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Leselupe.de > Humor und Satire
Freizeitpark wider Willen
Eingestellt am 01. 02. 2012 17:08


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Kristallika
Hobbydichter
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Freizeitpark wider Willen

Kennen Sie diese Dinge, die man seinen Kindern im FrĂŒhjahr verspricht, in der Hoffnung, dass sie sie bis zum Herbst wieder vergessen haben?
„Na klar, wir fahren dieses Jahr in den Freizeitpark, aber in der nĂ€chsten Zeit hat Papa so viele Termine.“ – „Ein Schlagzeug? Soso. Ich denk drĂŒber nach.“ – „Ja, ich finde Hunde auch nett, vielleicht nach den Schulferien, mal sehen.“
Tja, also unsere Kinder haben so ein „FrĂŒhjahrsversprechen“ noch nie vergessen und da wir ansonsten unsere GlaubwĂŒrdigkeit zu verlieren drohten, hielten wir in der Regel wenigstens das Versprechen, das sich am Leichtesten einlösen ließ. Dieses Jahr war das eindeutig der Freizeitpark und so kommt es, dass ich heute schon um 6:00 Uhr in der FrĂŒhe aufstehe und alle Vorbereitungen treffe.
Eigentlich habe ich gar keine Lust. Ich mag Freizeitparks nicht besonders. Den ganzen Tag bei dichtem GedrĂ€nge in der Warteschlange stehen, um dann 1 Minute und 20 Sekunden Achterbahn zu fahren. Noch dazu jetzt im Oktober, bei der KĂ€lte. Aber gut - jetzt gibt es kein zurĂŒck mehr. Immer noch besser als der Hund oder das Schlagzeug
 und schließlich will man den Kindern doch auch eine Freude machen.
Lustlos packe ich ein paar Kleinigkeiten in eine TĂŒte: Kekse, TrinkpĂ€ckchen, 500g Marzipanpralinen und Knoppers.
„Sollen wir nicht noch Regenjacken einstecken?“ meint mein Mann noch nachdenklich, aber ich winke ab.
„Ach was, draußen scheint die Sonne. Glaubst du ich hab Lust, die Jacken den ganzen Tag mitzuschleppen? Wir nehmen nur die TĂŒte hier mit. Die haben die Kids sowieso innerhalb einer Stunde leer gefuttert, und dann brauchen wir gar nichts mehr tragen. Und dass mir ja keiner auf die Idee kommt, dort Pommes oder Pizza haben zu wollen, das ist alles viel zu teuer da.“

PĂŒnktlich fĂŒnf Minuten vor der offiziellen Öffnungszeit um 9:00 Uhr kommen wir am Park an und werden sofort von einem freundlichen, indisch aussehenden, ParkplatzwĂ€rter mit blaugelber Sicherheitsweste auf einen nahegelegenen Parkplatz gelotst. Ich habe immer noch keine rechte Lust auf Freizeitpark und quĂ€le mich mĂŒde aus dem Wagen. Lustlos sehe ich mich um und entdecke zwischen einigen entfernten Baumwipfeln den Looping der „Silver-City-Bahn“. Als auch noch ein Hauch von Popkornaroma an mir vorĂŒberzieht, steigt mein Gute-Laune-Pegel sofort um 2 Punkte nach oben. Schnell noch die 120,- Euro Eintritt bezahlt - immer noch billiger als Hund oder Schlagzeug
 - und dann rein ins FreizeitvergnĂŒgen. Zuerst, da sind wir uns einig, wollen wir natĂŒrlich auf den turbokrassen Weltraumshuttlesimulator: Andromeda! Der hat uns im vergangenen Jahr am Besten gefallen.
Ich spĂŒre, wie sich eine gewisse freudige Erregung in mir breit macht; vielleicht war es ja doch keine so schlechte Idee hierher zu fahren. Hurtig gehe ich allen voran und gebe die Richtung vor. Da vorne ist es schon: Das „Andromeda Space Center“! Ich laufe vor, in der Hoffnung dass wir heute vielleicht die allerersten sind die mitfahren, schließlich hat der Park gerade erst aufgemacht. Ja, tatsĂ€chlich, es hat sich noch nicht mal eine Schlange gebildet. Drei Schritte weiter erkenne ich auch warum.
„Erster Flug erst um 9:30 Uhr“ liest mein Mann das Schild an der verschlossenen Eingangspforte. Noch eine halbe Stunde.
„Ok, dann lasst uns keine Zeit verschwenden. Der Park macht um 18:00 Uhr zu, dass heißt wir haben jetzt noch 9 Stunden Zeit, um ĂŒberall drauf zu gehen. Wenn „Andromeda“ noch zu hat, gehen wir eben zuerst zur „Silver-City-Achterbahn“. Los geht’s!“
Ich verfalle in einen leichten Trab, um keine Zeit zu verschwenden und stĂŒrme in Richtung Silver-City. Hinter mir höre ich meine Familie schnaufen. Ja, endlich macht sich mein jahrelanges, konsequentes Aldi-Survival-Training bezahlt. Heute wĂŒrde ich keine Zeit mit den Wegen zwischen den Attraktionen verschwenden! Auf dem Weg zur Silver-Citybahn mĂŒssen wir an einer Nachbildung vom Eiffelturm vorbei. Hier tummeln sich bereits einige als Comicfiguren verkleidete Parkmitarbeiter in unförmigen PlĂŒschkostĂŒmen und ich mache vorsichtshalber einen großen Bogen. Wir durchqueren den mexikanischen Parkbereich, wobei uns quĂ€kende, mexikanische TrompetenklĂ€nge zu noch grĂ¶ĂŸerer Eile antreiben.
