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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Freitag, der 13.
Eingestellt am 06. 06. 2002 10:49


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Rakun
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Freitag der 13.

Magisch f├╝hlte sie sich wieder von ihm angezogen. An diesem Morgen war der Drang besonders stark. Ohne an all ihre Ver-pflichtungen und Termine zu denken, holte sie ihre Badesachen aus dem begehbaren Schrank. Das hatte sie als erstes fasziniert in diesem Land. Ein Ankleidezimmer, ein separater Raum ohne Fenster, daf├╝r aber mit teuren Tageslichtleuchten ausgestattet. Vorgegaukelte Nat├╝rlich-keit, ansonsten hie├č es: Natur bleib drau├čen! Die Decke als imagin├Ąrer Himmel, hellblau get├╝ncht. Die Lampen waren so platziert, dass es aussah, als ob die Sonne durch die gekonnt getupften Wolken schien. Der Teppich glich einem frisch gepfl├╝gten St├╝ck Strand. Ein Spiegel in Menschenumri├čform bedeckte die H├Ąlfte einer Wand, verlieh dem kleinen Raum eine Art Unendlichkeit. F├╝hlte sie sich mal wieder einsam, klappte sie einfach die beiden Seitenteile des Spiegels auf. Zwei Handgriffe waren nur n├Âtig und die scheinbare Dreidimensionalit├Ąt war ├╝ber kleine fast unsichtbare Scharniere geschaffen.

"Seelentryptichon, zeig mir meine gute Seite!", befahl sie jedesmal, wenn sie diese ausget├╝ftelte Konstruktion aufs neue bestaunte. Je nach Stimmung belegte sie ein Spiegel-drittel mit dem jeweiligen Ichgef├╝hl und sorgte so f├╝r gen├╝gend Gespr├Ąchsstoff in ihrer Muttersprache. Ihre Ichformationen waren so unterschiedlich und zahlreich wie all ihre Kleidungsst├╝cke. Nur nicht so akkurat und ├╝bersichtlich geordnet. Ihre Klamotten, viel farbintensiver, fern ab der Heimat; unter subtropischer Sonne mussten die Farben einfach leuchtender, knalliger sein!

Zielsicher griff sie jetzt nach dem ordentlich aufgeh├Ąngten Bikini. In grellgelb, aufdringlich pink und schreiend blau hatte sie ihn gekauft. Nicht, dass sie sich nicht h├Ątte entscheiden k├Ânnen, nein sie hatte die Spielregeln schnell verstanden: "Wenn ihr es so haben wollt, na bitte!" Um jeden Preis auffallen entsprach absolut nicht ihrer Natur, allein mit ihrer Herkunft brachte sie schon ausreichend Andersartigkeit mit. Sie f├╝gte sich diesem Spiel, gepaart mit selbstverst├Ąndlicher Leichtigkeit, dass nie unangenehmer Beigeschmack entstand.

Wonach war ihr heute zumute? 'Oben' entschied sie sich f├╝r gelb und 'unten' w├Ąhlte sie blau. "Heute gibt es zwei Farben," sagte sie mit bei├čendem Spott. Schnell noch den Klappstuhl unter den Arm geklemmt. Nur Touristen legten sich auf ausgebreitete Handt├╝cher direkt auf den Sand. Das war f├╝r Einheimische undenkbar, ├Ąu├čerst unhygienisch. Kleine bei├čw├╝tige Tierchen k├Ânnten sich ja mit h├Ą├člichen roten Flecken an den sonnenhungrigen K├Ârpern r├Ąchen. Die erstrebte Makellosigkeit w├Ąre dadurch punktuell bedroht.
"Ich geh an den Strand", rief sie bevor sie den Drehknopf der T├╝r in die Hand nahm.
"Willst du etwa schwimmen?! Es ist November! Warum gehst du nicht in den geheizten Pool? Wie alle anderen auch!" schulmeisterlich polterte seine Stimme aus dem Wohnzimmer, sein unterschwelliger Befehlston war nicht zu ├╝berh├Âren.
"Du triffst wohl wieder deinen beach lover, was?", h├Ârte sie noch, als sie die T├╝r w├╝tend zuschlug. Seine Eifersucht verfolgte sie bis zum Fahrstuhl. Nein, sie wollte nicht schon wieder in eine fensterlose Kiste! Sie ha├čte eingesperrt zu sein. Als einzige in dem 160 Appartments Wohnungskasten
benutzte sie die Fluchttreppe, im sechsten Stockwerk wohnte sie. Mit jeder Stufe kam sie ihrem Ziel n├Ąher.

