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Leselupe.de > Humor und Satire
Fünf Feinde
Eingestellt am 30. 12. 2000 14:46


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JCC
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Fünf Feinde





Starring:

Rosi, die kleine Hobby-Hure

Mary, der so gern ein Mädchen wäre

Fridolin, der schelmische Schachfreak

Mike, das sympathische Opfer der Gesellschaft

Adolf, der herzige Pitbull





„Oh, es ist so fein, daß wir unsere Ferien auf Onkel Vladimirs Schloß verbringen dürfen!“, jauchzte Fridolin am Frühstückstisch, „findet Ihr nicht auch?“ Von allen Seiten erscholl ein beifälliges „Halt's Maul, Arschgesicht“, und die kleine Rosi, die mit ihrem knallroten Lippenstift und den schwarzen Stilettos wirklich allerliebst aussah, vor allem, wenn sie verschlafen mit den langen Fingernägeln an ihrem kurzen, giftgrünen Stretchkleid herumzupfte, erwiderte strahlend den Blick, den sie aus Fridolins matschbraunen Augen hinter den dicken Brillengläsern auffing. „Oh ja“, hauchte sie und starrte mit großen, erwartungsvollen Augen über den Flur, wo hinter einer Tür Onkel Vladimir schon arbeitete, „wer weiß, was wir hier alles für... Abenteuer erleben werden...“

In diesem Moment steckte Tante Berta ihr rundes Gesicht aus der Küche durch die Eßzimmertür. „Möchte noch jemand etwas Milch? Du vielleicht, Mark?“ Tante Bertas Sohn Mark, ein großer, kräftiger Knabe von zwölf Jahren, stand abrupt auf, wobei sein Stuhl krachend zu Boden fiel, und rannte mit finsterem Gesicht nach draußen in den Garten.

„Aber Tante Berta“, sagte Rosi sehr vorwurfsvoll, „Du weißt doch, daß Mary es gar nicht mag, wenn man ihn Mark nennt. Er wäre doch so gern ein Mädchen...“ „Ach ja, der arme Junge, er hat's nicht leicht“, seufzte Tante Berta. „Die miese kleine Schwuchtel“, knurrte Mike, „der gehört mal ordentlich die Fresse poliert. Bei Fuß, Adolf!“ Mike und sein kleiner Freund rauschten hinaus. Gerührt sah Tante Berta ihnen nach. „Ich finde es so lieb von Mike, wie er sich um seinen Vetter kümmert... Vielleicht hilft ihm die Gesellschaft eines richtigen Buben wie Mike, sein Problem zu überwinden.“ Ein laues Lüftchen trug ein paar Schmerzensschreie durch die offene Terassentür hinein. „Noch etwas Brot, Kinder?“

Nach dem Frühstück gingen die Kinder gemeinsam hinunter zum Strand. Rosi grabschte sich Fridolins Hand, der ihr seinerseits gelegentlich ein schiefes Grinsen und ein Augenzwinkern zuwarf, das er neulich in einem alten Film gesehen hatte. Das wiederum ließ Rosi über die Frage nachdenken, welche Wirkung Frischluft auf Spastiker haben mochte. Mike hielt Mary fest im Arm, der ihn voller Zuneigung anröchelte und von der guten Seeluft langsam eine gesund-violette Gesichtsfarbe bekam. Und um die Freunde tollte Adolf herum, nur gelegentlich ein unsachtsames kleines Kind anfallend.

