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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Freitag
Eingestellt am 29. 08. 2000 17:39


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Ursula
Guest
Registriert: Not Yet

Freitag ist alles anders. Auch f├╝r Peter. Nein, bei ihm herrscht keine Vorfreude aufs Wochenende, auf die beginnende freie Zeit. Er kennt ihn nicht, diesen legend├Ąren Sprung in die verschiedensten Vergn├╝gungen, und die pl├Âtzlich auflodernde Regsamkeit, die er bei seinen Mitarbeitern allw├Âchentlich beobachten kann, ist ihm fremd.
Ganz im Gegenteil, Freitag bedeutet f├╝r ihn Angst. Angst, zu Hause die eigene Nutzlosigkeit zu f├╝hlen, Angst vor seiner freudlosen Passivit├Ąt gegen├╝ber allen M├Âglichkeiten, diese unausf├╝llbare Freizeit interessanter zu gestalten und Angst, die Leere in den eigenen vier W├Ąnden zu sp├╝ren. Angst auch davor, sich gerade mit diesen ├ängsten auseinandersetzen zu m├╝ssen, nicht vor ihnen fliehen zu k├Ânnen und Angst vor der daraus resultierenden Ohnmacht, gegen die er noch immer kein wirksames Mittel gefunden hat.

Das war nat├╝rlich nicht immer so. Fr├╝her, da hat auch Peter jeden Freitag die Freude auf das sich ank├╝ndigende Wochenende als angenehmes Kribbeln im ganzen K├Ârper versp├╝rt. Ja, da hat er sich auf seine freie Zeit freuen k├Ânnen, das Wort passiv hat er nur vom W├Ârterbuch her gekannt. Aber fr├╝her war Alice noch da. Da wusste er, dass sie ihn zu Hause erwarten w├╝rde, oder dass sie vielleicht sogar versuchen w├╝rde, ihn im B├╝ro abzuholen. In diesen Augenblicken hat auch er den Freitag gepriesen, da h├Ątte auch er am liebsten die Zeit f├╝r immer stillstehen lassen.

Heute ist ein Freitag f├╝r ihn ein v├Âllig normaler Arbeitstag. Er merkt lediglich am leicht ver├Ąnderten Verhalten seiner Mitarbeiter, dass der Freitag auch heute noch das Wochenende und in den meisten F├Ąllen somit die Freizeit einleitet. Eines dieser Zeichen sieht Peter im Unterschied zwischen den Sitzungen am Freitagmorgen und jenen, die freitags am Nachmittag abgehalten werden. Am Nachmittag sind die Sitzungsmitglieder eindeutig wesentlich zappeliger als am Morgen. Sie machen keinen Hehl daraus, dass sie das Treffen so rasch als m├Âglich beenden wollen.
Ein weiteres Zeichen ist Frau Kempf im Empfang: Sie streicht sich die Lippen noch ├Âfters nach als dies normalerweise sowieso schon der Fall ist. Peter weiss, dass ihm das nicht nur so vorkommt, weil er Frau Kempf nicht sonderlich mag. Ausserdem reinigt sie freitags die Kaffeemaschine. So ist dann der leidige Montagmorgen f├╝r sie etwas weniger hart.

Wie oft hat er versucht, gegen seine negativen Gef├╝hle anzuk├Ąmpfen, die ihn heute jeden Freitag ├╝berkommen! Vor allem anfangs k├Ąmpfte er dagegen an, kurz nachdem Alice ihn verlassen hat. Ja, da hat er versucht, in dieser ├änderung das Positive zu suchen, die Rosinen f├╝r sich daraus herauszupicken. Leider blieb es oft bei diesem Versuch und meistens misslang ihm dieser sowieso kl├Ąglich. Wie dem auch sei, auch heute versucht er ab und zu, sich Mut zuzusprechen. Dann nimmt er sich am Freitagmorgen fest vor, nach Feierabend in der nahegelegenen Bar ein Bierchen zu trinken. Er spielt die Rollen manchmal sogar mit eindr├╝cklicher Gestik vor seinem Rasierspiegel durch. Dann holt er tief Atem und versucht, stark und selbstbewusst auszusehen oder seinem Spiegelbild gar mit einem Auge zuzuzwinkern. Das geht so lange, bis ihm die L├Ącherlichkeit der Situation bewusst wird. Manchmal schafft er es jedoch, sich den ganzen Tag so aufzumuntern, dass er seine Schritte nach Feierabend tats├Ąchlich in Richtung dieser Bar lenkt, doch dann sieht er pl├Âtzlich vor seinem inneren Auge, wie sich sein Barbesuch ablaufen w├╝rde. Seine F├╝sse tragen ihn dann wie von selbst nach Hause, wo er sich f├╝r ein weiteres Wochenende verschanzt.

In diesen Augenblicken f├╝hlt Peter eine riesige Wut in sich. Er weiss ja selbst, wie absurd sein Verhalten ist. Seine Wut richtet sich in diesen Momenten gegen sich selbst, aber auch gegen Alice. Er hat bemerkt, dass es ihn befreit, wenn er auf sie w├╝tend sein kann. Dann hat er das Gef├╝hl, froh sein zu d├╝rfen, dass sie nicht mehr da ist, obwohl er seine Wut ja gerade aus diesem Grund empfindet.