Um diese Jahreszeit war sie meist ganz allein am Strand mit ihrem Geliebten. Ihre Uhr lag in der Wohnung, absichtlich. Zeitlos sein, nannte sie es. Frei sein in den Minuten, mit den Stunden, die sie sich in unregelm├Ą├čigen Abst├Ąnden heimlich stahl. Ungeduldig erwartete er sie, seine eigenwillige 'Zeitdiebin'.
Sie streckte die Nase hoch in die Luft, der Wind kam aus Nordwest. Vorsichtig lie├č sie ihre Zungenspitze ├╝ber die Lippen gleiten. Seine unsichtbaren Arme legten sich liebevoll um sie, sie schlo├č die Augen. Sie liebte diesen salzigen Geschmack, sie mochte den Wind, sie brauchte diesen Geruch.
„Ich bin wieder hier,“ rief sie. Ihre Stimme bebte leicht, „Endlich!“ Poseidon trug sie behutsam mit den ersten Wogen vom Ufer weg. Endlich f├╝hlte sie wieder Leben in sich. Sie war mit dem Ozean unzertrennlich verbunden. Poseidon nannte sie ihn z├Ąrtlich, ihren wilden w├Ąssrigen Geliebten.
Er verstand ihre Sprache, ihre Gesten, bei ihm mu├čte sie sich nicht verstellen. Mit ihm konnte sie einfach s e i n.
Jedesmal brachte er ihr Geschenke aus der Heimat, weitgerei-ste kleine Muscheln, die Nordseetropfen zwischen ihren fest verschlossenen Schalen f├╝r sie trugen. Sehns├╝chtig schaute sie zum Horizont, pl├Âtzlich wurde ihr wieder bewu├čt, wieviele tausend Kilometer zwischen hier und dort lagen, eine un├╝berwindbare Entfernung.

Eine heftige Welle dr├Ąngte ihre Tr├Ąnen zur├╝ck, der Atlantik r├╝ttelte sie erbarmungslos aus ihrem Selbstmitleid. K├Ąmpfen mu├čte sie, um ihre Lieblingsstrecke nach Norden zu schwimmen. Poseidon war heute widerspenstig und auf eine Art kampfbereit, die sie verunsicherte. Sie sp├╝rte etwas Bedrohliches, konnte es aber nicht genau orten. Ihre Blicke tasteten den Himmel ab, keinerlei Anzeichen f├╝r ein Gewitter oder einen aufkommenden Sturm. Das konnte sich hier schnell ├Ąndern.

Der Horizont, der f├╝r sie die Welten teilte, lag ruhig und teilnahmslos schnurgerade wie eine mit dem Lineal exakt gezeichnete Linie. Im Westen war auch nichts zu erkennen, alles sah ruhig aus, nur die unz├Ąhligen Fenster der H├Ąuser-bl├Âcke, nahe am Strand erbaut, schauten neugierig auf sie herab. Leblose, eckige, dunkelverglaste Voyeure, die sie andauernd beobachteten. Sie, die so anders war in allem, sogar in ihrer unbek├╝mmerten Offenheit, sich zu ihrem Heimweh zu bekennen, das manchmal so brennend hei├č in ihr gl├╝hte, dass kein Atlantikwasser es h├Ątte l├Âschen k├Ânnen. Ihr wurde mulmig zumute, sie sp├╝rte die starke Unter-str├Âmung und wollte beinahe aufgeben, doch ihr Geliebter lie├č sie nicht los. Sie schwamm mutterseelenallein im Ozean, kein Lebewesen weit und breit, nicht einmal ein einziger Vergn├╝gungsdampfer war heute unterwegs. Ihre Arme wurden schwer wie Blei, unaufh├Ârlich peitschten Wellen ins Gesicht. Immer wieder sch├╝ttelte sie den Kopf, tauchte auf aus dem aufge-brachten Meerwasser, das mit ihr spielte wie mit einem St├╝ck Muschelschale. Sie spuckte wie eine Ertrinkende.