Gerade als die fünf am Wasser angekommen waren, trieb rein zufällig eine braune, verkorkte Flasche an den Strand. Mike ließ Mary los und stürzte darauf zu. „Geeeil!“, hörten seine Freunde ihn quer über den Strand rülpsen, „booooah...“ In der braunen Flasche, die er gegen die Sonne hob, konnte man eine Pergamentrolle erkennen. Mit den Zähnen riß Mike den Korken aus der Flasche, auf der noch ein zerfetztes Bieretikett zu sehen war, und spuckte ihn in den Sand. Anschließend drehte er die Flasche um, ließ die Pergamentrolle rausrutschen und hielt sie zuerst etwas unschlüssig in der Hand. Dann ließ er das Papier achtlos zu Boden fallen und hielt die Flasche wieder gegen die Sonne. „Geilgeilgeil!“ Er drehte sie wie ein kostbares Juwel, damit alle Facetten das Sonnenlicht einfingen. „Die Dinger werden seit anderthalb Jahrn nich mehr hergestellt! Wißt Ihr, wat dat heißt? Die is VOLL ALT!“

Seufzend überließen die anderen ihn seinem Freudentaumel und hoben das Pergament auf. Vorsichtig entrollten sie es und betrachteten die Zeichnung, die darauf zum Vorschein kam. Mary erkannte es als erstes: „Das ist eine Karte!“ Er kannte sich von allen Kindern am besten in der Gegend aus. Mit dem Finger deutete er auf die Zeichnung. „Das hier ist das Meer und die Küste, hier ist das Schloß und der Weg, der hinführt, und das da ist der Kaninchenstall vom alten Fischer Johann!“

„Na super“, sagte Rosi, „was für ein Glück, daß wir diese auffallend präzise und guterhaltene Karte von unserem Ferienort gefunden haben, sonst hätten wir uns noch auf das monatealte, bunte Ding vor der Touristeninformation verlassen müssen.“ Marys sonst so verschlossene und abweisende Miene erhellte sich mit einem Mal, als Rosis aufrichtige Worte so unerwartet sein Ego streichelten. Strahlend blickte er von der säuerlich lächelnden Rosi wieder auf die Karte und fuhr fort zu erklären: „Das muß eine Schatzkarte sein!“ „Ach ja, ein Schatz. Was sonst“, bekräftigte Rosi zutiefst überzeugt. „Ein Schatz!“, rief Fridolin begeistert, „oh, es ist so herrlich, daß wir hier Urlaub machen, wo es ein Schloß gibt und einen Strand und einen Schatz und voll alte Bierflaschen! Findet Ihr nicht auch?“

Mike gesellte sich nun wieder zu ihnen, die Flasche wie ein Baby im Arm, gefolgt von Adolf. „Hab Kohldampf“, knurrte er. Da fiel es auch den anderen Kindern auf, daß sie schon seit bestimmt anderthalb Stunden nichts mehr gegessen hatten, und sie machten sich mit ihrem Fund auf den Heimweg, wo die fürsorgliche Tante Berta schon mit einem reichhaltigen Mittagessen auf sie wartete.

Nach dem Essen verkündete Mary laut, er werde jetzt den Schatz suchen gehen. Wenn sie seine Freunde wären, würden sie mitkommen, aber da ihn sowieso keiner leiden könne, sei ihm das schnurzegal. Daraufhin stapfte er mit gesenktem Kopf in den Garten.

Die anderen Kinder waren hin- und hergerissen zwischen dem Verlangen, zu Hause zu bleiben und den erfolglosen Mary abends mit liebevollem Hohngelächter wieder zu empfangen, und dem Wunsch, den Armleuchter gleich vor Ort zu verarschen. Schließlich siegte der kindliche Spieltrieb und fröhlich schwatzend liefen sie ihrem kleinen Freund hinterher.

Im Garten studierte Mary bereits mit wichtiger Miene die Karte. Fridolin blickte ihm über die Schulter. „Ist das aufregend...“, seufzte er, „wo liegt er denn, der Schatz?“ „Spinner“, murmelte Rosi, während Mike einfach nur im Gras saß und sein Hundchen verträumt zwischen den Beinen kraulte. „Wenn ich das wüßte“, sagte Mary. „Weiß Onkel Vladimir nicht, wie man Karten liest? Er ist doch sehr gelehrt“, meinte Fridolin. Rosi horchte auf. „Ja, aber er ist furchtbar beschäftigt... und er würde es uns auch so nie verraten, denn er ist ein sehr mürrischer Mann“, warnte Mary. „Man müßte ihn irgendwie aushorchen, ohne daß er es merkt...“

„Laßt mich das tun!“, rief Rosi, „es ist doch zu wichtig, daß wir diesen Schatz finden!“ Erstaunt blickten die anderen sie an. „Aber sieh dich vor“, warnte Fridolin. Doch Rosi lief schon zum Schloß hinüber.

