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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Frieden
Eingestellt am 13. 05. 2001 21:10


Autor
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JeanJeanny
Festzeitungsschreiber
Registriert: May 2001

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Ihre Lippen bewegen sich. Sie bewegen sich noch. Bewegen sich zu einem lautlosen Rhythmus, der genauso lautlos wie ihre Worte ist.
Die Lippen sind das einzige an ihr, das sich noch bewegt. Aber jetzt werden auch sie still. Still wie die ausdruckslosen, grauen Augen. Die wundervollen Augen, diese Augen mit ihrer wundersch├Ânen Wolkenfarbe.
Die Augen sehen jetzt in die grauen Wolken. Die Wolken sind grau wie die Augen. Aber die Wolken wirken plastisch, w├Ąhrend sie immer ebener zu werden scheint. Eben wie die Oberfl├Ąche eines Massengrabs auf dem Friedhof.
Und unter der Erde des Grabes bewegen sie sich, die W├╝rmer. Und fressen sich durch graue Augen. Graue Augen wie ihre. Ausdruckslose Augen von M├╝ttern, die ihre Kinder verloren haben. Und die deswegen ausdruckslos und grau geworden sind. Und die deshalb jetzt auch still sind. Still wie die Grabsteine auf dem Massengrab der M├╝tter mit den toten Kindern.
"Aber ihre Lippen bewegten sich noch!" schreit da der Mann am Fu├če des Grabs und f├╝hrt dabei die H├Ąnde zu dem dunklen Gesicht und zu den dunklen Augen.
Die Augen waren schon immer dunkel. Das Gesicht ist es erst seit einer Woche. Seit sie ihre Lippen zu dem lautlosen Takt bewegte, der dann so abrupt endete. Wie ein Lied abrupt endet. Wie ein Marschlied abrupt endet, wenn jemand sagt, dass der Krieg zu Ende ist.
Der Krieg war zu Ende. Aber ihre Augen sind jetzt grau, obwohl sie einmal so dunkel waren wie seine. Und sein Gesicht ist jetzt dunkel, obwohl es einmal so hell war wie das Fleisch der M├╝tter, die in dem Massengrab liegen.
Und er hat eine Uniform an, eine gr├╝ne Uniform. Gr├╝n wie die Hoffnung und gr├╝n wie die Wiese auf dem Friedhof. Aber der Krieg ist vorbei, seit gestern vorbei, und die gr├╝ne Uniform passt nicht mehr zum Frieden.
Aber der Mann der Mutter mit den wundersch├Ânen grauen Augen, die einmal dunkel waren, wie seine dunkel waren, passt gut auf die gr├╝ne Wiese des Friedhofs mit seiner gr├╝nen Uniform. Seine und die grauen Augen der M├╝tter passen gut zu den Steinen mit den vielen Namen und Lebensdaten. Die dunklen Gesichter passen gut zu der dunklen Erde, in der die wei├čen Maden die wei├čen Leichen fressen.
Die Stille auf dem Friedhof passt gut zu der Stille des neuen Friedens.

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Rote Socke
Guest
Registriert: Not Yet

Hut ab!!!

F├╝r den Mut einen solchen Text zu schreiben. Sehr lesenswert im Inhalt und in der Sprache. Gef├Ąllt mir sehr.
So hoffe ich noch weitere Texte dieser Art bei LL zu finden.

Gruss
RS

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JeanJeanny
Festzeitungsschreiber
Registriert: May 2001

Werke: 18
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nicht so kreativ...

Hallo RS,

danke, aber der Text ist wirklich nicht so lobenswert, wie Du vielleicht meinst. Er ist sehr von - wie kann es auch anders sein? - Wolfgang Borchert beeinflusst und wirkt - in meinen und auch in den Augen anderer - fast schon wie eine Parodie... leider... auch das Thema bezog sich leider wieder auf Krieg (Du wei├čt ja, mein lieber Wolfi war ein Nachkriegsautor). Wie vieles, was ich schreibe, war auch das einfach mal ein Versuch. Hier einer, in dem ich versuchte, seinen (Borcherts) Schreibstil ein wenig nachzuahmen. Ist mir wohl nicht ganz gelungen...

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Rote Socke
Guest
Registriert: Not Yet

Hi JJ,

ich kenne den Schreibstil von Borchert nicht und kann deswegen auch keinen Vergleich anstellen oder diesbez├╝glich urteilen. Mir pers├Ânlich hat der Textinhalt und die Schreibform gefallen. So ist es und so bleibt es.

Gruss
RS

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