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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Fünf Minuten (gelöscht)
Eingestellt am 08. 10. 2010 13:24


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nachts
???
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Lakritze
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Also gut -- hier der Text nochmal, drahtgebürstet.
Zwei, drei Sachen noch:

* Einige Abschnitte haben Absätze (z.B. Schöninger Marlies), andere nicht (z.B. Seitz Thomas); viele Sätze stehen einzeln -- das macht die Struktur etwas undurchsichtig. Vielleicht doch etwas kompaktere Abschnitte?

*

quote:
Jetzt war er längst kein Rädchen mehr, nur ein lautloser Geist.
quote:
Da ist der Jogging-Gedanke plötzlich ganz klein geworden und hat sich versteckt, damit er nicht vor Wut zertreten wird.
Geflucht hat der Schneider auf die engen Schuhe, aber nur innerlich – äußerlich hat er gejapst.

quote:
... dass er lächeln musste.

Sind die Wechsel ins Präteritum beabsichtigt?

*
quote:
Die Ledersohlen seiner blankgewichsten Schuhe schlucken jedes Geräusch.

Verstehe ich nicht -- Ledersohlen sind laut, übertönen sie alles andere? Oder trägt er vielmehr Sohlen, die ihn völlig lautlos machen?


Fünf Minuten

7:56 Uhr
Zu spät ist er dran, der Seitz Thomas, viel zu spät. Die Schultern hochgezogen, den Blick aufs Pflaster gerichtet, schleicht er aus Hausnummer Vierzehn. Als hätte er was verloren am Boden, und vielleicht hat er das auch, aber das wird hier nicht herumliegen.
Ganz der Vater, hat sie immer gesagt, die Großtante Gerda, weil der die Füße auch nicht hebt beim Hatschen, und gemahnt, das tät die Schuhsohlen kaputt machen.
Mit Schuhen hat sie es immer ganz wichtig gehabt, weil ihre Jugendliebe war ja ein Schustergeselle gewesen – verliebt, verlobt und aus – gefallen an der Ostfront.
Die selbstgenähten Stiefel aus Pferdeleder hat ihm dann ein frierender Kamerad von den blutigen Füßen gerissen, die Sohlen waren noch wie neu.
Geheiratet hat die Gerda dann nimmer mehr.
Das mit dem Heiraten und Glücklichsein und Trallala ist sowieso nur eine Mär – schlaf, Kindlein, schlaf –, damit kennt sich der Bub schon aus, mit seinen dreizehn Jahren.
Sonst wäre der Vater nicht letztes Jahr, mir nicht dir nichts, nach Chemnitz.
Am zwanzigsten Mai, genau zwei Monate nach Thomas' Geburtstag, als der sich die neuen Sneakers aussuchen durfte.
Mit einem geliehenen Rollkoffer stand er im Hausgang, und ein „Tschüss, Bua“ hat er ihm hingeworfen.
Der Thomas hat es nicht aufgehoben, die Lippen hat er zusammengepresst, weil da nix zu reden war. Gerade so nutzlos wie das Hinhören.
Die Neue vom Papa ist gerade mal sieben Jahre älter als er, und eine Fahrkarte kostet siebenundfünfzig Euro.
Das haben seine Sneakers auch gekostet, die sollen ein Jahr halten.
Egal ist es, ob einer schlürft, wenn er sich aus dem Staub macht, gut, dass die Gerda das nicht mehr erlebt hat.
Er spürt genau, dass seine Mutter oben am Fenster steht, den vierjährigen Josi auf dem Arm, die Gardine zur Seite gezogen, aber er schaut nicht hoch.
Weil, wenn Blicke ein Gewicht hätten, dann wär eine Zentnerlast auf seinen Schultern, und damit läufst du nirgendwo hin. Da darfst du den Lastesel geben, bis es dir die Beine spreizt.
Er zieht sich die Kapuze über den Kopf und träumt sich eine Tarnkappe – wusch, wär er weg, unsichtbar.
Das Nachsehen hätte sie, die Mama und der Fasnacht, sein Lehrer, der ihn gleich triezen wird – wieder zu spät, Seitz, und die Nacharbeit auch nicht dabei.
Von wegen, du lernst fürs Leben – das Leben spielt in einer anderen Liga, mit dem Pythagoras und seinen Spezln kannst du da nix gewinnen.
Vielleicht könnt er sich einfach in den Zug setzen, unsichtbar, und nach Chemnitz fahren, aber dann sieht er das Gesicht vom Josi vor sich, wie der schon so ernsthaft schaut, mit gerunzelter Stirn und Schatten unter den Augen. Für ihn wird er immer da sein und auf ihn schauen – immer, wenngleich die Wut sein einziger Freund ist, weil sie ihn nie verlässt.