Schließlich stand sie vor der schweren dunklen Eichentür, die zu Onkel Vladimirs Arbeitszimmer führte, und klopfte leise an. Drinnen hörte sie Onkel Vladimir murmeln: „Was zum Teufel ist jetzt schon wieder los?“ Quietschend öffnete sich die große Tür und Onkel Vladimir starrte auf seine kleine Nichte herab. „Was willst du?“

Rosi schaute ihren Onkel an. Er war ein großer, hagerer Mann mit dunklen Haaren und furchteinflößenden Augenbrauen. „Ich bin doch deine Nichte Rosi, kennst du mich denn nicht?“ „Was - willst - du?“, knurrte er feindselig. Rosi schluckte. Das war ein unerwartet harter Brocken. Sie schob sich an ihm vorbei ins Zimmer. „Naja“, sagte sie, „du bist doch mein Onkel, und wie du dir vielleicht denken kannst, habe ich alle meine Verwandten ganz schrecklich lieb, und da dachte ich mir“, sie sah sich im Zimmer um, „wenn wir uns in bißchen mehr kennenlernen würden, könnte ich dich vielleicht auch ganz schrecklich lieb haben“, und blickte treuherzig zu ihm auf.

„Was glaubst du eigentlich...“, fing Onkel Vladimir an, und Rosi ließ sich auf einen Sessel fallen, wobei sie ganz schüchtern ein Bein über die Armlehne warf und ihr grünes Stretchkleid die Oberschenkel hinaufrutschte. „Ja?“ Fasziniert betrachtete Onkel Vladimir die rosa Elefanten auf Rosis Schlüpfer. Er setzte sich ihr gegenüber. „...wie wohl es mir altem Mann tut, mal wieder ein junges Gesicht in diesen kalten Gemäuern zu sehen?“ Er lächelte sie freundlich an. „Oh, ich bin wirklich sehr froh, dich endlich kennenzulernen!“, rief Rosi und strahlte Onkel Vladimir erwartungsvoll an. Der schaute sich nervös um und fragte: „Möchtest du vielleicht, ähm... ein Bonbon?“ Er durchwühlte ein paar Schubladen und sein Blick blieb wieder an den rosa Elefanten hängen. „Im Moment... äh... habe ich leider keins, aber wenn du deinen Onkel Vladimir morgen noch einmal besuchen kommst...“

Rosi stürmte zu ihm und fiel ihm so ungestüm um den Hals, daß ihr Ausschnitt ihre nackte Schulter freigab. „Au fein! Du bist ein lieber Onkel!“ Onkel Vladimir zuckte zusammen. „Nicht so wild, mein Schatz, mein Kreuz...“ Rosi riß die Augen auf: „Sagtest du : Nicht so wild, mein SCHATZ, mein KREUZ?“ „Ja doch.“

Überschwenglich drückte sie ihm ihre roten Lippen auf den Mund und ließ ihre Zunge freundschaftlich in seinem Mund herumfahren. „Jetzt geh ich aber wieder spielen, Onkel, bis morgen!“ Onkel Vladimir starrte ihr nach: „Bis morgen, Süße...“

