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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Funkstille
Eingestellt am 20. 04. 2002 18:57


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Hubel
Hobbydichter
Registriert: Apr 2002

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Funkstille

Ich lehne mich weit aus dem Fenster, vermeide es, nach unten zu sehen. Das Fenster befindet sich im dritten Stock, auf dem Flur, gerade gegen├╝ber unserem Zimmer. Dort habe ich es zuerst versucht. Noch voller Zuversicht. Mehrmals. Vergebens. Nicht mal der Hauch einer Verbindung. Die Flurfenster zeigen nach Norden, nach Europa. Dazwischen viel W├╝ste.
Unter mir g├Ąhnt die Tiefe, ├╝ber mir der blaue Himmel.
Die Batterie ist voll bis zum Rand. Der rechte Balken auf dem Display reckt sich zu voller H├Âhe, der linke dagegen zeigt nicht die Spur einer Erektion. Funkstille. Auch hier. Ich raffe die letzten Reste von Mut zusammen, sage mir ?Sei ein Mann!? und lehne mich noch ein St├╝ck weiter hinaus ins Nichts. Meine Frau hat ihre starken H├Ąnde um meine Kniekehlen geschlungen. ?Ich halte dich, Karl-Heinrich, du brauchst keine Angst zu haben.? Ich habe aber Angst.
Von ferne vernehme ich eine Stimme: ?Guck mal, da versucht auch einer zu telefonieren.?
?Lass los, Hertha!?, sage ich zu meiner Frau. ?Hat keinen Sinn hier, wir m├╝ssen h├Âher hin-auf.? Hertha ist Joggerin, Judotrainerin und Sportstudio-gest├Ąhlt. Sie lockert ihren Klam-mergriff um meine Kniekehlen und ich sp├╝re, wie wieder Blut durch meine Unterschenkel pulst. Vorsichtig ziehe ich mich aufs Fensterbrett zur├╝ck, knie auf dem schmalen Sims und suche mit den F├╝├čen nach Halt. Endlich wieder auf festem Boden. Schwei├č perlt mir im Nacken. Erst jetzt bemerke ich, dass eine Gruppe Neugieriger gespannt mein Kletterman├Âver verfolgt hatte.
Ein junger, athletischer Typ mit modischer Kurzhaarfrisur klopft mir bedauernd und aufmunternd auf den R├╝cken: ?War ┬┤ne stramme Leistung. Alle Achtung. In ihrem Alter! Ich h├Ątte Ihnen ┬┤ne Connection gew├╝nscht. So viel Aufwand und dann alles f├╝r die Katz! Unter uns?, fl├╝stert er, ?Sehn┬┤se, da dr├╝ben die Palme, von da oben habe ich meine Freundin erreicht. In Germany regnets ├╝brigens.? Er grinst. ?Sagen Sie das aber nicht weiter, ich meine, das mit der Verbindung, sonst krabbeln alle auf die Palme.? Ich mag dieses kumpelhafte Getue nicht, brumme trotzdem ?danke?. Mich interessiert verdammt wenig, wo all die anderen auch keinen Erfolg hatten. Jeder dritte f├╝hrt hier im Hotel sein Handy Gassi, sucht nach dem ├ľrtchen, wo m├Âglicherweise ein paar Funkwellen anlanden. Ich war schlie├člich auch schon ├╝berall: Dachgarten, Feuerleiter, Aussichtsturm, Schiedsrichterstuhl am Tenniscourt, Westfl├╝gel, Ostfl├╝gel, diverse Balkons. Lauter Pleiten. Auf das Minarett neben dem Hotel zu klettern, verbot man uns. Dort g├Ąbe es nur Verbindung zu Allah.
Die hohe Palme vor dem Hotel, ja tats├Ąchlich, die hatten wir noch nicht.