Nach einem kleinen Umweg, durch das Chinaviertel, und einem kurzen Zwischenstopp in den sanitÀren Anlagen, erreichen wir endlich den Eingang der Silver-Citybahn und ich bleibe wie angewurzelt stehen.
„Erste Fahrt um 9:30 Uhr“ lese ich voller Empörung. Jetzt sind wir schon seit 12 Minuten hier, und noch nicht ein einziges mal Achterbahn gefahren!
„Vielleicht hat ja das „Creepy Castle“ schon auf“, schlĂ€gt mein Ă€lterer Sohn schĂŒchtern vor, als er meine EnttĂ€uschung sieht. „Ich habe gehört, dass soll auch ganz gut sein.“
Das „Creepy Castle“ hat es vorletztes Jahr noch nicht hier gegeben, aber meiner Meinung nach hört es sich nach einer langweiligen Gruselnummer an. Nun gut, besser als gar nichts. Wir werfen einen kurzen Blick auf die Parkinfo und finden das Gruselschloss mitsamt Turm in der entgegengesetzten Ecke der Anlage. Eilig hechte ich wieder voraus. Ich will jetzt endlich was erleben, schließlich sind wir schon eine Viertelstunde hier!
Mittlerweile hat sich der Park schon bedrohlich gefĂŒllt und ich befĂŒrchte, dass es doch die eine oder andere Warteschlange geben wird, bevor wir auch nur eine einzige Fahrt gemacht haben. Als wir am „Creepy Castle“ ankommen erwartet uns – nicht ganz ĂŒberraschend - eine EnttĂ€uschung. „Einlass erst ab 9:30 Uhr“ informiert uns ein Schild lapidar. Als er mein versteinertes Gesicht sieht, tĂ€tschelt mein kleiner Sohn mir beruhigend den Arm. „Mach dir nichts draus Mami, jetzt sind es nur noch 9 Minuten bis das „Andromeda“ aufmacht.“ Ich atme tief durch, lĂ€chele ihn an und gemeinsam machen wir uns wieder auf den Weg zurĂŒck. Quer durch Klein Mexiko, durch Chinatown und vorbei am Eiffelturm, wo gerade einige indische Mitarbeiter ihre Musikinstrumente auspacken. Wahrscheinlich gibt es hier nachher ein französisches Musikprogramm. Aber natĂŒrlich erst um 9:30 Uhr.

Das „Andromeda Space Center“ ist tatsĂ€chlich noch menschenleer, obwohl die Pforten inzwischen geöffnet sind. Erwartungsvolles Kribbeln erfasst mich. Kopflos stĂŒrze ich an den stĂ€hlernen WarteschlangenfĂŒhrungen vorbei und kann gar nicht fassen, dass es heute so schnell geht. Die Kinder haben Schwierigkeiten mir zu folgen. Mein Mann musste wahrscheinlich wieder auf Toilette, jedenfalls ist er nirgends mehr zu sehen. Das alles lĂ€sst mich jetzt jedoch völlig kalt. Freundliche indische Mitarbeiter in schlecht sitzenden blau-gelben Andromeda-Uniformen weisen mir den Weg ins Shuttle.
Juhuu! Ich hab’s geschafft. Ich sitze in der ersten Reihe, neben mir meine Kiddis und auch mein Mann schleppt sich soeben schnaubend ins Shuttle. Ich höre ihn irgendwas von „Lola rennt“ vor sich hin faseln, doch dann geht der Spaß schon los. Das Licht geht aus und unser Shuttle wird hydraulisch in die Höhe gehoben. Die Leinwand des 180-Grad-Kino’s zeigt den Starthangar und wir beschleunigen. „Ready for Take off“ dröhnt eine undeutliche Stimme aus dem Lautsprecher. Wir „fliegen“ zu einer Forschungsstation im All, retten mal eben die Wissenschaftler vor menschenfressenden Außerirdischen und fliegen zurĂŒck. „Congratulations Spaceheros“ erklingt es noch blechern aus dem Lautsprecher, dann sind die schönsten 3 Minuten und 40 Sekunden des Tages auch schon vorĂŒber. Ja, so fĂŒhlt es sich an, das FreizeitparkhochgefĂŒhl.
„Na, noch mal?“ frage ich ĂŒberflĂŒssigerweise, als wir wieder draußen auf dem Gang sind. Die Kinder grinsen nur und da keiner der spacigen Inder zu sehen ist, die hier Dienst tun, schleichen wir heimlich zurĂŒck ins Shuttle, ohne erneut die Warteschleife zu absolvieren. Die nĂ€chste Fahrt beginnt und dann die ĂŒbernĂ€chste, aber nach vier weiteren Andromedafahrten lĂ€sst der Kick allmĂ€hlich nach und wir beschließen, dass es nun Zeit fĂŒr die Silver-City-Achterbahn ist.