7:57 Uhr
Ihre roten Schuhe trägt sie heut, die Schöninger Marlies aus Nummer 27 – aber die hat man ja nicht einfach so am Fuß, flanieren kann man mit ihnen, hochmütig schreiten, hüftwiegend trippeln, die gestrafften Waden ins rechte Licht rücken, dass die Burschen Sonnenbrillen brauchen.
Aber jetzt muss sie sich schicken, weil sie den 52er noch kriegen muss.
Dass der Depp nicht aufpassen kann, bald wär sie mit ihm zusammengerumpelt!
Ein komischer Bursch, sowieso, immer die schwarze Kapuze im Gesicht, auch im Sommer.

Energischer Schritt, als hätt sie etwas zum Zertreten auf dem Kopfsteinpflaster.
Als der Onkel Rainer noch gelebt hat, mit seinem Schrebergarten, hinten bei den Bahngleisen, hat sie und die Fischer Karin von ihm immer etwas zugesteckt bekommen, wenn sie ihm die Schnecken zertrampelt haben. Dabei hat sie auch rote Schuh angehabt, Turnschuhe haben die einfach geheißen – damals.
Lustig-bunte Bikinis, konzentrierte Mienen und knallrote Bäckchen – schad war immer der Moment, wo sie nix mehr auftreiben konnten, zum Zamtreten.

Der Onkel Rainer hat sich währenddessen oft ins Gartenhäuschen verzogen und durchs Fenster gelurt.
Die verdienten Münzen haben sie für Eis und Gummischlangen rausgeschmissen.
Irgendwann hat die Mama sie nimmer hin gelassen, zum Onkel Rainer.
Endgültig damisch wär er geworden, hat sie gesagt.
Schließlich ist er an Prostatakrebs gestorben, und die Schnecken fressen ihm gwiss heute die Gerbera vom Grab.

Jetzt hat sie noch dreißig Meter.
Die Schuh hat die Marlies wegen dem neuen Lageristen, dem Sandro, angezogen. Ein Lächeln, das ihr durch und durch geht, und Grübchen, die ihr die Knie weich werden lassen.
Natürlich wird er sie nicht gleich anfallen wie ein brunftiger Hirsch, aber anlassen wird sie die Schuh den ganzen Tag, auch wenn sie drücken. Du musst dir schon was wert sein.
Der Armin hat sogar einmal gewollt, dass sie die Roten im Bett anlässt, das tät ihn scharf machen.
Ihr war das nicht so recht gewesen, und sie hat lieber gleich den Orgasmus gespielt, mit allen Achs und Oohs, damit sie nicht noch ein Loch ins Satin-Laken reißt, mit den spitzen Absätzen.
Fünfundvierzig Euro beim Karstadt, und zum Glück hat der Armin immer grad so lang gebraucht wie zum Zähneputzen.

Und heute wird sie am Schreibtisch sitzen, pünktlich, wenn der 52er ihr nicht doch noch wegfährt, ein prickelndes Gefühl – weil mit roten Schuhen kann dir ja alles passieren.

