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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Frische Fische
Eingestellt am 23. 03. 2007 12:55


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Klaus M├╝hlen
Hobbydichter
Registriert: Dec 2006

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Frische Fische

Ich lebte damals bei meinen Gro├čeltern. Gerade mal vier Jahre alt. Wir wohnten in einem kleinen St├Ądtchen an dem Fluss Peene. Dieser m├╝ndet ins Haff und flie├čt von dort in die Ostsee. Es waren die Jahre kurz nach dem gro├čen Krieg 1945. Wohl kaum hatte damals einer der Familien Essen in H├╝lle und F├╝lle. So wie es heute ein jeder kennt. Doch Fisch gab es in allen Variationen, t├Ąglich. Schon fr├╝h am Morgen boten die Fischer ihre Ware auf den Markt an. Alle Arten waren darunter und frisch, zappel-frisch. In der Nacht oder gar erst gegen Morgen waren sie mit gro├čen Netzen im Fluss gefangen worden.
Als Bub konnte ich die einzelnen Fischsorten noch nicht voneinander unterscheiden. Nur erkannte ich, dass die einen eben rund waren und andere schmal, auch Platte darunter, kugelrunde Fische sogar. Meine Gro├čmutter nahm mich immer mit zum Markt.
Die Fische wurden abgewogen. Jedes Gramm kostete. Dabei strampelten sie mit den Flossen, die Kiemen flatterten aufgeregt, und voller Ungeduld versuchten sie, mit ihren geschmeidigen K├Ârpern von der Waage zu springen. So voller Tatendrang, dass sich dabei bereits Schuppen von ihren K├Ârpern l├Âsten. Eben, noch bevor sie es ahnen konnten, welchem Schicksal sie entgegen zappelten. Ich dachte, wie Bl├Ątter im Herbst an den B├Ąumen, die ungeduldig pendeln und im Wind fortfliegen m├Âchten.
Dann wurden die Fische bezahlt, in Zeitungspapier eingewickelt und in den Einkaufskorb gelegt. Dar├╝ber kamen andere Lebensmittel. Ein lebender Korb wahrlich, den meine Gro├čmutter mit nach Hause nahm. Dort stellte sie den Korb eigenartigerweise nie auf den Tisch, sondern auf einen der St├╝hle in der K├╝che. Es war so ihre Gewohnheit, sich zu b├╝cken und aufzurichten beim Herausnehmen des Inhalts im Korb. Wo sie durchaus nicht klein an K├Ârpergr├Â├če war. Vielleicht war es ihre Art der R├╝ckengymnastik, damals zum Fithalten.
Dann wurden die Lebensmittel in die Schr├Ąnke verteilt. Das Gem├╝se und Obst kam in die kleine Abstellkammer gleich neben dem K├╝chenfenster, aus dem man in den Hof hinausschauen konnte, umgeben von hohen H├Ąusern. Kein Sonnenstrahl fiel in den Raum. So auch nicht in die Speisekammer, in der kein Fenster Licht hinein lie├č und dadurch es innen stets k├╝hl blieb. Ein kleiner Raum mit Regalen an den W├Ąnden, ummauert, mit einer einfachen Holzt├╝r aber nur versehen, in einer Ecke der K├╝che.
Den im Zeitungspapier eingeh├╝llten Fisch legte sie auf den Tisch und ging hinaus. Einfach so, vor meinem Gesicht, hatte sie die noch mit Zeitungspapier umh├╝llten Fische gelegt, als sollte ich sie bewachen. Dabei konnte ich erst gerade mal ├╝ber die Tischkante schauen. Ich sah, wie sich das P├Ąckchen bewegte, und Schwanzflossen das Papier zur Seite schlugen.
Ich griff mit meinen kleinen H├Ąnden zu, um beides festzuhalten. Mehr um die Fische wieder einzuwickeln. Dass dies falsch war, wusste ich hinterher. Das Papier war nass und die Fische glitschig. Ich schaffte es nicht. Die Fische schl├╝pften aus dem Papier und fielen auf den Steinboden. Es klatschte, und sie rutschten auf den K├╝chenboden nach allen Seiten davon. Nur das Papier nicht. Es klebte in meinem Gesicht. In meine Nase drang der feuchte modrige Geruch des Wassers aus dem gro├čen Fluss. Ich riss das Papier von meinem Gesicht und schmiss es den Fischen hinterher. Diese bogen sich, so glaube ich, vor Lachen und rutschten auf den Boden dahin, wie auf einer Eisbahn. Einer wollte sich sogar verstecken. Unter den K├╝chentisch rutschte er. Und mit Schwung kam er wieder hervor. Da packte ich zu. Wenn er unter dem Schrank geblieben w├Ąre, h├Ątte ich ihn nicht mehr zu fassen bekommen. Anfassen, das war schon eine schl├╝pfrige Sache und dann noch festhalten. Oh Gott, oh Gott.
Ich kroch auf den Boden diesem einen Fisch hinterher. Fasste nach ihm und schwupp, glitt er wieder davon. Auch mit beiden H├Ąnden packte ich zu. Die anderen Fische schienen zu lachen. In den Augen kullerten die dunklen Pupillen hin und her, und den Mund rissen sie weit auf. Da wurde ich w├╝tend. Mit aller F├╝lle meines kleinen K├Ârpers warf ich mich auf den Fisch. Er zappelte unter meinem Bauch. Aber wie sollte ich ihn hochbekommen? Ich bem├╝hte mich. Meine H├Ąnde griffen von links dann von rechts. Es gelang mir nicht.
Unter mir ein Fisch, der um sein Leben bangte und ├Ąngstlich wild um sich schlug mit der Schwanzflosse.
Langsam drang N├Ąsse durch mein Hemd und mir wurde k├╝hl am Bauch. Um mich rum die anderen Fische. Sie sprangen zur Wand und zur├╝ck, auf den Schrank zu. Ich schrie, als seien alle Fische dieser Welt nur um mich herum: "Nur nicht dort hin!ÔÇť Meine Gro├čmutter kam herein und dachte sicherlich, wer wei├č, was passiert ist. Nun lachte auch sie. Sie lachte noch, als sie die Fische aufsammelte und in eine gro├če Sch├╝ssel legte. Aber da zappelten die Fische schon nicht mehr. Was mich verwunderte.
Gro├čmutter ging gleich an die Arbeit. Zerlegte jeden einzelnen Fisch und gab sie in eine Tunke, so eine Art wie Salzlauge musste es gewesen sein. Von K├╝hlschr├Ąnken tr├Ąumte damals noch jede Hausfrau. In manchen Wohnungen stand schon so etwas ├ähnliches herum. Au├čen Holz mit einer dicken T├╝r, mit Eisst├╝cken, die Brauereien verkauften. Doch meine Gro├čeltern brauchten so etwas noch nicht. Sie hatte ja diese k├╝hle Abstellkammer in der K├╝che.
Jeden Tag gab es Fisch, eingelegt, gebraten, umbacken, sauer oder s├╝├č in Gelee, so als S├╝lze. Immer wieder eine neue Variante, die sich Gro├čmutter einfallen lie├č.
Wenn ich heute einen Fischladen betrete, f├Ąllt mir dieses Erlebnis mit dem Fisch unter dem K├╝chenschrank immer wieder ein. Dieser Geruch von Fisch begleitet mich von da ab ├╝berall hin.
Doch Fisch esse ich heute nicht mehr allzu gern. Dort wo ich jetzt lebe, in den Bergen, auf der Alm, gibt es sowieso keinen Fisch.






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