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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Franks letztes Weihnachtsfest
Eingestellt am 06. 10. 2003 22:32


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M├Â├čner, Bernhard
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Frank fror etwas in seinem d├╝nnen, wei├čen Hemd. So kurz vor Weihnachten ging es hier oben doch recht hektisch zu, und er f├╝hlte sich immer noch nicht recht daheim. Der ganze Himmel strahlte vor Sauberkeit. Die drei Sterne neben dem goldenen Tor waren frisch poliert und leuchteten viel heller, als die Lampe daheim ├╝ber dem Wohnzimmertisch.
├ťberall roch es nach Reinigungsmitteln und Bohnerwachs. An den schneewei├čen T├╝ren gl├Ąnzten und funkelten die silbernen Beschl├Ąge. Die himmlische Putzkolonne hatte ganze Arbeit geleistet. Nur die Nikolausb├Ąckerei war von ihrem Putzeifer verschont geblieben. Dort ging es noch munter zu; es duftete angenehm nach Anis, Zimt, nach Lebkuchen und Schokolade. "Wir h├Ątten die Firma schon lange geschlossen, aber keiner der B├Ącker dort unten bringt solche Lebkuchen und Pl├Ątzchen fertig, wie unsere echte Nikolausb├Ąckerei", erkl├Ąrte ihm ein kleiner Engel, der es sehr wichtig hatte.
Im Hof vor dem gro├čen Tor standen die drei Erzengel beieinander und schauten durch eine Art Fernglas h├Âchst interessiert zur Erde hinab. Sie hatten wieder, wie alle Jahre zuvor, die Aufgabe bekommen, das historische Krippenspiel in Bethlehem vorzubereiten. Wie jedes Jahr hatten sie ein daf├╝r passendes junges Menschenpaar als Maria und Josef ausgesucht. Auch einen Esel hatten sie besorgt. In diesem Jahr versprach das Spiel besonders interessant zu werden: Die junge Frau, die Maria darstellen wollte, war wirklich schwanger! Es konnte eigentlich nichts schief gehen.
Die Tourismusminister der beteiligten Staaten hatten den himmlischen Abgesandten ihre unb├╝rokratische Unterst├╝tzung zugesagt, denn die Besucher aus aller Herren L├Ąnder brachten jedes Jahr bares Geld in ihre leeren Kassen. Die Touristen kauften auf den Weihnachtsbasaren jede Menge kunstvoll aussehende Krippen, Figuren und teure Schnitzereien aus richtigem Holz, oder billigeres Zeug aus einem Material, das aussah wie Holz. Alles schien bestens vorbereitet, h├Ątten sich nicht jene M├Ąchte in die Geschichte eingemischt, die angeblich stets das Gute wollen und stets das B├Âse schaffen.
Ein neuer Krieg war eben ausgebrochen! Oder war es nur eine bewaffnete Auseinandersetzung? Wer kannte da noch den Unterschied!
Die drei Erzengel und ihre Heilige Familie hatten von alledem noch nichts bemerkt: Eben f├╝hrte Josef, der sich vor Aufregung immer wieder den Schwei├č aus dem stoppligen Gesicht rieb, seinen Esel auf die sehr gr├╝n gestrichene Grenzstation in Richtung Bethlehem zu, die mit zwei Soldaten besetzt war. Der Soldat, der im Schilderhaus sa├č und ihnen eigentlich einen Passierschein h├Ątte ausstellen sollen, winkte sie ungeduldig durch. Ein junges P├Ąrchen mit einem Esel, so dachte er sich, da konnte es sich nur um armselige Wanderarbeiten handeln.
Ruhig trabte der Esel, der so ahnungslos war, wie das Heilige Elternpaar und wie die drei Erzengel, auf die andere Seite der Grenze zu. Die Grenzpolizisten, die dort Dienst schoben, und seit Stunden auf ihre Abl├Âsung warteten, waren besonders schlecht aufgelegt! Sie hatten schon monatelang keinen Sold mehr erhalten. Da kam ihnen dieses junge P├Ąrchen mit einem Esel, daf├╝r aber ohne Visum, ohne Geld und ohne einen g├╝ltigen Passierschein, gerade recht!"Nix Visum, nix Einreise", lie├čen sie die beiden wissen. Josefs Einwand, dass sie als Heilige Familie doch gewisserma├čen Weltb├╝rger seien, interessierte hier niemand.
Verwirrt wandte Josef den Esel, der Maria auf dem R├╝cken trug, um und begab sich wieder zur├╝ck auf die andere, die auffallend gr├╝n gestrichene Seite. Doch auch hier waren sie nicht willkommen: man hielt sie nun f├╝r feindliche Spione.
Dies war der Moment, in dem der Erzengel Michael gewillt war, sich mit seinem blanken Schwert auf die Erde zu st├╝rzen, aber Gabriel, der sanftere, hielt ihn zur├╝ck: "Es ist uns nicht gestattet, mit unsern Waffen auf der Erde einzugreifen, sonst w├Ąre die Menschheit dort unten schon lange ausgerottet".
