der Novemberregen ist ein ungem├╝tlicher Geselle. Die Tropfen stechen ins Gesicht wie Nadeln. Nicht einmal der Hut will so richtig helfen, wenn der Wind die Tropfen verwirbelt.

Es war rasch k├Ąlter geworden nach diesem warmen Oktober, der sich meist wie ein Altweibersommer angef├╝hlt hatte. Die Bl├Ątter hatten sich zwar verf├Ąrbt, besonders den Albtrauf hinauf, aber sie waren an den Zweigen geblieben, immer wieder durchbrochen von ganzen gr├╝nen Segmenten. Welch ein sch├Âner Oktober das gewesen war, voll fast unwirklich leichter Beschwingtheit, wie eine geschenkte zweite Jugend.

Pl├Âtzlich ist der Himmel aufgerissen, und der fahle Mond wirft diese harten Schatten, die an Scherenschnitte erinnern. Nur die Sonne im S├╝den, wenn man n├Ąher an den ├äquator kommt, kann so scharfe Schatten schneiden, bei denen das Auge fast keine Chance hat, den ├ťbergang zwischen glei├čend hell und stockdunkel zu finden. Der Strich ist schmal und mitleidlos.

Frank W. geht seine t├Ągliche Runde, die seine Unruhe, den Stress, in gelaufene Meter umsetzt. ÔÇ×Wie sehr der Mensch doch das Fluchttier aus der Savanne in sich tr├Ągt!ÔÇť, murmelt er nachdenklich bei sich. Anspannung und Gefahr f├╝hren zu ├ängsten und dem Drang, zum Davonzulaufen im wahrsten Sinne des Worts: N├Ąchtliche Panikattacken als Antwort auf die Druckkulissen des Alltags, wer kennt sie nicht.

Nachdem seine Uhr, der Schweizer Chronometer, bereits 22:45 Uhr anzeigt, als er darauf schaut, wei├č er, dass in K├╝rze die ersten Stra├čenlaternen ausgeschaltet werden. Punkt elf werden sie ausgehen. Dann wird das Terrain noch gespenstischer, als es durch den leisen Herbstregen, dessen Wolken Sterne und Mond verh├╝llen, schon geworden ist.

Die Tropfen schlagen sanft auf den Stoff des schwarzen Regenschirms, den er aufgespannt hat. Die Brille war benetzt worden, die Tr├Âpfchen hatten an Mund, Ohren und Wangen gezupft. Er ist rasch aufgespannt gewesen. Da, Schlag 23:00 Uhr, gehen die Lampen aus, und die Schatten ver├Ąndern sich abrupt.

Frank W. geht raschen wiegenden Schritts, den freien Arm zum Schwungholen bewegend. Pl├Âtzlich hat er das Gef├╝hl, dass er hinter sich jemand h├Ârt. Ein graues Etwas streicht ├╝ber seine Schultern und bildet sich auf den kahlen Strukturen der B├╝sche ab. Ein kalter Hauch streicht ├╝ber die auf einmal mit einem Schwei├čfilm bedeckte Stirn. Schmatzende Gummisohlen tappen in kleine Pf├╝tzen.

Sein Schritt wird ausgreifender und der Atem flacher und schneller. Es bildet sich ein leichtes Dr├╝cken in der Magengrube. Die Augen versuchen das Gesehene nachzufahren, der Kopf pendelt wie ein Sucher hin und her, um so das Gesichtsfeld zu erweitern. Die Muskeln spannen sich an, die Gegend wird nach Deckung, die Sicherung, und nach Umrissen, die Gefahrenquelle bedeuten, abgescannt.

Frank W. bewegt sich wie Arnie Schwarzenegger in ÔÇ×PredatorÔÇť. Es fehlt nur die Kriegsbemalung und die Bewaffnung. Als er um die Ecke biegt, scheint der graue Verfolger ihn zu ├╝berholen. Pl├Âtzlich, im Licht der n├Ąchsten Laterne, f├Ąllt der Doppelg├Ąnger in sich zusammen.

Die Ruhe kehrt zur├╝ck, ein tiefes, nachhaltiges Durchatmen schafft, mehrmalig ausgef├╝hrt, Abhilfe beim rasenden Herzschlag. Der Adrenalinaussto├č l├Ąsst nach, das angespannte Blecken der Z├Ąhne wird wieder zum am├╝sierten L├Ącheln ├╝ber sich selbst.

Frank W. l├Ąsst die vergangenen Tage Revue passieren. Das Leben war in schwere Wasser geraten. Sich in den Strudeln zurechtzufinden, war beinahe eine Unm├Âglichkeit. Hin- und Hergerissen zwischen Pflichten und Verpflichtungen, zwischen Anspr├╝chen und Erwartungen. Es war beinahe ein R├Ątsel, dass er noch am St├╝ck war, aber das war er nur ├Ąu├čerlich.

Er stapft in den Hohlweg, als die zweite Serie der Laternen ausgeht. Es ist 23:30 Uhr, die Gemeinden sparen. Die Schlagschatten ver├Ąndern sich aus dem Nichts, was ausgeleuchtet war, f├Ąllt ins Anthrazit, das Graue ins tiefe Schwarz. Knirschend h├Ârt er einen Fu├č den Boden ber├╝hren, und wieder steigt die Angst aus den schwarzwei├čen Wallace-Filmen aus dem Boden die Beine empor.

Die ├ängste vermischen sich, die aus der Seele mit denen aus der wirklichen Welt. Der Schwarze Mann wird zum Sinnbild einer Bedrohung, die so umfassend und k├Ârperlich sp├╝rbar wird, dass Frank W. in einen leichten Dauerlauf f├Ąllt. Zu sich findet er erst wieder, als er nach hastigem Schl├╝sselsuchen zitternd die Wohnungst├╝r aufgesperrt und erleichtert hinter sich zugeworfen hat. Als er in der K├╝che vor einem Glas Wasser f├╝r den trockenen Gaumen auf den Stuhl sinkt, kann er sich nicht einmal erinnern, wo er die letzten Meter entlanggelaufen ist. Der Schwei├č rinnt ihm in seine Pofalte, obwohl ein kalter Zug ├╝ber sein Gesicht zeigt, dass der Herbst in den Winter kippt: In den n├Ąchsten Tagen wird er fallen, der erste Schnee.


Das Gedicht zu dieser Geschichte: Schattenwanderer

__________________
Walther
"Gelegenheit.Macht.Dichtung"

Version vom 22. 07. 2007 21:38

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MarenS
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...hmpf...
"...das angespannte Blecken der Z├Ąhne wird wieder zum am├╝sierten L├Ącheln ├╝ber sich selbst."
Wieso wieder? Er l├Ąchelte vorher nicht.

Zweimal diese Furcht vor dem niemand ist ein bi├čchen viel.

Ansonsten eine fl├╝ssige und sehr anschauliche Geschichte.

Gr├╝├če von Maren

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