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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Freundschaft
Eingestellt am 16. 02. 2001 13:33


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Daniel Ketteler
Hobbydichter
Registriert: Feb 2001

Werke: 5
Kommentare: 1
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Winter. SpÀtsommer.


Er erwartete eine Reaktion von mir, aber ich war zu sehr mit meinen eigenen Gedanken beschÀftigt, um mich auf eine Unterhaltung mit ihm einzulassen.
Tim hatte sich verĂ€ndert in der letzten Zeit, vielleicht hatte aber auch ich mich gewandelt und betrachtete meinen langjĂ€hrigen Freund jetzt von einer mir sonst nicht zugĂ€ngigen Perspektive aus. NeuronenverknĂŒpfungen neuer Art halten das Mark des Lebens in stĂ€ndigem Flusse, Erfordernisse höchster PrioritĂ€t, was meine Meinung angeht.
Noch vor Kurzem hĂ€tte ich mein GegenĂŒber als ein wenig unrealistisch, komplexgequĂ€lt und vor allem verletzlich charakterisiert, im Moment erlebte ich Tim als durchaus abgeklĂ€rt und geordnet. Seine verdorbene Weltsicht auf meine Wenigkeit abgewĂ€lzt, spielte er nicht den mit sich im Reinen Menschen, hatte er keine ĂŒberdimensionale Maske auf wie so oft, nein, er war sichtlich zufrieden, was dazu fĂŒhrte, dass ich mich umso schwĂ€cher und ausgehöhlter in seiner Gegenwart fĂŒhlte.
Ich, ein HĂ€ufchen Kot, schwimmend in einem phosphorizierenden Kanal voller Unrat und FĂ€kaliengestank. Beißender Dunst lĂ€sst meine Brille beschlagen in diesem Kanalrohr der Superlative. Das bebrillte Gesicht umherbewegend, besudelt mit braunem Schleim, erblicke ich schwach umrissen meinen sonst so zerwĂŒhlten Freund auf einer Trieme neben mir. Ich, gekentert mit meiner Nussschale, havariert auf dem Weg zum göttlichen Gully, gepriesen sei unser aller Vater.
Hildegards Leiche schwamm an uns vorĂŒber. Gelangen Kadaver etwa eher zur Apotheose? "Hast du das gesehen Tim?" schreie ich, im Abwasser rudernd, meinem Antipoden hinĂŒber. "Bitte Tim, wenn es sich so verhĂ€lt, dann lass mich ersaufen." Seine dĂŒnne, selbstsichere Stimme drang an mein Ohr: "Ich kann dir
hier nicht helfen, retten musst du dich schon selbst." Wie recht er damit hatte. In solch brisanter Lage kann man sich nur mit den hauseigenen Rettungsreifen in Sicherheit bringen.
Einst wurde ich von einem meiner Patienten in der Psychiatrischen bekehrt: "Der Tod hat seine Zeit, das Wachwerden, der Schmerz, das Licht, die Geburt, die Liebe, die Sonne, das Pflanzen. Sollen wir da nicht danken unserem Schöpfer Zebaoth, fĂŒr so viel Wohltaten, die er an uns armen, armen Menschenkindern macht?"
Wie recht auch dieser geschundene Geist hatte.
Ich schreckte aus meinem Halbschlaf auf und registrierte, dass Tim mit mir sprach: "... zeigt seine Bilder nie, sondern lagert sie auf dem Dachboden, hĂ€ngt sie nicht mal in seine eigene Wohnung". "Ach, ja?" entgegnete ich, um meine Gedankenversunkenheit zu ĂŒberspielen. Tim sprach von dem KĂŒnstler Pietrovski, den wir gerade besucht hatten. Dieser Mann malte nun seit Jahren, zeigte seine Bilder jedoch niemand. Tim, der Extrovertierte, verstand solche ZurĂŒckhaltung nicht. Heute nach 3 Jahren, ich sprach ihn letzte Woche, versteht Timo diese Scheu, heute studiert er Kunst und weiß, dass jeder Blick auf eines seiner Bilder deren sukzessive Demontage bedeutet. Herr Pietrovski: Ein seltsamer Kauz: Er sei 59 Jahre alt, wirkte auf mich jedoch hilflos wie ein Fötus. Ich mochte den hageren Herrn, mir behagte seine Bescheidenheit und Ehrlichkeit. SchĂŒchtern hatte er uns, Tim und mich, in seine Wohnung gebeten.
Obgleich seine etwas dunkle Behausung sehr wohnlich eingerichtet war, wirkte der spitzbÀrtige, angegraute Mann wie ein Fremdkörper in seinem Haus.
Irgend etwas schien sich in diesem Hause gegen den mageren Pietrovski verschworen zu haben. Dieser war zerstreut, blickte mit seinen nervösen Augen glasigen Blickes von mir zu Tim. Da er mich nicht kannte, sah er Tim kurz fragend an. Er machte den Eindruck, als habe er lange Zeit keinen Besuch gehabt.
ZunĂ€chst, leicht verunsichert, auf Tim fixiert, redete er in SĂ€tzen wie: "Tim, setz` dich" oder Was möchtest du, Ă€h, ihr trinken? Tee?", wobei er mich in seiner unbeholfenen nicht unhöflichen Art regelmĂ€ĂŸig ĂŒbersah.


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