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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Frauen in der Türkei
Eingestellt am 18. 10. 2013 12:38


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Monika Seyhan
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Oct 2013

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Fatma –
Fatma war die erste Liebe Hüseyins. Unterwegs auf seinem täglichen Weg zum Meer sah er sie bei der Feldarbeit. Ihr rotbuntes Kopftuch, das immer wieder zwischen Gemüse und Maiskolben hervorleuchtete, das Signal, das ihn traf und das ihn lockte. Hüseyin näherte sich langsam, wartete, bis sie sich aufrichtete, den angestrengten Körper streckte und den Blick übers Feld schweifen ließ. Er konnte den Blick nicht abwenden und es dauerte nicht lange, bis er auf sie zu schlenderte. Um ihn war es geschehen, täglich lief er über die Felder, traf sie und sprach verliebte Worte. Fatma lachte, legte den Finger auf die Lippen, wollte nicht, dass sie beide von anderen wahrgenommen wurden.
Hüseyin erzählte von seinen Wünschen: Eine eigene Familie wollte er, ein kleines Häuschen bauen, die gefährliche Fischerei nachts auf dem Meer aufgeben, Verantwortung für Frau und Kinder übernehmen. Das war ihm wichtig.
Fatma hörte ihm zu und gestand nach einiger Zeit, dass ihre Wünsche ähnlich seien. Sie wollte ein eigenes Reich, am liebsten sogar in einer anderen Gegend, einer Stadt vielleicht. Sie wollte einen Mann glücklich machen und ihre Neugier auf Unbekanntes stillen. Fatma hielt seine Hand, flüsterte in sein Ohr und war erstaunt über ihr ungewöhnliches Verhalten. Diese Offenheit einem Mann gegenüber war unschicklich und gehörte sich nicht. Doch fühlte sie sich wohl mit den neuen Gefühlen, wollte sie keineswegs unterdrücken und wagte sich bei jedem Treffen ein wenig näher an Hüseyin heran. Ihr Herz schlug wild, ihre Sehnsucht war groß und ihre Offenheit brachte es fertig, dass Hüseyin ihr gestand, Gedichte zu schreiben. Nachts auf dem Boot oder in seiner kleinen Hütte am Meer kamen ihm die schönsten Gedanken. Er schrieb nieder, was ihn berührte, jetzt widmete er seine Gedichte ihr.
Die Sehnsucht nach einem gemeinsamen Leben wurde zum Mittelpunkt ihrer Gedanken und Gespräche. Hüseyin brauchte die Zustimmung des Vaters. Es fehlte ihm noch der nötige Mut zu diesem Vorhaben.
Er saß mit Fatma im Getreidefeld, die Halme streckten sich hoch, niemand konnte sie beobachten. Das Kopftuch war abgelegt und Finger, die mit starken Seilen und scharfen Angelhaken kraftvoll umzugehen wussten, versuchten sanft, den Weg durch unbändige Locken zu finden.
Fatma drängte, den Besuch beim Vater so schnell wie möglich durchzuführen. Hüseyin übte die Worte, die er aussprechen wollte. Die Sommerhitze lastete auf beiden, der Entschluss wurde gefasst.
In der Kühle des Abends machte sich Hüseyin auf den Weg zu den Eltern seiner Liebsten.
Sie kannten ihn von seinem täglichen Gang zum Meer, tauschten Freundlichkeiten aus und erwiderten seine Sympathie. Der Vater führte ihn in den Garten unter die Bäume. Als Höhepunkt eines jeden Tages trank die Familie hier den abendlichen Cay.
Der friedliche Ausklang in wohltuender Atmosphäre.
Der Name des Vaters war Cuma, was „Freitag“ heißt. Er war groß und schlank und legte freundschaftlich den Arm um die Schulter Hüseyins. Cuma liebte es, im Kreis der großen Familie zu sitzen. Er lachte und scherzte, seiner Frau schaute er offen ins Gesicht und holte Wasser, als dies nötig war. Die Gespräche handelten von der Feldarbeit, dem Fischen und dem üblichen Dorfklatsch. Mit der Zeit wurden die jüngeren Geschwister müde, für die anderen gab es Gründe sich zurückzuziehen und der Kreis um Hüseyin wurde kleiner. Die Mutter und die ältesten Töchter blieben noch. Cuma forderte den Fischer auf, sein Anliegen vorzutragen.