Raphael, der Praktiker des gefl├╝gelten Trios, ├╝berlegte laut: "Man m├╝sste dazwischenfahren und alle erschrecken!" Da hatte der kleine Frank, der sich aus Langeweile zu ihnen gesellte, eine Idee: Ihm war vorher ein Paket mit Sylvesterknallern aufgefallen, das wie zuf├Ąllig im Vorhof des Himmels herumlag. ├ťberhaupt lag vor dem Himmel vieles herum, was man an anderen Stellen gut h├Ątte brauchen k├Ânnen. Gabriel, der Schnelldenker, begriff sofort! Er warf einige der Kracher genau zwischen die beiden Grenzposten, worauf dort alle Beteiligten blitzschnell in Deckung gingen. Diesen Moment n├╝tzte Gabriel, um seinen Mantel um das Heilige Paar zu werfen, und als sich der Pulverdampf und Gestank verzogen hatte, stand nur noch der Esel allein auf dem Platz; denn selbst der Mantel eines Erzengels w├╝rde nicht reichen, einen ausgewachsenen Esel v├Âllig zu verdecken.
Die drei Engel berieten sich nun: "Wir m├╝ssen das Weihnachtspiel in diesem Jahr verlegen", meinten sie, "aber wohin?" "Zu uns daheim", sagte nun der kleine Frank mutig, und die Drei nahmen ihn jetzt erst bewusst war. Sie fragten ihn, was er hier suche und er erz├Ąhlte ihnen wahrheitsgem├Ą├č, dass er eigentlich nur zu Besuch da w├Ąre. Auch Maria und Josef, die sich dazu setzten, h├Ârten ihm aufmerksam zu.
"Wir haben zwei K├╝he und eine lange Futterkrippe in unserem Stall, denn vor meiner Zeit hatten meine Eltern viel mehr K├╝he dort stehen. Und diese lange Krippe ist v├Âllig leer", erkl├Ąrte Frank den ├╝berraschten Engeln. "Aber", gab Raphael zu bedenken, "wir haben unseren Esel vor Bethlehem stehen lassen, wer soll die schwangere Maria zu eurem Stall tragen?"
"Bei uns daheim", erkl├Ąrte ihm Frank, "reist niemand auf Eseln umher. Aber unser Arzt, Doktor Frommherz, der hat ein gro├čes schwarzes Auto, das w├Ąre genau richtig f├╝r euch."
So kam es, dass der Engel Michael sp├Ąt am Abend in aller engels├╝blichen Heimlichkeit das besagte Auto aus der Garage des tief schlafenden Landarztes herausschmuggelte. Zu seiner Ehrenrettung muss gesagt werden, dass er die Heilige Familie unversehrt zu jenem Stall kutschierte, zu dem ihm Frank den Weg wies und das, obwohl er noch nie einen irdischen oder gar deutschen F├╝hrerschein besessen hatte. Auch Raphael bestand danach seine Bew├Ąhrungsprobe als Geburtshelfer, und zwar zur vollsten Zufriedenheit der jungen Mutter.
Doktor Frommherz jedoch schimpfte wie ein Rohrspatz, weil er mitten in der Nacht seine Autogarage leer und das Tor offen stehend fand, was besonders ├Ąrgerlich war, weil man ihn telefonisch zu einem Notfall auf einen kleinen Hof im Nachbarort rief.
In dem kleinen Zimmer, in dem man Frank nach der R├╝ckkehr aus dem Krankenhaus untergebracht hatte, roch es nach Schwei├č. Dr. Frommherz, der eben mit dem Taxi ankam, hatte schon viel in seinem Leben gesehen. Er hob nur bedauernd die Schultern und gab dem kleinen Patienten, der nicht mehr bei Bewusstsein war, noch einmal eine Spritze. Seine Mutter weinte leise vor sich hin, aber ihr Junge h├Ârte sie nicht mehr. Er sa├č im Stall vor dem neugeborenen Jesuskind und summte ihm ein Schlaflied vor. Er sang zwar nicht besonders sch├Ân, denn er hatte noch nie ein richtiges Schlaflied geh├Ârt. Aber Maria schien es zu gefallen, sie summte die Melodie leise mit.
Die drei Erzengel, die hinter der Krippe standen, dr├Ąngten pl├Âtzlich zum Aufbruch: Drau├čen wurde es langsam hell. "Aber", rief Frank verzweifelt, "die Heiligen drei K├Ânige m├╝ssen doch noch kommen, die kommen immer, wenn der Heiland geboren wird!" Denn so hatte Frank es gelernt, als er noch gesund war.
Da wurden die drei Engel traurig: "Die K├Ânige k├Ânnen nicht mehr kommen", sagte Michael zu ihm, "sie k├Ânnen den Stern nicht mehr finden. Zu viele k├╝nstliche Lichter fliegen heute am n├Ąchlichen Himmel herum, wie sollen sie da einen einzelnen Stern sehen?"
Aber Frank hatte den Stern bereits entdeckt, er kam geradewegs auf ihn zu und Frank griff nach ihm und flog mit seinem Stern weit, weit davon.
Als Dr. Frommherz m├╝de und traurig aus dem ├Ąrmlichen Haus heraustrat, d├Ąmmerte bereits der Morgen herauf. Er rieb seine ├╝berm├╝deten Augen: Sein schwarzes Auto stand unversehrt vor der T├╝r!
"Es geschehen doch noch Wunder", murmelte er leise vor sich hin. Dann stieg er ein und fuhr, irgendwie erleichtert, nach Hause.