Unser Handy ist klein und fein, eins von der Supersorte. Neueste Generation, kernseifenst├╝ckgro├č, elegantes Styling, t├╝rkisfarben, fluoreszierendes Display, Minitastatur. Hertha bestand auf mehreren farbigen Schutzh├╝llen, abgestimmt zu Handtasche, Schuhfarbe, Kost├╝m. Nat├╝rlich ist es ein Markenfabrikat, letzter Schrei, mit Computerspiel und Notizbuch-funktion. Absolut tricky aber sind die Superfusion-Kicks. Hertha hatte Wert gelegt auf den vollelektronischen Vibrationsalarm. Wir reisen viel. Da ist es beruhigend zu wissen, dass in erdbebengef├Ąhrdeten Gebieten jede kleinste Erdschwingung sofort per Pieps gemeldet wird. Eine Drei auf der Richterskala bedeutet Dauerpieps und dann hei├čt?s Klamotten einpacken und nichts wie weg. T├╝rkei, Kalifornien oder so, nie mehr ohne Handy. So haben wir auf jeden Fall genug Zeit, uns aus den Geb├Ąuden ins Freie zu begeben, bevor dieselben zusam-menst├╝rzen. Sch├Ân zu wissen, dass wir nie zu den beklagenswerten Erdbebenopfern z├Ąhlen werden. Vorausgesetzt nat├╝rlich, das Mobile Phone ist betriebsbereit. Auch vor anrollenden Lawinen und Flutwellen warnt der Vibrationsalarm. Ich selbst finde den eingebauten Rasierer ├Ąu├čerst n├╝tzlich und angenehm. Erst der Hinweis, dass derselbe auch als Epilierger├Ąt verwendbar sei, konnte Hertha von diesem Extra ├╝berzeugen. Die Fiebermessfunktion er-scheint mir eher ├╝berfl├╝ssig. Au├čerdem haben haben wir das Ger├Ąt ja vor allem zum Telefonieren gekauft. International Roaming, Rufumleitung, Mailbox, ist selbstverst├Ąndlich al-les drin.
Und nun diese Pleite. Da f├Ąhrt man, nichts B├Âses ahnend und bestens ausger├╝stet, in den Urlaub und stellt dann auf einmal fest, dass die gesamte Kommunikation im Eimer ist.
Was ist das f├╝r ein Land, in dem wir hier gelandet sind! ├ägypten! Pyramiden haben sie, jahrtausendalte Gr├Ąber, die keiner braucht, ein Meer, Sand im ├ťberfluss, einen Nil und was wei├č ich sonst noch alles. Aber das, was der moderne Urlauber am n├Âtigsten braucht, einen vern├╝nftigen, funktionsf├Ąhigen Server, den haben sei nicht. Was f├Ąngst du an in einem Land, in dem du keine Verbindung mit nix und niemand kriegst. Ist das etwa ok, dass man auf D├Ącher kriechen und an Dachrinnen entlang hangeln muss, um den primitivsten Kommunikationspflichten nachzukommen. Ich finde das nicht in Ordnung. Und Hertha, meine Frau, nimmt gar kein Blatt vor den Mund. Hertha sagt, das sei eine Schweinerei und eine Zumutung und sie werde sich beim Reiseb├╝ro beschweren. Recht hat sie. Dabei geht es mir gar nicht ums Telefonieren an sich, sondern ums Prinzip geht?s mir. Wenn ich schon so ein Handy habe, dann will ich auch k├Ânnen, jederzeit und ├╝berall. Selbst wenn ich nicht muss. Wenn ich will, muss ich k├Ânnen. Meint Hertha auch.
Jetzt gerade, sage ich mir. Mein Recht auf Kommunikation lasse ich mir nicht beschneiden. ?Komm?, sage ich zu Hertha, ?Lass es uns auf der Palme versuchen..? Hertha nickt.
Wir eilen die Treppen hinab. Der Aufzug funktioniert nicht. Out of order. Mistland. Was geht hier eigentlich richtig? Wieso hei├čt das rote Meer rot, wenn es blau ist? Touristenverarsche!
