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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Frau Huber macht Probleme
Eingestellt am 01. 05. 2014 09:22


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Jens Rohrer
AutorenanwÀrter
Registriert: Jan 2012

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Wie jedes Jahr zu Weihnachten reiste ich auch diesmal wieder in das kleine Dorf aus dem ich stammte, und in dem meine Eltern immer noch lebten. Weg aus der wohligen AnonymitĂ€t der Großstadt, dorthin wo jeder jeden kannte. Wo der Satz "Was sollen die Nachbarn denken." Lebensmaxime und Grundstock eines jeden Strebens war. Als ich beim Haus meiner Eltern ankam, war es bereits dunkel. Ich betrat den Hausflur und wollte gerade das Licht anknipsen, als ich bei der Garderobe ein flackerndes Licht bemerkte. Das war neu. Und musste sofort in Augenschein genommen werden. Schließlich hatte sich in der Diele meines Elternhauses ungefĂ€hr seit dem zweiten punischen Krieg nichts mehr verĂ€ndert. Ich nĂ€herte mich dem Lichtschein in Erwartung irgendeines vorweihnachtlichen Kitschzeugs. Meine Mutter war ein wahrer Advents- Nippes Junkie. Kaum ein putziger Gipsschneemann, ein PlĂŒschrentier oder Holzengelchen, dem meine Erzeugerin widerstehen konnte. FĂŒr Vater ein bestĂ€ndiger Quell auf ihn abgefeuerter Schimpfkanonaden. Es passierte nĂ€mlich nicht selten, das er mit dem Ärmel einen grinsenden Keramikweihnachtsmann ins Jenseits beförderte. Er beteuerte zwar jedes Mal seine Unschuld und verwies auf seine Tolpatschigkeit, was ihm Mutter aber nie so recht abnahm. Sie war ihm aber immer nicht lange böse, vor Allem, weil er so Platz fĂŒr Nachschub schaffte.
Auf dem GarderobenschrĂ€nkchen war der "blöde Schrott" (Vater) jedoch sorgfĂ€ltig entfernt worden um Platz zu machen fĂŒr die beiden Kerzen, die ein DHL-PĂ€ckchen flankieren. Das kam mir natĂŒrlich etwas seltsam vor. Nicht das sich hier jemand nicht ĂŒber ein zugesandtes WeihnachtsprĂ€sent gefreut hĂ€tte. Aber dieses nicht auszupacken und ihm so etwas wie einen kleinen Altar zu errichten, kam mir ĂŒbertrieben vor. Oder war Mutter verrĂŒckt geworden und hielt den quadratischen Karton mit etwa zwanzig Zentimeter Durchmesser etwa fĂŒr eine Krippe oder Ă€hnliches? Ich hatte schon davon gehört, das zum Beispiel Demenzkranken so etwas ohne weiteres zuzutrauen war. Aber ĂŒber eine demente Mutter hĂ€tte man mich doch informieren mĂŒssen. So etwas kann man doch nicht unter den Teppich kehren. Egal, ob die Nachbarn reden.
Das Klacken des HaustĂŒrschlosses unterbrach meine Überlegungen und ich besah meine eben eingetretene Mutter genau, um etwaige Anzeichen von Irrsinn festzustellen. Zumindest Ă€ußerlich schien sie in Ordnung zu sein.
"Mama, was ist denn das da an der Garderobe?, ich konnte mich nicht mit einer BegrĂŒĂŸung aufhalten, zuerst das Mysterium entwurlen.
"Ach, das ist Frau Huber."
"Was soll das heißen. Das ist Frau Huber. Spinnst du?
"Na, die Frau Huber. Die kennst du doch. Die Schwiegermutter vom Markus. Ihr war doch damals die besten Freunde."
"Ja schon Mama, aber...", ich begriff immer noch nicht und macht mir stattdessen weiter Sorgen ĂŒber ihren Geisteszustand.
"Na, die ist letzten Dienstag gestorben."
"Ja, aber was macht dann die Frau Huber in unserer Diele?"
