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Leselupe.de > Tagebuch - Diary
Freundschaft
Eingestellt am 23. 01. 2003 06:26


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flammarion
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Freundschaft

„Das Herz gleicht einem Meere,
hat Sturm und Ebbe und Flut,
und manche schöne Perle
in seiner Tiefe ruht.“

Das schrieb mir damals meine Freundin ins Poesie-Album. Ich revanchierte mich mit
„Spricht alle Welt von deinem Freunde schlecht,
misstrau der Welt und gib dem Freunde Recht.
Nur wer so standhaft seine Freunde liebt,
ist wert, dass ihm der Himmel Freunde gibt.“

Sie hatte mich mit ihrem Spruch stark beeindruckt, denn das war nicht das allgemein ĂŒbliche „Rosen, Tulpen, Nelken . . .“. Ich hoffte, sie ebenso stark beeindruckt zu haben und war fest entschlossen, wie ein eherner Schild an ihrer Seite zu stehen. Auch hoffte ich, dass sie nach den Perlen in den Tiefen meines Herzens suchen wĂŒrde.

Nun ja, reden wir nicht lĂ€nger darĂŒber. Ich war das einzige, was sie bekommen konnte in Berlin. Ihre Familie stammte aus ThĂŒringen. Irgendwann wurde ihr Vater nach PeenemĂŒnde versetzt, wo das lebensfrohe MĂ€dchen rasch einen umfangreichen Freundeskreis hatte.
Als sie fĂŒnfzehn Jahre alt war, wurde der Vater nach Berlin ins Ministerium berufen. Sie hĂ€tte gern die Schule an der KĂŒste beendet, aber darauf konnte keine RĂŒcksicht genommen werden. So stand sie also mutterseelenallein in ihrer Pionieruniform auf dem Schulhof. Zum GlĂŒck immer in der NĂ€he der Pionierleiterin oder eines Lehrers.
Bald erkannten ihre Eltern, dass die Pionierkleidung in Berlin nur zu besonderen AnlĂ€ssen getragen wurde und nicht tĂ€glich. Nun konnte sich Antje auch mit ihren FĂ€usten Respekt verschaffen. Warum sie angefeindet wurde? Na, Rucksackberliner, Sachsenscheisser, Fischkopp, Bonzenknecht – das alles war sie in den Augen ihrer Klassenkameraden. Ich konnte es mir leisten, sie zu mögen, denn ich ging in eine andere Klasse und war dort ebenso gemieden, weil ich ein EinzelgĂ€nger war. FĂŒr mich war sie genauso das einzige, was ich bekommen konnte.

WĂ€hrend unserer schier endlosen GesprĂ€che staunte sie immer wieder, wie viele BĂŒcher ich gelesen hatte und ich staunte, wie viele Filme sie sich angesehen hatte. Aus Geldmangel konnte ich nicht – wie sie – jede Kindervorstellung besuchen. Ich versuchte vergeblich zu berechnen, wie viel der Herr Oberstleutnant wohl verdienen mag, dass er eine Familie mit vier Kindern nicht nur ernĂ€hren, sondern auch noch verwöhnen konnte.

Wir ergĂ€nzten uns ganz wunderbar. Was sie nicht konnte, konnte ich und umgekehrt. Sie zeigte mir, wie man Seemannsknoten knĂŒpft und ich half ihr bei den Hausaufgaben. Durch den Umgang mit mir wurde es ihr leichter, sich im Berliner Dialekt zurechtzufinden und ich lernte von ihr, was ein Asch ist oder eine Grude. Asch ist ein Blumentopf und Grude eine Feuerstelle zum Kochen.

Im Sommer merkte sie, dass ich nicht schwimmen konnte. Das wunderte sie sehr, denn in der fĂŒnften Klasse hatten doch alle SchĂŒler damals Schwimmunterricht. Ich maulte: „Da bin ick nich oft jenuch hinjejang.“ Ich wollte ihr keine Einzelheiten erzĂ€hlen, wozu ihre Laune noch mieser werden lassen? Außerdem hatte sie mir gestanden, dass auch sie manchmal die Schule geschwĂ€nzt hatte und dies als großes Abenteuer ansah.
Die Schwimmbewegungen beherrschte ich, nun meinte sie, mir die Angst vor dem Wasser nehmen zu mĂŒssen. Ich tönte: „Ick hab keene Angst vor Wasser, hier, kieke her!“ und ging in den Orankesee hinein, bis mir das Wasser ans Kinn reichte. An jenem Tage lernte ich das Schwimmen nicht.
Dann gingen wir ins Freibad Pankow. Hier sollte ich in das gemauerte Becken springen. Sie sagte: „Das Wasser trĂ€gt dich!“ aber ich wollte es nicht glauben. Ich hatte keine Angst vor dem Wasser, nur vor dem harten Boden. Also sprang ich mit den FĂŒssen voran, da konnte nicht viel passieren. Ja, aber schwimmen lernt man so nicht.
Sie scheuchte mich aus dem Wasser: „Du musst mit dem Kopf voran springen!“ Ich war zu einem „Bauchklatscher“ bereit und legte ihn hin. „Das bringt nichts.“ konstatierte sie. „Geh raus und versuche es noch mal.“ Gehorsam stellte ich mich wieder an den Beckenrand, zögerte aber, mich köpflings ins Tiefe zu stĂŒrzen. Freundlich forderte sie mich auf: „Kuz dich.“ Ich glaubte, mich verhört zu haben. „Wat soll ick?“ fragte ich. „Dich kuzen, kuz dich, dann geht’s leichter.“
Ich war in der grĂ¶ĂŸten Verlegenheit. Was, bitte schön, ist kuzen? Wie sieht das aus und wie macht man das? Noch ehe ich diese Fragen formulieren konnte, kam sie wie eine Rakete die Leiter hoch und schimpfte: „Ja, wie blöd bist du eigentlich, dass du dich nicht kuzen kannst? Kuz dich endlich!“ Ich stotterte hilflos: „Was ist denn kuzen?“ und endlich klĂ€rte sie mich auf: ich sollte in die Hocke gehen! An diesem Tage lernte ich schwimmen und wir haben spĂ€ter noch oft ĂŒber jene kuriose Situation gelacht.