„Warte mal, bevor wir jetzt wieder quer durch den Park rennen“, meint mein Mann. „Gleich hier ist doch dieses „Secret-Cave“. Das soll eine Achterbahn im Dunkeln sein. Sollen wir die nicht zuerst nehmen?“
Achterbahn? Warum nicht? Ich liebe Achterbahnen! Gemeinsam rennen wir zum nahe gelegenen „Secret-Cave“ und können unser GlĂŒck kaum fassen. Auch hier gibt es noch keine lange Warteschlange, dabei ist es schon fast 10:00 Uhr. GlĂŒcklich und erwartungsfroh sitze ich neben meinem Mann in dem Wagen. Er ist sich noch unsicher wie er die TĂŒte mit unserem Proviant festhalten soll und entscheidet sich schließlich fĂŒr die „Dreimalumshandgelenkwickel-Methode“. Dann geht’s los. Der Zug rollt ins ungewisse Dunkel. Ein paar Kurven, eine leichte Abfahrt, eine kleine Lasereinlage. Ich unterdrĂŒcke ein aufkommendes GĂ€hnen und frage mich wann der Thrill beginnt, da sind wir auch schon wieder draußen. Fluchend steige ich aus. Bei dieser dĂ€mlichen Bummelbahn war ja noch nicht mal ein HWS-Schleudertrauma drin! Schon wieder haben wir kostbare Zeit verschwendet! So kann das nicht weitergehen, der Park schließt in 7 Stunden und 50 Minuten!
Entschlossen setze ich mich schon wieder in Bewegung und steuere die Silver-Citybahn an. Diesmal wĂŒrde ich mich nicht aufhalten lassen. Ich wollte endlich Action, Adrenalin und Nervenkitzel und das GefĂŒhl, nur knapp dem Tod entronnen zu sein. Leider komme ich nicht sehr weit.
„Äh, warte mal, da vorne ist eine Toilette.“ ruft mein Mann noch, dann verschwindet er in der mexikanischen Toilette. Mit wippendem Fuß warte ich, er braucht quĂ€lende 2 Minuten 24 Sekunden inklusive HĂ€nde abtrocknen. Dann hat er auch noch die Muße mit der Klofrau - einer reizenden Inderin in mexikanischer Tracht - ein GesprĂ€ch anzufangen, wĂ€hrend er ihr das Trinkgeld in die Schale wirft.
Neben uns geht grade der „Eagle“ wieder runter. Ein etwa 15 Meter hoher Pfeiler, an dem sich ein paar Gondeln gemĂ€chlich im Kreis drehen.
„Super, da will ich drauf“, ruft mein Mann und steuert sofort darauf zu. Widerwillig folgen wir ihm und setzen uns in eine der Gondeln. Noch nicht mal ein richtiger SicherheitsbĂŒgel ist hier vorgeschrieben. WĂ€hrend sich das Ding in die Höhe schraubt, nasche ich Marzipanpralinen und lausche sehnsĂŒchtig dem Kreischen der GlĂŒcklichen, die gerade mit der „Silver-City-Bahn“ fahren. Der „Eagle“ landet und ich springe ungeduldig aus der Gondel. Unsere Kids sind mindestens so enttĂ€uscht wie ich. Das ist selbst ihnen zu langweilig gewesen. Mein Mann hingegen ist glĂŒckselig und so zufrieden, dass er jetzt endlich bereit ist fĂŒr die unausweichliche Fahrt mit der „Silver-City-Bahn“. Ein Blick auf die Uhr; es ist 10:45 Uhr noch 7 Stunden und 15 Minuten Zeit, um alle Attraktionen auszukosten und in Adrenalin zu baden.
Dass die „Silver-City-Bahn“ wirklich gut sein muss, beweist schon die Schlange, die sich vor dem Eingang gebildet hat. Die Wartezeit betrĂ€gt stolze 35 Minuten. Aber was ist das schon, wenn man dafĂŒr 2 Minuten exquisiten Schleuderspaß erlebt. Hinter uns stellen sich einige Leute an, deren Unterhaltung ich entnehme, dass dies schon ihre vierte Fahrt ist. Das erklĂ€rt auch ihre stromlinienförmigen Frisuren. Endlich sitze ich neben meinem Mann in dem winzigen Abteil, aber als er den SicherheitsbĂŒgel fest anzieht, kommen mir erste Bedenken. Der BĂŒgel geht ĂŒber die ganze LĂ€nge des Abteils und liegt fest am WaschbĂ€rbauch meines Liebsten auf. Von meiner Wenigkeit ist er jedoch gute 25 cm weit entfernt. FĂŒr Bedenken ist es jetzt allerdings zu spĂ€t. Rumpelnd setzt sich der Zug in Bewegung. An das was dann folgt, kann ich mich spĂ€ter nur noch schemenhaft erinnern, nur dass ich mit schweißnassen HĂ€nden die zwei lĂ€ngsten Minuten meines Lebens damit verbringe, mich an den Haltegriffen festzuklammern und die Marzipanpralinen zurĂŒckzuhalten. Oh ja! Das hier ist auf jeden Fall besser als ein Schlagzeug oder ein Hund!
Als alle anderen schon ausgestiegen sind, versucht ein freundlicher indischer Mitarbeiter, mit Cowboyhut und Westernweste, mich dazu zu bewegen die Haltegriffe loszulassen und auszusteigen, doch ich weigere mich störrisch.
„Nein, ich will hier nicht raus! Ich will sofort noch mal“
„Sie mĂŒssen sich neu anstellen, genau wie alle anderen“, belehrt er mich genervt und schiebt mich vorsichtig, aber bestimmt, in die Ausgangshalle, wo schon meine Familie wartet und vorgibt mich nicht zu kennen. Sieben weitere aufregende Fahrten auf der „Silver-City-Bahn“ folgen, dann bin ich endlich bereit das „Creepy Castle“ auszuprobieren, auch wenn es nur ein ödes Gruselschloss ist.
