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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Freund Hein
Eingestellt am 10. 12. 2014 22:56


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guadalajara
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Jun 2014

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Freund Hein

Mein ganzes Leben lang waren wir schon auf der Flucht, auf der Flucht vor einem Fremden. Seit ich denken konnte reisten meine Mutter und ich ziellos von einem Ort zum n├Ąchsten.
Als ich noch recht jung war, erz├Ąhlte sie mir immer, dass wir umziehen m├╝ssten. Als Grund daf├╝r hatte sie immer nur Ausreden parat. Einmal war es ein neuer Job, den sie unbedingt brauchte, dann wieder eine bessere Schule f├╝r mich, und auch bei meiner Gro├čmutter verbrachten wir einige Zeit damit diese, wie mir meine Mutter erkl├Ąrte, nicht so einsam war.
Als Kind schienen all diese Gr├╝nde nat├╝rlich sehr glaubhaft f├╝r mich und ich stellte sie keine Sekunde lang in Frage. Ich hatte mich schon sehr fr├╝h mit den vielen Umz├╝gen abgefunden, war gut darin, mich an neue Umgebungen anzupassen und fand sehr schnell neue Freunde.
Es gab aber auch eine Zeit, in der wir unser Zuhause lange nicht wechseln mussten, aus welchen Gr├╝nden auch immer.
F├╝r mich war dies eine sehr gl├╝ckliche Zeit. Seit fast drei Jahren wohnten wir nun schon in unserem kleinen Haus am Stadtrand. Ich hatte viele Freunde, besuchte eine gutes Gymnasium und war mit dem Leben, das ich f├╝hrte ├Ąu├čerst zufrieden, seit ein paar Wochen hatte ich sogar meinen ersten festen Freund.
Damals dachte ich, dass ich hier meine ganze Jugend verbringen w├╝rde, bis ich schlie├člich erwachsen sein und auf eigenen Beinen stehen w├╝rde. Auch meine Mutter war zufrieden, sie verdiente gut in ihrem Job als Krankenschwester.
In den Sommerfeiern, bevor ich in die 8. Klasse kam, waren wir f├╝r 3 Wochen verreist. Wir waren mit dem Auto unterwegs und kamen erst sp├Ątabends wieder Zuhause an. Als wir bereits am Parkplatz standen und meine Mutter gerade den Motor abgestellt hatte, sah ich, dass Licht in unserem Haus brannte.
Zuerst dachte ich, wir h├Ątten vergessen, es vor unserem Urlaub abzudrehen, doch dann konnte ich durchs K├╝chenfenster einen Mann erkennen. Obwohl ich sein Gesicht kaum sehen konnte, war es, als w├╝rde er mir direkt in die Augen starren, ich konnte seinen eiskalten Blick f├╝hlen. So durchdringend als w├╝rde er direkt in meine Seele blicken. Tausend Gedanken schossen mir mit einem Mal durch den Kopf. Obwohl ich damals noch sehr jung war, erinnerte ich mich an alle Entt├Ąuschungen, die ich jemals erlitten hatte, an all die sch├Ânen Momente mit meiner Mutter. Auf einmal schien mir alles so klar und leicht, ich wusste so genau wie noch nie, wer ich bin, was ich erreichen wollte, worum es wirklich ging.
Genau diese Gef├╝hle und Gedanken hatte ich davor schon einmal gehabt. Ich erinnerte mich jetzt deutlicher. Es war vor einigen Jahren, als ich noch zur Grundschule ging. Den Mann aus unserem Haus hatte ich an diesem Tag schon einmal gesehen.