Im SpĂ€tsommer bekamen wir wĂ€hrend einer langen Wanderung Appetit auf eine Bockwurst und stellten uns an einer Bude danach an. Wir ignorierten, dass wir die einzigen weiblichen Geschöpfe waren und bissen herzhaft in unsere WĂŒrste. Da sagte ein Kerl zu meiner Freundin: „Na, du hĂ€ttest die Wurst doch lieber unten drin statt oben.“ Mir fiel fast der Bissen aus dem Mund, als ich Antje lĂ€chelnd sagen hörte: „Ja!“
Rasch zog ich sie weg: „Komm, komm, wir können die Wurst auch im Laufen essen, du sollst doch nicht zu spĂ€t zu Hause sein!“ Unwillig folgte sie mir. Sie glaubte, der Mann habe mit „unten“ den Magen gemeint und hĂ€tte sich gern noch lĂ€nger mit ihm unterhalten. Ich klĂ€rte sie auf und sie schnaubte verĂ€chtlich: „Was du alles weißt!“
An diese Begebenheit rĂŒhrten wir nie wieder.

Ja, so ist Freundschaft. Ein Geben und ein Nehmen.

__________________
Old Icke

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Renee Hawk
???
Registriert: Jan 2001

Werke: 17
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ich freue mich jetzt schon auf Samstag *gg* und auf das Lachen in der Lupen-Runde.

liebe Flammi,

deine Zeitzeugnisse sind so lebendig und greifbar nah.

liebe GrĂŒĂŸe
ReneĂš

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Arno1808
Guest
Registriert: Not Yet

Liebe flammarion,

Renee schrieb es bereits:
lebendig, aus dem Leben gegriffen und so erzĂ€hlt, dass man sich gemĂŒtlich zurĂŒcklehenen und den Text einfach wirken lassen möchte.
Schön!

Lieben Gruß

Arno

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kaffeehausintellektuelle
Guest
Registriert: Not Yet

eine schöne geschichte ĂŒber eine schöne freundschaft.

ich kann auch einen spruch bieten fĂŒrs poesie-album.

freunde sind wichtig zum sandburgen bauen
freunde sind wichtig , wenn andre dich hauen
freunde sind wichtig, im freien, im zimmer
wann freunde wichtig sind?
eigentlich immer.

gut gefallen hat mir auch, dass du uns die begriffe ĂŒbersetzt hast.
und mir persönlich war der teil mit der pioniersache ein bisschen zu lang, vielleicht, weil ich damit gar nix anfangen kann? aber trotzdem eine geschichte, wie ich sie gerne lese.

Lady K.

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Melchior
???
Registriert: Oct 2001

Werke: 30
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...

Wirklich toll
Den Text mein ich, bei dieser
Gelegenheit möchte ich eine
Frage stellen, wenn ich darf:
Was soll das denn alles?
Obwohl, andererseits ist das
wohl nicht so wichtig.
Wirklich toll
__________________
Melchior

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flammarion
Foren-Redakteur
Routinierter Autor

Registriert: Jan 2001

Werke: 278
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hi all,

vielen dank fĂŒrs lesen und fĂŒrs feedback. speziellen dank fĂŒr den poesiealbumspruch, den kannte ich noch nicht. aber ich staune, dass dir die pioniersache zu lang war, ist doch nur ganz kurz angerissen. ich hĂ€tte noch einfĂŒgen können, wie unglĂŒcklich meine freundin war, im steifen dress herumstehen zu mĂŒssen.
was das soll, kann ich dir sagen: einige berliner lupis treffen sich regelmĂ€ĂŸig und stellen sich eine schreibaufgabe. mit obiger geschichte habe ich meine pflicht erfĂŒllt. und, gefĂ€llt sie dir jetzt schlechter?
ganz lieb grĂŒĂŸt
__________________
Old Icke

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