7:58 Uhr
Der Straubinger von Nummer 24 wirft vor der Haustür einen Blick nach oben.
Seine Frau steht am offenen Fenster, die Haare noch bett-wirr, und winkt ihm zaghaft.
Er gibt mechanisch den Gruß zurück, grient, die Zähne gefletscht, wie ein imponierender Pavian – und marschiert voran.
Zwanzig Jahre Bundeswehr, da kriegst du einen Schritt, als klänge dir das Westerwaldlied im Gehörgang, wie ein Tinnitus.
Die Ledersohlen seiner blankgewichsten Schuhe schlucken jedes Geräusch.
Was nützt es, wenn er ein Brüllen und Dröhnen in sich hat, dass der Sturm ihm schier die Brust zerreißt.
Man muss einen Menschen doch hören, Herrschaftsverreck, man muss sich doch selber hören, wer ist man denn sonst bloß?
Nur ein gewienerter, glänzender Schatten im taubengrauen Anzug.
Ausstaffiert und aufgeputzt – geradewegs könnte man sich in die Aussegnungshalle flacken, und vielleicht tät das keinen Unterschied machen, wenn er jetzt nicht seine Leut im Außendienst abklappern würde. Dann wär es stad.
Die Zeit tät bestimmt nicht den Atem anhalten, und für die Frau hätte es sich eben ausgewunken.
Früher, ja früher hat man ihn hören können, da hat er sich eingerichtet, ein Gefühl war das, wie im Inneren einer Uhr. Die Rädchen greifen ineinander und treiben die Zeiger vorwärts, tick, tack, tick, tack. Immer weiter, ohne Stillstand.
Und wenn du Teil von einem Mechanismus bist, dann lässt du ihn lebendig werden – und deswegen stehst du da.
Eine Existenz ist das. Himmelherrgott!
Jetzt war er längst kein Rädchen mehr, nur ein lautloser Geist.

Er bleibt erst stehen, als er sicher ist, dass seine Frau wieder weg ist vom Fenster, einen Schwarztee wird sie sich brühen und eines ihrer Hefterl lesen vom Glück der Großkopferten.
Aber außer der Druckerschwärze hat noch nie etwas abgefärbt von Glanz und Gloria, und das Brot bleibt ihm im Schlund kleben, wenn beim Frühstück so ein grinsendes Gfries auf dem Tisch liegt, in Hochglanz.
Die Gabel könnte er mitten rein hauen, das Papier zerfetzen – mich lachst du nimmer aus.
Wenn die Frau ihn jetzt so beobachten könnte, würd sie grübeln, ob er nicht doch den Kopf in den Sand steckt, der Krug schließlich gebrochen ist, und was dann bleiben tät von ihnen außer Scherben.
Einen Stein tritt er jetzt weg, er kullert vom Gehsteig auf die Straße, und ein grauer Fleck bleibt auf seinem Schuh. Das ist nicht viel für einen Menschen, ein Fleck und ein getretener Kiesel, aber für einen Geist allerhand.

7:59 Uhr
Die Joggingschuhe drücken schon sehr. Zum Semmelholen reichts.
Mehr will der Schneider aus Nummer Vier gar nicht. Trotzdem geht es flott dahin.
Dass er an einem Menschen im grauen Anzug vorbeihastet, nimmt er gar nicht wahr, mag sein, dass der ein Chamäleon gibt oder einen Felsen vor dem grauen Pflaster, er rührt sich auch nicht. Es wird ihm wurscht sein.
Einen besseren Grund wie die Liebe findest du ja nirgendwo, dass dir die Umgebung, mit all den Leuten und Viechern und Häusern, zusammenschrumpft, als hättest du sie als Schneekugel in die Hosentasche geschoben.
So unbändig jung kommt er sich vor, vielleicht hat er deswegen nach den Joggingschuhen gegriffen, die schon lange nur noch als Symbol für einen ehemals guten Vorsatz im Schränkchen harren.
Das Unterbewusste darfst du nicht unterschätzen, gerade wenn es dir Blasen verschafft.
Anfangen könnte er wieder mit dem Laufen, das hätt auch einen positiven Effekt auf die Potenz, hat er gelesen. Nicht dass sich da was fehlen tät. Das wär jetzt eher prophylaktisch.
Die Gudrun, die noch in seinem Schlafzimmer im Bett liegt, mit nix an, nur weiche, bettwarme Haut, und mit dem Einhorn-Tattoo auf der Schulter, bringt den Schneider auf Trab.
Da kommt er ins Schnaufen, bis er beim Bäcker Wimmer vorne ist, weil die Lunge ist ja auch schon Vierundfünfzig, und ein nackertes Weib lässt die kalt.
Barmherzigkeit oder Enthusiasmus sind keine Stärken der inneren Organe.
Da ist der Jogging-Gedanke plötzlich ganz klein geworden und hat sich versteckt, damit er nicht vor Wut zertreten wird.
Geflucht hat der Schneider auf die engen Schuhe, aber nur innerlich – äußerlich hat er gejapst.
Aber – als tät jemand am Taferl im Hirn die Flüche wegwischen und einfach nur Gudrun hinschreiben, ist auf einmal so eine Wärme durch ihn durch, dass er lächeln musste. Gewollt hat sie ihn, und geliebt hatten sie sich, zweimal – und behalten will er sie, weil er sich nichts Wichtigeres vorstellen kann als diesen Gedanken.
Jetzt aber kauft er erst einmal zwei Brezen, und statt größeren Sportschuhen kommt besser ein neuer Gebrauchter her, für die Ausflüge.