Pl├Âtzlich fand sie sich in ihrem Traum wieder, der sich immer unaufgefordert wiederholte, ├╝ber Wochen. Aus dem sie schwei├čgebadet aufwachte, mitten in der Nacht. Allein, umge-ben von undurchdringlicher Dunkelheit, nur die Leuchtziffern auf ihrem Wecker waren die einzige Lichtquelle. Wachsame Augen, die sie andauernd fixierten. Tags├╝ber verfolgte sie ihr Traum, doch bei glei├čendem Sonnenlicht fiel es ihr leicht, dieses Gespenst zu definieren. Als Restangst vor dem letzten Hurricane. Aus Besorgnis vor der Gefahr, so nahe am Strand k├Ânnte ihr im Haus doch etwas zusto├čen.
Automatisch, wie ferngesteuert schwamm sie weiter in n├Ârdlicher Richtung.
Die Erinnerung an ihren Baumtraum, Traumbaum war so naturgetreu, dass sie jedesmal ein wenig erschrak. Selbst f├╝r diesen Aufdringling erfand sie einen passenden Namen.
Im Schlaf versp├╝rte sie echte Ber├╝hrung mit etwas kaltem Unbekannten. „Ein Baumstamm.“ beruhigte sie sich, doch zwei Punkte in diesem dunkelbraunen Etwas schienen sie unent-wegt anzustarren. Der Gedanke daran lie├č sie nicht los. An einem Morgen nach erneuter Begegnung mit ‚ihm‘, dem Nacht-verfolger, war sie umgeben von erbarmungsloser Helligkeit der Tropen, tat diese beiden auf├Ąlligen Punkte einfach als Muschelst├╝cke oder kleine Steinchen ab, die auf der dunkelh├Ąutigen Oberfl├Ąche Halt gesucht hatten.
Frei vom Arbeitsdruck des Tages schlichen sich diese zwei kleinen Kreise immer wieder in ihr Ged├Ąchtnis. Ich treibe da selbst im weiten Meer. Ich betrachte mich aus diesen ‚Augen‘. Meine Haut ist sonnengebr├Ąunt. Verscheuchen mu├čte sie nur dieses Unbehagen, das sich nicht absch├╝tteln lie├č.

Sie brauchte eine eindeutige Erkl├Ąrung! Eine Antwort mit dem unumst├Â├člichen Ergebnis, dass es einfach l├Ącherlich ist, Angst vor sich selbst zu haben, also, ergo, fazit: Ich bin’s!
Ich hab doch keine Angst vor mir! Alles Quatsch, Angst ist vollkommen unbegr├╝ndet!
Wie weit war sie geschwommen? Wo war sie? Auf einmal eine menschliche Stimme:
„Kommen sie sofort aus dem Wasser, kommen sie sofort aus dem Wasser!“
Die Stimme kam aus einem Megaphon. Sie er- kannte einen Polizisten, wild fuchtelnd rief er immer wieder den selben Satz in die Fl├╝stert├╝te.
Auf einmal sp├╝rte sie Blicke. Sie konnte nichts erkennen, die Augen brannten vom Meerwasser. Sie war sich sicher, dass sie jemand anstarrte. Immer wieder drehte sie den Kopf in alle Richtungen. Da war es wieder dieses unruhige, un- sichere Gef├╝hl. Ich mu├č zur├╝ck! Ihre Schwimmbewegungen wurden schneller, da sah sie pl├Âtzlich rechts an ihrer Seite einen Baumstamm. Ganz ruhig lie├č er sich treiben, direkt auf sie zu. Dieses dunkle, lange Ding kam immer n├Ąher, obwohl sie sich bem├╝hte, so schnell wie m├Âglich an den Strand zu kommen. Die Rufe des Polizisten wurden immer lauter. Der Wind trug die Angst des Mannes dicht zu ihr.