__________________
-Bernhard M├Â├čner-

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Stoffel
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Registriert: Jun 2002

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Hallo,

das ist ja mal eine ganz andere Weihnachtsgeschichte.*smile*
Erst dachte ich "WER ist da Frank?"
Aber ich mags ganz gerne, wenn eine Aufl├Âsung sp├Ąter erst kommt.
Was mir spontan einfiel noch dazu, hab ich mit "b" eingef├╝gt.
Es ist ja eigentlich doch eine Kindergeschichte?


"Frank fror ein wenig in dem d├╝nnen, wei├čen Hemd."

"In diesem Jahr versprach das Spiel besonders interessant zu werden: Die junge Frau, die Maria darstellen sollte, war wirklich schwanger! Es konnte eigentlich nichts schief gehen."

" Alles schien bestens vorbereitet, h├Ątten sich nicht jene M├Ąchte in die Geschichte eingemischt, die so taten, als ob sie stets das Gute wollen und stets das B├Âse schaffen."

" Ein neuer Krieg war eben ausgebrochen! Manch einer sprach von einer bewaffneten Auseinandersetzung.Und manche meinten, es g├Ąbe da einen Unterschied"

"sagte nun der kleine Frank mutig, und die Drei nahmen ihn erst jetzt bewusst war. Erstaunt sahen sie zu dem Kleinen hinunter

lG
Stoffel




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