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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Fundbüro für Träume
Eingestellt am 04. 05. 2005 22:25


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Astrid
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Registriert: Jun 2003

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Fundbüro für Träume


Ich war ein Jahr älter geworden, wieder einmal. Nichts Besonderes also, und doch fühlte mich diesmal seltsam verloren. Ich spürte einen Verlust, den ich nicht benennen konnte. Etwas war mir abhanden gekommen. Wünsche? Träume? Ideale? Sollte ich nach ihnen suchen? Wollte ich so leben, wie ich lebte?

In der letzten Nacht erlebte ich eine seltsame Geschichte…
Ich stehe vor einer dicken Eisentür und mein zaghaftes Klopfen klingt wie ein Flüstern, das der Sturm mit sich reißt.
Ich warte. Nichts passiert. Ich versuche es erneut, nehme schließlich die Faust, als endlich eine kleine Luke aufgeschoben wird und mich zwei kalte Augen hinter Brillengläsern anblitzen. Aus einem Mund, den ich noch nicht sehen kann, knurrt es:
„Ja?“
Ich bitte höflich um Einlass.
Als ein sehr alter und winziger Mann mir öffnet, dringt mir unmittelbar ein unangenehmer Geruch in die Nase – hier schien seit Jahren keine frische Luft mehr rein gekommen zu sein, es roch feucht und doch auch wieder staubig.
Das also war es – das Fundbüro für Träume.

Der Alte schlurft bucklig vor mir her und nimmt hinter einem klapprigen Tisch Platz, der ihn wohl vor den Besuchern abgrenzen sollte, sofern es die hier überhaupt gab.
Verstohlen mustere ich ihn. Er hat einen kahlen Schädel, den er mir entgegenhält, als er anfängt, in einem dicken Ordner zu blättern. Ich scheine Luft für ihn zu sein. Und obwohl ich vor ihm stehe und auf ihn hinunterblicke, fühle ich mich plötzlich sehr klein.

„Seit wann vermissen Sie Ihren Traum?“ brubbelt der Greis, ohne mich anzusehen, in seine Akten.
Ich räuspere mich.
„... weiß nicht genau...“
„... schon einige Zeit...“
„... lange.“
„Und warum kommen Sie erst jetzt?“
Der Alte hebt den Kopf und ich stelle erstaunt fest, dass ein Grinsen in seinem Gesicht hängt, das im ersten Moment gar nicht zu seinen Augen passt. Doch sein Grinsen ist nicht freundlich sondern voller Häme und sein Mund scheint mich angreifen zu wollen. Unwillkürlich weiche ich ein paar Schritte zurück, knalle mit dem Rücken gegen die Eisentür und würde am liebsten fortlaufen. Aber seine Augen halten mich fest.
Ich wage kaum, mich zu rühren.
Warum musste ich auch herkommen? Warum war mir plötzlich eingefallen, nach meinem verlorenen Traum zu suchen? Warum ließ ich nicht alles einfach so wie es war? Es ging doch bisher gut, keinem war aufgefallen, dass er mir abhanden gekommen war. Es wusste ja auch niemand von ihm. Nur ich. Und ich habe doch all die Jahre auch ohne ihn nicht schlecht gelebt. Habe mich beruhigt, auf später vertröstet.
Selbst belogen. Darin hatte ich schließlich Übung.

„Ja denken Sie denn, wir heben Ihren blöden Traum hier ewig auf?“
Seine plötzlich sehr schrille Stimme reißt mich aus meinen Gedanken.
„Hier kommt stündlich neue Ware rein, das alte Zeug muss raus, das interessiert ohnehin keinen mehr, hier ist sozusagen die – ‚Endstation!’
Das Wort „Endstation“ spuckt er regelrecht aus.
Dabei schwenkt er seine Arme wie wild und zeigt auf die Regale, in denen unzählige Mengen von Kisten und Kästen unterschiedlichster Größe stehen. Er gestikuliert so stark, dass er seine Brille dabei von der Nase stößt und für einen Moment glaube ich den Menschen hinter der Fassade zu sehen. Die kalten Augen wirken klein und ein wenig traurig.
Vielleicht hatte auch der Mann einmal einen Traum gehabt... Vielleicht lebte er hier mit ihm, weil er den Weg zurück in die Wirklichkeit nicht mehr fand?

„Alter?“ fragt er mich.
„Ihr Alter?“ kläfft er mich an, als ich nicht gleich antworte.
„Vierzig.“ sage ich und strecke mich dabei ein bisschen.

Der Alte klatscht in die Hände und ein schallendes Lachen bricht über mich herein. Er kann sich kaum beruhigen und Tränen rollen über seine schrumpligen Wangen. Er nimmt die Brille ab, aber der Mensch hinter der Fassade bleibt verschwunden.
„Vierzig“ wiederholt er noch immer nach Luft ringend. „Und Sie meinen, dass es jetzt noch Sinn hat, nach einem Traum zu suchen? Und jedes Wort einzeln betonend, sagt er: „Das lohnt doch nicht mehr!“
Dabei beugt er sich weit über seinen Tisch.
Ich schlucke.
Welche Frechheit nimmt er sich raus! Lohnt nicht mehr... Vierzig ist doch noch kein Alter! Ich suche nach Argumenten, aber die Worte, die mir einfallen, scheinen mir so verlogen, dass ich sie nicht ausspreche.
Denn hatte ich nicht selbst diesen Satz schon als Ausrede benutzt?

