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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Fünfundvierzig Minuten
Eingestellt am 22. 11. 2003 14:47


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ScarlettMirro
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Nov 2003

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Die Melodie von Hiroshima brach abrupt ab, eine brüchige Stimme meldete, daß nur 45 Minuten bis zum Aufprall verbleiben.

Sie sieht ihn traurig an, seine Hand fest umschlungen. Gepackt liegen ihre wichtigsten Dinge in der Pappschachtel. Ein ganzes Leben erinnerten sich blaue und graue Augen.

Noch vierzig Minuten.

- Ich habe Angst! flüstert er erstickt.
- Brauchst Du nicht, ich bin bei Dir. Komm - mit Blick zur Uhr - Es wird Zeit!

Noch fünfunddreißig Minuten.

Entsetzte Gesichter rasen in die entgegengesetzte Richtung vorbei; kreischende Kinder, weinende Frauen und Männer, alte und junge; geweitete Augen suchen in der Masse nach Eltern, die zertrampelt im Asphalt liegen. Die Straßen zum Land sind verstopft, verstopft, lange schon verstopft; gehetzt und gedrängt; ein Mann schiebt mit seinem Mercedes andere Autos vor sich, hupt und will vorbeigelassen werden. Viele steigen über die Automasse hinweg, verschrammt und verkratzt, in Deutschland.

Noch dreißig Minuten.

Die Beiden ziehen Hand-in-Hand durch die Gassen in die Innenstadt, Gassen, die bald menschenleer sind. Eine alte Frau hatte ihren Karren abgestellt und sich auf eine Bank gesetzt, sie schläft. Eine Katze findet in dem Klapperwagen Wurst und schlingt sie hinunter. Ein Hund jault laut auf, in der Ferne.

Fünfundzwanzig Minuten.

Vereinzelt hasten kopfschüttelnd Menschen an ihnen vorüber, keine Zeit, die Liebenden zu warnen. Ein Penner lehnt an einer Kaufhauswand, zehn Flaschen Fussel zu Füßen, nuschelnd - Schaff' ich noch, schaff' ich ... noch.

Zwanzig Minuten.

Schweigend saugen die Beiden die Natur in sich auf. Sonderbar die Schönheit der Luft, die Klarheit des Schmetterlings. Säuselnder Wind, flüsternder Wind. Alles wie nie zuvor wahrgenommen bedeutungsvoll.

15 Minuten.

Zum Herzen der Stadt, zum rotblühenden Park mit der hölzernen Bank und dem friedlichen Teich, dort wollen sie noch hingelangen. Ein Herz ist in die Bank gekratzt, Kassandra + David, von der Witterung etwas müde. Kassandra stellt den Karton ab, öffnet ihn und zieht Tagebuchzettel, Liebesbriefe und Ansichtskarten aus seinem Bauch, schweigend breiten sie den Inhalt auf der Wiese aus. Musik spielt leise irgendwo, ein verlassenes Radio.

10 minuten.

die vergoldete armbanduhr wurde vom wasser verschluckt. gegenseitig ziehen sich die liebenden langsam sich küssend und riechend, ihre kleidungsstücke aus; befreit halten sie sich zart festumschlungen und weinen leise. von weither erklingt 5 "Tears in my eyes", die lippen verschmilzen im tanz, sie drehen sich immer wieder; der klopfende schnabel hackt frische gerüche in die birke, die blume von celan 4, orangener feenstaub trägt eine biene von butterblume zu wildrose, der rote blütenduft steht für 3 leben, also bin ich, kleine photographie ist verbrannt, immer schneller drehen, nie mehr ohne; weiße tauben und schwarze adler 2 jagen sich, bunter goldfisch will nicht teilen, blaugrünes pferd im tango, nietzsche 1 ist die geburt der tragödie ... wir haben die kunst des lebens verlernt, liebe auf dem maisfeld, fruchtbad in kalifornien, eine weltreise, hunge... --

Dann barst krachend und donnernd der Himmel über ihnen; Kassandra und David.

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