Zu meinem Erstaunen gibt es auch hier eine ansehnliche Schlange. Anscheinend ist das „Creepy Castle“ gar nicht so schlecht. Ein besonders cooler Typ fĂ€llt mir auf. Knallenge weiße Jeans, weiße Jeansjacke, Sonnenbrille und ĂŒbertrieben gebrĂ€untes Gesicht. LĂ€ssig steht er mit seiner Schickimickie-Flamme in der Reihe und tritt betont unterkĂŒhlt seine Zigarette aus. Sekunden spĂ€ter erscheint, wie aus den Nichts, ein freundlicher indischer Mitarbeiter mit Besen und SammelbehĂ€lter und beseitigt lĂ€chelnd die Kippe. Der Jeanstyp erntet von mir einen missbilligenden Blick, der jedoch an seiner arroganten Stirn abprallt.
Eine halbe Stunde spĂ€ter gelangen wir endlich an den Eingang des Castles, wo man uns bedauernd mitteilt, dass unser neunjĂ€hriger Sohn auf gar keinen Fall mit hinein darf. Empört will ich protestieren, doch unser Großer kommt mir zuvor und nimmt den Kleinen an die Hand.
„Wir treffen uns in einer Viertelstunde vor der Gebirgsbahn, dann könnt ihr in Ruhe durch das Gruselschloss laufen“, schlĂ€gt er vor und ich schaue den beiden dankbar nach. Unser Großer ist wirklich der Beste.
Mit verhaltener Erwartung betreten mein Mann und ich das ach so gruselige Geisterschloss, das fĂŒr neunjĂ€hrige Kinder zu aufregend sein soll und ich frage mich ernsthaft was hier Großartiges vorgehen mag. Ein paar lustige Skelette und Zombies starren uns freundlich aus ihren SĂ€rgen entgegen und ich will schon anfangen mich ĂŒber die vergeudete Zeit hier zu Ă€rgern, als plötzlich
 BUH! Vollkommen unvermittelt taucht ein, als Gespenst verkleideter, indischer Mitarbeiter hinter einer TĂŒre auf und ich sacke völlig entgeistert in die Knie. Meinem Mann bleibt vor Schreck die Luft weg, um ein Haar hĂ€tte er dem „Geist“ eine runtergehauen. Ja, jetzt stimmt der Adrenalinspiegel wieder. NatĂŒrlich haben die anderen indischen Geisterwesen jetzt keine Chance mehr. Außer dem dort vielleicht, mit den Glubschaugen und der monströsen Mono-Augenbraue, die er sich quer ĂŒber beide Augen geklebt hat.
„Super Maske!“ rufe ich ihm im Vorbeigehen zu, aber der Mann runzelt nur verstĂ€ndnislos die Stirn. Schließlich gelangen wir an eine verschlossene TĂŒr an der schon einige Leute warten. Auch der coole Jeansfritze. Aus Lautsprechern, die ihrer Bezeichnung alle Ehre machen, klingt die eher bedingt gruselige Stimme eines verrĂŒckten Schlossherrn, der uns auffordert seinen Salon zu betreten, wenn wir uns trauen. Klar trau ich mich, aber die blöde TĂŒr ist ja zu und wird von einem freundlichen indischen Mitarbeiter bewacht.
Als sich eine Minute spĂ€ter die ominöse TĂŒr öffnet strömen wir gemeinsam mit den anderen Wartenden in den „Salon“, wo uns die Mitarbeiter bitten unsere PlĂ€tze einzunehmen. Die PlĂ€tze?? Moment mal, wo bin ich denn hier gelandet? Ich schaue mich um, und entdecke, dass ich am Boden eines etwa 80 Meter hohen Turmes stehe. An den WĂ€nden sind Schienen mit Sitzschalen angebracht, die bis unter die Decke fĂŒhren. Langsam ahne ich was gleich passieren wird und werfe mich voller Vorfreude in einen der Sitze. Die kompakten, ergonomisch geformten SicherheitsbĂŒgel lassen darauf schließen, dass ich hier genau richtig bin. Adrenalin pur!
Das Licht geht aus und von einer Sekunde zur anderen werden wir in die Höhe katapultiert. Ich schreie mir - entgegen aller Gewohnheit, schließlich bin ich Adrenalinjunkie - die Seele aus dem Leib. Neben mir quietscht mein Mann. Solche Beschleunigungen habe ich noch nie erlebt. Ein paar Sekunden verharren die Sitze unter der Decke, dann lösen sich die hydraulischen Klammern und wir fallen schwerelos im freien Fall in die Tiefe. Hatte ich grade noch geglaubt ich könne nicht noch lauter schreien, werde ich jetzt eines besseren belehrt. Ich kann noch lauter!! Irgendein Gegenstand schrabbt an meinem Gesicht vorbei, doch ich kann ihn nicht nĂ€her identifizieren.
Dann ist der ganze Spaß auch schon vorbei. Die Lichter gehen wieder an. Mein Sitznachbar sucht verzweifelt nach seinem Schuh, und entdeckt ihn an einem vorstehenden Bauteil in ca. 20 Metern Höhe. Mein Mann stöhnt noch voller Entsetzen, er ist kreidebleich. WĂ€hrend wir uns durch den Ausgang zwĂ€ngen, fĂŒhle ich noch die angenehmen Wellen des Adrenalins durch meine Adern strömen. Meine GĂŒte. Das war ein Spaß! Fast wie Bungeejumping! Am Liebsten wĂŒrde ich mich sofort wieder vorne anstellen, aber die Kids warten.
Draußen treffen wir den coolen Jeanstypen wieder. Er steht vornĂŒbergebeugt an den Rabatten und erbricht sich erstmal grĂŒndlich. Seine Freundin reicht ihm besorgt ein Taschentuch, weil er seine edlen Klamotten gerade mĂ€chtig bekleckert.