Er rückt sich die Brille zurecht und brummt.
„Wie war er denn, Ihr Traum? Groß? Klein? Schillernd? Aufregend? Leicht oder schwer?“
Dabei hebt er abwechselnd eine Hand, als würde er Bälle in die Luft werfen.
Er wird langsam ungeduldig.

Ja, wie war er? Zu groß sicherlich, sonst hätte ich ihn schon längst verwirklicht oder vielleicht doch eher zu leicht, weil ich ihn nur so verlieren konnte? War es wirklich nur ein Traum oder womöglich viele kleine?
„Ich würde mich gern selbst ein bisschen umsehen, vielleicht entdecke ich ihn ja...“ frage ich zaghaft und drücke mir mühsam ein Lächeln heraus.
„Das bezweifle ich“ meine er.
„Hm... Normalerweise ist das nicht erlaubt, “ er fährt sich mit der Hand über das Kinn, „ aber heute habe ich nicht soviel zu tun... Ich will eine Ausnahme machen.“
Der Alte geriet ins Erzählen: „Wenn die Urlaubszeit erst vorbei ist und alle aus ihren Ferien in den Alltag zurückkehren, herrscht hier Hochkonjunktur! Im Urlaub gehen die meisten Träume verloren, wussten Sie das?“
Er dreht sich um, aber ich bin schon zwischen den Regalen verschwunden, puste dort ein wenig Staub von einem Kasten, hebe hier einen Deckel an, um hineinzusehen.
Was die Menschen doch so alles verlieren!

Das Fundbüro ist in verschiedene Bereiche unterteilt, die Regale sorgfältig beschriftet, wenn auch an manchen Lettern der Zahn der Zeit bereits geknabbert hat. Für die Liebe hatte man sogar mehrere Regale aufgestellt, aber alle waren restlos überfüllt. Voll gestopft waren auch Geld und Karriere; bei der Schönheit gab es ebenfalls nur noch wenig Platz.
Ich sehe mir alles staunend an, der Raum scheint nach hinten zu kein Ende zu nehmen, ich fühle mich wie in einem Labyrinth. Um mich herum nur Regale, aber wo soll ich hier meinen Traum finden, in welcher Kategorie soll ich ihn suchen?

Ich öffne eine Kiste mit der Aufschrift „Leben“ und Hunderte von grauen Federn fliegen mir ins Gesicht, ich weiche zurück und muss niesen. In dem Moment, wo sie ihren dunklen Aufenthaltsort verlassen und sich in die Luft erheben, ist ihr Grau verschwunden und sie schillern in den schönsten Farben. So, als wären sie wieder zum Leben erweckt.
Ich huste und plötzlich bekomme ich keine Luft mehr.
Ich muss hier raus, denke ich, hier ist mein Traum nicht. Unmöglich, dass er sich an einen solch hässlichen Platz verirrt! Mein Traum passt in keine Kiste!

Ich haste zurück, stoße mich an kantigen Regalbrettern, stolpere einige Male, laufe grußlos am Alten vorbei und öffne mit einer solchen Kraft die schwere Tür, als wäre sie aus Zuckerwatte.

Als ich endlich ins Freie trete, schwebt eine Feder an meinem Kopf vorbei, berührt ganz kurz mein rechtes Ohr und landet auf meiner Handfläche. Sie musste aus der Lebenskiste gekommen sein und sah einfach wunderschön aus.
Sie bleibt auf meiner Haut liegen, und -
plötzlich kribbelt es in meiner Hand, das Kribbeln zieht sich weiter, die Arme hoch, durch den ganzen Körper.
Für Sekunden nur, aber ich fühle mich mit einemmal jung und so leicht.

„Bist du etwa mein Traum?“ will ich sie fragen, als die Tür hinter mir ins Schloss fällt und der Luftzug die Feder hochhebt.
Ich versuche sie wieder einzufangen, laufe und springe und merke gar nicht, dass ich mich stetig weiter vom Fundbüro entferne.
Die Feder ist verschwunden und ich sehe mich staunend um. Ich befinde mich in einem Wald und der Duft der Kiefern steigt mir in die Nase. Träume ich das etwa alles nur?

Vor mir kreuzen sich Wege und ich kann mich erst nicht entscheiden, welchen ich einschlagen soll. Sollte ich vielleicht zurücklaufen? Nein, das auf keinen Fall!

In diesem Augenblick ahne ich, wie ich meinen Traum finden konnte: ich musste laufen, neue Wege gehen, durfte weder stehen bleiben, noch zurückweichen.

Und so entscheide ich mich für einen Weg, laufe weiter bis ich auf eine Lichtung stoße. Die Sonne scheint mir so unvermittelt ins Gesicht, dass ich blinzeln muss. Ich lege eine Hand schützend über meine Augen...


Weil das Rollos an meinem Schlafzimmerfenster klemmt, scheint mir die Morgensonne direkt ins Gesicht.
Meine Augen beginnen zu tränen und ich schließe sie wieder. Es dauert einige Zeit, ehe ich mich zurechtfinde, immer noch bin ich in meinem Traum gefangen.

Langsam, mit halbgeschlossenen Augen, erhebe ich mich und gehe ins Bad.
Als ich mir gähnend durch die Haare fahre, fällt eine Feder auf den Boden.

Sie schillert bunt und sieht wunderschön aus.

__________________
Astrid

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