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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Fundamentale Ladenhüter
Eingestellt am 05. 04. 2005 17:42


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sohalt
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Sie jubeln ihm zu, die Massen. Meine Mutter motzt.


Sie jubeln ihm zu und ihr Jubel klingt hell, denn sie sind jung, sie sind begeisterungsfähig, sie sind voller Energie und ihre Gesichter leuchten. Er fährt vorbei, in seinem lustigen Auto und ist eine Symbolfigur. Ein moralischer Fixpunkt. Eine Jahrhundertpersönlichkeit. Der Medienpapst.

„Jaja“ grantelt meine Mutter in Richtung der jungen Leute auf dem Bildschirm, während sie sich die Nachruf-Sendung anschaut „das möchte ich sehen, ob ihr auch alle nicht verhütet und keinen Sex vor der Ehe habt“.

Sie war vom Papst immer minderbegeistert. Politisch, sagt Mama, war er ja okay, da hat er was bewirkt. Aber menschlich…

Der Papst war gegen Frauen im Priesteramt.
Der Papst war gegen Homosexuelle.
Der Papst war gegen Abtreibung.
Der Papst war für das Zölibat.

Meine Mutter regt sich darüber auf. Darf sie das?

Nein, sagen die einen. Wer wird denn so kleinlich sein, die „Lebensleistung des polnischen Giganten am Tag nach seinem Tod auf die üblichen muffigen drei Ladenhüter runterzuschnurren: Zölibat, Frauenbild, betriebliche, pardon: kirchliche Mitbestimmung.“ (Online-Spiegel).

Nein, sagen die anderen. Denn schließlich ist es „einfach absurd von der katholischen kirche zu erwarten, d. sie von ihrem abtreibungs- oder homosexuellen-kurs jemals abweichen wird. das sind fundamentale dogmen der katholischen kirche - und sie können es auch mit ihrer interpretation der bibel argumentieren. wenn einem das nicht passt, dann kann man halt nicht dieser kirche angehören.“ (Posting auf FM4.at)

Und so geschieht Folgendes:

„Während sich ein nie gesehenes Millionenheer von Pilgern aufmacht nach Rom und die Staatshäupter und Vertreter der Weltreligionen sich in Liebe und Respekt verneigen, spricht sie“ – nein, nicht die linke Kirchenkritik wie im Spiegel, sondern meine Mutter. Die würden sie bei der linken Kirchenkritik nie mitmachen lassen, die ist viel zu unlässig für sowas. Und sie spricht auch nicht von „der tiefen Krise der katholischen Kirche“ – sie weiß selbst, dass sich bloß wegen der Abschaffung des Zölibats nicht die Kirchenbänke wieder schlagartig füllen würden – sie spricht davon, dass sie sich verraten fühlt von diesem Verein. Ihrem Verein.

Und das ist eben absurd. Bzw. kleinlich. Das darf sie sich jetzt aussuchen.

Besonders gut gefällt mir ja absurd. Ich meine, ist doch klar: wenn man erst mal das mit der verklemmten Sexualmoral abzieht von der katholische Kirchen, bleibt ja nichts mehr über. Wer, ab wann, mit wem, wozu vögeln darf – das ist doch alles, worum’s bei denen geht. Das ist das Fundament, wenn man das wegzieht, bricht alles ein. Mehr steckt ja nicht hinter. Erweckung, Erleuchtung, Erlösung? Pippifax.

Und überhaupt, und das meine ich jetzt wirklich: Es ist ja nun bei Gott nicht so, dass alles immer und sofort und für jeden einen offensichtlichen Sinn haben muss. Ich bin für Rituale. Ich bin für Widersprüche. Ich bin für komische Sachen, bei denen man bestenfalls eine dunkle Ahnung hat, wozu genau sie gut sein könnten. Es kann etwas auch einfach so gut sein und nicht bloß zu etwas. Außerdem: dunkle Ahnungen sind nicht zu verachten. Weil glasklare Erkenntnisse nun mal nicht für jeden Bereich zu haben sind. Die letzten Fragen…

Und im Übrigen bin ich dafür, dass man den Zeitgeist auch mal angelehnt lässt.

Aber he:
Wir essen jeden Sonntag vor dem Schnitzel den Leib Christi.
Wir glauben an die unbefleckte Empfängnis.
Wir haben ein Folterwerkzeug als Symbol für Gnade und Hoffnung.
Bloß, klar:
Wenn wir erst mal die Frauen Priester werden lassen, sind wir hoffnungslos Mainstream.

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jon
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dickes breites:
Vielleicht fühlt sich jemand angegriffen mit diesem Text – vorstellen kann ich es mir nicht. Denn bei allem spürbaren Unbehagen, aller Kritik ist es keine General-Verurteilung. Weder dieser noch jener Seite. Es ist (weder inhaltlich noch stilsitisch) eine Argument-Schlacht – "nur" ein Argumente-Nennen. Es strahlt (inhaltlich uns stilistisch) Un-Sicherheit aus (auf einem Standpunkt steht man sicherer als zwischen den Stühlen) und das ist (mir) äußerst sympathisch.
__________________
Es ist nicht wichtig, was man mitbringt, sondern was man dalässt (Klaus Klages)

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sohalt
Routinierter Autor
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Zwischen 2 Stühlen... das trifft es ziemlich genau, ja.

Ich hatte zuerst Bedenken, dass es einem als Feigheit ausgelegt wird, wenn man nicht deutlich genug Stellung bezieht, da freut mich deine wohlwollende Reaktion.

lg
sohalt

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Ivy
Manchmal gelesener Autor
Registriert: Mar 2005

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Hallo sohalt!

Herrlich geschrieben!
Es ist eine Kunst, bei dem Drahtseilakt, wertungsfrei zwei unterschiedliche Welt- (oder in diesem Falle: Kirchen-)anschauungen in einen Text zu bekommen, nicht abzustürzen - Das hat Du prima bewältigt!
Du lässt dem Leser die Möglichkeit sich viele eigene Gedanken über die eigene Haltung zu den momentanen Umfragen und Berichten in den Medien zu machen. Die eigene Haltung noch einmal zu überdenken. Das gefällt mir.
Und: du benutzt ein viel subtileres Mittel, das nachdenken anzuregen, gerade indem Du Deine eigene Meinung nicht provokativ zur Schau stellst.
Wie war das? Alles hat zwei Seiten?
Nur vergessen dies leider viele selbsternannte Papst- und Kirchenkritiker dieser Tage - es ist ja auch viel zu verlockend, sich selber die von Warhol prognostizierten fünf Minuten Ruhm zu verschaffen,indem fraglos und kritiklos kritisiert wird. (Meine: nachgeplappert, was man als Anonymer Christ oder Passivist eben am Rande so aufschnappt.)
Danke für Deinen Text, das Lesen hat mir sehr viel Spaß gemacht!

lol
IVY
__________________
Der Kopf ist RUND
Damit das Denken die Richtung ändern kann...

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