„Na, ob die Mutti das wieder rauskriegt?“ spotte ich gut hörbar im VorĂŒbergehen. Der Jeansfuzzi funkelt mich an, doch sein Versuch mir einen arroganten Blick zuzuwerfen, mĂŒndet klĂ€glich in einem weiteren Schwall, der sich unappetitlich vor seine FĂŒĂŸe ergießt.
Wir holen die Kinder an der Gebirgsbahn ab. Am liebsten möchte ich zurĂŒck ins „Creepy Castle“, aber die Jungs haben die „Goldmine“ entdeckt und wollen sie unbedingt ausprobieren. Ich gebe mir einen Ruck und lasse mich breitschlagen, was ich sofort bereue, als ich den Opa mit Hut und Enkel im vordersten Abteil der Bahn sitzen sehe. Und tatsĂ€chlich. Eine lahme Fahrt durch ein unterirdisches Labyrinth beginnt. Lustige PappmascheĂ©-Mexikaner fĂŒhren uns das Leben in einer mexikanischen GoldgrĂ€bersiedlung vor, wĂ€hrend unser Zug gemĂ€chlich an ihnen vorbeifĂ€hrt. Seufzend rechne ich im Geiste nach wieviel Stunden uns noch bleiben bis der Park schließt und beschließe mich nicht zu Ă€rgern, sondern die Zeit zu nutzen und ein paar Marzipanpralinen zu essen. „MuchachĂĄ compangniĂ©ros!“ dröhnt es unter PistolenschĂŒssen und Kanonenhagel, wĂ€hrend ich TrinkpĂ€ckchen an die Kinder verteile; schließlich soll die lĂ€stige TĂŒte endlich leer werden, damit wir die nicht mehr rumschleppen mĂŒssen. Nach dieser Fahrt, ist mein Adrenalinspiegel derart im Keller, dass ich mich dringend wieder spannenderen Dingen widmen möchte. Vor uns entdecken wir eine riesige Warteschlange, die mich auf eine aufregende Attraktion hoffen lĂ€sst und wir stellen uns sofort dort an.
Nach etwa 15 Minuten wird uns klar, dass wir uns vor der Damentoilette angestellt haben. Damit nicht alles umsonst war, benutzt mein Mann schnell noch die Herrentoilette nebenan und wir beschließen jetzt wieder zum „Andromeda Space Center“ zurĂŒckzukehren und dort noch ein paar Fahrten zu machen. Mittlerweile ist das Wetter umgeschlagen, kalter Wind pfeift uns um die Ohren und meinem Mann kommen die ersten Vorahnungen, als er dunkle Wolken am Himmel entdeckt.
„Wir hĂ€tten uns doch Jacken mitnehmen sollen“, raunzt er mich mit vorwurfsvollem Ton an.
„Ach was, die ziehen weiter, bei dem Wind.“ gebe ich fachmĂ€nnisch zurĂŒck, wobei ich gekonnt einer plĂŒschigen Comicfigur ausweiche, die mich durch albernes Herumwinken beglĂŒcken will. Im Vorbeigehen, erkenne ich noch ein paar schwarze indische Augen die aus dem knuddeligen KostĂŒmberg herausschauen und mich anflehen, mich mit ihm fotografieren zu lassen, aber fĂŒr so einen Mist habe ich hier nun wirklich keine Zeit. Ich brauche den Kick – und nicht den Kuschel!
Im Andromedasimulator ist inzwischen schon mehr los und wir mĂŒssen uns mit der zweiten Reihe im Shuttle begnĂŒgen.
Nach drei weiteren Fahrten mit dem Andromeda-Shuttle ist es halb eins und mein Mann beschließt, dass nun die Zeit fĂŒr die obligatorische Fahrt mit der Wildwasserbahn gekommen sei. Was mich betrifft, kann ich auf dieses fragwĂŒrdige VergnĂŒgen gut verzichten. Seit meinem Horrorwildwasserbahnerlebnis vor fĂŒnf Jahren, kriegen mich keine zehn Pferde mehr auf dieses Ding. Damals haben wir gleich am Morgen die Wildwasserbahnfahrt gemacht, was zur Folge hatte, dass ich einen kalten, nicht enden wollenden, Oktobertag lang mit klatschnassen Klamotten rumlaufen durfte.
Wir einigen uns darauf, dass ich mich in ein Restaurant setze und Kaffee trinke, wĂ€hrend die anderen sich nass machen lassen. Das Restaurant ist brechend voll und ich ergattere mit MĂŒhe und Not noch einen freien Platz an einem winzigen Tisch. Hier hat es sich einer der Grusel-Erschrecker aus dem „Creepy Castle“ bequem gemacht - der mit den Glubschaugen und der angeklebten Monsterbraue. GemĂŒtlich schlĂŒrft er seinen Tee und genießt seine Mittagspause.
„Ganz schön voll hier“, versuche ich höflich mit ihm ins GesprĂ€ch zu kommen. Er nickt stumm, und nippt noch mal an seiner Tasse.
„Tollen Job haben Sie da im „Creepy Castle“, die Leute erschrecken und so. Das macht sicher Spaß, oder?“
„Leute erschrecken? Wieso“ fragt er verwirrt zurĂŒck und das pelzige Etwas ĂŒber seinen Augen zuckt erstaunt in die Höhe. „Ich bin Techniker.“ Überrascht heftet sich mein Blick auf die Monsterbraue und ich fĂŒhle wie ich rot anlaufe. GlĂŒcklicherweise bewahrt mich ein freundlicher indischer Kellner davor weitere peinliche Dinge zu sagen, indem er mich nach meiner Bestellung fragt.