8:00 Uhr
Du könntest die Uhr danach stellen.
Schlag Acht schlürft der Seeliger von Nummer 14 an den Briefkästen vorbei zur Tür hinaus. Wach ist er immer viel früher, er schläft nicht gut.
Und der Bursch von gegenüber haut alleweil die Tür zu, dass er jedes Mal froh ist, kein Bild im Gang hängen zu haben. Mit seiner Bandscheibe wär das Bücken keine Freude.
Aber die Mutter vom Burschen hat es auch arg.
Zwei Mäuler zum Stopfen und der Mann abgehauen – irgendwo hin in den Osten.
Der Seeliger streicht die Straße entlang bis zu dem kleinen Ladengeschäft an der Ecke. Pizzaservice.
Billig fressen wollen die Leut immer und überall.
Früher war das hier sein Geschäft. Schuhmacherei Seeliger.
Seine Schuh täten selig machen, beim Laufen, hat die Frau Perlinger mal gemeint, so ein Gefühl wäre das. Die ist auch schon lange unter der Erde, ob sie jetzt selig bleiben darf – weiß der Himmel.
Am Schluss hat er nur noch flicken können. Aber das war zum Sterben zuviel, und zum Leben?
Eine Heißklebepistole langt da allemal fürs chinesische Gelump, und wenn du sieben Euro verlangst, bist du ein Räuber, ein windiger.
Dabei ist ein guter Schuh eine Kunst. Das ist schon merkwürdig, dass du immer gleich als Künstler giltst, wenn du nur alt genug wirst, dass du dein Handwerk überlebst.
Aber so alt solltest du nicht werden, dass die Maschinen dich weghauen, wie einen alten Latschen. Als hätt's was anderes nie gegeben.
Heute dreht er nicht wieder um und hatscht zurück.
Beim Schaufenster bleibt er kurz stehen und nickt. Dann geht er weiter die Straße entlang, weil er noch etwas besorgen muss.
Die Nachbarin hat ihm letzte Woche den Schuh von ihrem Kleinen gezeigt, ob er da noch was machen könnt.

Freilich, hat er gebrummt und ihn genommen, aber natürlich war da nix zu reparieren. Nicht mal einschüren könntest du so was heutzutage, nur endlagern als Sondermüll.
Heute kauft er dem Bua richtige Schuhe, und die stellt er vor die Tür hin. Da kennt er sich aus, und egal, ob die Schuh den Leuten eine Bedeutung geben, aber vielleicht macht er dem Kleinen eine Freude, und bei dem Gedanken geht dem Seeliger das Herz auf weil – du kannst nie wissen, was daraus wird, wenn einer gescheite Schuh trägt.
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»Die einzig normalen Menschen sind die, die man nicht besonders gut kennt.«

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