Damals beobachtete ich ihn von meinem Zimmer aus, als ich gerade dabei war, wieder einmal all meine Sachen f├╝r einen erneuten, ├╝berst├╝rzten Umzug eizupacken. Schon damals durchdrang sein Blick meinen ganzen K├Ârper. Das konnte kein Zufall sein.
Auch vor 2 Jahren, auf der Beerdigung meiner Gro├čmutter, war er anwesend. Ich erinnerte mich, dass ich ihn damals an ihrem Grab vorbeihuschen sah, dass es aber derselbe Mann war, den ich auch schons vor unserer Wohnung beobachtet hatte, war mir nicht bewusst.
Warum war dieser Mann jetzt in unserem Haus? Und wie kam es, dass ich ihn schon so oft gesehen hatte und meine Mutter noch nie ein Wort ├╝ber ihn verloren hatte?
Pl├Âtzlich lie├č meine Mutter den Motor wieder an, stieg aufs Gas und fuhr davon. vermutlich war sie genau so erschrocken ├╝ber den Mann in unserem Haus, wie ich.
\"Was machst du, wo fahren wir hin?\"
Meine Mutter Antwortete nicht. Bestimmt hatte sie den Mann in unserem Haus auch gesehen. Ob sie seinen Blick auch gesp├╝rt hat, wei├č ich nicht, ich habe mich nie getraut, sie danach zu fragen.
Allm├Ąhlich d├Ąmmerte mir, was hier los war. Wir waren auf der Flucht. Sie kannte den Mann in unserem Haus sehr wohl, und ich vermutete dass er all die Jahre der eigentliche Grund f├╝r unsere Aufbr├╝che war. Sie hatte wieder denselben angsterf├╝llten Ausdruck in ihrem Gesicht, wie jedes mal, wenn sie mich nachts aufweckte und wir wieder weg mussten.
Schlie├člich bekam ich doch eine Antwort auf meine zuvor gestellte Frage. Nach reichlichem ├ťberlegen sagte sie: \" Wir m├╝ssen ihm entkommen, meine Liebe, er darf uns nicht noch einmal so leicht finden.\"
Als h├Ątte sie meinen Gedanken gelauscht und w├╝sste bereits, dass ich den wahren Grund unseres Aufbruchs erkannt hatte. Diesmal hatte sei keine Ausrede mehr. ich hatte also recht, wir waren noch nie einfach umgezogen, es war jedes Mal Flucht.
Wenige Jahre nach diesem Tag gestand mir meine Mutter, dass sie Krebs hatte, im Endstadium und dass die Ärzte nichts mehr tun konnten um ihr Leben zu retten.
F├╝r mich war das der gr├Â├čte Schock meines Lebens, noch viel schlimmer, als das ewige umziehen, wie Nomaden.
Obwohl ich zu diesem Zeitpunkt bereits vollj├Ąhrig war, war mir von vorn herein klar, dass ich bei ihr bleiben und sie in dieser schweren Zeit nicht alleine lassen w├╝rde. Ich bemerkte, dass wir, seit es ihr so schlecht ging, viel ├Âfter die Stadt verlassen mussten, als w├╝rde ehr von ihrem Leid angezogen werden. Diese Aufbr├╝che h├Ąuften sich so sehr an, dass wir bald schon in Hotelzimmern wohnen mussten, weil wir mehrmals die Woche auf der Flucht waren. Meine Mutter aber versicherte mir, dass ich nicht mitkommen m├╝sste, dass er nur hinter ihr her war, dass er mir nichts tun w├╝rde. Wer er war und warum er hinter ihr her war, konnte sie mir aber noch immer nicht sagen, oder wollte es mir einfach nicht sagen.
Sie sollte Recht behalten, mit ihren Vermutungen. Eines Morgens wachte sie nicht mehr auf. Mit diesem Tag endeten auch die Verfolgungsjagten, ich hatte mich niedergelassen, eine Wohnung und einen guten Job gefunden und f├╝hlte mich ziemlich sicher.