Ich bestelle Kaffee und nachdem ich mir das bittere, schwarze Etwas, das man hier Kaffee nennt, runtergewĂŒrgt habe, verabschiede ich mich etwas ĂŒbereilt von meinem neuen Bekannten, der ohnehin keine große Lust hat sich mit mir zu unterhalten. Vor dem CafĂ© warte ich auf meine Familie, die sich immer noch auf der Wildwasserbahn herumtreibt, auf der man gaaar nicht nass wird. Pft!
Der Himmel ist jetzt komplett schwarz, aber solange es nicht regnet, ist mir das egal. Angenehmer Pizzaduft umfĂ€ngt mich und suggeriert mir ich sei hungrig. ‚Bleib jetzt bloß hart’, ermahne ich mich. ‚Du willst keine ĂŒberteuerte Pizza. Iss Kekse, dann wird die TĂŒte wenigstens leer.’ Seufzend beruhige ich meinen Magen mit Keksen, als ich von weitem meine Familie erblicke. Jepp! Wie erwartet: Alle klatschnass. Das Wasser tropft ihnen noch aus den Haaren. Von wegen, ich brauch keine Angst haben, wenn man sich duckt, passiert nichts. HĂ€misch grinsend gehe ich ihnen entgegen.
„Kriegen wir ’ne Pizza, Mami?“ werde ich begrĂŒĂŸt. Zwei dunkle, hungrige Kinderblicke treffen mich und ich werde sofort schwach, was dazu fĂŒhrt, dass wir 5 Minuten spĂ€ter alle vier kauend, in einer windgeschĂŒtzten Ecke stehen und uns darĂŒber freuen, dass ich meine guten VorsĂ€tze mal wieder allesamt gebrochen habe.
Nach dieser kleinen Pause beschließen wir, keine weitere Zeit zu vergeuden und machen uns erneut auf den Weg zum „Andromeda Space Center“. Schließlich sind wir wegen der Action hier. Unterwegs spendieren wir uns noch ein Softeis. Ein Blick auf die Uhr: Es ist Viertel nach Eins. Noch 4 Stunden und 45 Minuten, fĂŒr Action, Spaß und Adrenalin. Diese Zeit will gut genutzt werden. Wir kommen wieder einmal am Pariser Eiffelturm vorbei. Die indischen Musiker spielen hier mittlerweile französische Chansons, zumindest vermute ich, dass das französisch sein soll.
Erste Regentropfen fallen vom Himmel und ich spĂŒre den vorwurfsvollen Blick meines Mannes im Nacken. Jaja, die Regenjacken.
„Das sind nur ein paar Tropfen, wenn wir aus dem „Andromeda Space Center“ wieder rauskommen, ist das vorbei“, beschwichtige ich ihn. Leider habe ich Unrecht. Als wir voller Enthusiasmus und freudestrahlend wieder raus kommen, regnet es in Strömen. Mein Mann muss wieder mal auf die Toilette und schlĂ€gt vor, dass wir uns solange bei einer chinesischen Pommesbude unterstellen. Von weitem sehe ich, wie die indische Klofrau im ChinakostĂŒm, meinem Mann schon gut gelaunt entgegenwinkt, als sie ihn erkennt. Ich ziehe mich weiter unter das Vordach zurĂŒck, denn der Regen wird immer schlimmer. Echt super, kalter Wind, strömender Regen und keine Jacken. Wer kommt denn auch nur auf die Idee im Oktober in den Freizeitpark zu fahren? Naja
 immer noch besser als einen Hund oder ein Schlagzeug anzuschaffen.
„Mami, ich hab noch Hunger“ teilt mir mein Kleiner mit und ich nutze die Gelegenheit den Stoffbeutel wieder um einige Kekse zu erleichtern. Unser Großer nimmt noch ein TrinkpĂ€ckchen. So langsam leert sich die lĂ€stige ProvianttĂŒte.
Ungeduldig halte ich Ausschau nach meinem Mann. Ob er gerade ein Klopapier-Abo bei der indischen Toilettenfrau abschließt? Vermummte Gestalten laufen an mir vorbei. Keiner von denen hat jetzt noch Lust Achterbahn zu fahren. Krampfhaft halten sie ihre Kapuzen ĂŒber dem Kopf fest, und rennen in die höchst langweilige, lĂ€cherliche „Goldmine“, nur um nicht nass zu werden. Diese Memmen!! Dabei macht Achterbahn fahren doch gerade bei Regen am meisten Spaß, wenn die Gummireifen durchdrehen und die Bremsbacken nicht mehr richtig packen! Wo mein Mann nur bleibt? Ob der heimlich noch mal auf den „Eagle“ gegangen ist? Nein, da erkenne ich ihn. Er hat sich einen Regenschutz besorgt, der sich bei nĂ€herem Hinsehen als blauer MĂŒllsack entpuppt, in den er passende Löcher fĂŒr Kopf und Arme gerissen hat. Triumphierend hĂ€lt er auch welche fĂŒr mich und die Jungs hoch.
„Die hab ich der Klofrau abgeschwatzt.“ erzĂ€hlt er leutselig. „Wenn du das Ding ĂŒberziehst, kannst sogar du mit auf die Wildwasserbahn.“
„Super Idee, Papa“, freut sich der Große und der Kleine klatscht begeistert in die HĂ€nde. Ach verflixt, aus der Nummer komme ich wohl nicht mehr raus. Blöde Wildwasserbahn. Fluchend lasse ich mir von meinem Mann den dekoratiaven MĂŒllbeutel ĂŒberziehen. Was tut man nicht alles fĂŒr seine Kinder, seufze ich im Stillen. Aber gut, immer noch besser als einen Hund oder ein Schlagzeug.
