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Leselupe.de > Kurzprosa
Franz - eine Skizze
Eingestellt am 04. 11. 2005 17:00


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Sigurt Funk
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Franz - eine Skizze

Franz glaubt an die Menschlichkeit der Menschen, seit er denken kann. Deswegen geht Franz auch regelm├Ą├čig in die Kirche und engagiert sich bei vielen Vereinen im Dorf. Das macht den Franz beliebt im Ort. Franz singt im Gesangsverein die Tenorstimme, die sehr selten ist. Er l├Âscht Feuer mit der Feuerwehr und hat trotzdem noch nie einen Heustadel angez├╝ndet. Und auf die Feuerwehrfeste, auf denen er hin und wieder ein Lied singen darf, geht er auch gerne. Das freut seine Kameraden von der Wehr, denn Franz singt sch├Âne Volkslieder und manchmal spielt er mit seiner Gitarre dazu. Noch lieber aber haben seine Kameraden, wenn Franz ihnen statt der Volkslieder das Lied „Das Tr├Âpferlbad“ vorsingt, das sie sonst nur von Schallplatten oder aus dem Radio kennen. „Das Tr├Âpferlbad“, von dem nur Eingeweihte wissen, welch segensreiche Einrichtung das war, welchen Zweck es hatte, bei dem sie alle immer Lachen m├╝ssen, ist auch das Lieblingslied von Franzens Ehefrau, die ihn, weil sie Eva hei├čt, immer an das Paradies erinnert, das nun f├╝r immer verloren ist, wie der Herr Pfarrer bei der Heiligen Messe zu Ostern gesagt hat. Franz ist mit seiner Eva nun schon seit ├╝ber drei├čig Jahren verheiratet und deswegen m├Âchte sich Franz auch nicht scheiden lassen. Sobald Franz in Gesellschaft und die Stunde fortgeschritten ist, bittet Eva „ihren“ Franz, die Gitarre zur Hand zu nehmen und „Das Tr├Âpferlbad“ zu bringen. Eva spricht, wenn sie von Franz spricht, immer nur von „ihrem“ Franz, so als h├Ątte sie den Franz gekauft auf dem Jahrmarkt oder im Supermarkt oder im Einkaufszentrum, wohin sie gerne geht. Franz f├╝hlt sich auch ganz als „ihr“ Franz und wenn Eva sagt, ├╝berraschend oder nicht, „spuck`s aus!“, dann spuckt Franz auch sofort seinen abgekauten Kaugummi - oder was er sonst halt gerade im Mund hat - aus. Das hat Franz bereits von seiner Mutter gelernt. Als Kind hat er sich immer gef├╝rchtet, wenn die Mutter in lieblich scharfem Ton „spuck`s aus!“ gesagt hat. Er wusste, dass es darauf ankam, sofort zu tun, was befohlen war und dass das alles nur zu seinem Besten sein konnte. Und so macht er das bei Eva auch. Wenn Franz „Das Tr├Âpferlbad“ vorsingen soll, muss sich der Franz, das verlangt seine ihm gutbekannte innere Stimme, die oft zu ihm spricht, anfangs etwas str├Ąuben und sich fest zureden lassen von Eva und den anderen, die ihn dann erwartungsvoll anblicken, bevor er sich dann doch dazu hinrei├čen l├Ąsst, es ihnen vorzusingen. Dann aber singt er es doch immer gerne, obwohl er ein paar Zeilen des Textes vergessen hat, was niemand der Zuh├Ârer merkt, weil sie das Lied gar nicht anders kennen und Franz so tut, als ob es diese Zeilen im Lied gar nicht g├Ąbe, nie gegeben habe. Franz hat ├ťbung darin, so zu tun, als ob es etwas, was es gibt, gar nicht g├Ąbe. In diesem Fall ist das auch ganz einfach, einfacher jedenfalls als sich das zu merken, was er immer vergisst. Gott-sei-Dank, sagt Franz, kann der Mensch vergessen, und wird deswegen von seiner Frau f├╝r sehr gescheit gehalten.
Franz ist, wie auch alle anderen, dorf katholisch. Das hilft. Schon als Kind hat sich Franz immer ausgemalt, wie es w├Ąre, w├╝rde er Gott vorgestellt und m├╝sse ihm die Hand geben und, weil Gott etwas ganz „Hohes“ ist, wird man bei ihm wohl eine tiefe Verbeugung machen m├╝ssen, was sein Vater immer einen „tiefen Diener machen“ genannt hat. Wie bei den Hofr├Ąten, die obwohl es schon lange keinen „Hof“ mehr gibt, immer noch in den Ministerien und den Landesregierungen sitzen und dort die Geschicke des Landes zu leiten glauben. Franz hat fr├╝h gelernt sch├Âne tiefe „Diener“ zu machen, weil ihn sein Vater das oft hat ├╝ben lassen. Die rechte Hand muss man geben, auch das wei├č Franz, die Augen zu Boden gerichtet und einen „sch├Ânen Diener“ machen, das macht man als braver Bub, hatte sein Vater ihm immer gesagt.
