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Freiheit Ware Bauchgefühl
Eingestellt am 04. 05. 2012 12:28


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Herbert Schmelz
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Oct 2009

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Freiheit Ware Bauchgefühl

Leibhaftige Leihmutter - Geschäftsmotiv amputierter Freiheit

Angesichts medizinischen Fortschritts ergeben sich im Wust unübersichtlicher Nachrichten bisweilen überraschende und spannende Stoffe. Anregende Stories könnten so wenigstens in literarischer Form die Verhältnisse zum Tanzen bringen, die so zähflüssig frustrierend jedem Veränderungswillen widerstehen. Ermunterung braucht‘s – und Einblicke.

Beispielsweise erinnern wir uns an die heißen Zeiten der Abtreibungsdiskussion, als es emanzipativ gestimmten Willigen um die Stärkung des Selbstbewusstseins ging. Sie betonten gegen die in ihren Augen anmaßende Gesellschaft: >Mein Bauch gehört mir<. Der >Bauch< ist inzwischen tief eingetaucht in die Fetischwelt der Waren. Frauen in vielen Ländern tragen für andere Frauen Kinder aus. Man nennt sie Leihmütter oder Ersatzmütter. Auch Frauen, deren Kinderwunsch ohne medizinische Behandlung unerfüllt bliebe, kann zur Schwangerschaft verholfen werden – oder >Leihmütter< springen ein.

Natürlich beeinflussen die Umstände individuelle Lebensplanungen, die inzwischen in höherem Maße als Menschenrecht anerkannt sind als noch vor wenigen Jahrzehnten. Gewiss spielt eine Rolle, wie das Verhältnis der >Leihmutter< zu ihren Mietern beschaffen ist. Denn unversehens können Mieter sich zu Vermietern mausern und die >Leihmutter< gewollt ungewollt als Nutzerin fremden Erbguts auf risikoreiche Reise, >Höllenfahrt< sich begeben.

Die medizinische Behandlung, die Frauen zu >Leimüttern< macht, wird weltweit unterschiedlich bewertet. Sie ist nicht verboten, gilt einfach als erlaubt, steht unter vollem Legalitätsschutz – oder der Handlungszusammenhang zwischen Mediziner und >Leihmutter< wird unter der Herrschaft des Strafgesetzes vollzogen. In Deutschland arbeiten die Gerichte, soweit bekannt, die Strafandrohung für den medizinischen Eingriff, der zur >Leihmutterschaft< führt, nachlässig ab. Abtreibungen werden sicher erforscht, aber kaum noch diskutiert.

Das ist typisch für die verunsicherte, schwankende Doppelmoral, die in den Gesetzen ihren adäquaten Ausdruck gefunden hat - im Embryonenschutzgesetz (1991) und im Adoptionsvermittlungsgesetz (seit 1951). Das werdende Leben soll grundsätzlich nicht verwechselt werden können mit dem äußeren Warenverkehr, der jedoch auch unter Bauch- und Kopfschmerzen in einer Art Stoffwechselprozess generiert wird. Die Ahnung von der Verwechselbarkeit beider Prozesse scheint begreiflich nicht aus der Luft gegriffen.

Der findige Korrespondent Bernhard Bartsch beleuchtet das Problem in einem seiner interessanten Berichte aus der Volksrepublik China.* Dort ist seit 2001 der Handel mit befruchteten Eiern der Frau verboten, weil der kommunistischen Partei die zersetzende Wirkung auf die propagierte Familienpolitik vor Augen steht. Es handelt sich beileibe nicht um einen unangemessenen Vergleich der politischen Systeme, wenn man sich vergegenwärtigt, dass im Verhältnis zur Wirklichkeit die offizielle Familienpolitik in China eine ähnliche Rolle spielt wie bei uns die >Sonntagsrede< oder die einvernehmliche Missachtung der Steuergesetze.

Eine bemerkenswerte Erregung muss die Öffentlichkeit durchweht haben, als in der südchinesischen Metropole Guangzhou eine wohlhabende Familie >innerhalb eines Monats acht Kinder bekommen hatte<. Acht Eier wurden im Krankenhaus befruchtet, drei davon der Frau selbst eingepflanzt, die anderen auf zwei >Leihmütter< verteilt. Während ziemlich unerwartet alle acht Embryonen zu gesunden Kindern heranwuchsen, wurde das glückliche Krankenhaus mit 100000 e gesponsert. Erst durch die eigenmächtige Werbekampagne eines Fotostudios kam die Sache ans Licht und unter heftigen Beschuss. Die vier Jungen und vier Mädchen werden >von acht Kindermädchen und drei Haushälterinnen betreut. Die monatlichen Kosten für Gehälter, Windeln und importiertes Milchpulver sollen rund 10000e betragen<.