Kurze Zeit spĂ€ter stellt sich heraus, dass ein MĂŒllbeutelĂŒberzug in der Wildwasserbahn von keinerlei Nutzen ist. Steifbeinig klettere ich aus dem dĂ€mlichen Wildwasserschlitten. Meine Hose trieft und der MĂŒllbeutel flattert tropfend im Wind. Hinter dem Zaun, in der Warteschlange grinst mich jemand hĂ€misch an. Es ist der Jeansfuzzi. Er hat sich offensichtlich gut erholt und ist wieder ganz oben auf. Betont langsam lĂ€sst er eine Zigarettenkippe fallen und winkt einen freundlichen indischen Straßenfeger heran, um sie zu beseitigen. ZĂ€hneknirschend wringe ich meine Haare aus und stapfe hinter meinen Leuten her. Die dĂ€mliche StofftĂŒte mit den Keksen ist auch nass geworden. UnauffĂ€llig wandert sie zusammen mit der nutzlosen MĂŒlltĂŒte in die nĂ€chste Abfalltonne und ich nehme mir vor von jetzt an nur noch abwechselnd auf „Andromeda“, „Creepy Castle“ und die „Silver-City-Bahn“ zu gehen. Die haben als einziges den Namen „Attraktion“ verdient.
Es hat aufgehört zu regnen, und orkanartige Sturmböen trocknen meine Haare auf effiziente Weise, wenn auch mit Stromlinieneffekt.
Es ist genau zwei Uhr und wir haben noch 4 Stunden Zeit um uns zu vergnĂŒgen! Abwechselnd beginnen wir unsere drei Favoriten abzuklappern, wobei wir herausfinden, dass unsere Kinder jeweils dreimal mit der Gebirgsbahn fahren können, bis wir wieder aus dem „Creepy Castle“ raus sind. Langsam spĂŒre ich, wie sich meine Kondition dem Ende zuneigt und ich mĂŒde werde. Meine Schritte werden immer langsamer und die Pausen werden immer lĂ€nger. Ein Blick auf die Uhr. Es ist erst 16 Uhr und wir mĂŒssen noch zwei Stunden hier bleiben. Tapfer besteige ich zum 12. Mal die Silver-Citybahn. Der freundliche indische Cowboy grinst mich nur noch an, wenn er mich sieht. Dann bekommt er die Freigabe von seinem Chef, einem Inder, der in einem GlashĂ€uschen oberhalb der Bahn sitzt. Er ist schon Ă€lter, und hat sich wahrscheinlich im Laufe der Jahre zum Achterbahnvorsteher hochgearbeitet.
Ja, jetzt geht es wieder los. Rechte Kurve, linke Kurve, HĂŒgel, steiler Abgang
 etwa 25 Meter, jetzt der Looping, gefolgt von einer langgestreckten Linkskurve, jepp. So, jetzt noch zweimal hochziehen lassen und ein paar krasse enge KĂŒrvchen. Und vorbei. Schnell die Fotos unten angucken.... Ja, echt lustig.... Ich unterdrĂŒcke ein GĂ€hnen und schiele verstohlen auf die Uhr. 16:15 Uhr.
„Jetzt wieder ins „Andromeda“?“ fragt mich mein Mann. Ich nicke mĂŒde und schleiche hinter ihm her. Als er wieder mal einen kleinen Zwischenstopp in der mexikanischen Toilette einlegt, warte ich geduldig auf einer Bank und knabbere lustlos an einem Keks. Langsam stellt sich bei mir ein SĂ€ttigungsgefĂŒhl ein. Nein, nicht von der dritten Pizza, die ich inzwischen verdrĂŒckt habe. Ich verspĂŒre einfach den Kick nicht mehr beim Achterbahn fahren und beim freien Fall.
Auch im „Andromeda“ ist mir jetzt langsam langweilig. In aller Seelenruhe esse ich das letzte Knoppers, wĂ€hrend wir gegen die bösen Aliens kĂ€mpfen. Auf dem RĂŒckweg zum „Creepy Castle“ mĂŒssen wir am Eiffelturm halt machen. Eine Parade arbeitet sich gerade die „Prachtstraße“ rauf und runter. Ein indischer Motorradfahrer zeigt uns ein paar KunststĂŒckchen, gefolgt von einem indischen Oldmobilfahrer, der eine reizende Inderin im Schlepptau hat. Die als Comicfiguren verkleideten indischen Mitarbeiter laufen munter durcheinander und necken die Zuschauer. Den krönenden Abschluss bildet zu guter Letzt eine indische Folkloreband. Mit spanischer Folkloremusik wohlgemerkt!
EntkrĂ€ftet lasse ich mich von meinem Mann durch die Menschenmenge lotsen und falle bereits eine Viertelstunde spĂ€ter wieder im freien Fall durch den Tower des „Creepy Castle“. Der Schuh von heute morgen hĂ€ngt immer noch an der Stelle, wahrscheinlich hat sich der Besitzer schon lĂ€ngst im Souvenirshop ein paar spacige „Andromeda-Space-Pantoffeln“ geholt. Begeisterungslos rutsche ich von meinem Turbosessel und signalisiere meinem Mann, dass ich jetzt bereit bin fĂŒr die Gebirgsbahn, die Gondelbahn und den MĂ€rchenpark. Irgendwie muss ich die letzte Stunde noch hinter mich bringen.
