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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Für den Rest des Lebens
Eingestellt am 30. 01. 2012 10:30


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Winfried Stanzick
Routinierter Autor
Registriert: Aug 2011

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Rezension zu:

Zeruya Shalev, Für den Rest des Lebens, Berlin Verlag 2012, ISBN 978-3-8270-0989-0

Chemda Horowitz liegt im Sterben. Über achtzig Jahre alt, befindet sie sich in einem Zustand zwischen Wachen und Träumen in einem Krankenhaus in ihrer Stadt in Israel. Sie denkt über ihr Leben nach. Ihre Kindheit, die sie als spät sich entwickelndes Kind in einem Kibbuz verbrachte, ihren Vater, der sie zum Laufen regelrecht zwang, an ihre Ehe und vor allem immer wieder an ihre beiden Kinder. Chemdas „Rest des Lebens“ ist knapp bemessen und sie nutzt ihn, indem sie nachdenkt.

Auch ihre beiden schon lange erwachsenen Kinder plagen sich nicht nur mit dem Gedanken an das zu Ende gehende Leben ihrer geliebten Mutter, sondern sie haben beide unabhängig voneinander erhebliche Problem mit ihrem eigenen. Avner ist ein ehemals sehr erfolgreicher Anwalt, der immer wieder Mandate von palästinensischen Bürgern annimmt und versucht, ihnen gegen eine übermächtige israelische Besatzungsmacht zu ihrem Recht zu verhelfen. Doch in den letzten Jahren kann er nicht mehr viel erreichen. Da auch seine Ehe an einen kritischen Punkt gekommen ist, befindet er sich mitten in einer ernsten Lebenskrise, als er im Krankenhaus seiner Mutter zwei Menschen beobachtet, eine Frau und einen Mann. Der Mann liegt im Sterben und die Frau spricht sehr liebevoll mit ihm. Avner erscheint dies als Sinnbild für das, was in seinem eigenen Leben fehlt, und er versucht nun in der Folge, der Geschichte des zwischenzeitlich verstorbenen Mannes nachzuforschen und vor allen Dingen dieser Frau nahezukommen. Er ist ihr regelrecht verfallen, doch sie erwidert seine Liebe nicht.

Dina, die Tochter von Chemda Horowitz, hat Probleme eigener, weiblicher Art. Ihr Mann Gideon hat lange Jahre hindurch ihren Wunsch nach einem zweiten Kind abgelehnt und nun, da die gemeinsame Tochter Nizan in der Pubertät sich von ihrer Mutter löst, fällt Dina in ein tiefes Loch. Sie glaubt es schließen zu müssen, indem sie ein Kind adoptiert. Dafür unter nimmt sie die unmöglichsten Anstrengungen und gibt sie auch bis zum überraschenden Ende des Buches nicht auf.

Was hier so klingt wie ein Roman über die Midlifekrisen zweier Menschen und ihre Familien, ist aber viel mehr. Wie in ihren früheren Romanen auch, geht es Zeruya Shalev nicht nur um das Innenleben der Menschen, die sie beschreibt, sondern es geht ihr auch immer um das Land, indem sie leben. Es geht um Israel, seine Geschichte und schwierige Gegenwart. Und so erfahren wir viel über die Welt des Kibbuz, über die Ideologie der Staatsgründer, wir erfahren etwas über die aktuelle politische Situation.

Das, was den einzelnen Menschen geschieht, wie sie versuchen, die Frage, was sie mit dem „Rest des Lebens“ anfangen sollen, wie sie ihrem Leben einen Sinn geben und positive Perspektiven für ihre Zukunft entwickeln können – in dem scheint zwischen den Zeilen auch immer die Frage durch, wie es mit diesem zerrissenen und gebeutelten Land weitergehen soll, das gedacht war als Zuflucht für alle verfolgten Juden, als ein Land, in dem die Gerechtigkeit wachsen kann.

Sie tut es, indem sie ihre Protagonisten zu den Anfängen zurückkehren lässt. Beide, Avner und Dina, sitzen immer wieder getrennt und auch zusammen am Sterbebett ihrer Mutter Chemda und irgendwann, Chemda ist vom Krankenhaus nach Hause verlegt worden und wird von eine Pflegerin betreut, ziehen beide sogar wieder bei der Mutter ein, als die Konflikte in den beiden Ehen zu groß werden. Dina formuliert an einer Stelle:
„Die Zeit verspottet ihre Kinder, ist es nicht lächerlich, in der Mitte des Lebens, zum ersten Mal die Existenz der Ursprungsfamilie zu spüren?“

Und auch Avner lässt sie an einer Stelle einen Satz sagen, der für den israelischen Staat genauso Geltung hat wie für Avners Familie: „Kann man gegen die Angst kämpfen, ohne Angst zu erzeugen? Kann man sich schützen ohne anzugreifen?“

Shalevs Sprache ist mächtig. Lange Sätze baut sie, setzt viele Kommata, will gar nicht zum Ende kommen. Sie wechselt wie spielerisch die Zeitebenen und die Sphären von Traum und Wirklichkeit. Doch schnell hat man sich an diesen faszinierenden Stil gewöhnt, und liest sich wie mit angehaltenem Atem durch einen Roman, der mich jedenfalls gefesselt hat bis zu seinem Ende.

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