Pl├Âtzlich konnte sie nicht anders, sie mu├čte nach rechts sehen, dieses Blickgef├╝hl hatte jetzt den H├Âhepunkt erreicht. Die Augen, das sind die Augen! Etwa einen Meter von ihr entfernt blickte sie in ein Augenpaar, seltsam starr und sehr traurig, wie in ihrem Traum.
Du bist ja verr├╝ckt, dachte sie. „Ein Krokodil?“ Sie schnappte nach Luft. Ein Schwall Wasser f├╝llte ihren Mund, drohte sich bis in ihre Lungen vorzuk├Ąmpfen. F├╝r einen Moment ging sie v├Âllig unter. Sie zwang sich die Augen offen zu halten, sie wollte es nicht wahrhaben. Halb leblos paddelten vier Beine an diesem Etwas. Sie nahm alle Kraft zusammen, um wieder an die Wasseroberfl├Ąche zu gelangen.
„Ich schaffe es!“, schrie sie so laut sie konnte in ihrer Muttersprache und zwang sich auf kr├Ąftige, gleichm├Ą├čige Schwimmz├╝ge zu konzentrieren.

Zwei M├Ąnner vom S├╝├čwasserkomitee zogen das schwere, wehrlose Tier an Land. Machtlos mu├č es gegen die starke Str├Âmung gek├Ąmpft haben, dachte sie und empfand tiefes Mitleid. Das Salzwasser hatte seine Augen verletzt, Krokodilaugen haben keine Schutzlid, Meerwasser wirkt ├Ątzend auf das zarte Sehorgan. Orientierungslos war es durch die Naturgewalt durch ein ‚inlet‘ in den offenen Ozean hinausgetrieben.
Es mu├čte sich einfach dem Schicksal ergeben, sich treiben
lassen und auf ein Wunder warten, auf Rettung durch einen Menschen.
Sie stand da, regungslos. Die aufgeregten Stimmen h├Ârte sie pl├Âtzlich nicht mehr, sah die flink hantierenden H├Ąnde der Retter nicht mehr, f├╝hlte sich nur eins mit dem Tier.
In Gedanken gab sie ihm den Namen Krok, sprach zu ihm,
„Du schaffst es, ich will, dass du es schaffst!“, und sie w├╝nschte, dass es am Leben blieb.
In atemberaubender Geschwindigkeit band man das Tod bringende Maul mit einem dicken Seil.
„Sie d├╝rfen ihm nicht weh tun!“, rief sie mehrmals so laut sie konnte. Artig trat sie ein paar Schritte zur├╝ck, wie ihr der police officer in der dunkelbraunen Uniform befohlen hatte. Seine Aufforderung erlaubte keinen Widerspruch, nur absoluten sofortigen Gehorsam.

Da lag ihr Dauertraum, genau wie sie ihn gesehen hatte, nur war er viel gr├Â├čer und trotz seiner Verletztheit strahlte er unb├Ąndige Kraft aus. Solange hatte sie nach seiner Be- deutung gesucht. Blind wand er sich im Sand, wollte sich aus dem Seil herausdrehen, jegliche Hilfe verweigern.
„Wehr dich doch nicht!“, tonlos bewegte sie die Lippen.
„Du bist in Sicherheit! Jetzt beginnt ein neues Leben f├╝r dich!“
Pl├Âtzlich war alles vorbei. Niemand au├čer ihr war mehr am Strand.
Wieder nahm sie ihre Fluchttreppe, diesmal ganz nach oben bis auf die Aussichtsplattform im 13. Stock. Das wird hoch genug sein. Vom 6. Stockwerk an schrieb sie Buchstaben an die wei├čgr├Ąuliche Flurwand, parallel zur Fluchtlinie der Treppen:
„Mein ist das Hirn!“, sagt der Gedanke. Passiert schnell die Schranke, zahlt keinen Zoll.

__________________
JO

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flammarion
Foren-Redakteur
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Registriert: Jan 2001

Werke: 278
Kommentare: 8208
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hallo,

ich finde diese geschichte sehr beeindruckend. mir fehlen die worte. ganz lieb gr├╝├čt
__________________
Old Icke

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