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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Fünfundvierzig Jahre für eine Mark
Eingestellt am 21. 11. 2014 20:41


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Ustrarisa
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Nov 2014

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Ich bin ja schon so alt! Keiner schenkt mir mehr einen Adventskalender oder ein Überraschungsei! Dabei liebe ich Beides! Und Märchen liebe ich auch, aber bekomme ich deswegen mal ein Märchenbuch geschenkt? Ich muss sie mir selbst schreiben! Und den Kalender selbst kaufen oder heimlich die Überraschungseier, die ich heimlich im Badezimmer unbeobachtet esse, mich an den komplizierten Aufbauanleitungen übe und dann irgendwann auch schaffe, diese kleine Kunstwerke der Feinmotorik aufzubauen und zu verstecken…damit sie die uninteressierten Enkelkinder eines Tages erben!
Ich habe mich einmal dabei erwischt, wie ich rotwangig jedes dieser lustigbunten Eier stillstehend im Kundenstrom von Lidl geschüttelt habe, um herauszufinden, wo eventuell einer dieser Zwerge oder andere Serienfiguren versteckt sein könnten. Ich habe dann zehn Stück gekauft! Das Schütteln hätte sich fast gelohnt, wenn eines dieser Figuren darin gewesen wären, nur der Anteil der Schokolade konnte mich zum wiederholten Male trösten, welches wie Eis in der Sonne in mir schmolz!
Eine Tagebuchnotiz meiner Omi schickte mich in die vergangenen Kindertage:
“Habe heute meine D-Mark wieder gefunden!”
Zur Zeit der Eintragung war ich sieben Jahre. Meine Augen wurden bei dieser Eintragung riesengroß! Sie hatte sie also gefunden…endlich konnte ich dieses Rätsel gelöst hinter mir lassen, nach 45 Jahren.