?Hertha?, sage ich, ?diesmal musst du aber!? Hertha nickt. Sie wei├č, ich bin nicht schwin-delfrei. Wenn es ums Nach?Oben-Kommen geht, um H├Âhe und so, ist Hertha mir ├╝berle-gen. Im Flugzeug h├Ąlt sie mir die Hand. Und das Balancieren auf dem Fensterbrett vorhin, das habe ich gerade noch so geschafft. Aber die Palme! Nein! Das Ding ist f├╝nfzehn Meter hoch. Mindestens. Kerzengrade himmelw├Ąrts. Nur ganz oben so ein paar komische Staubwedel. Nicht mal eine Kokosnuss h├Ąngt dran. Die nennen das hier wohl Dattelpalme. ├ťber-fl├╝ssiges Gew├Ąchs. Aber vielleicht hat ja der Schlacks von vorhin recht mit der Verbindung. Eine ganz neue Variante von weltweiter Kommunikation: jemanden auf die Palme bringen!
Ich gebe Hertha einen Klaps auf die Wange. Sch├Ân sieht sie aus in ihrer Sportswear. Kein Gramm zuviel, Kurzhaarfrisur, dezentes Make-up. Ich bin stolz auf meine Frau.
?Karl-Heinrich, gib mir deinen G├╝rtel und w├╝nsch mir Gl├╝ck!? Sie windet sich den Leder-gurt um die Taille, legt ihn um die Palme, schlie├čt ihn. Dann steckt sie sich das Handy ins Brustfutteral und beginnt den Aufstieg. Zug um Zug gleitet Hertha den Baum hinauf, den Stamm fest zwischen die Schenkel gepresst. Am Fu├če der Palme sammeln sich die ersten Neugierigen.
Hertha n├Ąhert sich allm├Ąhlich der Wolkengrenze. Die Luft dort oben ist d├╝nn und ich sehe ihre Gestalt nur noch verschwommen. Also z├╝cke ich den Feldstecher und verfolge die kr├Ąftigen Klimmbewegungen meiner Frau. Fast hat sie die Krone erreicht. Da, nun h├Ąlt sie inne, l├Âst die rechte Hand vom Stamm, greift zum Handy. Wird es dieses Mal klappen?
Ein einziger Aufschrei entf├Ąhrt den M├╝ndern der neugierigen Gaffer. Herthas Fu├č ist von der glatten Rinde abgerutscht. F├╝r einen Sekundenbruchteil h├Ąngt sie in der Luft, rudert verzweifelt mit den Beinen und wedelt mit dem linken Arm, als wolle sie mir zuwinken. In der Rechten h├Ąlt sie, den Arm weit vom K├Ârper gereckt, das Handy. Dann pl├Âtzlich: ein Knall. Der G├╝rtel h├Ąlt der Belastung nicht stand, rei├čt. Und Hertha? Sie verliert jeglichen Halt. Ich sehe sie fallen. Meine sportliche, athletische, durchtrainierte Hertha. Wie eine reife Pflaume plumpst sie zu Boden, knallt auf den knochentrockenen W├╝stenboden auf und da, wo sie landet, geradewegs zu meinen F├╝├čen, weht eine Fahne Staub empor. Da liegt sie nun, platt und stumm. Ich beuge mich ├╝ber sie, halte mein Ohr an ihren Mund. Kein Zweifel, Hertha, meine liebe Frau, ist tot.
Das Handy aber, fest von ihrer Hand umschlossen, hat den Sturz heil ├╝berlebt, und welch ein Wunder, der linke Balken auf den Display zeigt einen Server an. Unser Handy funktioniert. Hertha, wenn du das noch erleben k├Ânntest!
Vorsichtig l├Âse ich das Ger├Ąt aus Herthas starren H├Ąnden. Das ist nicht leicht, weil auch im Tode noch meine Frau ├╝ber enorme Kr├Ąfte verf├╝gt. Endlich habe ich es geschafft, w├Ąhle die Nummer und ........ nichts. Die Verbindung ist zusammengebrochen. Ich f├╝hle mich am Ende meiner Kr├Ąfte. Alles, alles umsonst gewesen. Mir ist zum Heulen zumute.
Was ist das nur f├╝r ein Land!

__________________
R.N.

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flammarion
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au weia!

aber schmunzeln mu├č ich doch. vielleicht h├Ątte die geschichte bei satire besser gepa├čt. wenn du sie noch anderweitig ver├Âffentlichen m├Âchtest, dann mach noch ne fehlersuche, es gibt fette beute. ganz lieb gr├╝├čt
__________________
Old Icke

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