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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Freud in Afrika
Eingestellt am 11. 08. 2002 00:09


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Freeda
Autorenanw├Ąrter
Registriert: May 2002

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"Was liest Du?"
Erst f├╝hlte ich mich gar nicht angesprochen. Aber mit dem unguten Gef├╝hl, beobachtet zu werden, schaute ich von meinem Buch auf, das ich sorgf├Ąltig auf meiner Tasche platziert hatte, die auf meinen Knien ruhte.
Mir gegen├╝ber hatte sich ein Mann niedergelassen, vielleicht so alt wie ich, vielleicht auch ein bisschen ├Ąlter, schwer zu sagen. Er hatte ebenfalls ein Buch in der Hand, noch zugeklappt, so dass ich den Buchdeckel sehen konnte. Freud las er, Du meine G├╝te.
Er wiederholte seine Frage.
Ich hatte mich in einen abgedroschenen Krimi vertieft, nichts Hochtrabendes, was mir jetzt pl├Âtzlich ├╝beraus peinlich war.
Nein, warum sollte es. Ich jobbte, und hatte einen anstrengenden Tag hinter mir, da musste ich mir nicht auch noch die Bahnfahrt mit schwerer Kost verderben.
Ich hatte also sofort gecheckt, was f├╝r ein Typ mir gegen├╝ber sa├č.
Die Haare in krauser Manier wirr am Kopf, Sommersprossen, blaue Augen. Eigentlich nette Augen. Aber ihn noch l├Ąnger anzuschauen getraute ich mich nicht, denn ich war damals noch sch├╝chterner, als ich es jetzt immer noch bin.
Ohne zu antworten hielt ich mein Buch hoch, damit er einen Blick auf den Titel werfen konnte, um es sogleich wieder auf meine Tasche zu knallen, den Kopf zu senken und weiterzulesen.
Ich war nun gar nicht erpicht darauf, mir einen abf├Ąlligen Kommentar ├╝ber meine Lekt├╝re einzufangen, aber ich ├Ąrgerte mich dar├╝ber, so sch├╝chtern zu sein. Sonst h├Ątte man ja vielleicht ganz zwanglos miteinander plaudern k├Ânnen, und m├Âglicherweise w├Ąre die Bahnfahrt einmal ein wenig kurzweiliger gewesen.
"Ach, das habe ich auch schon gelesen. Ist ganz spannend, nicht wahr?"
Jetzt schaute ich abrupt wieder auf. Freud las schn├Âde Krimis?
Nun konnte ich mich wenigstens zu einem L├Ącheln durchringen.

Ohne ├ťbergang fragte er, woher ich k├Ąme. Vorsichtig sortierte ich meine Gedanken, ehe ich antwortete.
"Meine Mutter kommt aus Tansania, aber ich bin Deutsche und schon in Deutschland geboren".
Freud lachte mich nun offen an, oh, nein, so genau h├Ątte er es gar nicht wissen wollen, er hatte gemeint, ob ich vielleicht von der Uni komme oder so?
Wie peinlich, dachte ich.
"Nein, nein", und ich wagte kaum, ihn anzusehen, "ich jobbe im B├╝ro".
Gespr├Ąchspausen nerven mich kolossal, und ich wusste nicht so Recht, ob Freud nun noch genauere Ausk├╝nfte von mir erwartete.
Verlegen widmete ich mich wieder meinem Buch, konnte mich aber auf keine einzige Zeile konzentrieren.
"Aus Tansania? Warst Du schon einmal dort?"
Offensichtlich wollte Freud unbedingt ein bisschen schwatzen.
"Nein, leider noch nie". Ich schaute erneut zu ihm auf, und er fuhr sich mit einer Hand durch sein wirres Haar, so dass es dort st├Ârrisch noch ein bisschen wirrer vom Kopf abstand. Nun sah er aus wie der verschrobene Dr. Brown aus ‚Zur├╝ck in die Zukunft’, und ich l├Ąchelte wieder.
"Ich auch nicht", antwortete er. "Aber in Kenia vor ein paar Jahren, da war es wirklich sch├Ân. Und die Menschen so nett. Ich w├╝rde gern noch mal dorthin".
"Nein, ich war ├╝berhaupt noch nie irgendwo in Afrika, das Geld hat nie gereicht".
Der Zug hielt, und ich schaute gedankenverloren hinaus in den Regen. Afrika.

Pl├Âtzlich rappelte Freud sich auf, sein Buch fiel hinunter, er b├╝ckte sich und kam mir dabei ziemlich nahe. "Ich muss hier leider raus, w├Ąre gern noch ein St├╝ck mit dir gefahren", und f├╝r einen kurzen, kaum erw├Ąhnenswerten Moment legte er mir seine Hand auf den Arm. Ein Blick noch, ein L├Ącheln, und schon war er hinaus.
Mit einem Ruck setzte sich der Zug wieder in Bewegung, und als ich aus dem Fenster schaute, sah ich Freud im Regen auf dem Bahnsteig stehen; mit dem Buch in der Hand l├Ąchelte er und winkte mir hinterher.
Ich hob meine Hand und winkte zur├╝ck, bis er meinem Blick entschwunden war.
Afrika, ja das w├Ąre sch├Ân.
Zu zweit.

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flammarion
Foren-Redakteur
Routinierter Autor

Registriert: Jan 2001

Werke: 278
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hm,

deine anr├╝hrende kleine geschichte gef├Ąllt mir sehr gut. mach mal so weiter! ganz lieb gr├╝├čt
__________________
Old Icke

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Freeda
Autorenanw├Ąrter
Registriert: May 2002

Werke: 8
Kommentare: 9
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Hi flammarion,

freut mich, da├č Dir meine kleine Geschichte gef├Ąllt! Ist halt aus dem Leben gegriffen.
Einen sch├Ânen Tag f├╝r Dich!

Freeda

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bosbach46
H├Ąufig gelesener Autor
Registriert: Jul 2002

Werke: 56
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Prima

hallo Freda,
wie im richtigen Leben, deine Geschichte. Gef├Ąllt mir gut.
__________________
J. Bosbach

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