Franzens Eltern waren nat├╝rlich auch katholisch, nicht sehr, aber doch, wie der „Herr Karl“ halt, der heute der unbeliebteste ├ľsterreicher ist, weil sich jeder in ihm wiedererkennt. Dennoch hat der Pepperl, der damals in der Volksschulzeit sein Freund war, einmal zu ihm gesagt: „Deine Eltern sind ja erzkatholisch!“. Was seine Eltern und das Katholische mit dem Erz zu tun h├Ątten, sei ihm damals nicht klar geworden. Vielleicht hat ihn sein Freund, der Pepperl, der eigentlich Johann hie├č, ja auch blo├č ├Ąrgern wollen damit. Vielleicht glaubte der Pepperl auch, sie w├Ąren aus dem Erzgebirge eingewandert, so wie die Nachbarn auf der anderen Stra├čenseite. Der Pepperl hatte es ├╝berhaupt mit dem Wort „Erz“. Er verwendete es gerne. Sein Vater, sagte der Pepperl, h├Ątte gesagt, sie selbst seien keine „Katholen“ sondern „Erzrote“. Erzrot und erzkatholisch vertrage sich aber nicht. Er solle sich doch einen anderen – roten - Freund suchen. Franz und Pepperl haben sich aber meistens ganz gut vertragen. Erzrot zu sein, stellte sich Franz ganz sch├Ân vor, weil er dabei immer an die sommerlichen Sonnenunterg├Ąnge denken musste.
Die Eltern Pepperls, denen man gar nicht ansah, dass sie erzrot waren, wohnten in einem kleinen eigenen Haus, aber ein wirkliches Haus, so wie das von Franzens erzkatholischen Eltern, war es nicht, weil es ja viel kleiner war.
Genaugenommen hatten Franzens Eltern aber gar kein Haus, weil das Haus, in dem sie wohnten, Franzens Gro├čmutter geh├Ârte. Man musste sie deswegen auch „Hausfrau“ nennen. Sie kassierte von Franzens Mutter, die ihre Tochter war, monatlich einen Zins, der in das Zinsbuch eingetragen wurde, als Beweis. Gratis gibt es nichts auf der Welt.
Gro├čmutters Ehemann, Franzens Gro├čvater, hatte ihr als Altersvorsorge ein Zinshaus gebaut. F├╝r den Fall seines Todes, sollte sie sich keine Sorgen zu machen brauchen. Dieser trat sp├Ąter auch wirklich ein. Die Gro├čmutter lie├č ihm daf├╝r einen Grabstein aufstellen auf dem sein Name, sein Geburts- und Sterbedatum und unterhalb mit goldenen Buchstaben „Wagnermeister und „Hausbesitzer“ zu lesen steht. Franzens Gro├čvater ging davon aus, dass ein Haus eine bombensichere Einnahmequelle f├╝r die Zukunft sei. Wie sich im Jahr vierundvierzig herausstellte, war das Haus gar nicht bombensicher. Die Brandbomben, die die „Tommys“, wie Franzens Vater die Engl├Ąnder nannte, abwarfen, lie├čen es nicht unbesch├Ądigt, sondern bis auf die Grundmauern abbrennen.
Franzens Vater, der im Krieg Franzens Mutter geheiratet hatte, hatte dann alle H├Ąnde voll zu tun, die Bombensch├Ąden zu beheben. Dank hat er daf├╝r keinen gehabt. „Ich tu das alles sowieso nur f├╝r dich!“ hatte er zu Franz immer gesagt, wenn er wiedereinmal bei der schweren Arbeit seine Bombensplitter unter der Sch├Ądeldecke sp├╝rte. F├╝r Franzens Gro├čmutter war und blieb er immer ein „Habenichts“, was sie ihrer Tochter, Franzens Mutter, auch oft gesagt hat. Obwohl immer wenig Geld im Haus war, brauchte Franz nie zu hungern. Weil sie sparsame Leute waren, holte sich Franzens Vater aus einer sechzig Kilometer entfernten Kohlengrube mit einem Schubkarren selbstgebrochene Braunkohle zum Heizen, mit dem Ersparten kaufte man Lebensmittel.