Meine erste Begegnung mit der Welt der Überraschungseier liegt weit in längst vergangenen Kindertagen verborgen.
Meine Omi hatte einen dieser begehrten Westbrüder, der sie und damit auch uns regelmäßig mit kleinen Köstlichkeiten und abgelegten Sachen der besseren Qualität bedachte.
Eines Tages waren auch vier Schokoladeneier dabei.
Ich weilte zu der Zeit ein paar Tage bei meinen Großeltern. Meine Tante, die auch noch ein Kind war, doch sechs Jahre älter als ich, bekam davon eines dieser eiförmigen Neuigkeiten in die Hand gedrückt und ich auch.
Ich freute mich und betrachtete es ganz andächtig. So bunt und schön und aus dem Westen…..
Trotz der Aufregung packte ich dieses zerbrechliche Ding vorsichtig aus der Folie aus, damit diese nicht zerriss. Ich wollte sie unbedingt glattstreichen und aufbewahren. Es glückte mir nicht, aber die Neugier ließ mich den Verlust verschmerzen. Endlich hielt ich das Schokoladenei in den Händen, was scheinbar glatt geschliffen braun glänzteDa sollte man hineinbeißen? Das war viel zu schön!
Daraufhin schaute ich zu meiner Tante. Die brach das Ei vorsichtig auseinander und fand ein gelbes Plastik-Ei.
In dem Ei ein Ei? Ich tat es ihr nach, aber es splitterte ein wenig und ich war erschrocken. Ich hatte es kaputt gemacht! Aber auch ich fand einen kleinen gelben Plastikbehälter und schon tröstete mich das wieder.
Wie hatten die das bloß da hinein bekommen? Beim näheren Betrachten stellte ich fest, dass die Schokolade innen weiß beschichtet war und…… die Schokolade schmeckte tatsächlich nach Schokolade, nicht wie braungefärbtes süßes Fett der “Schlager Süßtafel” aus dem Osten. Es schmeckte wie…..wie Kinderschokolade!!! Die hatte ich schon einmal zu Weihnachten bekommen und dann nie wieder!
Traumhaft, unglaublich und unfassbar! Kinderschokolade!
Das gelbe Ei war schwerer zu öffnen und gelang mir erst nach einigen Abrutschern. Aber…. es hatte sich gelohnt.
Ich weiß bis heute, dass in dem Ei eine kleine Zinnfigur verborgen war.
Ich hüpfte vor Glück im Zimmer umher und wünschte mir insgeheim, noch ganz viele dieser wunderbaren Dinger zu bekommen. Das geschah leider, zumindest in den nächsten Jahrzehnten, nicht….bis ich 24 Jahre alt werden sollte.
Doch einmal kam ich ganz in die Nähe eines erneuten Eierglücks!
Ungefähr drei Jahre nach dem Kinderglück fand ich ein Geldstück auf dem Teppich der großmütterlichen Stube. Es sah ganz anders aus als unsere DDR Aluminium-Chips. Ich las: “Eine Deutsche Mark”! Eine Mark? Eine westdeutsche Mark!!!!
Sie war wunderschön, viel schwerer als unsere und irgendwie spiegelte sich darin ein Überraschungsei! Ich war mir da sehr sicher!
Mein genervter West-Onkel hatte mich darauf hingewiesen, dass diese Eier eine Mark kosten würden. Er lehnte leider ab, dass er doch bitte ab sofort mein Lieferant sein solle!
Geld hatte ich nicht, weder Ost noch West und damit war der Kindertraum in unerreichbare Ferne gerückt.
Eine Mark!
Wie immer! Sobald etwas besonders toll oder lecker war, wurde es verknappt….
Ich schwankte daher bei meinem Fund, ob ich ihn meiner Omi geben oder ihn vielleicht einstecken sollte?
Mit meinen kleinen heißen Fäusten hielt ich das Geldstück fest, die Wangen ganz rot und ich zögerte. Doch das schlechte Gewissen war nicht schlecht genug und ich steckte den wertvollen Fund ein. In meinen Ohren rauschte es und ich fühlte mich dabei nicht besonders gut, doch ich malte mir aus, wie ich den Schatz auspacken würde und die Vorfreude erledigte den Rest.
Zu der damaligen Zeit gab es schon die “Intershops” und man brauchte noch nicht mit Forumchecks zu bezahlen. Das wusste ich, weil es in allen Familien eins der Sehnsuchtsthemen war. Wer hätte dort nicht gern eingekauft…..
Ein Laden, der beim Eintreten so wunderbar nach Seife und anderen Dingen roch, wie in keinem einzigen unserer DDR-Läden.
Nun hatte ich ein Eintrittspfand für ein westdeutsches Kinderglück in meiner Hosentasche brennen. Den ganzen Tag lief ich mit meiner Faust, die das warme Metallstück fest umschloss, in der Tasche umher, damit ich erstens nicht erwischt oder sie vielleicht noch verlieren würde. Ich träumte von meinem Überraschungsei!
Doch irgenwann musste ich schlafen gehen. Sorgfältig legte ich die Hose auf den Stuhl, damit das Geld bloß nicht herausfallen konnte.
Am nächsten Morgen nach dem Anziehen griff ich automatisch in die Hosentasche. Ich wollte nichts dem Zufall überlassen und an etwas anderes konnte ich sowieso nicht denken.
Meine kleinen Hände fuhren also in die Tasche und……fanden nichts!
Keine Münze und nicht den Anschein eines kleines Glücks waren vorhanden. Hektisch grub ich die linke Hand in die andere Hosentasche. Wie! Was? Das konnte nicht sein!Das Entsetzen konnte sich nicht noch mehr ausbreiten, es war schon riesengroß!
Nichts!!!!! All mein Glück war mit einem Schlag vorbei….einfach so.
So sehr ich auch suchte und überlegte, die Mark aus dem kapitalistischen Ausland war und blieb verschwunden. Mein Denken funktionierte nur noch eingeschränkt. Wie konnte das passiert sein?
Fassungslos traurig und beobachtend schleppte ich mich in die gemütliche Wohnküche. Meine Omi hatte mir schon ein feines Frühstück mit knusprigen Brötchen und selbstgemachten Himbeergelee und Tee gemacht. Sie verhielt sich wie immer und nichts deutete auf einen Fund in meiner Hosentasche hin. Ich schaute sie argwöhnisch an, doch sie sagte nichts und redete fröhlich mit mir. Doch ich selbst blieb einsilbig und fand kaum Worte.
Sie ging darüber hinweg, als wäre nichts gewesen. Das war irritierend! Warum fragte sie mich nicht, weswegen ich nichts sagte?
Wochenlang verließ mich nicht der Verlust und ich überlege heute noch, ob sie es gefunden hat oder nicht. Vielleicht hatte ich es ja doch verloren, als ich die Hose auf den Stuhl gelegt hatte?! Aber auch auf dem Fußboden, den ich akribisch absuchte, war nichts zu finden.
Fünfundvierzig Jahre konnte ich nicht damit abschließen. Meine schönen Kinderträume zerplatzen wie eine dieser Seifenblasen und als Erinnerung behielt ich das gelbe Plastik-Ei meines ersten Ü-Eies wie einen Schatz für die nächsten fünfzehn Jahre in meiner Federmappe. Ich hob in ihm mein Milchgeld auf, was ich ab und zu bekam.
Meine Kinder haben ganz viele Ü-Eier bekommen und ich auch, als ich die Kinder hatte!

Uta von Göte

__________________
ustrarisa

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Ich wünsche Dir einfach nur ganz viele Ü-Eier zu Weihnachten. :)


Viele Grüße von DocSchneider

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