Im nächsten Moment brüllte Rosi durch den Garten: „Ich hab's! Ich hab's aus ihm herausgelockt! Der SCHATZ ist mit dem KREUZ markiert!“ Mürrisch blickte Mary sie an: „Ich dachte, du glaubst nicht an den Schatz?“ „Doch, doch“, versicherte Rosi, „wenn Onkel Vladimir das schon sagt, glaub ich's auch.“ Aufgeregt scharten sich die Kinder wieder um die Karte. Sogar Mike wurde von der allgemeinen Begeisterung angesteckt und grunzte euphorisch. „Da!“, rief Fridolin und zeigte auf die Karte, „das da sieht irgendwie aus wie ein Kreuz!“ In solchen Momenten waren die Freunde froh, so einen intelligenten Jungen wie Fridolin bei sich zu haben. „Hm...“, grübelte Mary, „das ist... das ist... im Schloßkeller! Holt die Schaufeln und laßt uns den Geheimgang nehmen!“

Erwartungsvoll liefen die Kinder mit ihren Schaufeln ins Haus und die Treppen rauf. Drei Stunden später, nachdem sie alle Schränke geöffnet, alle Schalter gedrückt und alle Tapeten abgerissen hatten, versammelten sie sich mißmutig wieder im Erdgeschoß. „Man könnte fast meinen“, spekulierte Rosi, „es gibt hier gar keinen Geheimgang. Was für ein Krüppelschloß!“ Mary kniff den Mund zusammen und unterdrückte ein Schluchzen. „Ihr wißt doch gar nicht, wie ich mich dabei fühle...“ Plötzlich schnappte Fridolin nach Luft. Sein Mund blieb offenstehen und er stieß die Freunde an: „Da...“ Er zeigte in eine Richtung. „Da! Da ist eine... eine Treppe! Da führt eine Treppe in den Keller!“ Rosi hakte sich bei ihm ein. „Sowas gerissenes aber auch. Wer wäre darauf gekommen?“

Gemeinsam stiegen die Kinder die Treppe herunter. Je tiefer sie kamen, desto finsterer wurde es. Fauliges Wasser tropfte von der Decke und Moos wuchs an den Wänden. Den Kindern war etwas beklommen zumute, doch als Adolf auf einer Kellerassel ausrutschte und polternd die Treppe hinunterstürzte, bis die Freunde ihn nicht mehr sahen, mußten sie doch herzlich lachen. Ihr Kichern schallte von den Wänden zurück und sie fühlten sich befreit. Schließlich kamen sie in einem finsteren Kellergewölbe an, wo der blutende Adolf sie schon mit einem freudigen Zähnefletschen begrüßte. Rosi holte ein Feuerzeug aus der Tasche und zündete eine Fackel an, die in einer Halterung an der Wand befestigt war. Der trübe, flackernde Schein der Fackel erhellte das Gewölbe und die Kinder sahen sich um.

An der gegenüberliegenden Wand stand eine schwere Steintruhe. „Das muß der Schatz sein... oh, ist das aufregend!“, flüsterte Fridolin. Fasziniert standen sie um die große Truhe herum. „Wenn wir alle gemeinsam ziehen, kriegen wir den Deckel bestimmt auf!“, sagte Mary. Die anderen stimmten ihm zu und so versuchten sie mit vereinten Kräften, die Platte zu heben, die die Truhe verschloß.

Plötzlich hörte Mary Schritte. Er ließ die Platte los und fuhr herum. Der schwere Stein begrub die Finger von Mike unter sich, der neben ihm gestanden hatte. Seine Knochen machten ein lustiges Geräusch und ein kleines Rinnsal aus Blut floß friedlich und unbeachtet von den anderen auf der Seite der Truhe herunter. „Du bist tot, Tunte“, knurrte er. Doch keiner schenkte ihm Aufmerksamkeit, denn mittlerweile hatten auch Rosi und Fridolin die Platte niedergelegt und sich zur Tür umgedreht. Dort stand Onkel Vladimir.