Es wird schon dunkel. Tausende von Lichtern sollen eine romantische Stimmung im Park erzeugen, doch leider prallt der Effekt wirkungslos an mir ab. WĂ€hrend ich darauf warte, dass mein Mann wieder mal von der chinesischen Toilette zurĂŒckkommt, kaufe ich mir und den Kindern noch eine Cola. 17:30 Uhr, gleich hab’ ich es geschafft. Der Jeansfuzzi lĂ€uft mir schon wieder ĂŒber den Weg. Als er sieht, wie mĂŒde und abgeschlagen ich aussehe, setzt er wieder zu einem herablassenden Grinsen an. Ich biete meine letzten Kraftreserven auf und lasse meinen Blick ĂŒber die unĂŒbersehbaren braunen Sprenkler auf seiner weißen Jeansjacke schweifen.
„Naa, wieder erholt?“ rufe ich ihm noch zu. Schnell tut er so, als hĂ€tte er mich nicht bemerkt und versteckt sich hinter seiner Freundin.
Im nĂ€chsten Moment kommt auch schon mein Mann zurĂŒck - zusammen mit der indischen Klofrau, die sich kameradschaftlich bei ihm untergehakt hat.
„Das ist Frau Masoputimalahasa“, stellt er sie mir vor. „Sie wollte unbedingt mal meine Frau kennenlernen
 - Bedank dich schnell fĂŒr den MĂŒllsack“, flĂŒstert er mir noch verschwörerisch ins Ohr.
„Freut mich sehr“, begrĂŒĂŸe ich sie jovial. „Wirklich eine tolle Idee mit den MĂŒllsĂ€cken. Ich muss sagen, Sie und Ihre ganzen indischen Kollegen hier leisten wirklich großartige Arbeit.“ Bei meinem letzten Satz verdĂŒstert sich ihr Gesicht und sie zieht verĂ€rgert die Hand zurĂŒck.
„Welche Inder?“
„Äh, ja
“ Unsicher werfe ich meinem Mann einen Blick zu, der amĂŒsiert vor sich hin grinst. „Frau Masoputimalahasa ist aus Pakistan, genau wie die meisten anderen Leute die hier arbeiten.“
„Oh, Pakistan“, wiederhole ich und setze ein begeistertes Gesicht auf. „Tolles Land.“ Frau Masoputimalahasa lĂ€chelt erfreut und kann es sich nicht verkneifen der Meinung zu sein, dass Deutschland eigentlich ganz o.k. ist, nur das Wetter wĂ€re immer so schrecklich. Dann stellt sie noch fest, dass ich der zweiten Frau des Onkels Ihrer Nachbarin in Rawalpindi zum Verwechseln Ă€hnlich sehe, was hoffentlich als Kompliment gemeint ist.
Nachdem wir noch einige höfliche Floskeln ausgetauscht haben, verabschiedet sich die engagierte Klofrau endlich und wir entscheiden, dass es nun auch fĂŒr uns an der Zeit ist zu gehen.
Es ist zwar erst 17:45 Uhr, aber die letzte Viertelstunde schenken wir uns. Noch schnell eine TĂŒte Popkorn fĂŒr die Kinder als Wegzehrung. Dann raus aus dem Park. Auf dem Weg zum Parkplatz machen wir Bilanz: 21 Mal „Andromeda“, davon 11 Mal in der ersten Reihe. Jepp! 12 Mal „Silver-City-Bahn“, davon 12 Mal ohne Kotzen! Jepp! 14 Mal „Creepy Castle“, jedesmal Schuhe anbehalten. Jepp! 4 PizzastĂŒcke, 3x Cola, 2x Softeis, 3x Pommes und 2x Schokoapfel; pro Person natĂŒrlich.
Alles in allem ein gelungener Tag und auf jeden Fall besser als ein Schlagzeug oder ein Hund! Das Letzte was ich noch höre, bevor ich auf der RĂŒckfahrt im Auto einschlafe, ist wie unser kleiner Sohn zu meinem Mann sagt: „Da haben wir der Mami aber wieder ‘ne Freude gemacht, mit dem Ausflug heute, was Papi?“



Version vom 01. 02. 2012 17:08

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Grendel
Guest
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Hallo Kristallika,

ein flĂŒssig geschriebener Text. Noch liest er sich fĂŒr mich eher wie ein Bericht ĂŒber ein persönliches Erlebnis. Wenn mich nicht alles tĂ€uscht, ist das Fantasialand in BrĂŒhl ziemlich gut getroffen. FĂŒr eine pointierte Geschichte hat Deine ErzĂ€hlung zu viele LĂ€ngen, zum Teil auch Ungereimtheiten, besonders, was die Zeit angeht, die sich, da die Wartezeiten öfter erwĂ€hnt werden, schon ziemlich dehnen mĂŒsste um Raum fĂŒr derart viele Achterbahnfahrten zu bieten.
Dein inhaltlicher Schwerpunkt liegt auf dem Befinden der Ich-ErzĂ€hlerin, die, obwohl zu Beginn dem Ausflug eher skeptisch gegenĂŒber stehend, sich als die Hauptakteurin auf dem FreizeitparkgelĂ€nde entpuppt. Alles Übrige scheint Beiwerk zu sein. Ich kann mir vorstellen, dass eine andere ErzĂ€hlperspektive, vielleicht aus der Sicht eines Kindes oder des Ehemanns, in Verbindung mit erheblichen KĂŒrzungen und gezielten, stĂ€rkeren Übertreibungen, der Geschichte gut tĂ€te. Etwas in der Art der "besten Ehefrau aller Zeiten" von Kishon.

Gruß
Grendel

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