"Ach so, das kannst du ja gar nicht wissen. Die Frau Huber wollte ja eingeĂ€schert werden. Drum hat sie der Bestatter ins Krematorium nach MĂŒnchen geschickt. Die habe sie dann verbrannt und die Urne an das Pfarramt adressiert. Als die Frau Huber da ankam, war da aber keiner. Also hat der DHL-Bote, der Michael, mit dem warst du doch im Fußballverein. Der hat ja die Susanne geheiratet. Die haben jetzt zwei ganz entzĂŒckende Kinder. Und seine Mutter freut sich total, wenn sie auf die Kleinen aufpassen darf. Hast du eigentlich eine Freundin? Du musst doch auch mal heiraten. Du bist doch schon sechsunddreißig."
"Mama!"
"Was?"
"Die Frau Huber. Warum ist die hier?"
"Ach so. Der Michael weiß ja, das ich halbtags im Pfarrheim arbeite und ist deshalb mit der Frau Huber zu uns gefahren. Ich war zwar nicht daheim, aber die Oma hat die Frau Huber angenommen, weil der Michael hat ja auch nicht gewusst, wohin mit ihr."
"Ja, Mama, aber das war heute morgen. Was macht sie denn immer noch bei uns?
"Ich hab dann ein paar Verwandte angerufen, aber die wollten die Frau Huber nicht abholen. Die haben alle gesagt, es wÀr ihnen unheimlich, eine Tote im Haus zu haben. Aber was soll ich denn das sagen? Der Pfarrer meldet sich ja auch nicht. Ich hab dann die Frau Huber erst mal in die Garderobe gestellt. Aber irgendwie möcht ich sie dann schon bald wieder loswerden."
"Und was soll das mit den Kerzen?"
"Na du bist ja gut. Die solls doch schön haben bei uns. Das war eine ganz nette alte Dame. Und was hast du jetzt vor. Willst du mit uns Fernsehschauen?"
Weihnachten mit Willi Wuff Teil 3 oder was auch immer Mutter als Abendgestaltung auserkoren hatte, wÀre mir aber letzten Endes zu viel gewesen. Statt dessen warf ich meinen Rucksack in mein altes, selbstverstÀndlich völlig unverÀndertes, Kinderzimmer und beschloss, der Dorfkneipe einen Besuch abzustatten.
Es war erst frĂŒher Abend und in der Dorfwirtschaft deshalb auch noch nicht viel los. Nur an einem Ecktisch saßen Gregor, Paul, Sepp und Bernd und spielten Karten. Aber sie gehörten ohnehin schon zur Einrichtung. Ansonsten bestand das Inventar aus bei jedem Schritt knarzenden Bodendielen, schweren Holztischen und den obligatorischen, ehemals weißen, jetzt nikotingelben, SpitzenvorhĂ€ngen. Ich saß noch nicht lange an der, ebenfalls hölzernen, Theke vor meinem Bier, als Markus hereinkam. Markus ist der Schwiegersohn von der Frau Huber. Er setzte sich zu mir an die Bar und bestellte ebenfalls ein Bier.
"Du, falls du deine Schwiegermutter noch mal sehen willst, die ist bei uns daheim."
"Jaja, deine Mutter hat mich vorhin angerufen. Ich hab sie gerade abgeholt und nachher bring ich sie zum Pfarrer. Mit dem hab ich auch schon telefoniert. Die Beerdigung ist ĂŒbermorgen. Im Moment ist sie da unten.", sagte Markus und zeigte auf seinen Rucksack, den er auf dem Fußboden an die Theke gelehnt hatte.
"Ist doch schön oder?", fĂŒgte er hinzu.
Ich meinerseits dachte darĂŒber nach, ob jetzt alle nicht mehr ganz dicht waren, sagte aber vorsichtshalber:
"Was? Schön? Das sie gestorben ist?"
"Nein, natĂŒrlich nicht. Aber die Frau Huber hat ja in den letzten Jahren kaum noch das Haus verlassen. Und jetzt kommt sie doch noch ein bisschen rum. Und darf sogar mit in die Kneipe"
"Hast auch wieder recht.", entgegnete ich und stimmte in seine Grinsen ein. Dann stießen wir die BierglĂ€ser zusammen, wechselten einen kurzen Blick und hielten dann die KrĂŒge unter die Theke. Beinahe zeitgleich sagten wir:
"Prost Frau Huber. Und frohe Weihnachten."

__________________
Jens Rohrer

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