Nur ein paar Kostproben aus der offenbar ziemlich aggressiv geführten Diskussion in der VR China: >Kinder zu bekommen, ist heute ein luxuriöses Hobby für Reiche<. >Damit wird die traditionelle Bedeutung von Elternschaft auf den Kopf gestellt<. >Es ist ungerecht, dass sich die Mehrheit der Menschen an die Familienpolitik halten muss, aber einige davon profitieren, dass man mit modernen Technologien Mehrlingsgeburten hervorrufen kann<. >Arme Frauen vermieten ihre Gebärmutter an die Reichen<. Wie es scheint, wird der Begriff der Ausbeutung nicht nur im Sinne moralischer Empörung verwendet.

Im Durchschnitt der gesellschaftlichen Verhältnisse und je nach Zahlungsfähigkeit können >Leihmütter<, die in der stressigen Welt der Warenproduktion und des Tauschs gleichberechtigt sein sollten, mit einer Schwangerschaft 12000 bis 40000 Euro erlösen. Der Anreiz des wachsenden Vermittlungsgeschäfts und der mit ihm wachsenden Betrügereien wird einsichtig, wirft man einen flüchtigen Blick auf die Einkommensverhältnisse.

Die große Mehrheit der Chinesen gehört mit 50 bis 100 e pro Monat zu den Geringverdienern. In Industrie und Dienstleistung bewegen sich die monatlichen Gehälter zwischen 300 und 500 e. Dagegen die nach oben offenen und weit gespreizten Einkommen der führenden Verwaltungs- und Staatsfunktionäre und ihr unternehmerisches Pendant verfügen über Geld, fremdes Eigentum, fremde Arbeitsfähigkeit in Größenordnungen, die sie leicht in die Lage versetzen, beträchtliche Vermögen zu bilden. Die Freiheit in der VR China kann so innerhalb der herrschenden Verhältnisse, vor allem ihrer Handlungszwänge, real einen Zugewinn für die privilegiert gestellten Kaderfamilien verzeichnen.

Bartsch meint, dass im Westen das soziale Gefälle als Antrieb kinderloser Paare, sich über die >Leihmutter< Kinder zu besorgen, im Vergleich zu den >Bequemlichkeitserwägungen< in China nicht die große Rolle spielt. Bei uns ziele der Kinderwunsch gewissermaßen auf die vernünftige Lösung eines natürlichen Mangels. In der VR China sehe die Sache anders aus.

Als Beispiel führt er die 37-jährige Finanzmanagerin Zheng in Peking an. Mit ihrem Mann hat sie lange diskutiert. Sie möchte gern Mutter werden, glaubt aber, eine Schwangerschaft sich >einfach nicht leisten< zu können. Sie begründet das so: >Der Wettbewerb in unserer Branche ist sehr hart, und wenn ich mehrere Monate aussetze, übernimmt jemand anderer meinen Job<. So erscheint logisch, wenn in der Sprache des weltweit operierenden Finanzmanagements >Schwangerschaft outsourcen< angesagt ist.

Aber auf Details ist zu achten. Die Chinesin Zheng verdeutlicht ihre Sicht des Problems: >Ich möchte jemanden, dem ich absolut vertrauen kann. Ich muss sicher sein, dass die Leihmutter während der Schwangerschaft tut, was ich von ihr verlange<. Bartsch wechselt an dieser Stelle ganz richtig seine Ausdrucksweise. Er spricht von der >Mietmutter<, die während der neun monatigen Schwangerschaft in eine kleine Wohnung in der Nähe des Ehepaars ziehen soll, um sie besser zu kontrollieren.

Vor allem soll sie sich gut ernähren, nicht überanstrengen und klassische Musik hören. Sie mietet schließlich Erbgut eines fremden Paares, das ihr nicht gehört. Das fremde Paar erwartet zurecht, dass seine wertvollen Erbanlagen strikt nach seinen Vorschriften zu behandeln sind. Und endlich muss die Angelegenheit, laut Auskunft unseres China-Korrespondenten, noch auf den Punkt gebracht werden: >Nach der Geburt soll sie ein Honorar bekommen, das mehreren chinesischen Durchschnittsgehältern entspricht, und dann für immer aus Zhengs Leben verschwinden<. Heute hören wir, dass der Fall des Anwalts Chen Guangcheng, seit vielen Jahren um Frauenrechte bemüht, die beiden Großmächte China und USA an den >Pranger< bzw. zu erheblichen diplomatischen Verwicklungen auf höchster Ebene geführt hat.

*Dein Bauch gehört mir In China floriert das Geschäft mit Leihmüttern. Wer viel Geld hat, umgeht so die Ein-Kind-Politik und die Mühen der Schwangerschaft Von Bernhard Bartsch Frankfurter Rundschau 18.04.2012

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Ernst H.Stiebeling,EHS

Version vom 04. 05. 2012 12:28

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