Gro├čmutter hatte immer Geld und verlieh es an fremde Leute gegen Zinsen. Franzens Vater, hatte es im Laufe der Nachkriegszeit sogar zum Kanzleileiter in der Landesregierung gebracht, arbeitete nebenbei aber als Polierer in einer Schlosserwerkst├Ątte in der Gep├Ącktr├Ąger f├╝r Motorroller und Autos erzeugt wurden. Wenn er sp├Ątabends nach Hause kam, sah er immer aus wie ein Rauchfangkehrer, schwarz im Gesicht und an den H├Ąnden, weil er ├╝ber und ├╝ber mit ├Âligem Staub bedeckt war. Staub, der entstand, wenn das zu polierende Metall von seinen H├Ąnden an die mit Inlettfett bestrichene rotierende Fetzenscheibe gepresst und so zu Hochglanz gebracht wurde. Wenn Franzens Vater ├╝ber und ├╝ber mit ├Âligem Ru├č bedeckt, zum Spa├č seine Augen weit aufriss, sah er aus wie ein „Neger“, was man heute nicht mehr sagen darf, weil das eine Diskriminierung ist.
Franz hat als Kind nur einmal einen „Neger“ gesehen, als er mit seiner Mutter in die Stadt zum Einkaufen gefahren war. Diesen hatte man an den Gesch├Ąftseingang gestellt, weil das eine Attraktion war zur damaligen Zeit. Heute noch gibt es in der Stadt den „Gummi-Neger“ bei dem man ganz spezielle Gummi- und Schaumstoffartikel kaufen kann. Ob man ├╝berlegt, das Gesch├Ąft in „Gummi-Schwarzer“ umzutaufen, wei├č Franz nicht, wohl aber, dass der Inhaber des Gesch├Ąfts auf den Firmennamen sehr stolz ist. Der Schwarze, der am Eingang stand, war auch nicht wirklich schwarz, daf├╝r trug er eine grell rote Uniform und wenn er die eintretenden Kunden begr├╝├čte, l├Ąchelte er freundlich, die Kinder bekamen ein Bonbon und f├╝rchteten sich gar nicht. Franzens Vater hatte auch lange eine Uniform getragen, seit dem Krieg trug er keine mehr, jetzt war er nur mehr ├Ąu├čerlich schmutzig, was man abwaschen konnte. Badezimmer hatten Franzens Eltern keines. Man wusch sich in „einer Lavoir“ in der Wohnk├╝che, w├Ąhrenddessen Franz immer hinausgeschickt wurde. Einmal pro Woche wusch man sich in der Waschk├╝che im Keller. In einem eigens daf├╝r konstruiertem Ofen erw├Ąrmte man einen gro├čen Zuber Wasser, was den ganzen Raum in warmen Wasserdampf h├╝llte, ├Ąhnlich wie es Franz sp├Ąter in den Wohlf├╝hloasen von Wellness-B├Ądern oder in den Thermenwelten s├╝dsteirischer Provenienz kennenlernen sollte. Wenn sich die Frauen in der Waschk├╝che wuschen, ging Franz manchmal spechteln. Vor allem dann, wenn Frau H. aus dem ersten Stock dran war, weil sie die gr├Â├čten Br├╝ste hatte und weil es ihr nichts auszumachen schien, wenn man ihr beim Waschen zusah, weil das alles menschlich und alles menschliche ihr nicht fremd sei. Wenn Franz zu frech wurde, h├Ąngte sie ein Handtuch vor das kleine Kellerfenster. Immer dann verlor der Franz seinen Glauben an die Menschlichkeit.
Menschlichkeit ist etwas f├╝rchterliches, sagt der Franz und niemand will es ihm glauben. Nicht einmal seine Eva, obwohl sie seine Frau ist und ihm sonst vieles glaubt, weil das, so sagt sie, die Grundlage einer guten Ehe ist, dass man sich gegenseitig glaubt. Franz glaubt nicht, auch dann nicht, wenn ihm sein Freund der Religionslehrer, der ein Faible f├╝r Schamanen und okkulte Ph├Ąnomene hat, erz├Ąhlt, dass die einfachsten Menschen ├╝ber die gr├Â├čte Weisheit verf├╝gen w├╝rden und nur die armen im Geiste selig w├Ąren. Immer muss er daran denken, dass es bei ihnen zu Hause gehei├čen hat, nur einer k├Ânne auf dem Hof anschaffen, die anderen h├Ątten zu gehorchen, h├Ątten das Maul zu halten und „Diener“ zu machen und dass es im Kleinen so w├Ąre wie im Gro├čen und dass auch das alles menschlich sei.

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Ein sch├Ânes bitter-s├╝├čes Sittengem├Ąlde ist dir da gelungen - man h├Ârt fast die Blasmusi im Hintergrund (oder sind es Schrammeln?). Mir ist fast schlecht geworden - Erinnerungen aus meiner Jugendzeit im Niederbayerischen, keine f├╝nfhundert Meter von der Grenze zu ├ľsterreich entfernt. Und dass ich auch noch Franz hei├če, daf├╝r kann ich ja nix...
Willkommen in der Leselupe
Gru├č Franz

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