Zwar w├╝rde Peter dies niemandem gegen├╝ber zugeben, aber auch im Alkohol hat er Trost durch Vergessen gesucht. Er hat dann mehr oder weniger gl├╝cklich festgestellt, dass es wahrhaftig noch andere Dinge gibt im Leben, als zu Hause zu sitzen und Tr├╝bsal zu blasen, wie es so sch├Ân heisst. Nach einem ebenfalls mehr oder weniger gut ausgeschlafenen Kater hat er sich in diesen F├Ąllen eingestehen m├╝ssen, dass die Alkoholl├Âsung f├╝r ihn auf die Dauer nicht in Frage kommt.

Peter verzichtet nun schon seit mehreren Monaten auf diese Scheinl├Âsungen, die ihm zur Verf├╝gung stehen, um seinen freit├Ąglichen Jammer zu ├╝berstehen. Mittlerweile hat er akzpetiert, dass f├╝r ihn am Freitag die Zeit nun tats├Ąchlich stillsteht, so wie er sich's zu Alices Zeiten immer gew├╝nscht hat, und dass sie sich erst am Montag wieder zu regen beginnt.

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Eddie
Guest
Registriert: Not Yet

du schreibst ueber ein mir sehr gut bekanntes
thema:
der protagonist versteckte sich hinter Alice,
und jetzt versteckt er sich in seinem Haus, weil
es der einzige sichere ort gegen hass ist.
weil er sich f├╝rchtet, hasst er Alice daf├╝r,
dass sie ihn alleingelassen hat, er findet das
unfair und er f├╝hlt sich ungerecht behandelt.
deswegen hat er auch guten grund zu hause zu
bleiben und traurig zu sein, nach dem motto:
oh bemitleidet mich doch, wie schlecht┬┤s mir geht,
bewundert mich, dass ich das durchhalte.
er beruhight damit also dann sein gewissen und
hat einen scheingrund zu hause zu bleiben und
vor sich hinzuvegetieren.

[9/10]

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Ursula
Guest
Registriert: Not Yet

Selbstmitleid?

Ich denke eher, dass mein Protagonist sich im Moment erst einmal den Schmerz von der Seele schreit. Das allein tut schon unheimlich gut, denn es ist der erste Schritt zur Besserung. Wenn das einmal geschafft ist, ist man offener f├╝r L├Âsungen.

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David Siegers
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Aug 2000

Werke: 9
Kommentare: 4
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Ein zentraler Begriff deiner Kurzgeschichte ist das
Wort "passiv". Die Unf├Ąhigkeit am Wochenende zu
leben empfindet der Protagonist in deiner
Schilderung als "absurd". Widerspricht es denn wirklich
dem gesunden Menschenverstand unt├Ątig zu sein und
den m├Âglichen Erlebnissen nachzutrauern ?
Bedenken wir zun├Ąchst die Alternative:
Man k├Ânnte den Kontakt zu anderen Menschen suchen.
Nur wo ? Beispielsweise an der Arbeitsstelle.
Die Schwierigkeit besteht allerdings darin,
sich von dem Verhalten zu l├Âsen, von dem man glaubt, da├č
es von einem erwartet wird. Es ist wichtig, das
Geschehene zu ignorieren. Man ist keineswegs verpflichtet
seinem bisherigen Wesen auch nur im Geringsten zu
entsprechen. In jedem Augenblick darf man neue
Seiten der eigenen Pers├Ânlichkeit entdecken und
ausleben. Es mag sein, das die Kollegen nach 20 Jahren
Zur├╝ckhaltung, die Initiative des Protagonisten
als Unglaubw├╝rdig empfinden, weil sie dessen Ver├Ąnderung
nicht verstehen und doch m├╝ssen sie sich damit
abfinden, das der Protagonist pl├Âtzlich mehr als
"Guten Tag" sagt.
Die Passivit├Ąt der Hauptfigur ist nicht absurd,
sie ist vielmehr die Konsqeunz eines fatalen Aberglaubens:
"Ich will die anderen Menschen nicht entt├Ąuschen, deshalb
bin ich das von dem ich glaube, da├č sie es in mir sehen
(im Fall des Protagonisten: passiv)".
Wir d├╝rfen kein Bild von uns selbest vor Augen haben,
denn dann sind wir gefangen. Selbstkritik mu├č allein
aus der Reflektion unserer Taten entstehen nicht aber aus
der Analyse eines statischen Bildes. Ich mu├č mich nicht
├Ąndern, weil ich ein schlechter Mensch bin, sondern, weil
ich einen anderen grundlos verletzt habe, was meiner
├ťberzeugung widerspricht. Es ist also durchaus m├Âglich
das Gef├Ąngnis "Selbstbildnis" zu verlassen und dennoch
selbstkritisch zu bleiben.




__________________
David Siegers

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Ursula
Guest
Registriert: Not Yet

Das sieht recht einfach aus, von aussen gesehen. Auch scheint es mir etwas schwierig, das Geschehene zu ignorieren, denn es geh├Ârt nun einmal zu uns. Das bedeutet nat├╝rlich nicht, wie Du richtigerweise sagst, dass immer alles gleich weitergehen soll. Wir alle brauchen Ver├Ąnderungen, damit wir uns entwickeln k├Ânnen. Nur denke ich, dass der Zeitpunkt der Ver├Ąnderung in diesem Bereich f├╝r meinen Protagonisten noch etwas verfr├╝ht ist. Kann aber durchaus sein, dass ich ihn untersch├Ątze.

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