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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Freiflug
Eingestellt am 03. 04. 2001 11:03


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Nyxon
Festzeitungsschreiber
Registriert: Mar 2001

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FREIFLUG

Die Sonne steht bereits sehr tief. Ihre Strahlen treffen auf die Wasseroberfl├Ąche und verwandeln die dreckige Elbe in ein kleines Meer voller Gold. Es strahlt eine angenehme W├Ąrme aus, die schon einige in ihren Bann gezogen hat. Sie kommen immer wieder, egal, wie das Wetter ist. Die Hoffnung, das kleine Meer voller Gold zu erblicken, ist jedesmal gr├Â├čer als die Angst vorm Regen.
Auch ich habe mich fr├╝her immer gefreut, wenn ich das goldene Meer erblickte. Nach der Schule ging ich fr├╝her jedesmal hier vorbei. ├ťber die Br├╝cke und stellte mich auf den h├Âchsten Punkt. Ich streckte meine Arme nach der untergehenden Sonne aus und tr├Ąumte von einer besseren Welt.
Vergessen waren die schrecklichen Bilder meiner Mutter, die mit blauem Auge auf dem Bett lag. Vergessen war die Wut gegen meinen betrunkenen Vater, der sie geschlagen und mi├čhandelt hatte. Wenn ich auf der Br├╝cke stand, gab es diese Welt nicht mehr. Nur ich z├Ąhlte in diesen Minuten. Es war wundersch├Ân.
Doch irgendwann waren die Drogen in mein Leben getreten und es begann sich in den synthetischen Aufputschmitteln aufzul├Âsen. Nichts hatte mehr eine Bedeutung f├╝r mich. Ich sa├č in einer Ecke und rauchte einen Joint oder ich schnupfte etwas von dem gestreckten Kokain, das mir ein Freund besorgte.
Ein Freund. Das war immer eine sch├Âne Vorstellung gewesen. Ich habe schon lange keine Freunde mehr. Vielleicht ÔÇô ja sogar sicher ÔÇô hatte ich nie welche. Ich hatte Kumpels, die sich mit mir zudr├Âhnten, aber keine Freunde.
Schon vor Jahren habe ich jegliche Zukunftsperspektiven verloren. Ich ging nach der Schule nicht mehr auf die Br├╝cke. Die Stra├če war mein Zuhause geworden, eine dreckige Ecke mein Bett, geklautes Essen meine Nahrung. Doch es war nie schlimm gewesen. Ich habe einen Ausgleich zum verkorksten Leben und meinen schrecklichen Eltern gefunden. Nun f├╝hre ich ein verkokstes Leben und ich bin zufrieden damit.
Die Drogen sind mein einziger Lichtblick und ohne sie zu leben, kann ich mir mittlerweile nicht mehr vorstellen. Bin ich s├╝chtig? Nat├╝rlich bin ich s├╝chtig nach meinen Drogen. Ich brauche sie dringend. Jeden Tag. Und es ist mir egal, was ich f├╝r sie tun mu├č. Wenn ich etwas brauche, beschaffe ich es mir. Kein Weg zu weit, keine Straftat zu schwer, kein Vorhaben zu risikoreich. Ich tue alles daf├╝r.
Und jetzt habe ich einen Mord begangen. Nicht nur, weil ich ihn hasse. Das tue ich, nat├╝rlich. Wer w├╝rde diesen fetten Alkoholiker nicht hassen? Ihn wird niemand vermissen. Die Tabletten in der Hausapotheke vielleicht. Wieso hat er mich auch dabei erwischt? Morphium. Ich habe es gebraucht und ich habe es mir besorgt. Und es ist mir egal, was passiert ist.
Aber jetzt will ich fliegen. Von der K├Âhlbrandbr├╝cke, die wegen Bauarbeiten f├╝r drei Tage gesperrt ist, und ├╝ber die Elbe. Fliegen will ich, solange das Hochgef├╝hl anh├Ąlt. Was danach kommt, interessiert nicht. Das Jetzt ist wichtig f├╝r mich. Und ich will fliegen. Jetzt und hier. Sonst nichts.
Wie tief bin ich gesunken? Nach der H├Âhe, kommt der Fall. Wie tief w├╝rde ich fallen? Gibt es f├╝r mich noch einen festen Boden, einen Halt, der mich stoppen w├╝rde? Ich wei├č es nicht.

Es erscheint mir wie eine Ewigkeit, bis mein K├Ârper das Gleichgewicht verliert.
Schwer f├Ąllt er ├╝ber den Rand hinaus. Meine F├╝├če behalten bis zum letzten Augenblick den Halt auf dem Gel├Ąndervorsprung. Mein K├Ârper f├Ąllt, doch meine Seele fliegt. Weit hinaus in die Abendsonne. Ich kann den Wind sp├╝ren, der durch meine Haare pfl├╝gt. Ich sehe das goldene Meer, die Sonne und den Himmel. Und ich f├╝hle mich sehr wohl. Da ist keine Angst vor der bevorstehenden Situation, nein, ich fiebere ihr sogar entgegen. Mein Magen hebt sich empor, wie bei einer irren Achterbahn-Fahrt, dessen Fall niemals zu enden scheint. Endlich! Ich habe mein Ziel erreicht. Endlich versp├╝re ich die Freiheit, nach der ich so lange gesucht habe. Nur ich und mein Flug. Sonst nichts. Keine Mutter mit blauem Auge, kein gewaltt├Ątiger Vater. Nur ich und meine neue Freiheit.
Doch sie h├Ąlt nur die f├╝nf Sekunden an, die mein Fall von der Br├╝cke ben├Âtigt.
Nach dem Fall kommt der Aufprall. Ein kurzes Stechen geht durch meinen Leib, als ich auf die Wasseroberfl├Ąche treffe, die sich in Beton zu verwandeln scheint. Das goldene Meer ist nun grau und ich bin wieder in meiner Welt. Ich bekomme nur noch dieses letztes Gef├╝hl mit, bevor mein Genick durch den Aufschlag bricht und ich in die dunklen Tiefen sinke. Ich sehe nicht das helle Licht, von dem jeder spricht, der eine Nah-Tod-Erfahrung erlebt haben will. Auch f├Ąhrt meine Seele nicht in den Himmel oder die H├Âlle. Sie fliegt nicht mehr. Ich fliege nicht mehr. Es ist anders, als ich es mir vorgestellt habe. Es ist so ÔÇô langweilig. Dieses kurze Stechen, dann nur Dunkelheit und danachÔÇŽ Ja, was kommt danach?
Nichts! Danach kommt ├╝berhaupt nichts mehr!

Ich glaube, ich bin tot.

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