Bis heutigen Tag. Ich blickte aus meinem K├╝chenfenster und konnte in von dort aus auf der anderen Stra├čenseite stehen sehen. Es war derselbe Blick wie damals. Ohne Zweifel erkannte ich ihn sofort wieder. Ich begann zu schwitzen, meine H├Ąnde zitterten. Warum war er hier, nach so langer Zeit? Seit ├╝ber 10 Jahren hatte es nun keine Spur mehr von ihm gegeben, ich war fest der Meinung, er h├Ątte sein Interesse verloren.
Wie angewurzelt stand ich da, wusste nicht, was zu tun war. F├╝r gew├Âhnlich war es meine Mutter, die wusste wie wir entkommen konnten. Jetzt aber war ich ganz alleine, auf mich selbst gestellt. Ich konnte sehen, wie er immer n├Ąher ans Haus kam. Ich wusste, dass ich fliehen musste. Doch wie? Daf├╝r war es bereits zu sp├Ąt, ich konnte meine Wohnung nicht mehr verlassen, ohne ihm direkt in die Arme zu laufen.
Angsterf├╝llt rannte ich ins hinterste Zimmer. Nun konnte ich schon seine Schritte am Gang h├Âren, ich hatte meine Wohnungst├╝re nicht einmal abgeschlossen. In einer Ecke kauernd lauschte ich seinen Schritten und hoffte, dass er mich nicht finden w├╝rde.
Mit einem lauten Knall sprang die Wohnungst├╝re aus dem Schloss, lauten Schrittes kam er immer n├Ąher.
Anscheinend wusste er ganz genau wo ich war. Hatte er mich etwa gesehen?
Mein Puls raste, ich hielt den Atem an. Ich wusste nicht, was jetzt passieren w├╝rde, was er mit mir anstellen w├╝rde. So nahe wie heute war er mir noch nie gekommen. Fest presste ich meine Augen zu, vor Angst. Als ich sie Sekunden sp├Ąter wieder ├Âffnete, stand er bereits in der T├╝r, blickte mir direkt in die Augen. Zu meiner Verwunderung war er aber ganz gelassen, wirkte kein bisschen angespannt, als w├Ąre er sich todsicher, dass ich ihm diesmal nicht entkommen k├Ânnte.
Langsam ging er auf mich zu. Unf├Ąhig mich zu bewegen, kauerte ich weiterhin in der Ecke.
Sein Gesicht werde ich nie vergessen. Die dunklen Augen, die mich durchwegs anstarrten, sein ausdrucksloser, leerer Blick, sein uralt aussehendes Gesicht, das trotzdem in jugendlichem Glanz erstrahlte und so gar nicht zu seiner unbeschwerten Haltung passte. Er schien gleicherma├čen steinalt und doch wie neu geboren.
Mit einem Mal stand er direkt vor mir, packte mich an den Schultern um mich festzuhalten. In diesem Moment ergriff mich ein unglaublich starker ├ťberlebenswille. Ich wusste, dass jetzt meine letzte Chance war, ihm zu entkommen. Ich stie├č ihn beiseite und rannte so schnell ich konnte, rannte aus meiner Wohnung hinaus ins Treppenhaus.
Sichtlich ├╝berrascht von meiner Attacke war er kurz zur Seite getaumelt, heftete sich jedoch gleich wieder an meine Fersen. Ich nahm gleich mehrere Stufen auf einmal, rannte wahrlich um mein Leben.
Im letzten Stock stie├č ich die T├╝re zum Dach des Geb├Ąudes auf. Als ich die eiskalte Winterluft einatmete, wurde mir auf einmal klar, was geschehen w├╝rde.
Meine Mutter hatte am Abend vor ihrem Tod andauernd von Zitronen gesprochen, war ganz verr├╝ckt danach. Jetzt konnte auch ich ganz deutlich diesen Geschmack in meinem Mund sp├╝ren.
Behutsam drehte ich mich um, ich konnte seine Anwesenheit sp├╝ren. Und er stand tats├Ąchlich direkt hinter mir. Er starrte mir so tief in die Augen wie noch nie. Ein kurzer Schmerz durchzog meinen K├Ârper. Dutzende Raben flogen pl├Âtzlich um mich herum, wurden zu einem schwarzen Vogelmeer, alles begann sich zu drehen, ich h├Ârte nur noch das laute Geschrei der V├Âgel, bis ich schlie├člich in der Finsternis versank und das Bewusstsein verlor.
Ich hatte dem Tod ins Auge geblickt.

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DocSchneider
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Deine Geschichte liest sich spannend, Du sollest noch ein paar kleinere Rechtschreib- und Zeichensetzungsfehler verbessern. Den Titel w├╝rde ich ├Ąndern, weil er die Pointe zu fr├╝h vorwegnimmt.


Viele Gr├╝├če von DocSchneider

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