Hüseyin bezog sich auf das übliche Ritual der Brautwerbung und begann mit den Worten: „Auf Allahs Befehl und mit Muhammeds Einverständnis, möchte ich um die Hand deiner Tochter bitten.“ Traditionsgemäß erläuterte er anschließend seine finanziellen Verhältnisse und stellte Fragen nach den Geschenken für die Braut. Die Frage der Wohnung, der Termin für die Hochzeit mussten besprochen werden. Cuma hatte ein offenes Ohr und ein großzügiges Herz. Als Wohnmöglichkeit schlug er den Umbau der Scheune auf seinem Grundstück vor. Diese wurde nicht mehr genutzt und bot genügend Platz für eine junge Familie. Hüseyin hatte einige Erbstücke seiner Mutter, die er als Goldgeschenke der Braut überreichen wollte. Die Männer waren sich einig, das Gespräch wurde in ruhigem Ton vernünftig und verständnisvoll geführt. Cuma freute sich auf das neue Familienmitglied und sagte aus tiefstem Herzen ja.
„Ich weiß, dass du der richtige Mann bist. Bei dir wird es meiner Tochter gut gehen, du kannst meine Hatice glücklich machen.“
Hüseyin entzog sich der Umarmung. Das musste ein Versprecher sein.
„Cuma, ich sprach von Fatma, sie ist meine Liebe und um ihre Hand hielt ich an. Du hast die Namen verwechselt.“
Cuma lächelte: „Du hast nie einen Namen genannt, ich habe acht Töchter, und es ist selbstverständlich, dass die Erstgeborene auch zuerst verheiratet wird. Hatice ist genauso hübsch wie ihre Schwester, den Haushalt führt sie sogar besser. Da ihr in der Scheune neben unserem Haus leben werdet ist Fatma in der Nähe, du kannst sie jeden Tag sehen. Eure Liebe ist noch biegsam, bestimmt wirst du es schnell merken – ob Hatice oder Fatma, du wirst dich rasch umgewöhnen. Fatma wird auch bald einen Mann finden und innerhalb der großen Familie ist es gut zu leben. Vorausgesetzt, jeder weiß, wo sein Platz ist. Ich verspreche, dass Hatice dich glücklich macht und Fatma nicht unzufrieden sein wird. Willkommen mein Sohn.“
Fassungslos schaute Hüseyin in die Runde. Fatma lächelte genauso freundlich wie Hatice.
Cuma hatte sich nicht geirrt. Er, Hüseyin, war der Dumme, es hätte ihm klar sein müssen: die Älteste zuerst. Was sollte er nun machen? Er fühlte sich wohl in dieser Familie, hatte einen guten Kontakt zu Cuma, Hatice war nicht übel und der letzte Blick zu Fatma machte ihm klar, dass sie bereit war, den Platz zu Gunsten der Schwester frei zu machen. Augen, Blicke gingen hin und her, schließlich trat Hüseyin zu Hatice und fragte nach ihrem Wunsch. Bevor sie antworten konnte, suchte sie die Blicke ihrer Schwester. „Unser Wunsch ist es, das zu tun, was unser Vater bestimmt. Er weiß, was das Beste ist für seine Kinder.“
Fatma saß wie gebannt, die Augen wurden dunkel, der Gesichtsausdruck herb. Als niemand sie wahrnahm, schlich sie fort aus der Runde. Hüseyin hatte von nun an nur noch Augen für Hatice, seine Lust war so groß und er war bereit zu allem, was Cuma gesagt hatte. Der Hochzeitstermin wurde für den nächsten Monat festgelegt.
Fatma wurde von der Mutter erwartet. In der Dunkelheit des Gartens nahm sie ihre Tochter in den Arm und erzählte ihr von dem hübschen jungen Mann, der während der letzten Zeit so häufig mit seinem Lastwagen vor dem Haus stehenblieb und Saatgut verkaufen wollte. Fatma nahm sich vor, ihn genauer zu betrachten.

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Penelopeia
Autorenanwärter
Registriert: Nov 2002

Werke: 153
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Liebe Monika,

ich wundere mich, dass noch keiner einen Kommentar zu dieser Geschichte schrieb. Sie ist flüssig erzählt und hat eine unerwartete Wendung. Natürlich erinnert das Verhalten des "Patriarchen" an das des biblischen Laban, der Jakob Lea, seine älteste Tochter, unterschob. Für mich stellt sich die Frage: Spielte das biblische Vorbild möglicherweise eine übermächtige Rolle beim Entwurf der Geschichte, oder anders herum: Kann diese Geschichte in der heutigen Türkei noch passieren? Wenn dem so wäre, hätte sich in ca. zweieinhalbtausend Jahren in der Türkei nicht viel verändert. Leichte Zweifel an der Realität der als aktuell dargestellten gesellschaftlichen Normen kommen mir auch, wenn ich die Reaktion des Brautwerbers sehe: er ist ja über die Maßen erstaunt, als ihm der Schwiegervater statt seiner geliebten Fatma die ihm unbekannte Hatice "anbietet". Wäre das "Verfahren" normal, dürfte er sich kaum wundern...

P.

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