„Sieh mal einer an“, sagte er, und die Fackel an der Wand warf diabolische Schatten in sein Gesicht, „wen haben wir denn da?“ „Oh, Onkel Vladimir“, sagte Rosi und lächelte nervös. „Halt's Maul, Lolita“, fuhr Onkel Vladimir sie an, „leider habe ich zu spät gemerkt, was für ein Geheimnis ich da ausgeplaudert habe. Aber das spielt jetzt auch keine Rolle mehr, denn nachdem die Karte nach so vielen Jahren wieder in meiner Hand ist, werde ich mir den Schatz holen. Gib sie mir!“

Ängstlich sahen die Kinder sich um. Den einzigen Ausgang versperrte der finster blickende Onkel Vladimir. Ihnen blieb nichts anderes übrig. Mary gab Onkel Vladimir die Karte. „Und jetzt werde ich euch aus dem Weg räumen!“ „Warte, Onkel!“, rief Fridolin, „sag uns noch eins: Wozu der ganze Aufwand? Du hättest den Schatz doch sowieso bekommen, er liegt doch in deinem Keller! Und wieso brauchtest du die Karte? Du müßtest doch wissen, was in deinem Keller rumliegt!“ „Nun gut, da ihr sowieso keine Zeit mehr haben werdet, irgendetwas weiterzuerzählen, will ich eure Neugier zumindest teilweise stillen... Es geht mir nicht nur darum, den Schatz endlich wiederzufinden, ich will auch, daß niemals etwas davon, daß es diesen Schatz gibt und woraus er besteht, an die Außenwelt dringt! Ihr werdet schon sehen, warum... ach nein, das werdet ihr nicht! Ich vergaß! Ha ha ha!“, lachte er höhnisch. „Und nun zu der Frage, wieso ich eine Karte in meinem eigenen Haus brauche. Ich habe diesen Schatz nicht selbst versteckt. Nein, es war eine junge Frau, die vor vielen, vielen Jahren hier mit mir auf dem Schloß lebte. Sie hat mir die Dinge geschenkt, aus denen der Schatz besteht, weil sie wußte, wie gern ich solche Sachen hatte... und auch sie fand es schön, wenn ich meine Freude daran hatte. Leider erwischte ich sie eines Tages im Bett des alten Johann. Ich warf sie hinaus, und als sie kam, um ihre Sachen zu packen, hat sie den Schatz wohl aus meinem Schrank gestohlen und aus Rache hier unten versteckt. Ich aber dachte, sie hätte ihn mitgenommen und wollte dafür sorgen, daß er bekannt würde, und so“, er zog eine Pistole aus dem Hosenbund und der Schein der Fackel spiegelte sich darauf, „ist ihr dasselbe passiert, was nun euch bevorsteht!“

Die Kinder erschraken. Wenn ihnen nicht bald etwas einfiel, würde er sie töten und ihre Leichen den Kellerasseln zum Fraß vorwerfen. Mary kämpfte mit den Tränen. „Habt ihr noch einen letzten Wunsch, ihr weinerlichen Rotzbälger?“ Das Wort „weinerlich“ schien durch die trübe Suppe von Mikes Bewußtsein gedrungen zu sein, und plötzlich wurde er zornig. „Faß!“, zischte er Adolf zu. Erschrocken riß Onkel Vladimir die Pistole hoch und feuerte einmal. Dann war Adolf plötzlich bei ihm und biß sich in seinem Bein fest. Onkel Vladimir stürzte zu Boden, nicht ohne vorher mit einer gewissen Befriedigung festgestellt zu haben, daß die Kugel Mike mitten in die Stirn getroffen hatte.

Während Adolf gierig begann, Onkel Vladimir zu verspeisen, setzte Mike sich etwas benommen auf die Steintruhe. Rosi blickte besorgt von hinten durch das Loch in seinem Kopf und sah den Lichtschein von der anderen Seite hindurchschimmern. Die Kugel schien durch nichts aufgehalten worden zu sein. „Wie fühlst du dich?“ „Boah ey... die is voll durchgegangen! Geil!“ Den Kindern fiel ein Stein vom Herzen, daß Mikes scharfer Verstand nicht gelitten hatte.

