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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Fulminanter Patriotismus
Eingestellt am 09. 08. 2006 20:06


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Mondfrau
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Fulminanter Patriotismus

Stöhnend drehte sie sich auf die Seite. „Das verdammte Abendessen liegt mir im Magen, deshalb kann ich nicht einschlafen“, dachte sie Ă€rgerlich. „Morgen ist der 3. Oktober, der Tag der deutschen Einheit. Ich sollte meinen Vater anrufen. Alle Deutschen sollten sich an so einem wichtigen Tag anrufen und sich gegenseitig ihren tief in den DĂ€rmen vergrabenen Nationalstolz, und sei es nur fĂŒr diesen einen Tag im Jahr, herausziehen.“ Sie stellte sich vor, wie sie ihren Vater anrief. „Nein, ich werde ihm schreiben. Dieser erhabene Anlass verlangt eine förmliche Geste. Lieber Vadder!“ In einem Anflug von Nostalgie nannte sie ihn Vadder, nicht Vater oder Vati oder Papa, sondern so, wie er und seine Geschwister ihren Vater bis zu seinem Tod nannten. „Ja, Vadder, das hat genau die richtige Mischung aus Abstand und Zuneigung. Obwohl, wenn ich es recht ĂŒberlege, ist bei ihm wohl Hopfen und Malz verloren. Er wird nie ein rechter Patriot werden.

Da war Großvater doch ganz anders. Der war sogar so sehr in sein Land verliebt, dass er 1940 seinen Nachbarn, mit dem er seit zwanzig Jahren TĂŒr an TĂŒr lebte, und der mittlerweile zu einem „Nazibonzen“ aufgestiegen war, ĂŒber den Gartenzaun hinweg als „Nazischwein“ beschimpfte. Wenn Großmutter, die dem FĂŒhrer immerhin 4 stramme Kinder schenkte und dafĂŒr das Mutterverdienstkreuz erhielt, ihn nicht schnell in den Wintergarten hineingezogen hĂ€tte, wer weiß, vielleicht wĂ€re er dann zusammen mit dem kleinen Herrn Rosenberg, dem KrĂ€mer aus dem Souterainladen in der Finkenstraße, abgeholt worden. So konnte der Herr Nationalsozialist vielleicht in einer sentimentalen Anwandlung aufgrund der zwanzigjĂ€hrigen guten Nachbarschaft so tun, als ob er nichts gehört hĂ€tte. Vielleicht hat er es aber wirklich nicht gehört und Großvater wird nur in der Erinnerung seiner zahlreichen Enkel zum Helden stilisiert.

Immerhin brachte ihm der Krieg vier Jahre Gefangenschaft in Frankreich ein, wo er fleißig, wie wir Deutschen nun einmal sind, LKW fuhr und auch sonst den Fuhrpark des französischen MilitĂ€rs in Ordnung hielt. Welch niederschmetternde Überraschung fĂŒr Großmutter, die sich ihr Leben in der Zwischenzeit so behaglich eingerichtet hatte, als er nach Kriegsende plötzlich wieder in der TĂŒr stand.

Großmutter, mit ihren NylonstrĂŒmpfen, die an vier baumelnden Haltern an der zugehörigen fleischfarbenen Korsage befestigt wurden. Ich sehe sie immer noch vor mir, wie sie in den Jahren nach der Scheidung meiner Eltern, in denen meine Schwester und ich bei ihr lebten, jeden Abend ihre okerfarbenen StrĂŒmpfe auswusch und ĂŒber den Heizkörper hing, wĂ€hrend ich versuchte, mein kaltes, einsames Kinderherz auf Tante Lollos Klappsofa zum Stehen zu bringen. Meine Schwester, da zart gebaut und jĂŒnger als ich, durfte in die nach Kamillencreme duftenden Mutterersatzarme sinken.

„Vielleicht sollte ich mich doch mit dem Patriotismus anfreunden. Er hat so etwas Erhabenes, etwas SphĂ€risches, ĂŒber allem Stehenden. Ich werde Vadder schreiben.“ Sie stellte sich vor, wie der Kugelschreiber die Zeichen aufs Papier brachte. Sie liebte ihre Handschrift, konnte nie genug davon bekommen, sie zu bewundern. „Bis jetzt hat noch wirklich jeder meine Handschrift gelobt. Sie ist wirklich schick, nicht zu rund, aber trotzdem weiblich. Außerdem strahlt sie etwas Intellektuelles aus. Vielleicht könnte ein Graphologe ĂŒber meine Handschrift etwas ĂŒber mein Inneres erfahren. Vielleicht wĂŒrde Vadder meinen Brief zu einem Graphologen bringen
?

Hoffnung keimte in ihr auf. Sie kam sogar ins Schwitzen und stieß die Decke von sich. Der Mustergatte neben ihr schmatzte vernehmlich und knirschte mit den ZĂ€hnen. „Aber nein, Vadder hat nicht genug Interesse an mir, wahrscheinlich hat er nicht die leiseste Ahnung, was in mir vorgeht. Wenn ich es recht ĂŒberlege, hatte er sowieso nie den Durchblick, also warum sollte ich mich ĂŒberhaupt bei ihm melden. Außerdem, dieser blöde Tag der deutschen Einheit, was ist das schon! Daran auch nur einen Gedanken zu verschwenden, ist reine Zeitvergeudung.“ Energisch zog sie sich die Decke ĂŒber den Kopf, kuschelte sich an den kleine SpuckeblĂ€schen produzierenden Mustergatten und schlief ein.

__________________
Mondfrau

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Law
Guest
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@ Mondfrau,

ich habe glaube ich gerade erst das erstemal was von Dir gelesen. Es gefĂ€llt mir gut. Diese geschichte hier ist besonders, nachvollziehbar und eindringlich gut beschrieben, die Großmutter, die Strumpfwaschaktion, oder die SpuckblĂ€schen, als sĂ€ĂŸe ich dabei. Schade das die geschichte so kurz war, hĂ€tte gern weiter gelesen.

Gruß
LAW

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Mondfrau
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Registriert: Jul 2006

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Hallo LAW,

vielen Dank fĂŒr deinen netten Kommentar. Diese Geschichte habe ich in einer schlaflosen Nacht in einem Zug durchgeschrieben.Ich habe noch nie darĂŒber nachgedacht, sie evtl. weiterzuschreiben. Ich werden darĂŒber nachdenken.

Antje
__________________
Mondfrau

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