Gemeinsam versuchten sie nun ein zweites Mal, den Deckel von der Truhe zu heben, diesmal allerdings nur siebenhändig, und siehe da, es gelang! Wie entzückt waren die Kinder über den Reichtum, der sich da vor ihnen ausbreitete! Man beförderte Strapse und hohe, schwarze Lacklederstiefel in Größe 46 ans Licht, Handschellen, mit herrlich weichem Plüsch bezogen, geradezu verschwenderisch ausgestattete Stachelhalsbänder, eine handgefertigte Peitsche und Magazine mit vielen bunten Bildern, auf denen die Menschen gar lustig anzuschauen waren. Ja, jetzt wußten sie, was ihren Onkel zu diesen Anstrengungen getrieben hatte!

Adolf rülpste und die letzten Knochen des unglückseligen Onkels rollten müde über den Boden. Er würde mit dem Schatz nicht mehr viel anfangen können, also was tun? Die Freunde blickten sich an und verstanden sich auch ohne etwas zu sagen. Rosi richtete das Wort an Mary: „Auch wenn wir alle an dieser aufregenden Schatzsuche beteiligt waren, so möchten wir doch, daß dieser Schatz hier Dein sein soll. Du warst nicht nur von uns allen am engsten mit Onkel Vladimir verwandt und kommst seiner Schuhgröße am nächsten, sondern dir wird dieser Schatz auf deinem zukünftigen Lebensweg genausoviel Freude machen wie deinem Vorfahr.“

Eine Träne rollte Marys Wange hinunter. „Ihr seid so gut zu mir...“ „Ja, voll rührend“, stimmte Mike zu, „komm jetzt mit, Tunte, wir ham noch was zum Auszudiskutiern.“ Liebevoll schleifte er Mary an den Haaren hinter sich her, als er die Treppe hinaufstieg. Die Zurückgebliebenen schauten sich an und brachen in herzliches Gelächter aus. Rosi ergriff Fridolins Hand und zog ihn mit sich. „War das kein aufregender Ferientag?“ Gemeinsam stiegen sie die Treppe hinauf, gefolgt von Adolf, der seinen vollen Bauch gemütlich über die Steinstufen schleifen ließ.

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Ralph Ronneberger
Foren-Redakteur
Autor mit eigener TV-Show

Registriert: Oct 2000

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Hallo Christina,

ich bin wahrlich kein Freund von dumpfem Horror, sinnloser Gewalt und rüder Sprache. Meist geht es dabei doch nur um billige Effekthascherei und ist obendrein oft schlampig geschrieben. Oder es sind die mißlungenen Versuche, wirkliche Könner auf diesem Gebiet zu kopieren. Aber das hier - liebe Christina - das ist das Beste, was ich in dieser Art bisher auf der Lupe gelesen habe. Wenn ich gestehe, daß ich mich beim Lesen vor Lachen beölt habe, dann will das was heißen. Die Sache mit der VOLLALTEN Flasche, die rosaroten Elefanten von Rosi oder der Kopfschuß, der mangels Gehirn zu keinerlei Folgen führt und vieles andere - einfach herrlich.
Darüber hinaus ist alles so flüssig geschrieben. Man kommt nie ins Stolpern, rutscht höchstens mal auf einer Kellerassel aus und hat so richtig Spaß am Lesen. Wen dein Text, wie Jutta vermutet, für viele von uns zu lang ist, dann sind die Nichtleser selber schuld.

Gruß Ralph
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Schreib über das, was du kennst!

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Alex
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'Boah ey... die is voll durchgegangen! Geil' hät auch ich beim lesen sagen können.

Alex
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Das Herz ist eine Festung! Uneinnehmbar

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JCC
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Registriert: Dec 2000

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Vielen Dank.

Ich hab das Ganze auch mal zum Weltbild-Wettbewerb "Familienbande" geschickt, aber das war wohl nicht so ganz deren Stil.

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